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Notaufnahmeschwester

Seit 20 Jahren arbeite ich in einer interdisziplinären Notaufnahme. Was jedoch zuvor geschah: An einem Samstag - kurz vor Weihnachten- wurde ich bei Minus 31° geboren. Ich war von Anfang an also gezwungen, es mir von innen schön warm zu machen - das kann sehr hilfreich im Leben sein. Aufgewachsen bin ich als Pfarrerskind in großen Pfarrhäusern mit noch größeren Gärten -mit jeder Menge Streuobst, die im Herbst direkt in Flaschen abgefüllt wurden. Apfelsaft in Hülle und Fülle. Voll Bio, als noch keiner davon sprach. Fernsehen gab es ausschließlich donnerstags beim Nachbarn: Wicki und die starken Männer. Heute könnte diese "entbehrungsreiche" Kindheit auf dem Land meine Affinität zu allem technischem Schnickschnack und einem schwarzen, koffeeinhaltigen Brausegetränken erklären. Krankenschwester wurde ich in einem kleinen Krankenhaus mit angeschlossenem Schwesternwohnheim, striktem Männerverbot sowie Sockenordnung. Hier herrschte Zucht und Ordnung und eine überdurchschnittliche Schwangerschaftsrate unter Schwesternschülerinnen. Nach Neurochirurgie und Dialyse kam ich vor vielen Jahren in die Notaufnahme. Dort bin ich hängengeblieben. Nirgendwo sonst verdichtet sich "Mensch-sein" so gut. Und nirgendwo lernt man so viel über das Leben und sich selbst. Und nirgends finde ich so viele Fettnäpfchen, in die ich man treten kann. Hin und wieder möchte ich sofort kündigen, aber meistens bin ich genau richtig dort, wo ich bin. Hier habe ich praktischerweise auch meinen Mann kennengelernt und entspreche somit wunderbar dem Klischee, dass sich die meisten Menschen auf der Arbeit kennenlernen. Mein heimischer Haushalt besteht mittlerweile nicht nur aus dem Mann, sondern auch drei Söhnen zwischen 11 und 15 Jahren, eine betagten Katzen und einem Klavier im Flur. Manchmal weiß ich nicht, was entspannender ist: Söhne, Haushalt und Hausaufgaben oder doch die interdisziplinäre Notaufnahme? Tatsache aber ist: Durch beides (Kinder und Notaufnahme) habe ich viel Gelassenheit gelernt. Nichts kann so schlimm sein, dass man es nicht zumindest versucht, zu verbessern. Und dann kam da diese eine Freundin, die mir so oft in den Ohren lag: "Das muss man doch mal aufschreiben!" Und so fing ich an.

„Ich trinke und ich weiß Dinge…“

Wann immer ich sensationelle sowie geistreiche Geschichten aus und über die Notaufnahme veröffentliche, kommen Nachrichten, Kommentare und Anmerkungen von euch. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für eure Gedanken und Geschichten. Manches lese ich und denke: „Jo. Da könnste auch mal dran denken das nächste Mal. Kann nicht schaden! So könnte man das auch machen/denken/ändern/loben*what ever*.

Ich lese auch: Manche Kollegen scheinen richtige Aschlöcher  Dumpfbacken Bitches – also nicht so recht kompetent und freundlich zu sein.  Andere hingegen sind großartig und wissen das richtige zur richtigen Zeit zu tun. Alles ist möglich in einer Klinik. Und wie im richtigen Leben gehört auch leider manchmal etwas Glück dazu, auf den Menschen zu treffen, der „zu einem passt“. Das ist in einem Krankenhaus natürlich wichtiger als an der Supermarktkasse. Aber so ist es leider.

 


 

Manche haben gefragt, wie man die „Lappen“  von denen unterscheiden kann, die wirklich krank sind.

Man nennt es Erfahrung.

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Erfahrung setzt sich aus vielen Kleinigkeiten zusammen. Bildquelle: Pixabay

 

 

Dazu gehört Krankenbeobachtung.  Menschenkenntnis. Zusammenhänge erkennen. Die richtigen Fragen stellen. Zuhören. Im besten Falle sich nicht sofort ein Bild machen zu wollen, sondern erst mal abwarten, wie die Dinge sich entwickeln.

Aus all diesem entsteht ein Bild.

Patienten/-Krankenbeobachtung hab ich mit der ersten Stunde meiner Ausbildung eingeimpft bekommen. Möglich, dass das heute anderes – oder nicht mehr so wichtig ist. Tatsächlich frage ich oft die Schüler:

Was siehst du.

Was riechst du?

Was spürst du?

Was fühlst du?

Was ist komisch?

Was siehst du nicht?

 

Und dann schauen sie meist ein bisschen ratlos, weil sie keine Ahnung haben, auf was ich hinaus will. „Wie  – was soll ich sehen? Rosa Kacheln? Blauer Bademantel?“

(Vielleicht haben sie auch Angst, dass es wieder einer meiner Ulks sein könnte, auf den sie gerade hereinfallen. Diese Peinlichkeit immer mit der Notaufnahmeschwester…)

Aber tatsächlich ist mir selten etwas ernster.

Das genaue Hinschauen ist so wichtig. Es ist das Profiling der Krankenpflege.

Und schon nach knapp 30 Jahren Berufserfahrung setzt sich innerhalb von Sekunden ein Bild zusammen. Wie ein Scanner läuft das ab:

Das fängt damit an, wie eine(r) „Guten Morgen“ sagt (fröhlich, gepresst, depressiv eingefärbte Stimme, hauchend, stöhnend, gar nichts – hubs!)

Es geht weiter mit der Farbe der Haut (fahl, bläulich, rosig, käseweiß, rot).

Wie jemand auf einen zu läuft ( beschwingt, eingeschränkt, hinkend, schleppend, gar nicht) .

Was eine( r) erzählt und wie er/sie/es erzählt.

Und viele Kleinigkeiten mehr.

Bei „Deutschland sucht den Superstar“ setzt sich ein Bild innerhalb von kürzester  Zeit zusammen. Da weiß man nach spätestens 30 Sekunden ob jemand super singen kann, oder lieber nur alleine unter der (Schallschutz-) Dusche trällern sollte.

