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notaufnahmeschwester

Entlüften

Manchmal packt einen ja der Rappel und dann muss man los. Immer gerade aus in bequemen Schuhen. Über Stock und Stein. Im Nieselregen, Nebel und wenn man Glück hat im Sonnenschein oder Mondlicht.

Das habe ich am Wochenende gemacht. Herzensfreundin ins Auto und los. Und weil Budapest oder das Meer, Amsterdam oder New York so weit ist, wurde es die Rhön. DIE RHÖN! Soweit ist es schon gekommen.

Und was soll ich sagen: Die Rhön ist super. Und sehr schweigsam. Scheinbar sind alle Vögel in der Röhn schon im Winterschlaf. Oder ins Sommercamp geflogen. Oder hatten einfach keine Lust. Denn was will man auch zwitschern, wenn es um einen herum wahnsinnig still ist. Man hört den Wind durch die Bäume pfeifen  ( Das ist fast so wie bei Indianer Jones und der letzte Kreuzzug)  quasi der „Hauch Gottes“ und die Bäume ächzen. Vielleicht sind sie aber auch verwunsche Prinzen die stöhnen, weil sie gerne erlöst werden möchten. Wer weiß das schon. Spooky. Knarzknarzkanrz. „Fällt er jetzt um?“

Die Hütten sind das, was man wahnsinnig „ursprünglich“ nennen kann. Stehrumchens und Hänghinchens in glänzendem Braunton, Gnome und herbstliche Dekoration – gerne auch mit den Eulen, die jetzt jeder so mag.  Rustikale Bestuhlung, das Besteck in Trögen auf dem Tisch, der Kaffee kommt gleich in Pötten. Die Wirtsleute sind unglaublich herzlich. Das Essen ist lecker, das Frühstück machte uns glücklich.  Zwischen den Mahlzeiten und der Wanderschaft liegt man in knarrenden Betten mit Ommadeckchen drauf. (In der Rhön ist es frisch.) Die Heizung ist in den Zimmern auf angenehme 18° gestellt. Das reicht dem Mensch in der Röhn. Wir mussten nachjustieren.Wir städtischen Weicheier.

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Man sitzt an Tischen mit Aussicht und kleinen Gnomen.

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Die kleinen Gnome sind sehr lustig. Die Hüttenbewohner auch. Sie trinken gerne und machen Witzchen, da würde sich Donald Trump vor Freude auf die Schenkel klopfen. Endlich auch jemand, der den anzüglichen „Klogesprächsdamenwitz“ liebt.

Diese Männer tragen gerne Fußbekleidung, da braucht man dann auch nicht mehr weiterschreiben. Traumschön. Quasi Verhütung am Fuß.

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Ein Traum. Oder?  Ich hätte den ganze Abend Fußbekleidung knipsen mögen. Sehr interessant, sage ich euch. Sehr interessant. Und unschön. Aber interessant.

Dafür ist es vor der Tür wirklich traumschön. Der Blick schweift weit. Berge und Täler, Wolken und Nebelfelder. ( Bei Nebel sagt die Mama einer Kollegin: „Da kochen die Hasen Kaffee!“ Also Kaffee schien an diesem Wochenende reichlich zu fließen im Hasenland. Familienfeier bei Familie Hase? Traumhochzeit der Karnickel?)

Der Blick schweift und fast hört man Bob Ross sagen: „And a little bit of happy yellow….“ und mit seinem Spachtel über die Landschaft kratzen und schwupp – haste einen schönen Baum am Bildrand. Oder einen drei Meter Pilz!

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Pilz an Landschaft.

Und dann muss ich meiner Herzensfreundin immer meinen Pilzwitz erzählen, worüber sie schon seit Jahren nicht lachen kann. Aber vielleicht ihr – ihr treuen Leser:

Steht ein Pils im Wald. Kommt ein Jäger und trinkt es aus!

Man geht durch Baumtore. Ach was: durch Baumportale. Zack – andere Welt. Man erwartet Frau Galadirel aus dem „Herrn der Ringe“. Zumindest aber einen Ent – einen Baumhirten –  der einen weiter trägt. Erstaunlicherweise kommt keiner.

