Ines Meyrose  von image&impression  las meinen Blogbeitrag zu „Ihr Lappen!“ Spontan fragte sie an, ob sie einen Gastbeitrag für dieses Blog/ diesen Blog schreiben darf. Eine Stil- und Imageberaterin! Auf meinem Blog! Schwester – euer Fläschchen.

(Oder ist es vielleicht doch so, wie einst in der Danone-Werbung mit dem Slogan: „Irgendwann kriegen wir euch doch!“ ?)

Mit Stil und Image ist jes ja in einem Krankenhaus nicht wirklich weit her. Auch wenn ich enthusiastisch jedem Patienten im Krankenhausnachthemd mit dem unauffälligen, leicht floral-angedeutetem Muster sage: „Ja doch- das können Sie durchaus tragen!“. Manchmal zupfe ich noch eine kleine Falte zurecht. Dann wirkt es fast wie Mode. Wie Stil. Wie „nicht -am- Hintern -offen“. Trendy, kleidsam und schick.

Ines jedenfalls trat eines schönen Tages als Patientin durch die „Heiligen Pforten“ einer Notaufnahme. Hier ist ihr Bericht. Vielen Dank dafür. Es ist immer interessant, was sich hinter der Tür abspielt. So oder so herum. Und: … eine „langweilige Spießertussi“ bist du sicherlich nicht, Ines!

 

 

Gastbeitrag einer Patientin

Stilberaterin-Ines-Meyrose-2016
Ines Meyrose

Kein Mensch lässt sich gerne ins Krankenhaus einliefern und kein Mensch ist gerne Kunde in der Notaufnahme. So meine Überzeugung. Eines besseren wurde ich – ein paar Tage vor Weihnachten – bei meinem letzten Aufenthalt in der Notaufnahme belehrt. Zitat des untersuchenden Arztes: „Ich glaube, sie haben keinerlei Vorstellung von dem, was wir hier erleben.“

Ja, da hat er wohl recht. Und ich bin froh darum, mir das offenbar noch nicht mal vorstellen können, was einige Menschen an einem frisch bezogenen (fremden) Bett, servierten (furchtbaren) Mahlzeiten und einem Fernseher vor der Nase finden können, so dass sie dafür freiwillig ins Krankenhaus gehen.

 

Ich wurde damals nach viel Überredungskunst meinerseits inkl. Einsatz brauner Augen an der Seite meines großen, starken Mannes mit einem langen Rezept zur Behandlung zu Hause entlassen. Gut so … bis letzten Monat … da hat es mich wieder in die Notaufnahme verschlagen. Dieses Mal in das andere Krankenhaus in der Nähe. Und das war so …

Gerade sitze ich in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Hamburg. In dem Stadtteil wohnen Menschen mit viel Geld, viele Arbeiter und reichlich Migranten. Alles schön voneinander abgegrenzt in dem großen Stadtteil verteilt – im Gegensatz zum Wartezimmer. Ich bin natürlich die einzige „Normalofrau“ dort. Die Notaufnahmeschwester – die vom Krankenhaus vor Ort, nicht die hier vom Blog – hat sich zweimal entschuldigt, dass sie mich bei der Aufnahme nach meiner Staatsangehörigkeit fragen muss. Offenbar gibt es Menschen, die die Frage nicht mögen.

 

Schön war das Gesicht der Notaufnahmeschwester bei der Antwort auf ihre Frage, wie lange ich die Beschwerden denn schon hätte: Zwei Wochen. „Zwei Wochen?!?“ Ja, die ersten Beschwerden, aber seit zwei Tagen sind sie viel weitergehend geworden und eben nicht mehr zu ignorieren. Sie spricht ganz ruhig und tief konzentriert atmend: „Ich frage nur, damit ich Ihren Fall hier einordnen kann“. Ich denke nur: Oh nein, Triage. Das Wort habe ich bei der Notaufnahmeschwester – der vom Blog – gelernt im Beitrag https://notaufnahmeschwester.wordpress.com/2016/06/30/was-ist-ein-notfall-und-wie-lange-dauert-das/ .In dem Moment ist klar, dass ich Prio ganz weit hinten bekomme … super … aber nützt ja nichts. Ist insofern schon richtig, als dass es sicherlich deutlich dringendere Fälle gibt. Ich habe ja schon Glück, dass an der Aufnahme keiner vor mir dran war.