Ich sehe, fühle, rieche, höre Krankheiten, noch bevor ich manchmal überhaupt weiß, was der Mensch tatsächlich hat. (Schmecken tue ich sie nicht. Das lehne ich strikt ab Örks!)

Manchmal erkennen wir „Krankheiten“ an der Sprechanlage, noch bevor wir den Menschen dazu gesehen haben.

Wir hören, ob sie die Pille danach wollen. Wir hören am Klang der Stimme, ob sich der Patient selbst verletzt hat und manchmal auch schon,  wie viel oder wie tief. Ebenfalls an der Stimmfärbung und Stimmschwankungen hören wir Verletzungen „untenherum“, die nicht freiwillig entstanden sind.

In diesem Fall bin ich Tyrion Lannister der Notaufnahme.

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Bildquelle: Arkansas Graphix

Das sind Nuancen, die erfahrenes Pflegepersonal allein schon am Klang hören können.

Ich sehe in der Stadt im Vorübergehen Bluthochdruck,  erkenne Patienten mit COPD, mit Schlaganfällen und mit Beckenschiefstand sowie schlimmer Hüfte. Ich sehe mehr, als mir bei Fremden lieb wäre.

 

 

Das – wie schon erwähnt – ist langjährige Erfahrung.  Es hilf wiederum, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Wer bei uns nicht die Erfahrung hat, kann die „Alten“ zur Rate ziehen und hat als Art Sicherheitsnetz die Ersteinschätzung (Manchester Triage), die wir bei jedem Patienten vornehmen.

Und ja – selten kommt es auch mal vor, dass man sich verschätzt hat.

Wie bei einem unsere Drehtürpatienten. Ich schrieb mal über sie. Hier.

Eines Tages war er morgens um fünf Uhr mal wieder da. Wie immer weit weg im Schlummer-Alkohol-Drogen-Modus. Unter einer Parkbank fanden sie ihn. Zerbrochene Flaschen um ihn. Vielleicht war er auch vermöbelt worden. Die Nase war jedenfalls ein bisschen blutig – der Rest wie immer. Schnarchend und stinkend. Nicht ansprechbar.

Tags zuvor meinte ich ihn, in der Stadt gesehen zu haben. Da pöbelte er Frauen „du blöde Fotze“ hinterher. Aber sicher war ich mir nicht. Ich hätte ihn nackt sehen müssen. Eben so, wie ich ihn immer sehe. Horizontal und ohne Hose. Ich hatte ihm schon so viele Katheter gelegt wegen Drogentests, dass ich ihn am Penis garantiert erkannt hätte.

So lag er also mal wieder da. Alles wie immer. Wir uns hielten uns die Nase zu, als wir die verschimmelte feuchte Hose vom Leib „quietschten“ und die Stinkesocken vom Fuß pellten.

Der Arzt, der ihn – oh Wunder – noch nie gesehen hatte, ordnete eine Computertomographie vom Hirn an. Der Standard bei unklaren Geschehnissen.

Die Kollegin und ich gähnten. „Na – wenns sein muss!“

Wir fanden es eher unnötig. Er war wie fünfmillionen gefühlte Male davor auch. In drei Stunden würde er wie Dornröschen aufwachen, alle ein bisschen beschimpfen, sich alle Schläuche abreißen, jede Menge Sauerei dabei machen und wild zeternd das Krankenhaus mit seinem „beschissenen Personal“ verlassen und zu seiner Parkbank/Kumpels/ Höhle zurückkehren.

Er hatte eine große Blutung im Hirn mit Mittellinienverschiebung. Er wurde zum Schutz intubiert und mit HuiHui in die Neurochirurgie verlegt. Seitdem haben wir ihn bisher nicht wieder gesehen. Sein Kumpel aus „Pam oder Liebe“ hat ihn bisher auch nicht wieder begrüßt.  Und ganz heimlich machen wir uns Gedanken über ihn, was wohl aus ihm geworden ist.

Man kann sich irren. Das ist unfassbar dämlich. Schlimm. Lässt einen nicht los und noch wachsamer und aufmerksamer werden.

Bisher habe ich es immer wieder erlebt, dass es Rettungsanker gibt.

Die Kollegen, das „System“, die Technik.

Das ist mir ein Trost, wenn ich daran denke, dass ich selbst jederzeit auch in eine  Situation kommen kann, wo ich falsch eingeschätzt oder beurteilt werde. Ich hoffe dann auf die !“Erfahrung“. Und auf Kraft der Gemeinschaft des Wissens.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Advent, Advent… 

Einen schönen 2. Advent Euch allen. 

Aus dem Wartezimmer der Notaufnahme

Ines Meyrose  von image&impression  las meinen Blogbeitrag zu „Ihr Lappen!“ Spontan fragte sie an, ob sie einen Gastbeitrag für dieses Blog/ diesen Blog schreiben darf. Eine Stil- und Imageberaterin! Auf meinem Blog! Schwester – euer Fläschchen.

(Oder ist es vielleicht doch so, wie einst in der Danone-Werbung mit dem Slogan: „Irgendwann kriegen wir euch doch!“ ?)

Mit Stil und Image ist jes ja in einem Krankenhaus nicht wirklich weit her. Auch wenn ich enthusiastisch jedem Patienten im Krankenhausnachthemd mit dem unauffälligen, leicht floral-angedeutetem Muster sage: „Ja doch- das können Sie durchaus tragen!“. Manchmal zupfe ich noch eine kleine Falte zurecht. Dann wirkt es fast wie Mode. Wie Stil. Wie „nicht -am- Hintern -offen“. Trendy, kleidsam und schick.

Ines jedenfalls trat eines schönen Tages als Patientin durch die „Heiligen Pforten“ einer Notaufnahme. Hier ist ihr Bericht. Vielen Dank dafür. Es ist immer interessant, was sich hinter der Tür abspielt. So oder so herum. Und: … eine „langweilige Spießertussi“ bist du sicherlich nicht, Ines!

