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notaufnahmeschwester

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Unvergessene Patienten

Manche Menschen – in diesem Falle Patienten – bleiben „haften“. Irgendwo im Herzenskämmerlein haben sie einen Platz gefunden und werden nicht vergessen.

Gegen die Fahrtrichtung

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Kleiner Werbeblock.

Kennt ihr eigentlich meine Facebook Seite schon?
Alles, was hübsch/ lustig/ berührend oder sonstiges ist,  findet dort seinen Platz. Auch kleine Momentaufnahmen. So wie diese.

Werbung Ende.

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Hoffnung

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„Puh!“ , stellte der Kollege fest und kam aus dem Zimmer. Im Behandlungszimmer lag ein betrunkener Mann im besten Alter – wenn er sich nicht so abgeschafft hätte. In der Tasche, die der Rettungsdienst behutsam abgestellt hatte, klimperte es. Nachschub. Viele Flaschen billiger Fusel.

Äußerst wehleidig lag er auf seiner Liege. Ach Gott. Diese Schmerzen! Überall tats weh. Selbst anschauen tat weh! Die Hose war nass wie zehn Eimer Strümpfe. „Ich habs laufen lassen!“ Der Geruch: unbeschreiblich. Schnaps, Armut, Schnaps, Depression, Schnaps, Pipi, wochenlang nicht gewechselte Klamotten, Schnaps.


„Ich komm aus Köln. Aber jetzt bin ich nach Hause zurück gekommen, damit ich mich von einer Brücke in der Heimat stürzen kann. Daheim ist es doch am schönsten!“


Öhm. Ja. Soll man jetzt Besoffenen glauben, weil sie angeblich immer die Wahrheit sprechen? Soll man schmunzeln, weil es „daheim“ immer noch am schönsten ist – selbst zum sterben?
Er krakelte vor sich hin – bei einem Promillewert von knapp 3. Und wartete auf die Dinge, die da kämen. Ein warmes Bett, eine Brücke, vielleicht sogar auf die Frau seiner Träume. Während er so wartete, hörten wir merkwürdige Geräusche.

„Was macht der da?“

„Schau doch mal“

„Er bläst was auf!“

„Was denn?“

„Äh. Kondome!?“

„Nein!“

„Doch!“

„Orrrrrrrch!“


Fassen wir zusammen: Da liegt einer hackevoll  in der Notaufnahme. Er stinkt wie Otterbock , ist fertig mit dieser Welt und möchte gerne von einer Brücke in den Tod springen. 

Aber dann bläst seine mitgebrachten Kondome auf. Kondome?!

Wie – so frage ich mich seitdem – macht er wohl die Mädels klar und wenn ja – welche???

Solange es also noch einen kleinen Funken – oder Puste – für die Liebe gibt , ist noch nicht alles verloren. Nicht die Hoffnung, nicht die Liebe, nicht die Fürsorge für den anderen durch die (mögliche) Benutzung der Kondome, nicht das Leben.

95. 254 Euro und 12 Cent – oder: Als ich einmal kurz neidisch wurde

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Das Betrunkene die Notaufnahme aufsuchen (müssen), ist nichts neues. So auch der ehemalige Metzgermeister, der im Bus vom Sessel in einer Rechtskurve flog und sich das Hirn aufschlug. Kommen wollte er nicht – „Also bitte! Hören sie mal. Ich will in mein Bett!“
Blöderweise konnte er sich nicht an den Unfall erinnern. Auch nicht, dass etwas passiert war und schon gar nicht verstand er, was er nun hier machen sollte. „Ausserdem wartet meine Lebensgefährtin daheim an den Bushaltestelle!“ Nach der Blutabnahme war sein Aufenthalt für ihn vorbei und er maschierte schnurstacks, unverzüglich und unbemerkt aus der Notaufnahme und verschwand in der Dunkelheit.
Seinen Rucksack hatte er vergessen. Der gab uns die ein oder andere wichtige Information, die wir der Polizei mitteilen konnten.

Kannste ja nicht machen – einen betrunken, alten Metzgermeister durch die Stadt irren lassen – bis zur heimischen Bushaltestelle oder zum Zuhause, mit Platzwunde auf dem Scheitel – nein nein. Da muss einer kommen, der ihn wieder einfängt und zurückbringt.