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Aber dann ist man auch schon aus dem Wald herausgetreten. Irgendwo bimmelt eine Glocke den Abend ein. Ein Zeichen für die Kühe, loszumarschieren. Immer schön hintereinander. Und ich bin entzückt, denn ich mag Kühe. Und endlich gibt es Geräusche!

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Es ist wunderschön. Und man fragt sich in solchen Augenblicken immer: Warum geht man nicht öfters einfach los? Alltag Ade und ab ins hübsche Wochenende. Warum entlüftet man sich nicht öfters einmal? Herz und Hirn mal freipusten lassen. Den Füßen etwas anderes gönnen, als Klinikflure. Den Blick nicht ins Elend schweifen lassen, sondern in Landschaften, die die Seele streicheln. Die Phantasie spazieren führen.

Gekrönt wurde der Abend nach einem Anstieg über 30.0000 Höhenmeter (gefühlt)  mit einem Mond – den man nie so schön knipsen kann, wie er tatsächlich ist. (also ich nicht.)14697118_1188173017936959_270049650_oUnd ganz leise haben wir gesummt:

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Es fehlte nur noch die Mundharmonika, die einer hätte dazu spielen mögen.

Aber da kam der heitere Männerpulk mit dem fragwürdigen Schuhwerk auf ein Bier und Zigarette aus der Hütte  und machte dumme Späßchen. Aber: Schlagfertigkeit haben wir voll drauf. Und nein: Wenn uns kalt ist, lassen wir nicht die Zimmertüre auf – auf das wir Herrenbesuch bekämen.

Ach – es traf sie hart! Wir hingegen lachten wie Waldorf und Statler.

Wenn ihr auch dahin wollte, wo sich Fuchs und Hase, Wind und Kühe, knarrende Bäume und Frau Galadiel „Gute Nachts“ sagen: Bitte schön. Hier hin!

Die 10 Pflegepersonalgebote

Ich war schwer kreativ. Und weil es alle Welt offensichtlich so macht, kann ich jetzt auch ein © Zeichen. Ich lerne viel hier beim bloggen und auf meine alten Tage  😉

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Mutterns Hände

 

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Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Das sind die Hände meine Mutter. Ein Traum für jede Krankenschwester- alleine schon wegen der schöne Venen.

Feingliedrig  sind sie – das scheint vom vielen Orgelspielen zu kommen. (Ich habe die Hände leider nicht geerbt. Super. Nicht. ) Damit hat sie angefangen, als sie ein bisschen jünger war, als ich es jetzt bin. Der Organist fehlte. Was blieb ihr übrig?  Sie spielt immer noch Sonntags Orgel. Immer mit Lampenfieber.  Aber sie spielt. Sagenhaft. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Mutter.

Stullen hat se uns auch jeschnitten. Biostullen vom glücklichen Korn. Während alle anderen Zeugs aßen, dass im Supermarkt zu kaufen war, entdeckte Muttern einen der ersten Demeterhöfe im Nachbarort, das Reformhaus und Barbara Rütting.

Erzählt mir heute einer von der Unglaublichkeit der Frischkornbreis, kann ich nur müde lächeln. Kenn ich. Kenn ich alles. Auch die wunderbare Wirkung des Obstessig in und für alle Lebenslagen. Mückenstich? Müde Beine? Krampfadern am Ende? Mach Obstessig drauf. Hilft immer. Auch von innen verspricht es Schönheit und immerwährendes Wohlbefinden.

Bei uns wurden die Stulle mit gesunder Margarine aus dem Reformhaus bestrichen, dazu ein bisschen Vitam R ( ein Hefeaufstrich. Damals dachte man noch, Hefe sei mords gesund. Quasi Maggi aufs Brot) ) –  und glücklich war das Kind.

Zu trinken gab es Apfelsaft aus den gesammelten Äpfeln der riesen Gärten. Sonntags auch mal ne Sinalco, die wir aus der Gastwirtschaft nebenan holen durften. Nie hat Limo besser geschmeckt als damals.