 

 

Gastbeitrag einer Patientin

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Ines Meyrose

Kein Mensch lässt sich gerne ins Krankenhaus einliefern und kein Mensch ist gerne Kunde in der Notaufnahme. So meine Überzeugung. Eines besseren wurde ich – ein paar Tage vor Weihnachten – bei meinem letzten Aufenthalt in der Notaufnahme belehrt. Zitat des untersuchenden Arztes: „Ich glaube, sie haben keinerlei Vorstellung von dem, was wir hier erleben.“

Ja, da hat er wohl recht. Und ich bin froh darum, mir das offenbar noch nicht mal vorstellen können, was einige Menschen an einem frisch bezogenen (fremden) Bett, servierten (furchtbaren) Mahlzeiten und einem Fernseher vor der Nase finden können, so dass sie dafür freiwillig ins Krankenhaus gehen.

 

Ich wurde damals nach viel Überredungskunst meinerseits inkl. Einsatz brauner Augen an der Seite meines großen, starken Mannes mit einem langen Rezept zur Behandlung zu Hause entlassen. Gut so … bis letzten Monat … da hat es mich wieder in die Notaufnahme verschlagen. Dieses Mal in das andere Krankenhaus in der Nähe. Und das war so …

Gerade sitze ich in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Hamburg. In dem Stadtteil wohnen Menschen mit viel Geld, viele Arbeiter und reichlich Migranten. Alles schön voneinander abgegrenzt in dem großen Stadtteil verteilt – im Gegensatz zum Wartezimmer. Ich bin natürlich die einzige „Normalofrau“ dort. Die Notaufnahmeschwester – die vom Krankenhaus vor Ort, nicht die hier vom Blog – hat sich zweimal entschuldigt, dass sie mich bei der Aufnahme nach meiner Staatsangehörigkeit fragen muss. Offenbar gibt es Menschen, die die Frage nicht mögen.

 

Schön war das Gesicht der Notaufnahmeschwester bei der Antwort auf ihre Frage, wie lange ich die Beschwerden denn schon hätte: Zwei Wochen. „Zwei Wochen?!?“ Ja, die ersten Beschwerden, aber seit zwei Tagen sind sie viel weitergehend geworden und eben nicht mehr zu ignorieren. Sie spricht ganz ruhig und tief konzentriert atmend: „Ich frage nur, damit ich Ihren Fall hier einordnen kann“. Ich denke nur: Oh nein, Triage. Das Wort habe ich bei der Notaufnahmeschwester – der vom Blog – gelernt im Beitrag https://notaufnahmeschwester.wordpress.com/2016/06/30/was-ist-ein-notfall-und-wie-lange-dauert-das/ .In dem Moment ist klar, dass ich Prio ganz weit hinten bekomme … super … aber nützt ja nichts. Ist insofern schon richtig, als dass es sicherlich deutlich dringendere Fälle gibt. Ich habe ja schon Glück, dass an der Aufnahme keiner vor mir dran war.

 

Von der Notaufnahmeschwester am nächsten Tresen gibt es ein schickes Bändchen.

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Bändchen – sowas schickes gibt es in „meiner“ Klinik (noch) nicht.

Verloren geht hier keiner. Fotografiert werden die Bändchen später im Wartezimmer instagramtauglich nur von Menschen mit offensichtlich teurer Kleidung. Die anderen haben andere Sorgen, ein Privatleben oder kein Instagram?

 

Der alte Mann neben mir trägt blütenweiße Baumwollsocken in schwarzen Glattleder-Plastiksohlen-Schlüpfschuhen – das Wort Loafer wäre nicht passend – zur ordentlichen Tuchhose. Das sage nochmal wer, weiße Socken in schwarzen Schuhen zur Anzughose wären ein Mythos. Der Mythos lebt neben mir.  Gerade rauscht ein Moncler-Pelzkragen-Daunenjacken-Pärchen mit blonder Teenie-Tochter rein. Die sind sich sogar zum Grüßen beim Betreten des Warteraums zu fein …

 

Schon lustig, die Leute zu beobachten und zu überlegen, wer wohl wo wohnen könnte, welchem Beruf nachgeht und wie das Bankkonto aussieht. Dicke Jacke ist ja nicht immer gleich zu setzen mit dickem Konto … Was die wohl über mich denken? Dunkelblau vom Kaschmirrolli über die gerade geschnittene Jeans bis zu den schlichten Stiefeletten. Goldener Schmuck: nur Uhr und Ehering. Selbst die Perlenohrringe sind zu Hause geblieben. Schlichte Lederhandtasche. Langweilige Spießertussi vermutlich.

 

Ich warte hier seit einer Stunde auf die Überführung auf Station. Ja, ich bin also wirklich ein Notfall. Dennoch war die Ärztin nicht begeistert davon, dass einer der Gründe für die Einweisung durch den Facharzt war, dass im Krankenhaus Untersuchungen schneller gemacht werden können.

 

Überrascht hat mich, dass die Ärztin mich zweimal gefragt hat, ob ich vom Fach sei. Sehe ich aus wie eine Ärztin? Ist mir neu. Der Grund für die Annahme war, dass ich mich sofort zum Facharzt begeben habe, ihr Symptome und ausgeschlossene Diagnosen darlegen konnte und nicht zuerst zur Hausärztin gegangen bin. Na dann … ich erlebe glücklicherweise mehr Qualifikation auf ihrer Seite. Ich warte geduldig weiter und frage mich, ob ich meinen Laptop hätte mitnehmen sollen, um die Zeit mit Arbeit zu überbrücken.

 

Dank der bloggenden Notaufnahmeschwester weiß ich: Hier wird niemand vergessen! Ich bin tapfer und frage nicht nach. Allerdings frage ich mich, mit wem man hier ins Bett gehen muss, um ein Wasser zu bekommen. Einigen Menschen wird explizit eins von hinter dem Notaufnahmetresen aus aufgedrängt. Dabei hatte ich sogar eins dabei. Eins. Memo an mich: Nächstes Mal mehr Wasser mit in die Notaufnahme nehmen. Und den Laptop. Wobei der wohl geht-so-gut ankäme … Der Mann mit den weißen Socken ist zauberhaft zu seiner Frau. Da sieht man mal wieder: Socken sind doch einfach nur Socken.

 

18:30 Uhr. Ich bekomme Hunger. Das, was ich später von der freundlichen Servicekraft auf der Station bekomme, sieht allerdings ganz anders aus als die Sterneküche auf Instagram.

 

Ich will mein Leben zurück!

 

P.S. Ein guter Draht zum Personal auf der Station baute sich durch Farbberatung on-the-fly während der Untersuchungen auf. Das kommt dabei heraus, wenn Ärzte und Schwestern nach dem Beruf der Patienten fragen …

Müssen wir es anzünden?