Der Rucksack war prall gefüllt, quasi ein Leben in einem Sack: Die Kontoauszüge, die mich hinterrücks umkippen ließen. Dass es Menschen gibt, die unfassbar viel Geld haben – geschenkt. Dass du sie gerade getroffen hast: merkwürdig.
Ein Zettel, auf dem vermerkt war, dass er vor einem Jahr ähnliches erlebt hat: Damals rutsche er in einer Kurve noch blöder vom Platz, sodass er sich gleich den Halswirbel brach.
Und dann natürlich das bescheiden Leben mit Süchten aller Art. Kippen, Schnäpschen. Schokolade.

„Einmal in der Woche hat er Nichtraucher-Training“, erklärte die Lebensgefährtin zwei Stunden später. Mit Polizei und Liebster war er wieder da, inclusive Tupfer mit Desinfektionsmittel auf dem Kopf, dass ich ihm zuvor dort hingelegt hatte.
„Und danach geht er trinken! Immer!“ Sie seufzte tief. „Aber immer nur Jägermeister. Nichts anderes. Einen kleinen halt.“

Man sollte nicht glauben, dass so ein kleiner Jägermeister einen so hohen Promillewert von 1,8 verursachen kann.

„Und einmal die Woche gehe ich mit ihm zu den Anonymen Alkoholikern!“ Sie seufzte wieder. Die Augen stumm auf den Boden geheftet.

Da war es morgens um drei Uhr.

Seit 34 Jahren war sie die Frau an seiner Seite. Unglaublich erfolgreich war er früher einmal als Metzger gewesen. Sogar eine Filiale seines Betriebes hat er eröffnet. Aber leider auch das Saufen angefangen. War halt wohl ein bisschen viel – die ganze Arbeit. Alles. Das war vor 30 Jahren.

Der Kummer, die Sorge, die Resignation und auch ein bisschen Abscheu ist ihr deutlich anzusehen. Nachts um drei ist das im Neonröhrenlicht nicht mehr zu verdecken.
Was man tagsüber noch unter einen mühsam errichten Fassade der Normalität aufrecht erhalten kann, wird hier unbarmherzig im kalten Licht gesehen.

Da nützen einem 95. 254 Euro und 12 Cent nicht viel.

Herman Munster

„Ja – darf man sich an seinem Geburtstag nicht ein bisschen betrinken?“
Die Ärztin – durch jahrelange gemeinsame Schichten mit einem ähnlich Humor gesegnet – und ich schauten uns an.
„Doch! Das dürfen sie. Unbedingt. Man darf halt nur nicht danach aussehen, als wäre man dem Axtmörder persönlich begegnet!“

Der Mann kam gegen Mittag, hatte einen hübschen Verband um den Kopf und konnte sich so recht nicht mehr erinnern. Doch – gestern hatte er gefeiert. War super. Wurde spät. Am Vormittag musste er aufs Klo – so ergab die Recherche des Rettungsdienst. Nur war die Treppe im Wege. Oder der Restalkohol. Oder seine Gehirnerschütterung.
Unter den Verband spitzen die Löckchen hervor. Darunter verbarg sich eine Skalpierungsverletzung, wie man sie auch nicht oft sieht. Von einem Ohr bis zum anderen. Treppe oder doch der Axtmörder?
Die Ärztin pfiff anerkennend. Ich griff zum Rasierer – zwecks der besseren Sicht.
„Alter Schwede“, entfuhr es mir. „Das ist echt krass!“

„Seid ihr nicht da, damit ihr mir Mut machen sollt? Damit ich mich nicht fürchten muss?“, jammerte der Patient?
Auf Wunsch machten wir ein Foto. Zwecks der Erinnerung. Oder für Halloween. Frankensteins kleiner Bruder.
Die Ärztin nähte ihn zusammen. 20 Stiche – dann sah er wirklich aus wie Herman Munster aus der Serie „The Munsters“, die in den 1960er Jahren eine erfolgreiche US-Comedyserie war.

 

Hier eine meiner Lieblingsszene:

Muss man jedem und immerzu Patienten Mut machen? Kann und darf man manchmal nicht sagen wie es ist?
Natürlich darf man. Einem Mann im mittleren Alter, der Pech hatte und dessen Schönheit stark gelitten hat,(für die nächste Zeit) darf man sagen, dass er Pech hatte und seine Schönheit gelitten hat. Dass wir aber alles tun werden, damit es wieder gut wird. Duziduzi.

Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen Ehrlichkeit und Verschweigen. Aber wer ein Foto auf sein Handy haben möchte, darf wissen, dass er im Moment eher weniger gut aussieht. Und dass ein Rausch zusammen mit einer Treppe eine blöde Kombination sein können.

Herman Munster telefonierte mit Gabi, seiner Liebsten, und bat um ein paar Socken, das Ladekabel für sein Superhandy, eine Mütze und eine Zahnbürste. Gabi war nicht mit ihm und dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gefahren. Sie hatte Kopfschmerzen von der langen Nacht und sah sich außerstande, sofort zu kommen. Sie versprach aber, später zu kommen. Viel später.

Herman Munster bekam einen Kopfverband in blau und ein Bett auf der Station. Eine Mütze – so meinte der Student, der die Schere beim Nähen halten durfte – könne man sich jetzt direkt sparen. Eine Feder für den Verband würde besser aussehen. Mehr so nach Indianer. Anstatt Hermann Munster.

„Der Onkel ist die Treppe runter gefallen.“
Der Onkel: Jahrgang 1928. Geistig retadiert.“ Halt a weng behindert – geistig“, wie die Verw10672299_805085729579025_1272244554576865793_nandtschaft sagte. „Als Kind hatte er Fieberkrämpe. Seitdem ist das so.“
Man merkte ihnen die Aufregung an. Atemlos waren sie und bemühten sich so sehr, es nicht zu zeigen. Bruder und Neffe hatten ihn in den Warteraum gesetzt. Da schaute mich ein alter Mann aus kleinen, mächtig schielenden Augen an. Wie die Reinkarnation von Clarence, dem Löwen aus Daktari und Glatzen Peer aus Ronja Räubertochter.
Der Neffe, ein eifriges Mitglied eines Bodybuilderstudios hob und trug den anderthalb Meter Onkel mühelos überall hin. Ganz vorsichtig, wie wenn er seine Braut über die Schwelle heben würde.
Können sie mich sehen? „Jaaaaaaa“- hauchte es.
Haben sie Schmerzen? „Jaaaaaa. Ein bisschen.“
Ich gaube, ich habe selten ein so sanftes und schlicht gehauchtes, gottergebenes „Ja“ gehört.
Der Arm war mächtig und kompliziert gebrochen. Das OP Team wurde bestellt.
„Hätten wir nur auf den Hund gehört“, sagte der Neffe bekümmert. „Der hat gegauzt ( für Nichtfranken = gebellt), als der Onkel fiel.“
Die Besorgnis, diese so offensichtliche tiefe Liebe zum Onkel und Bruder haben mich mehr als gerührt. Dazu dieser sanfte, alte, behinderte Mann, der klaglos auf seiner Liege lag.
Überhaupt: Jahrgang 1928.
Wie hat ihr Bruder die Nazizeit überlebt- wollte ich wissen. „Wir hatten Glück“, sagte der Bruder. „Der Ort, aus dem wir kommen war mehr als Braun. Irgendwie scheint das untergegangen zu sein, obwohl es einen Beschluß gab: Wenn der Endsieg kommt, ist der Bruder weg.“
Das Euthanasieprogramm der Nazis für Menschen mit Behinderung hat er – vielleicht auch Dank seiner Familie – überlebt.
Während wir warteten, dass das OP Team anrückt, sah ich – wann immer ich an diesem Zimmer vorbei ging – wie der Neffe seinen Onkel streichelte. Bei ihm blieb. Ihn nicht alleine ließ. Dieser Mann, mit Bomberjacke in Übergröße, damit aber auch wirklich alle und mächtig viele Muskeln hineinpassten, stand neben der Liege und gab dem Onkel Halt und leise Worte.

Auf dem Weg in den OP stelle er mir der alte Mann das erste Mal eine Frage: „Haben Sie noch Eltern? Haben sie noch ihre Mutter?“
Seine Augen glänzten. Meine auch.
Hermann Hesse fiel mit ein – „Narziß und Goldmund :
„Aber wie willst du denn einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben“

Es war gut, dasss die OP Schwestern das alles nicht wussten.
Geschäftig und mit sehr lauter Stimme ( alter Mann= MUSS schwerhörig sein) ließen sie uns in den Vorbereitungsraum.

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