Wenn ich sie heute leicht verspotte (in Wahrheit bin ich auch darüber wahnsinnig stolz und beglückt), fragt sie mich mit einem Hauch von Zickigkeit und Besorgnis: „Ja – aber hat euch was gefehlt?“

Nein Muttern – uns hat es an nichts gefehlt!

Kürzlich  ist sie ist 79 Jahre alt geworden. Oder wie sie immer grinsend sagt: „So alt wird kein Schwein!“ (Stimmt – noch nicht mal auf dem Biobauernhof).

Ob sie immer glücklich oder zufrieden war? Wahrscheinlich nicht. Aber vieles ist gelungen. Es ist meiner Mutter geglück, mit Wohlwollen zurück und auch vorzublicken. Trotz allem was da gab und gibt an Bekümmernissen.

Die Zeit fliegt dahin. Vor meiner Mutter scheint sie Halt zu machen. Gott-sei-Dank! Die wenigsten fühlen sich doch so alt, wie sie laut Kalender sind. (Obwohl – nach manchen Schichten fühle ich mich wie ein sehr altes Wiesel. Plattgefahren am Wegesrand. Vor drei Tagen.)

Ähnlich überrascht ist meine Mutter über ihr Alter. Die Zahl passt nicht zu ihr.Sie hat ja noch soviel zu tun. Meine Kinder hüten und bekochen und lieben und mit feinsten Betten zudecken (-meinen Vater natürlich auch). Den Garten bestellen, die Musik beleben mit ihren Händen und ihrer Stimme. Hörspiele hören und Musik überhaupt hören und lesen und wissen und neugierig sein auf das Leben. Und ans Meer fahren und dort stundenlang laufen bis die Füße schmerzen. ( Obstessig! Ach ne – der neuste Renner ist derzeit „Pferdesalbe!“)

Meine Mutter hat keine Zeit, alt zu werden.Wann auch? Und die Vorstellung, dass ihre Hände eines Tages „kalt“ sein sollten macht mir gehörige Klumpen im Magen.

Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Bis dahin streichele ich ihre Hände bei seltenen gewordenen gemeinsamen Mittagsschläfchen. Da liegen wir dann unter feinsten Laken (meine Mutter steht auf vernünftige Qualität!) und kichern und plaudern – bis eine von uns sagt: „Aber jetzt wird geschlafen! Ab jetzt!“

Denn das sagen wir schon seit immer. So muss es sein. Am liebsten bis in alle Ewigkeit.

Gaga

In manchen Nächten glaubst du, gaga zu werden.

Wer denkt, dass eine Notaufnahme ausschließlich Notfällen vorbehalten ist, irrt. Denn dann wären wir ja wieder bei der berühmten Frage: Wer ist ein Notfall?

Alle die kommen, sind ja schließlich mühselig und beladen und krank – also gefühlt. Seit Wochen. Und man weiß ja nie, ob nicht doch was ernsthaftes dahintersteckt. Mimimimi.

Das gilt es dringend abzuklären.

Gerne nach Mitternacht.

Eine kleine Auswahl:

 

„Ich hab seit einer halben Stunde einen steifen Hals. Tabletten? Ach nein. Ich nehme nicht so gerne Schmerzmittel. Haben sie nicht eine Spritze, die hilft?“

„Ich habe seit vier Tagen keinen Stuhlgang. Wenn ich in die Apotheke gehe und mir ein Klistier kaufe – kann ich dann wieder kommen und sie geben es mir?“

„Ich fühle mich seit drei Wochen nicht so gut. Jetzt hat mein Verlobter beschlossen – so geht es nicht weiter! Das Antibiotikum, dass ich eine Woche genommen habe, hat auch nichts geholfen.“

„Ich hab seit drei Monaten ein unangenehmes Ziehen im Leib. Das möchte ich jetzt abklären lassen.“

„Meinem Sohn geht es seit 2 Stunden so schlecht. Er hat eine fürchterliche Erkältung ( Der Sohn, 23 Jahre, steht daneben und schnieft in sein Taschentuch.) Was sollen wir nur tun?“

 

Nun – es ist bei vielen Menschen so, wie mal ein Mechaniker sagte, der sich den Finger prellte: „Ich kenne mich halt nur mit Autos aus. Und nicht mit meinem Körper. Ich weiß nicht, was ich da machen soll!“

Das hörst du dir alles an und denkst nur noch: ALTA!