Ich zeigte meinem Kollegen die sehr, sehr schöne Advents/Weihnachtslaterne, die ich derzeit gerne in dunklen Abendstunden bastle.

„Schau“, sagte ich. „Schau – wie schön das ist!“

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In der Advenst-und Vorweihnachtszeit habe ich immer den Drang, meinem „Handarbeits-Ich“ nachzugeben. Socken zu stricken , schöne Sternenlichter zusammenpappen oder Puschen filzen: Ich bin dabei!

Gemäß meiner Natur bin ich fröhlich dabei, wenn der Fertigungsprozess nicht zu lange dauert und ein Ergebnis schnell zu erahnen ist. Einen Pullover zu stricken, eine Decke zu patchworken wäre hingegen nichts für mich.

Der Kollege schaute.

Er bedachte möglicherweise die Liebe zur Frau im Herzen. Vielleicht malte er sich schöne, zukünftige Stunden aus, bei dem Gedanken, wie er der Liebsten eine Sternenlaterne auf den liebevoll gedeckten Abendbrottisch stellen würde. (Es würde Abendbrot sein müssen, weil nur dann – in Dunkelheit – aus einer schnöden fünfeckigen Pappschachtel eine großartige Sternenlaterne werden würde.)

„Frau“, – würde er sagen. „Schau wie schön!“

Die Frau würde aufschluchzen vor Freude und mit vor Ergriffenheit zitternden Fingern seinen Kopf zu sich herunterziehen und mit bebenden Lippen küssen. „Oh Mann“, würde sie sagen. „Das ist die schönste Laterne der Welt, die du mir schufst! Bitte heirate mich.“

(Möglicherweise bring ich da jetzt auch was durcheinander und es sind in Wahrheit meine Gedanken und Worte der Freude, die aus mir sprechen würden, wenn der Gatte mir so etwas schenken würde. Ach richtig- wir sind ja schon verheiratet.)

So oder so: Der Kollege sprach: „Notaufnahmeschwester! Lass uns zusammen basteln!“

Weil ich ungern jemandes Liebesglück im Wege stehen will, verabredeten wir uns zu fröhlichen Bastelstunde an meinem heimischen Küchentisch. Es war kalt draußen. Drinnen es gab heiße Getränke und ein Butterbrötchen. Denn im Bastelmodus kann man schnell dehydrieren oder gar verhungern. Eine Kollegin fand sich ebenfalls noch ein, die deutlich im DIY höher steht als wir. Wir waren bestens gerüstet.

Nach meinem Leben als Influencerin kommt nun als mein neues Leben als DIY- Schnalle. Morgen die Weltherrschaft!

 

Sternenlaterne

Zutaten:

Einen Bogen Tonpapier
Bleistift
Schere
Lineal
Klebstoff
Festes Papier für die Schablone

 

Anleitung
1. Übertragt das Fünfeck (http://www.kinder-malvorlagen.com/vorlagen-pdf-herunterladen/formen-muster/formen-fuenfeck-pentagon.pdf) auf festen Karton und benutzen Sie es als Schablone. Zeichne mit Hilfe dieser Schablone 11 Fünfecke auf Tonpapier und schneide sie aus.

 

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Deutlich die Unterschiede:  Links das Tonpapier der bastelerprobte, sparsam agierenden DIY-Kollegin. Rechts der Bogen des begeisterungsfähigen, aber bastelunschuldigen Kollegen.

Markiere die Mitte jeder Seite. Falte die fünf Ecken genau zwischen den Markierungen zum Mittelpunkt. Durch diese Faltung ist auf der Grundfläche eine fünfstrahlige Sternkontur zu sehen. Falte so alle ausgeschnittenen Fünfecke.

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Nicht im Bild: Die Zunge im Mundwinkel als Zeichen höchster Konzentration.

2. Nun beginne mit dem Zusammenkleben der Laterne. Lege dazu ein auseinandergefaltetes Fünfeck vor sich auf den Tisch. Lege nun ein weiteres Fünfeck so darüber, dass beide in einer Faltung übereinander liegen. Klebe die Spitze des zweiten Fünfecks im Boden fest. Die Spitze des Bodens klebst du an die Rückseite des zweiten Fünfecks. Vier weitere Fünfecke werden genauso mit dem Boden der Laterne verbunden. Nun ist am Boden der Laterne der erste Stern entstanden. Halten Sie das Gebilde gegen das Licht. Klebe nun ebenfalls die Seiten im Knick übereinander – das ergibt sich automatisch. Die Laterne nimmt Form an.

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„Kollege“, kichert die Kollegin. „Du musst besser „pappen“! Sonst wird das nix mit deinem Muster!“

3. Die letzten 5 Fünfecke werden auf die gleiche Art oben an den Ring geklebt. Die dabei verbleibenden fünf Spitzen, die nach oben zeigen, werden als Abschluss nach innen gefaltet und festgeklebt.

4. Lass alles gut trocken, bepinsel die Laterne mit einem Pinsel mit Speiseöl ein (Oder mit den Fingern). Das überschüssige Öl kannst du abtupfen. Dadurch wird sie transparenter.

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Im Öl-Wettbewerb. Was wir besser – Pinsel oder Finger?

Lasse sie auf Küchenkrepp trocknen. Fertig ist die Adventssternenlaterne. Teelicht rein und Staunen wegen der Schönheit.

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„Das ist schwieriger, als ich es mir je vorstellte!“, seufzt der tapfere Kollege mit ölverschmierten Händen.

„Liebe wird dein Lohn sein!“, so bin ich mir sicher.

Wohlgemut gingen wir auseinander, ein jeder seinem Tagwerk nach. In den Händen eine Laterne – noch ohne Licht.

Nach der Spätschicht schrieb er mir:

 

Trotz dieses Misserfolges wollen wir weiter basteln. Irgendwann werden wir was basteln, dass selbst die Liebste des Kollegen von den Socken hauen wird. Und dann wird sie aufschluchzen vor Freude und mit vor Ergriffenheit zitternden Fingern seinen Kopf zu sich herunterziehen und mit bebenden Lippen küssen. „Oh Mann“, wird sie sagen. „Das ist die schönste Laterne der Welt, die du mir schufst! Bitte heirate mich.“

 

 

 

 

13 Traurigkeiten

Es sind manchmal kleine Augenblicke, kleine Sätze, die einen bis ins Herz berühren.