 

Von der Notaufnahmeschwester am nächsten Tresen gibt es ein schickes Bändchen.

Krankenhaus-Patientenarmband
Bändchen – sowas schickes gibt es in „meiner“ Klinik (noch) nicht.

Verloren geht hier keiner. Fotografiert werden die Bändchen später im Wartezimmer instagramtauglich nur von Menschen mit offensichtlich teurer Kleidung. Die anderen haben andere Sorgen, ein Privatleben oder kein Instagram?

 

Der alte Mann neben mir trägt blütenweiße Baumwollsocken in schwarzen Glattleder-Plastiksohlen-Schlüpfschuhen – das Wort Loafer wäre nicht passend – zur ordentlichen Tuchhose. Das sage nochmal wer, weiße Socken in schwarzen Schuhen zur Anzughose wären ein Mythos. Der Mythos lebt neben mir.  Gerade rauscht ein Moncler-Pelzkragen-Daunenjacken-Pärchen mit blonder Teenie-Tochter rein. Die sind sich sogar zum Grüßen beim Betreten des Warteraums zu fein …

 

Schon lustig, die Leute zu beobachten und zu überlegen, wer wohl wo wohnen könnte, welchem Beruf nachgeht und wie das Bankkonto aussieht. Dicke Jacke ist ja nicht immer gleich zu setzen mit dickem Konto … Was die wohl über mich denken? Dunkelblau vom Kaschmirrolli über die gerade geschnittene Jeans bis zu den schlichten Stiefeletten. Goldener Schmuck: nur Uhr und Ehering. Selbst die Perlenohrringe sind zu Hause geblieben. Schlichte Lederhandtasche. Langweilige Spießertussi vermutlich.

 

Ich warte hier seit einer Stunde auf die Überführung auf Station. Ja, ich bin also wirklich ein Notfall. Dennoch war die Ärztin nicht begeistert davon, dass einer der Gründe für die Einweisung durch den Facharzt war, dass im Krankenhaus Untersuchungen schneller gemacht werden können.

 

Überrascht hat mich, dass die Ärztin mich zweimal gefragt hat, ob ich vom Fach sei. Sehe ich aus wie eine Ärztin? Ist mir neu. Der Grund für die Annahme war, dass ich mich sofort zum Facharzt begeben habe, ihr Symptome und ausgeschlossene Diagnosen darlegen konnte und nicht zuerst zur Hausärztin gegangen bin. Na dann … ich erlebe glücklicherweise mehr Qualifikation auf ihrer Seite. Ich warte geduldig weiter und frage mich, ob ich meinen Laptop hätte mitnehmen sollen, um die Zeit mit Arbeit zu überbrücken.

 

Dank der bloggenden Notaufnahmeschwester weiß ich: Hier wird niemand vergessen! Ich bin tapfer und frage nicht nach. Allerdings frage ich mich, mit wem man hier ins Bett gehen muss, um ein Wasser zu bekommen. Einigen Menschen wird explizit eins von hinter dem Notaufnahmetresen aus aufgedrängt. Dabei hatte ich sogar eins dabei. Eins. Memo an mich: Nächstes Mal mehr Wasser mit in die Notaufnahme nehmen. Und den Laptop. Wobei der wohl geht-so-gut ankäme … Der Mann mit den weißen Socken ist zauberhaft zu seiner Frau. Da sieht man mal wieder: Socken sind doch einfach nur Socken.

 

18:30 Uhr. Ich bekomme Hunger. Das, was ich später von der freundlichen Servicekraft auf der Station bekomme, sieht allerdings ganz anders aus als die Sterneküche auf Instagram.

 

Ich will mein Leben zurück!

 

P.S. Ein guter Draht zum Personal auf der Station baute sich durch Farbberatung on-the-fly während der Untersuchungen auf. Das kommt dabei heraus, wenn Ärzte und Schwestern nach dem Beruf der Patienten fragen …

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