Weil wir aber Profis sind, verfallen wir nicht in Schreikrämpfe und Rangeleien, sondern machen. Und tun. Und helfen. Und messen Fieber. Und nehmen Blut ab. Und machen ein Röntgenbild. Und kleben Pflaster. Und geben meinetwegen auch Klistiere.

Aber innerlich brodelt es. Wie in der neuen Kenzo Werbung. Und dann läufst du los, wie die Frau in Grün: Schwestern am Rande des Wahnsinns.

 

Das sind die Menschen, die Notaufnahmen verstopfen. Sie verursachen Kosten in Millionenhöhe (im Krankenhaus gibt s die Maximalversorgung. Oh ja. Wir sichern uns ab. Aus Gründen. Da kommt es dann auch schon mal zu solchen Äußerungen: „Aha. Der Patient hat keine  Entzündungszeichen – sicherheitshalber geben wir ihm ein Antibiotikum mit!“)

Das sind die Menschen, die scheinbar das Denken ausgeschaltet haben. Man kann ja nicht krank sein und gleichzeitig denken.

Es sind vor allem Menschen, die scheinbar keine Mutti hatten, die noch weiß: Grippe dauert. Schnupfen geht vorbei. Bei Muskelkrämpfen hilft Magnesium. Kommt ja schließlich oft genug in der Werbung. Selbst auf RTL. Verstopfung ist übel. In der Apotheken Umschau gab s neulich Tipps und Tricks. Gut – die Rentnerbravo lesen nicht alle.

Die einen gogglen zu wenig bis gar nicht. Die anderen zu viel: „…nicht, dass ich einen Darmverschluss habe. Oder Krebs.“

Was treibt Menschen gerne nachts aus ihren Betten, weil sie sich seit Wochen unwohl fühlen? Bequemlichkeit? Faulheit? Dummheit? Ahnungslosigkeit? Keinen Bock auf lange Wartezeiten jenseits der zwei Stunden? (Und ja. Ich weiß: einen Termin beim Facharzt zu bekommen ist mehr als schwierig. Bei akuten Beschwerden ist es da auch kein Problem, in eine Notaufnahme zu kommen.)

„Ach – der Hausarzt war nicht so dolle.“

„Ich habe keinen Hausarzt.“ „Aber sie fühlen sich seit Wochen nicht gut. Wäre das nicht einmal ein guter Grund gewesen, sich einen zu suchen?“ „Ich komm lieber hierher!“

„Der Hausarzt hat Urlaub und die Vertretung kenn ich nicht!“

Jetzt. Nach Mitternacht. Zur Abklärung in 3 -2-1! Go!“

Notaufnahme. Menschen in Not. Notfälle. Akut. Hm. Ich fühle mich nicht. Ich glaub, ich bin ein ganz schlimmer Notfall.

Nein. Seid ihr nicht. Euch geht es nicht gut – aber ihr seid keine Notfälle.

Als medizinische Notfälle gelten im Rettungswesen insbesondere solche Fälle, bei denen es zu einer bedrohlichen Störung der Vitalparameter Bewusstsein, Atmung und Kreislauf oder der Funktionskreisläufe Wasser-Elektrolyt-Haushalt, Säure-Basen-Haushalt, Temperaturhaushalt und Stoffwechsel kommt. Ohne sofortige Hilfeleistung sind erhebliche gesundheitliche Schäden oder der Tod des Patienten zu befürchten. Im Mittelpunkt der Ersten Hilfe steht die Sicherstellung der Vitalfunktionen (Bewusstsein, Atmung und Kreislauf). Quelle: Wikipedia

Wenn man mit diesen Menschen redet, sind sie ratlos. Vollkommen überfordert mit  Schnupfen, Verstopfung, Rückenweh, Zerrungen, Pillepalle. Hilf- und ahnungslos.“Ich hab Angst, dass ich eine Blutvergiftung bekomme.“ „Aber der Hausarzt hat ihnen doch ein Antibiotikum verschrieben, dass sie seit drei Tagen nehmen.“ „Ach  – das hilft wohl dagegen?“)

Woher kommt das?