 

Die Traurigkeit kleiner Habseligkeiten .

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Die Traurigkeit, fünf Tage vor dem 99. Geburtstag zu beschließen: Es ist genug. Ich will dieses Leben ohne Freunde, ohne Familie aber mit viel Schmerzen nicht mehr.

Die Traurigkeit, von einem gewohnten Körperteil Anschied zumnehmen.

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Die Traurigkeit, sich nicht auf sein Herz verlassen zu können.

Die Traurigkeit des Schmerzes.

Die Traurigkeit in den Augen des dementen Patienten.

Die Traurigkeit des Wissens um ein verkorktes Leben, das man mit viel Alkohol wegzuspülen versucht.

Die Traurigkeit über die Angst, dass die Verhärtung in der Brust Krebs sein könnte.

Die Traurigkeit über den schönen Moment, den man gemeinsam teilt.

Die Traurigkeit, seinem Buddy nicht helfen zu können, weil er nicht reden möchte.

Die Traurigkeit über die Schönheit des Winters.

Die Traurigkeit, kein Zuhause zu haben.

Die Traurigkeit über ein ungewisses Schicksal.

 

Ach wie nichtig, ach wie flüchtig
sind der Menschen Tage!
Wie ein Strom beginnt zu rinnen
und mit Laufen nicht hält innen,
so fährt unsre Zeit von hinnen.

Michael Frank (1609 – 1667))

 

Ich will, dass du bist

Eine meiner Kolleginnen war da und hat mir ein Geschenk mitgebracht. Einfach so. Weil sie mich so mag.

Immer mal wieder bringt sie mir was mit und es rührt mich jedes Mal aufs Neue. Mal sind es bunte Socken, die – verziehrt mit einem kleinen, liebevollen Satz dazu – in meinem Spind liegen. Mal ist es eine Eulenlichterkette.

Hier könnt ihr Ausschnitte aus dieser Lichterkette bewundern. Weil sie so schön ist, dreht sich der Engel hin und her und kann sich nicht entscheiden, welche Seite die hübschere ist.

 

Und dann fiel mir dieser Spruch ein:

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„Was immer du liebst, von dem willst du, dass es sei“, heißt es  bei Augustinus

Ein Geschenk – und mag es noch so klein sein – ist eine Art Liebeserklärung. Ein Zeichen, wie wichtig man jemanden ist.

Wir sollte viel öfters Geschenke machen. Eine Kleinigkeit, eine Umarmung, ein Satz, wie wertvoll der andere für unser Leben/Arbeit/Familie  ist.

Das wollte ich gerne mit euch teilen. Weil ich mich so freue. Weil mein ganzer Bauch mit Wärme und Liebe gefüllt ist.

Damit geh ich jetzt in die Spätschicht. Und wenn ich nach Hause komme, leuchten mir die Eulen den Weg in die heimische Wohnstube.

 

 

 

Ihr Lappen!

Was haben folgende Patienten gemeinsam?

 

Ein Mann wird vom Rettungsdienst gebracht. Er hat Schmerzen im Zeh. Seinem Kumpel hat er in den Hintern getreten und jetzt tut es total weh. Den Rettungsdienst hätte er gebraucht, weil er nicht wusste, wie er sonst hätte in die Notaufnahme kommen sollen.

Eine Frau hat „Rücken“. Sie kommt laufend (!) mit dem Rettungsdienst. Drei Minuten später klingelt der Freund, der mit dem Auto jetzt ebenfalls da ist.

Ein Pärchen möchte sich seine Übelkeit behandeln lassen und eine Krankmeldung. Das Kettenkarussell auf dem Volksfest ist ihnen nicht bekommen. Sie möchten dafür modernste Medizin in Anspruch nehmen.

Ein Mann , der fünf Tage zuvor einen Sportunfall hatte, kommt um 23 Uhr.  Röntgen bräuchte es nicht. Schließlich wäre nichts gebrochen – das weiß er bestimmt.

Eine Frau kann seit zwei Tagen nicht aufs Klo. Jetzt ist sie besorgt, ob sie nicht vielleicht „platzt – oder so“ und möchte einen Einlauf „to go“.

Einem Mann war morgens schwindelig. Abends kommt er, um es abklären zu lassen – schließlich weiß man nie! Ob es vielleicht daran liegen könnte, dass er noch nichts gegessen hätte und ob er sich auch in die Notaufnahme eine Pizza liefern lassen kann?

Frauen bringen ihren betrunkenen Freund. „Er ist betrunken und ihm ist kalt! Da haben wir ihn gleich mal in die Notaufnahme gebracht!“

Freunde – ich könnte Stunden weiterschreiben. Stunden!

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Schick Hirn vom Himmel! Bildquelle: Pixabay

Was haben diese Menschen alle gemeinsam? Sie sind in den 1990- 2000 Jahren geboren. Und weil ich das hier in meiner Freizeit schreibe und nicht in der Empathiehölle, darf ich auch ganz ungeniert herausschreien:

IHR LAPPEN! WAS LÄUFT FALSCH BEI EUCH? HABT IHR ALLE KEINE MAMA?

Doch halt. Mama kommt oft mit und spricht für euch. Oder ruft aus einer 300 km entfernten Stadt an, ob ihre Tochter mit einer Blasenentzündung kommen kann und sie würde jetzt auch losfahren, um ihrem Kind beizustehen.

Völlig überfordert kommt ihr in der Notaufnahme an – ohne jegliche Idee. „Hier bin ich! Macht was! Egal was!“ Manchmal kommt ihr auch mit einer fertigen Diagnose, die ihr flugs gegooglet habt. Ja – vielleicht ist eure Verstopfung auch Krebs. Genau. Auf die Idee, mal mit Sauerkraut und Backpflaumen anzufangen, kommt ihr erst gar nicht. Wahrscheinlich weil es zu „krass einfach“ wäre und außerdem ist es ja keine „richtige“ Medizin. Und das braucht man schließlich, wenn man „ganz, ganz schlimm Bauchweh‘ hat, nicht wahr? Und es macht sich so gut in der Timeline, wenn man als Status „Bin im Krankenhaus!“ angibt. Das gibt unfassbar viele „likes“ und gute Wünsche von nah und fern. Es hilft bei der Heilung enorm, wenn ständig sämtliche Messenger des Handy permanent bimmeln, läuten und plingen und „Gute Besserungswünsche“ verkünden.

