Ich konnte mein 20 jähriges Dienstjubiläum feiern. Also nicht richtig, weil ich zur eigentlichen Feierstunde nicht zugegen war.

Auf einem Zettel habe ich also nicht angekreuzt, dass ich komme, sowie der Freigabe von Fotomaterialien zustimmen, noch bei einem geselligen Beisammensein mit anderen alten Schachteln Jubilaren zugegen sein würde.

Fast war ich untröstlich. Das schöne Händeschütteln, der Fototermin, der kleine Empfang mit alle den wichtigen Menschen der Klinik fiel also aus Terminschwierigkeiten für mich aus.

Aber das macht ja nichts. Ein Dankeschön reicht! Das erwärmt das Herz und bezaubert den Verstand.

Doch man hatte mich nicht vergessen.

Heute kam ein dicker Briefumschlag in DIN A 4 Format. Der Gatte dachte schon wunderwelts, was das sein mochte. So hochoffizielle Post vom Arbeitgeber in diesem Format bekommt man nicht oft.

Drinnen war eine güldene Hülle, eine auf Büttenpapier geprägte Urkunde, ein handlich zusammengerollter, roter Teppich sowie überschwängliche Danksagungen für die letzten 20 Jahre. Und ein dicker Scheck.

Vor Freude fielen mein Gatte und ich uns – mit Tränen in den Augen – in die Arme.

Das ist die Anerkennung, die man sich wünscht. Eine Annerkennung, die Freude macht. Eine Annerkennung, die ihresgleichen sucht.

Dann sahen wir genauer hin.

Die Hülle war aus Pappe, die Urkunde aus etwas festerem Papier, der dicke Scheck entpuppte sich als Citygutschein. Dreimal 10 Euro.

„Das ist doch Ironie?“, fragte mich die 87-jährige Omma des Herzens, als ich mit ihr zum Einkaufen fuhr, damit sie es etwas leichter hat im Leben. „Oder? Das kann doch nur Ironie sein. Oder soll das deinen Wert darstellen, nach 20 Jahren?“

Schnell – ein Witzchen:

Treffen auch drei Freundinnen und stellen fest, dass sie alle Dienstjubiläum hatten.
„Das war super!“, sagt die erste. „Von meiner Gratifikation habe ich mir ein neues Auto gekauft.“
„Spitze!“, sagt die nächste. „Ich hab mir zwei Wochen Griechenland gegönnt. Fett mit Pool und Komfort – und zurück.“
„Und du?“, fragen beide. „Was hast du bekommen?“
„Einen Pulli!“
„Und den Rest?“
“Den hat meine Mutter bezahlt! „

Ach Freunde, in der Pflege darf man nicht in solchen bürgerlichen Kategorien denken. Da muss man mit Herz, Liebe und Gedöns zufrieden sein. Das „Dankeschön“ unsere zufriedenen Kunden sollte uns reichen. Und wem das nicht passt, der kann ja gehen – sagt der Sandro.

Ironie?

Ich glaube nicht. Es ist die Geste, die zählt – nicht wahr?

Nach vier Stunden Öffnen dieses Briefes bin ich immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil ein „gut gemeint“  gleichzeitig „schlecht gemacht“ sein kann. Weil sich Arbeitgeber über den Wert langjähriger Mitarbeiter wirklich nicht im Klaren zu sein scheinen  (und das in Zeiten eines fiesen Pflegenotstandes).  Weil es einfach lächerlich ist, dreimal 10 Euro beizulegen.

Da wäre ne Tüte Gummibärchen, ein halbes Jahr Brötchenservice an freien  Wochenenden (da kämen sie weitaus günstiger sogar *hemmungsloses Gelächter*), oder auch „nichts“ irgendwie cooler gewesen. Ich undankbares Ding aber auch.

So bleibe ich ratlos zurück und überdenke nun meinen Wert.

Vielleicht  lasse ich mir von all dem Zaster ein T-Shirt drucken? Falls es nicht reichen sollte, könnte ich immer noch meine Mutter anpumpen.

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„Dreißig Euro! Das ist doch super!“, sagt mein Sohn, der die Omma des Herzen mit zum Einkaufen begleitete. Er bekam von ihr eine Tüte Chips und 5 Euro als Dankeschön. Weil sie sich so gefreut hatte, dass er half und da war. Das Einkaufen dauerte 45 Minuten.

 

 

 

 

 

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