Ich hab keine Ahnung.

Wir sind die am besten informierteste Generation, die es gibt. Die grundlegenden Dinge stehen aber offensichtlich nicht im Internet- wie z.B auf den Köper hören. ( „Ich hab seit zwei Wochen Fieber, wollte aber unbedingt noch den Halbmarathon mitlaufen. Aber das Fieber ist immer noch da!“ –  3.20 Uhr)

Freunde – wir helfen gerne. Aber manchmal möchtest du in die Seife beißen – angesichts all dieser Menschen. Da glaubst du wirklich, du wirst gaga.

Damit vertreibe ich meine Zeit in Nachtschichten. Ich spiele die Mutti, die die Menschen offensichtlich nicht hatten. Neben all denen, die wirllich Hilfe benötigen und „richtig“ krank sind.

 

 

 

 

Die Woche der Wiederbelebung

Monja hat hier einen ganz wunderbaren Blogbeitrag geschrieben.

Eminem singt zwar “life is no nintendo game” aber ich möchte da ein Wörtchen mitsprechen. Zwar ist Dein Leben nicht resetbar aber es gibt zwei Enden: Du spielst einfach das letzte Level Du kriegst völlig unerwartet Besuch vom Endgegner – mit Aussicht auf Extralevel. Reanimationen sind Sex! Eine Rea ist die pure Gegenwehr des prallen Lebens […]

über Der Endgegner!! — monjaschuenemann

Nostalgie im Schuhregal

„Mimimimi“, maulte die Kollegin in der Umkleide. „Hier könnten mal wieder die Schuhe aufgeräumt werden. Kein Mensch kann so viel Schuhe auf einmal tragen, wie sie hier alle rumstehen!“

Sie hat da einen unnachahmlichen Tonfall, an dem ich schon lange übe: Leicht maulig, mit einem Hauch von Schärfe in der Stimme sowie leichte Resignation und einer Spur ,ich mach dir ein schlechtes Gewissen`! Dieser Tonfall verfehlt selten seine Wirkung. Es ist großartig. Wie gesagt: ich über noch – bin aber noch meilenweit entfernt davon. Ich könnte mir vorstellen, damit viel Freude im eigenen Leben zu haben.

Wir standen in der Umkleide und sahen nach unten. Zwei Bretter übereinander in ordentlicher Wischhöhe. (Hygiene!) Die Bretter voll.

 

„Kein Mensch!“, wiederholte sie streng. „Kein Mensch braucht so viele Schuhe, wenn man bedenkt, das in dieser Umkleide sich nur eine Handvoll Menschen umzieht!“

Ich räusperte mich. Denn tatsächlich ist es so, dass die meisten Schuhe mir gehören. Ich schaute unschuldig und unbeteiligt. Ich würde mich doch nicht outen! Nicht vor den gestrengen Augen meiner Kollegin. Und ich hoffe sehr, dass es keiner von meiner Leserschaft tut. Nicht auszudenken!

Denn: Kann eine Frau/ Krankenschwester jemals genug Schuhe haben? Aber nein! Man muss doch für alle Eventualitäten im Leben gerüstet sein. Sagen wir mal vorsichtig: das bin ich. Definitiv!

Ich habe ein Ersatzpaar, falls meine derzeitigen Lieblingsschuhe die Grätsche machen sollten. Je nach Laune gibt es sie gleich noch in verschiedenen anderen Farben: Frühlingslila für den sanften Start in den Tag.  Original aus Polen. Gut – es gibt kein einziges Luftloch in diesen Schuhen, so dass man leicht schmort und schwitzt. An unruhigen Tagen könnte ich zu den würstchenbraunen Schuhen zurückgreifen. Praktisch, wenn man schon vorher wüsste, was an diesem Tag passiert. „Malheure“ der unteren Körperhälfte würden unbemerkt am Schuh quasi vorbeigehen. Hellblau mit weißem Rand für die maritime Stimmung – sollte sie mich just überkommen. Und dann sind da noch meine absoluten Nostalgieschlappen: Ein Paar Nike, die ich mir in New York gekauft habe. Im letzten Jahrtausend. Als ich da mal für kurze Zeit wohnte. *seufzt* (Stimmt leise: Schön war die Zeit an….).

