Weil ein Krankenhaus umstrukturiert und weil an einem Nachmittag ein großes Computer-Update der benachbarten Klinik vorgenommen werden musste und weil und weil und weil – kurz gesagt also: #ausGründen, hatten wir in einer Schicht chirurgische Kindersprechstunde.

Natürlich kommen auch Kinder in die Notaufnahme, in der ich arbeite. Aber tatsächlich ist es eher die Ausnahme und nicht die Regel. Die Geschichte mit Fieber, Schnupfen, Heiserkeit sowie Ohrenschmerzen  und was sonst eben noch so einem Kind das Leben schwer macht, bleibt uns erspart.

Das interessante  sind – neben den verletzten Kinder – die verschiedenen Elternmodelle, die man beobachten kann. Höchst spannend. Sehr lehrreich.

Eltern wollen grundsätzlich das Beste für ihr Kind (die meisten GottseiDank zumindest).

Wer versteht das nicht besser als ich, die selbst drei Kinder hat. Leider haben meine Kinder das „Pech“ eine Notaufnahmeschwester zur Mutter zu haben. „Abwarten, Tee trinken, hochlagern und kühlen“ kennen sie zu genüge. Ich glaube,  ich war in all den Jahren einmal mit dem Kind in  der Notaufnahme.  Da rief dann der 11- jährige: „Macht Platz – ich habe einen Männerschnupfen!“ In Wahrheit hatte er einen gebrochenen Finger und eine Mutter, die sich heimlich wegschmiss vor Freude, dass das Kind einen Hauch von Ironie geerbt haben könnte.

Ich/wir hatten also insgesamt Glück gehabt oder vieles richtig gemacht. Und wegen vielem, bei denen andere die  Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, habe ich ein Pflaster aufgeklebt. Erfahrung rockt.

Die wiederum fehlt natürlich den meisten Eltern, die an diesem Tag kamen. Oder es fehlt die Oma von früher, die mal einen Blick drauf wirft und Niveasalbe sehr wichtig und konzentriert auf schmerzenden Gelenke salbt. Manchmal fehlt auch der gesunde Menschenverstand, das tiefe Durchatmen, wenn das Herzenkind blutet oder weint.

Vielen Eltern scheint die Selbstverständlichkeit im Umgang mit kleinen Kindern verloren gegangen zu sein. Mit Krankheiten und Erste Hilfe Maßnahmen erst recht. Alles kreist ausschließlich ums Kind. Was fehlt sind wahrhaftige Vorbilder. Familienrudel mit der berühmten Omma als erfahrene Ratgeberin. 


 

Hektische Stimme an der Sprechanlage: „Ich habe hier einen Notfall!“

Vor der Tür steht eine gelangweilte 12-jährige mit rosa Strähnen im Haar und kaut Kaugummi. Neben ihr wedelt Mutti mit der Krankenkassenkarte. Sie scheint Erfahrung zu haben. „Sie ist gerade schlimm umgeknickt. Und zu Sicherheit sind wir gleich gekommen.“

Nun hat unsere Klink neulich eine Art  Leitfaden herausgebracht, in dem man nachlesen kann, wie man mit Menschen und Patienten sprechen soll. Nicht, dass wir es die letzten Jahre groß anders gemacht hätten – aber gut. Wenn wir es denn offensichtlich brauchen…..“Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis“.

Daher sagte ich freudig, gemäß der Leitlinie: „Wie gut, dass sie gekommen sind!“

Die Mutter schaut irritiert. Ich lächel freundlich.

„Gebrochen hat sie nichts. Aber zur Sicherheit sind wir da!“

„Verstehe!“

Fassen wir zusammen. Ein Notfall steht vor der Tür, der nichts gebrochen haben mag- aber trotzdem ein Notfall zu sein scheint und jetzt zur Sicherheit da ist.

Natürlich röntgen wir das Mädchen mit den rosa Haaren. Immer drauf mit den Röntgenstrahlen. Zur Sicherheit eben.