Ihr seid es gewohnt, Dinge jetzt, sofort und ständig zu bekommen. Ihr wollt ein Buch? Amazon Prime liefert es euch am nächsten Tag. Ihr wollte eine Reise machen? Computer an und zack –  gebucht! Ihr wollt einen Partner? Tinder runtergeladen und ein Abo bei Parship. Ihr wollt euch verabreden – Whatapp an und sofort seid ihr mit allen verbunden. Das ist die Lebenswirklichkeit dieser Jahrgänge. Damit sind sie alle aufgewachsen. Warum sollte es also anders sein, wenn ihr euch nicht so fühlt?

Oh – ein Schmerz. Ab in die Notaufnahme.

Da wird nicht gewartet. Spätestens, wenn euch ein Freund –  und jede*r hat diese wahnsinnig aufopferungsfreudigen, besorgten Freunde – am besten ein Medizinstudent im 2. Semster  – der muss es wissen, schließlich ist er ja Mediziner –  seid ihr überzeugt, dass ihr sofort kommen müsst. Auch wenn es nachts um drei Uhr ist. „Man weiß ja nie!“

Und dann dieses Wunderding – euer Körper:  Bei manchen Patienen könnte man glauben, er wäre eine Schaufensterpuppe, die hübsch geschmückt werden möchte. Manchmal auch eine Kaffeeaufnahmestelle und Pizzaverschlingmaschine.

„Ich mache jetzt eine Einmalkatherterisierung, damit wir steril Urin gewinnen können um man die Keime zu untersuchen, die sie ständig an Blasenentzündung leiden lassen.“

„Ah. Gut. Wohin kommt das Röhrchen?“

„In ihre Harnröhre.“

„Ist das das Loch, mit dem man Sex hat? Da, wo der Pimmel reinkommt?“

„Nein. Nicht ganz:“

*Durchatmen. Jung, hübsch, offensichtlich ein aktives Sexleben. Aber keine Ahnung von ihrer Anatomie „untenherum“. Wie kann das sein?*

Mütter (manchmal auch Väter) bringen ihre erwachsenen Nachkommen ( zumindest dem Alter nach) zum Röntgen. Sie wissen aber genau, dass „wahrscheinlich eh nichts gebrochen ist“. Außerdem nehmen sie nicht so gerne Schmerzmittel. Also generell. „Die Pharmaindustrie soll nicht unser Geld bekommen!“

Da möchte ich mich dann vertraulich vorbeugen und als Tipp den Dom empfehlen, welcher in 500 Meter Entfernung steht. So als kleinen Tipp. Dort finden Wunder aller Art statt – heißt es. Bei uns nicht.

Was sind das für Erwartungen, die die Menschen da haben?

Manchmal diskutiere ich mit meinen Kollegen. „Ich schätze mal“, so vermute ich,  „5 % dieser Altersgruppe hat wirklich was. Die ist ernsthaft krank. Hat eine richtig üble Krankengeschichte.“

„Bist du verrückt?“, sagen dann manche Kollegen. „So viele sind das nie und nimmer!“

Wir führen keine statistisch, relevante Erhebung. Es ist das Bauchgefühl. (Was andere sich leisten können, können wir auch.) Das kann auch schon mal irren. Die Mehrzahl dieser 1990 -ger Lappen hat jedenfalls ausschließlich Pillepalle. Und vertrauen modernster Medizin mehr als der Omma, der Zeit, die vieles heilt oder ihrem Körpergefühl, das selten existiert.

 

Erschreckende Erkenntnis

Irgendwann hatte ich die Erkenntnis, als ich mir einer der Mütter näher betrachtete, die mit ihrem Sohn und 39° Grad Fieber kam: Oh mein Gott. Es ist meine Generation.

Alle dieses „Kinder“ könnten meine sein – hätte ich ein wenig früher einen Mann gefunden und Kinder bekommen….

Es ist also meine Generation, die einen erheblichen Anteil an diese „Ich fühle mich ein bisschen schlecht, ich brauche sofort Hilfe!“ hat.

Und das verwundert mich. Immer und immer wieder.

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern jemals mit mir im Krankenhaus gewesen wären. Als ich einmal mit meinem Fuß unter eine Wippe kam und ich die anderthalb Kilometer vom Spielplatz nach Hause humpelte, bekam ich einen Zink-Leim Verband und eine dicke Socke drüber. „Das wird schon wieder!“

Wurde es auch. Halt erst nach drei Wochen. Manches im Leben braucht eben Zeit. Und eine Bänderzerrung wird nicht besser, wenn man sie durchröntgt. Die Diskrepanz zwischen “ Ich nehme meine homöopathischen Notfalltropfen, nehme aber gerne Röntgenstrahlung in kauf“, erschließt sich mir immer noch nicht.

 

Ich bin Kind der Kriegskindergeneration. Damals gab es keine flächendeckende Versorgung mit Ärzten. Dazu gab es viel andere Menschen, die einen Arzt dringender brauchten, als die Generation meiner Eltern. So wurde sich halt selbst geholfen bei kleineren WehWehchen und sonstigem Gebrechen.

Irgendwo zwischen „Nix“ und maximaler Versorgung muss also etwas passiert sein, dass das Krankheitsverständnis, das gefühl für den eigenen Körper in Richtung „Es tut weh und ich bin absolut hilflos“ gerutscht ist.

Ist es, weil wir unsere Kinder besser (definiere besser) behandelt wissen wollen?

Ist das Wissen der Altvorderen mit ihnen gestorben?

Ist es, weil man heute so viel mehr über Krankheiten weiß, als früher?

Ich komm nicht drauf. Ich höre es dennoch auch in meiner Generation, auch in meinem Freundeskreis „Da musst du mal zum Arzt!“ „Und dann?“, frage ich? „Was genau erhoffst du dir davon, was du erst einmal auf keinen Fall selbst hingekommen würdest?“ „Naja…. Hilfe halt. Irgendwie…!“ Gerne  kommen dann worte wie  „sofort“, Notaufnahme sowie Facharzt“ daziwschengestreut. Der Hausarzt oder Kinderarzt scheint einfach nicht so kompetent zu sein. Dass manche gar weder über die Möglichkeit zum Röntgen noch Ultraschall verfügen, macht sie ja schon alleine suspekt.