Und dann sind da noch die Schuhe, die ich an meiner Hochzeit trug. Als meine wunderschönen Brautschuhfüße nur noch schmerzten, schlüpfte ich in sie hinein. Welche Wohltat! Wer immer nur in flachen Puschen mit Fußbett herumläuft, braucht sich bei Großereignissen nicht zu wundern, wenn der Fuß „aua“ schreit.Gut, dass ich in weiser Voraussicht meine bequemen Treter an diesem denkwürdigen Tag dabei hatte.

An allen Schuhen hängt eine Erinnerung. Eine schöne Erinnerung. Jedes Paar wurde mit Liebe ausgesucht. Sie werden allerdings nicht alle gleich oft getragen – ich geb es zu.

Weiß der Geier, wie die Kollegin darauf kam, dass die meisten Schuhe mir gehörten. Hatte ich etwa nicht unschuldig genug geschaut? Oder liegt es daran, dass wir uns seit fast 20 Jahren die Umkleide teilen?

Was hatte mich verraten?

„Du kannst die doch mit nach Hause nehmen und da deine Nostalgie im Schuhregal ausleben!“, schlug sie vor.

Das fehlte noch! Meine Arbeitsschuhe in fremder Umgebung! Da fühlen sie sich nicht wohl – das weiß ich doch. Einen alten Baum verpflanzt man doch auch nicht. Den lässt man stehen und baut eine Bank rum. So schaut es aus – meine Freunde.

Meine geliebten Arbeitsschuhe zwischen den Schuhen des Gatten und den unzähligen der Kinder. Keineswegs.

Schließlich sind schon soviel der früheren Schätze weg. Clogs, Birkenstöcker, Schuhe mit Plateausohle, Turnschuhe mit Mesh, Turnschuhe ohne Mesh, gute und teure Schuhe aus Leder. Alle haben sie mich durch mein Berufsleben getragen. Mal mehr mal weniger gut. (Manche konntest du wirklich gleich in die Tonne hauen. Aber dann waren sie teuer oder gerade in Mode. Irgendwas ist ja immer.)

Ich schmiß ein Paar abgenudelte Schuhe weg. Als Alibi. Die Sohle war fast durch. Da kann man ja mal… Das muss genügen.

Der Rest bleibt stehen!

Dankeschön-Kärtchen 

Meine Kollegin bastelt Dankeschön-Kärtchen für unsere Schüler.

Jeder oder jede bekommt eine selbstgebastelte Karte mit einem persönlichen Dank.

Ist das nicht reizend und wunderbar? 

Ich kann mich nicht dran erinnern,  so etwas jemals als Schülerin bekommen zu haben. 

Sie wiederum hat nette, kleine und sehr persönliche Geschenkchen  in ihrer Ausbildung bekommen.  

Das prägt. Und das gibt einem einem guten Input für solche Ideen. 

Großartig. Oder? 

Gezicke und Gezeter

Ein falscher Schritt, ein komisches Wort und RUMS! Gezicke. Gezeter. Handgemenge.

Manchmal fehlt nur noch, dass alle ihre Schippen raussuchen, sich im Sandkasten treffen und sich eins über die Rübe  hauen. Obwohl – vielleicht wäre das eine wunderbare Möglichkeit….. ?

 

Du würdest gerne dem Patienten den Arztbrief aushändigen. Nur leider ist der Arzt verschwunden. Der Griff zum Telefonhörer soll ihn ausfindig machen. Ringring. Keiner hebt ab. Na gut. Vielleicht ist er auf dem Klo. Zwei Minuten später probierst du es erneut. Ringring. Immer noch keiner. Nanu?

Repeat. Ringring. Und endlich wird abgehoben.

„MEINST DU NICHT, DASS WIR GERAFFT HABEN, DASS DU WAS VON UNS WILLST? HERRGOTTNOCHMAL, WIR HABEN DAS SCHON GECHECKT.WIR HABEN ZU TUN!“

Ach so! Hoppla.