Als die Ärztin  die Bilder mit der Mutter bespricht, sagt Mutti triumphierend: „Hab ich doch gesagt, dass sie nicht gebrochen hat!“ Das Mädchen bläst den Kaugummi auf.

Warum sie jetzt genau und zu welcher Sicherheit da war, erschließt sich mir nicht so ganz.

Aber es war schön, dass sie da war und ich die neuen Leitlinien“ Freundlichkeit für jedermann“ anwenden konnte. Immerhin.


 

 

Vor der Tür steht Vater, Mutter und zwei kleine Kinder. Einer der beiden Kinder, ein 9-Monate alter, munter grinsender Bursche hat ein Pflaster um den Finger.

Ich bitte ich die Eltern zu entscheiden, wer mitgeht und wer mit dem anderen Kind vor der Tür bleibt. Für eine Familie dieser Größe ist das Behandlungszimmer nicht ausgerichtet.

„Ich geh“ , sagt die Mutter. „Bei dir heult er immer!“

Sie möchte los.  Aber da hängt sich das andere Kind, offensichtlich ein Mädchen – wie man an den vielen Glitzerglimmerrosapaillettengedöns sieht- an ihre Hose und lässt nicht mehr los.

„Nimm du sie bitte“, sagt sie zu ihrem Mann. Er streckt die Hand aus. Das kleine Mädchen schlägt sie aus und klammert sich an Mutti. 

„Sie will nicht!“, sagt er.

„Dann nimm sie halt auf den Arm!“, herrscht sie ihn mit einer Mischung aus Erschöpfung, Überforderung und Zickigkeit in der Stimme an.

„Aber sie will doch nicht!“

In der Phase, dass Kinder auch mal sanft gezwungen werden müssen um mitzugehen, oder dem anderen nicht die Schippe auf den Kopf zu hauen sowie nicht die Regale  in Supermärkten auszuräumen, sie noch nicht. Das Kind ist der Chef. Der Wille befiehlt.

 

Ich gehe noch einmal weg, lasse sie es klären und hole sie später herein.

Die Mutter hat einen angestrengten Zug um den Mund. Das Kind bekommt ein neues Pflaster, die Mutti von mir einen Lutscher. Jungmutterschaft ist ein anstrengendes Geschäft. Überforderung und Müdigkeit die ständigen Begleiter. Ich versteh es. Und auch die Panik, wenn sich dann eines verletzt hat,  kann ich nachvollziehen. Ebenso den Grant darüber, wenn der andere sich derart hilflos anstellt, dass man schreien möchte.

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Bildquelle: Pixabay

 

 


Der Vater sitzt mit dem Kind auf dem Schoß auf der Liege und wartet, dass der 4-jährige genäht wird. Die Kopfplatzwunde am Hinterkopf ist rasch versorgt. Der Vater macht das gut, ruhig und gelassen.

„Geimpft? Ich weiß es nicht. Das macht alles meine Frau. Die hat es aber nicht so mit dem Impfen. Das findet sie nicht so gut.“

„Einen Lutscher zur Tapferkeitsurkunde? Nein – vielen Dank. Meine Frau mag es nicht, wenn die Kinder so viel Süßkram essen. Wir haben Gummibärchen dabei!“

Er packt die Tüte  aus  und der Junge greift beherzt zu. 

Ich überlege immer noch, wo der Unterschied zwischen Zucker und Zucker sein mag. Vielleicht die längere Verweildauer? Ich komm nicht drauf.


 

Und so geht es den ganzen Nachmittag munter weiter.

Soziologische Feldstudie in Sachen Elternschaft und Umgang mit Blessuren. Höchst spannend und lehrreich. Aber das erwähnte ich schon.  Ich bin trotzdem froh, dass wir in unser Klinik keine Kinderstation haben.

Am liebsten möchte man (ich)  manchen Eltern über die Haare streichen oder sie in den Arm nehmen und sagen: „Alles wird gut. Keine Panik. Das verwächst sich wieder. Habt keine Angst. Macht euch nicht so viele Sorgen. Das wird schon!“

Und manchmal möchte ich sie schütteln.

 

 

 

 

 

 

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