Und doch sind die besten Ärzte, die ich kenne diejenigen, die auf all das Gedöns verzichten können. Sie können das, weil sie über jahrelange Erfahrung verfügen. Sie berühren einen Patienten und tasten ihn ab, sie hören ihn ab. Und dann wissen sie, was die Stunde geschlagen hat. Da kommt oft der ganze technischer Schnickschnack nicht mit.

Früher drückte der Arzt dem Patienten auf den Bauch und wusste, dass es eine Blinddarmentzündung ist. Heute ist es damit nicht mehr getan. Es braucht Ultraschall und Blutwerte, manchmal auch ein CT.

Medizinischer Schnickschnack ist super. Wir wissen immer mehr über Zusammenhänge und es gibt für viele Krankheiten neue, großartige  Behandlungsmethoden. Aber trotzdem hat sich an der Weisheit: ein Schnupfen dauert 1-2- Wochen ohne Behandlung – und mit Behandlung 10-14 Tage,  nicht viel geändert.

Das ist ja auch zu banal. Und deshalb vergammelt der Lesezirkel im Warteraum mit 200 kleinen Tricks bei Schnupfen, verzerrten Bändern oder Verstopfung. Die Apothekenumschau wird von den „1990- 2000 Lappen“ als Rentner Bravo verspottet und nicht gelesen. „Wir sind lieber gleich gekommen!“

Die Winkelfunktionen Sinus, Kosinus und Tangens können – gefühlt -alle berechnen. Aber wann Fieber beginnt und das man nicht sofort davon verstirbt, wissen sie nicht.

Nun bin ich wiederum tatsächlich eine Mutter, die recht unerschrocken ist im Umgang mit Krankheiten. Vieles ignoriere ich einfach weg. Mache einen Nivea-Umschlag, schnitze einen Apfel klein bei Verstopfung und warte aggressiv zu. Mit bisher besten Ergebnissen.

Und dennoch kam neulich das jüngste Kind mit einem Splitter und einer Nadel und wollte ihn „herausoperiert“ haben.

Kindspfoten waschen, Licht an, Nadel in die Hand unter eine Lupe (der Splitter war winzig), als das Kind in höchster Not rief: „Aber sie bloß sehr vorsichtig. ICH HABE GEFÜHLE!“

Seitdem rätsel ich, woher er das haben könnte.

 

„Meine Güte“, sagte ich zu meiner Kollegin, als wir mal wieder so einen hatten, der sich maximal anstellte bei minimaler Blessur. „Wie wird das erst werden, wenn die 2000der Generation  kommt.“

„Ach du guter Gott. Das hatte ich ja noch gar nicht auf dem Schirm!“, rief sie entsetzt auf.

Kommen sie dann in Begleitung ihrer Helikopereltern mit dem SUV vorgefahren oder holt sie gleich die Luftrettung? Hagelt es Anwaltschreiben, weil wir das Herzenkind nicht binnen 5 Minuten adäquat behandelt haben?

 

Ich bin sehr dafür, dass es Gesundheitsunterricht an Schulen gibt. Manche bieten es durchaus an – lese ich so hin und wieder. Dass Schüler flächendeckend in Erster Hilfe schon in der Schule ausgebildet werden und nicht erst, wenn sie den Führerschein machen. Und, dass Eltern ihren Kindern einen gesunden Menschenverstand mit auf den Weg geben.

 

 

P.S: Und für das Verständnis: Ich rede hier nicht von wirklichen Notfällen. Die gibt es und es ist sehr traurig, junge Menschen so krank zu sehen. Ich rede hier von den Lappalien, mit denen wir konfrontiert werden.

P.S.S „Lappen“ ist ein Vokabular aus den Youtube Clips meiner Söhne. Es passt so gut. „Du Lauch“ ist zu friedfertig. „Du Honk“ zu gemein. „Lappen“ hat was hilfloses, fluffiges. Etwas zutiefst passives.

P.S.S.S. Und ja: Selbstcverständlich behandeln wir auch Lappen. Und reden uns den Mund fusselig in punkto: Gesundheitserziehung, Sex, Ernährung, Liebeskummer und Herzeleid.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freundlichkeit! Jetzt!

Geht euch eigentlich auch gespielte Freundlichkeit auf den Nerv?

Sammeln Sie Treue Punkte?

Waren Sie zufrieden?

Darf es ein bisschen mehr sein?

Haben Sie Geduld. Kasse drei öffnet gleich.

Möchten sie noch einen Kaffee/ Geld/  Sammelkarten dazu?

Danke, dass Sie uns darauf ansprechen!

 

Zum Schluss gibt es noch eine kleine weibliche Terz geflötet: „Schön, dass sie da waren! Kommen Sie gerne wieder“

Schon bei der ersten Floskel schalte ich ab. Manchmal sage ich leicht grimmig vorab- schon prophylaktisch: Ich möchte nur zahlen. Keinen Schokoriegel, keine Sammelpunkte, kein Geld abheben, keinen Extra Kaffee. ZAHLEN!  NUR ZAHLEN!

Die armen Damen und Herren des Handels tun mir leid. Sie können ja nicht anderes. Sie müssen mittlerweile. Es ist erschreckend zu lesen – dieser neue Zwang zur neuen Freundlichkeit.

 

Und dann flattern mir Zettel in der Klinik ähnlichen Wortlauts in die Hände. Ein Komitee traf sich und erarbeitete einen neuen Standard „Kommunikation mit Patienten“.

Eine kleine Hilfestellung für das vertrottelte Personal. Eine Anregung und zugleich ein Impuls.

Keinesfalls jedoch solle das Gefühl erzeugt werden, eine Sprachregelung vorzugeben – geschweige denn, dem Personal Worte in den Mund legen zu wollen, von denen man nicht überzeugt ist.Und überhaupt: Kleinigkeiten können so viel bewirken!

Pardauz. Das da unsereins noch nie drauf gekomme

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Was glauben eigentlich diese Verantwortlichen, was wir den ganzen Tag mit den Menschen plaudern? Wie wir bisher mit all den Patienten/ und Angehörigen kommuniziert haben?

