Seit 20 Jahren arbeite ich in einer interdisziplinären Notaufnahme.

Was jedoch zuvor geschah:
An einem Samstag – kurz vor Weihnachten- wurde ich bei Minus 31° geboren. Ich war von Anfang an also gezwungen, es mir von innen schön warm zu machen – das kann sehr hilfreich im Leben sein.
Aufgewachsen bin ich als Pfarrerskind in großen Pfarrhäusern mit noch größeren Gärten -mit jeder Menge Streuobst, die im Herbst direkt in Flaschen abgefüllt wurden. Apfelsaft in Hülle und Fülle. Voll Bio, als noch keiner davon sprach. Fernsehen gab es ausschließlich donnerstags beim Nachbarn: Wicki und die starken Männer.
Heute könnte diese „entbehrungsreiche“ Kindheit auf dem Land meine Affinität zu allem technischem Schnickschnack und einem schwarzen, koffeeinhaltigen Brausegetränken erklären.

Krankenschwester wurde ich in einem kleinen Krankenhaus mit angeschlossenem Schwesternwohnheim, striktem Männerverbot sowie Sockenordnung. Hier herrschte Zucht und Ordnung und eine überdurchschnittliche Schwangerschaftsrate unter Schwesternschülerinnen.

Nach Neurochirurgie und Dialyse kam ich vor vielen Jahren in die Notaufnahme. Dort bin ich hängengeblieben. Nirgendwo sonst verdichtet sich „Mensch-sein“ so gut. Und nirgendwo lernt man so viel über das Leben und sich selbst. Und nirgends finde ich so viele Fettnäpfchen, in die ich man treten kann.

Hin und wieder möchte ich sofort kündigen, aber meistens bin ich genau richtig dort, wo ich bin.

Hier habe ich praktischerweise auch meinen Mann kennengelernt und entspreche somit wunderbar dem Klischee, dass sich die meisten Menschen auf der Arbeit kennenlernen.

Mein heimischer Haushalt besteht mittlerweile nicht nur aus dem Mann, sondern auch drei Söhnen zwischen 11 und 15 Jahren, eine betagten Katzen und einem Klavier im Flur. Manchmal weiß ich nicht, was entspannender ist: Söhne, Haushalt und Hausaufgaben oder doch die interdisziplinäre Notaufnahme? Tatsache aber ist: Durch beides (Kinder und Notaufnahme) habe ich viel Gelassenheit gelernt. Nichts kann so schlimm sein, dass man es nicht zumindest versucht, zu verbessern.

Und dann kam da diese eine Freundin, die mir so oft in den Ohren lag:
„Das muss man doch mal aufschreiben!“
Und so fing ich an.

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