 

„Was machst du denn da für einen Scheiß?“, fragt die Kollegin ganz ungeniert und sehr laut mitten im Patientenzimmer, weil sie es komisch findet, dass du den Gips von rechts nach links, anstatt von links nach rechts anwickelst.

 

„Ich schreib das IMMMER drauf! Mach halt deine Augen auf das nächste Mal und störe mich nicht mit deinen bescheuerten Fragen!“

 

„WER HAT DEN PATIENTEN AUF STATION GESCHICKT, OBWOHL ICH IHN NOCH NICHT FREI GEGEBEN HABEN? DAS IST SCHEIßE. SO LÄUFT DAS NICHT!“

„Der Oberarzt? Und ich habe ihn nicht geschickt – du musst mich nicht so anschreien, ich stehe direkt neben dir!“

„SCHREISCHREISCHREI!“

Der Heuler von Molly Weasly ist ein kleines Spätzchen dagegen.

 

„DAS IST HIER EIN VÖLLIG UNPROFFESIONELLER LADEN! ES KANN DOCH NICHT SEIN, DASS ICH MIT MEINEN SCHMERZEN NE HALBE STUNDE WARTEN MUSS!“

 

„Jo!“, sagt der tiefenentspannte Kollege. „Der Ton ist rau, aber herzlich. Und vieles verpufft wieder schnell!“

Möglich, dass er Recht hat. Aber wieviel schöner wäre es, wenn man nett miteinander umginge? Zumal die meisten von uns jahrelang noch miteinander arbeiten werden – quasi bis die Rente uns scheidet.

Überall da, wo viele Menschen zusammenkommen, kann das sehr nett sein und sehr bescheuert. Jeder hat seine persönlichen Animositäten. Einen Gleichklang der Gefühle und Stimmungen und Höflichkeiten wird es möglicherweise nie geben. Umso mehr könnte man selbst daran arbeiten.

Ich hab kürzlich einen Sani vergrätzt. Wenn mich eines echt auf die Palme bringt, dann das: Der Patient wird angeliefert: Egal ob Herzinfarkt oder abgebrochener Fingernagel: Alle haben ein EKG Monitoring dran. Gut – die alten Hasen machen es nicht mehr bei jedem Patienten dran. …

Nun ist es laut in so einem Krankenwagen. Da musste schon mal die Lautstärke auf volle Otze drehen, damit du weißt, dass dein Patient noch lebt. Versteh ich. Und so laut kommen sie dann an. Es macht mich wahnsinnig.

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In der Notaufnahme ist es ebenfalls meistens sehr laut. Drei Schwestern und Pfleger, Schüler,  Praktikanten, fünf Ärzte und 8 Monitore, Telefone, die schellen und Glocken die bimmeln. Manchmal kann man sich vor lauter Geräuschkulisse nicht mehr selber denken hören. Und der Rettungsdienst, der sich die Klinke in die Hand gibt.

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„MACH AUS!“

„Okay“

Seitdem ist er – glaube ich – ein bisschen verschüchtert und spricht eher weniger mit mir, wenn er mich sieht. Ups. Sorry. So war es gar nicht gemeint.

Rau, aber herzlich und vieles verpufft schnell. 

 

Und dann kommt dieses noch hinzu:

Zwischen dem, was ich denke,

dem, was ich sagen will,

dem, was ich zu sagen glaube,

dem, was ich sage,

dem, was du hören willst,

dem, was du hörst,

dem, was du zu verstehen glaubst,

dem, was du verstehen willst und dem, was du verstehst,

gibt es mindestens neun Möglichkeiten,

sich nicht zu verstehen

 

Es ist kompliziert. Das menschliche Miteinander.

Wenn es allerdings funktioniert, ist es wunderbar! Und weil wir das alles wissen, sollten wir uns zwischendurch mal am Riemen reißen. Alle.

Es wird großartig!

Humor übrigens hilft. Immer.

 

Herr – es ist Zeit!

Heute habe ich habe sie springen und liegen sehen.