Mit Zeichensprache?

Mittels Tourett-Syndrom: „Na du alte Pimmelnase? Warum kommst du denn ausgerechnet zu uns, du Schwachmat? Muss das sein, du Vollposten?“

 

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Statt also ordentlich vom Leder zu ziehen und mal alle richtig anzumaulen, sollten wir – wenn möglich (ist ja nur eine kleine Anregung) lieber sagen:

Ich bemühe mich!

Ich kann das nicht beeinflussen, helfe Ihnen aber gerne weiter!

In unserer Klinik sind sie bestens aufgehoben.“

Gut, dass Sie zu uns gekommen sind!

 

Schnell! Holt mir einen Tisch, damit ich meinen Kopf draufknallen kann.

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Freunde. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, sowie grundlegende Kenntnisse von Höflichkeit und Respekt dem anderen gegenüber sind – neben Fachwissen – durchaus Kompetenzen, die wir drauf haben. (Ausnahmen bestätigen immer die Regel!) Wir arbeiten Tag und Nacht mit Menschen. Noch dazu in Krisensituationen. Wann oder wo wenn nicht in einer Notaufnahme würde man es besser lernen? ( Generell überall da, wo das Leben stattfindete und wo Menschen miteinander reden müssen.)

Hier lernt man sehr schnell Strategien, wie man mit Menschen kommunizieren muss, damit der Laden läuft. Verängstigte Patienten, murrende, wartende Angehörige, überarbeitete Ärzte und Kollegen – mit all denen sprechen wir jeden Tag. Überzogene Erwartungen, demütige Hilfeanrufe, besoffene Mitbürger, schüchterene Jugendliche mit Kaugummi im Mund, besorgte Eltern, hysterische Lebensgefährten – all das und noch viel mehr kommt zu uns. Und dann kommt dieses Komitee von Menschen zusammen und erfindet das Rad der Kommunikation für uns neu. Hurra. Endlich!

Wir arbeiten mit Menschen. Manchmal findet man einen Draht zueinander, manchmal missversteht man sich von der ersten Sekunde. Aber ich kenne niemanden, der sich ständig, stets und immer daneben benimmt und für den diese Hilfestellung Sinn ergeben würde.

Was im Supermarkt nervig für Kunden ist, wird in einer Notaufnahme schnell zur Farce.

Menschen merken, wenn man es ehrlich mit ihnen meint. Ich muss Patienten nicht mit Floskeln beglücken – ich muss meinen Job anständig machen.

Einer unserer Ärzte probierte es neulich aus: Als der Herr mit seinem Oberarmbruch kam, begrüßte er ihn freundlich und einem gütigen Lächeln auf den Lippen:

„Gut, dass sie gleich gekommen sind!“

Hätte der arme Mann gekonnt, hätte er ihm den Vogel gezeigt. Oder ihm am liebsten eine reingeknallt. Da bin ich mir sicher.

 

Es könnte einen natürlich auch der Verdacht beschleichen, dass hier ein Mangel behoben werden soll, der an ganz anderer Stelle stattfindet. Eine Patientenzufriedenheit lässt sich nicht dadurch herstellen, dass man hohle Phrasen drischt. Sie wird durch schnelle und kompetente Hilfe erreicht. Mit ausreichend Personal, einer vernünftigen Ausstattung und Infrastruktur innerhalb einer Klinik. Dann bleibt auch Zeit für wahre und aufrichtige Freundlichkeit. Und für das, was Authentizität heißt und die überall hochgelobt wird und selten gelebt werden darf.

„Mein ist die Rache und die Vergeltung für die Zeit, da ihr Fuß wankt. Denn nahe ist der Tag ihres Verderbens, und was ihnen bevorsteht, eilt herbei.“ (5. Moses 32,35 – es passt so gut!)

Ich bin die Arya Stark der Notaufnahme. Ich vergesse nie.

Ich werde auf euch Phrasenerfinder warten. Ich werde euch mit euren wohlwollenden Sätzen zuquatschen, bis euch die Ohren bluten.

„Oh. Ein schlimmer Beinbruch! Herr/Frau XY  – Immer beim Namen nennen! Das schafft Vertrauen! – Gut, dass sie gekommen sind! Ich werde mich um Sie bemühen. Ich suche gleich einen Arzt, der sich um Sie kümmert. Hoppla. Keiner da!  Das sage ich natürlich nicht. Ich werde sanft weitersprechen: Heute ist viel los, aber es wird nicht allzulange dauern. Dabei halte ich meine Nase fest, damit sie nicht wächst, wie bei Pinocchio.

Bitte haben Sie ein wenig Geduld, ich tue mein bestes, um Sie gleich zu versorgen.

Ich werde dabei milde  lächeln und zum Abschied säuseln: Empfehlen Sie uns weiter, wenn Sie zufrieden waren.

 

 

 

#metoo #wirsindviele #empörteuch

 

Staatssekretärin Chebli fühlt sich sexistisch belästigt. Jemand nannte sie „jung und schön“. Ich möchte das nicht bewerten. Weil? Weil ich weiß, dass diejenigen, die sich oft mit Genderperspektiven auseiandersetzen und diejenigen, die das nicht tun, oft nicht verstehen. Der Durchdringungsgrad ist nicht sehr hoch. Gleichwohl, sie fühlt sich sexistisch belästigt – wer bin ich, dass […]

über #metoo. Krankenschwestern und sexistische Kackscheisse! — monjaschuenemann

 

Diesen Text von Monja hatte ich auf Facebook und auf Twitter geteilt.

Es gab unglaublich viel Resonanz darauf. Manches war erschütternd.

Meine Damen – meine Herren: Wir sind viele. Es liegt an uns allen, aus diesen schrägen Geschichten etwas Gutes zu machen. „Nein“ zu sagen. Aufzustehen. Der/dem anderen beizustehen und nicht wegzuschauen.

Die Zuschriften von Euch auf der Facebookseite sind nicht  sang-und klanglos verhallt. Sie haben ihren Platz in der Öffentlichkeit gefunden. Das ist ein erster Schritt. Doch lest selbst, wie es weitergeht:

https://wordpress.com/read/feeds/23501072/posts/1651472687

 

 

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