Ist der Sommer etwa schon rum? Ja – ist es schon wieder so weit? Aus die Maus mit dem Schwimmbad? Dem langen Sitzen auf dem Balkon? Dem Zuhören, wie mir der Schweiß von der Stirn tropft? Sollte ich endlich meine kurze, geliebte Hose wieder in den Schrank legen und zu einem längeren Beinkleid zurückgreifen?

Herrje. Ich hatte mich gerade so schön daran gewöhnt.

Vor allem an das Frühschwimmen. Bevor die Welt erwacht, kann man im heimischen Freibad seine Runden drehen. Aber mitten in der Woche war der Monatswechsel. Und da stellt das Schwimmbad normalerweise dieses Angebot von 7 Uhr bis halb 9 Uhr ein. Haben sie aber netterweise nicht. Und das war ein großes Glück, denn nun habe ich – wie Frederick die Maus –  eine neue, wunderbare Erinnerung mit meiner Kollegin. Für kalte Herbst- und Wintertage. Und überhaupt. Es braucht gemeinsame Erlebnisse. Sie schmieden zusammen.

 

Die Kollegin und ich beschlossen, nach der Nachtschicht schwimmen zu gehen. Voll sportlich und so. Und sehr, sehr tapfer. Denn die Nächte sind mittlerweile tatsächlich  eher so…. kühl.

12 ° zeigte das Thermometer, als wir nach der Übergabe noch ein Käffchen tranken und uns auf den Weg machten.

Vor dem Schwimmbad standen schon all die anderen Angeber und Hartgesottenen  – wie wir – und warteten auf Einlass. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen. Die Luft roch leicht nach Herbst.

Der Bademeister schloß auf, die Sportler liefen los, die Kollegin und ich gemächlich hinterher. Freunde – wir durften das. Wir hatten Nachtschicht. Da darf man fast alles. Schleichen. Trödeln. Langsam schauen.

Ich bin – durch jahrelange Übung – umziehtechnisch die schnellste Maus von Mexiko. (oder wie manche Kollegen sagen: Ab durch  die Umkleide/Zaubertür wie seinerzeit bei Marijke Amado in der Miniplaybackshow und schon umgezogen fix und fertig!)

Meine Kollegin brauchte etwas länger. Als sie aus der Umkleide trat, nickte ich anerkennend. Badeschlappen („Original aus meiner Kindheit!“) und Bademäntelchen. Mein lieber Scholli. Ich war beeindruckt. Ich habe weder das eine, noch das andere.

Darf ich noch mal an die 12 ° erinnern? Unsere Gänsehaut erinnerte uns auch daran. Wir überlegten, wer von uns beiden diese bescheuerte Idee nun eigentlich hatte. Wir hätten schon längst im warmen Bett liegen können. Sie mit Wärmflasche, ich mit Wärmflasche 2.0. – eine Stufen -und zeitregulierende Heizdecke.

Aber nix da. Erinnerungen müssen erarbeitet werden. Haare hoch, Schwimmbrille auf. Das Wasser war …. frisch. Aber wärmer als die Luft. Immerhin.

Ich liebe diese Frühschwimmen. Das Wasser liegt wie ein glatter, blauer Spiegel vor einem. In der Ferne hört man vielleicht einen Rasenmäher und es duftet leicht nach gemähtem Gras. Die Vögel quatschen miteinander und begrüßen möglicherweise den neuen Tag und die Schwimmer pritscheln leise vor sich hin.

Wir pritschelten mit.

Hinter dem Heckenrosengebüsch stieg stetig die Sonne auf. Wölkchen trieben am Himmel. Eigentlich war es perfekt. Eigentlich war es sehr perfekt.

10° mehr wären nicht auszuhalten gewesen.

Wir schwommen und schimmten und schwummten bis meiner Kollegin die Lippen blau anliefen und sie unter der heiße Dusche verschwand.

Jetzt ist er wohl rum – der Sommer.

Adieu, sagte die Nachtnotaufnahmeschwester leise, als sie in den kühlen Morgen trat. Adieu Frühschwimmen.

Bis nächstes Jahr. Wenn Gott will und wir leben.

 

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