Ein Gedicht, dass mich fast schon mein ganzes Leben begleitet und tief berührt ist „Wer bin ich?“  von dem Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb es als Gefangener in einer Zelle Berliner Militärgefängnisses.
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschli
cher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Dietrich Bonhoeffer)
Ich habe diese wunderbar, berührende Gedicht ein wenig umgeschrieben. Natürlich lässt sich die Situation der Pflege nicht mit den Gräueltaten der NS-Zeit vergleichen. Mit geht es hier um die Frage alle Fragen.
Der äußere Schein, der gewahrt werden will und muss und das Innenleben harmonieren nicht immer – um es mal vorsichtig zu formulieren.Und das müssen sie auch nicht. Der Mensch lebt nun mal eben in diesem Spannungsverhältnis. #isso.
questions-1922476_960_720
Bildquelle: Pixabay
Wer bin ich als Pflegeperson?
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich liefe über die Flure der Notaufnahme
gelassen und kompetent und mit Humor gesegnet
wie eine Gutsherrin aus seinem Schloss.
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit Kollegen, Ärzten, Patienten und Angehörigen
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Stresses
gleichmütig, lächelnd und scherzend,
wie eine, die Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, gestresst, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach den nächsten freien Tagen, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach maßvollem Handeln der Ärzte, nach einem Dankeschön, nach Gummibärchen,
dürstend nach Annerkennung, nach Kollegen, mit denen man gerne und gut arbeiten kann, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Patienten in kritischem Zustand
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von der Pflege Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
 
Bin ich denn heute diese und morgen eine andere?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Notaufnahmeschwester/Dietrich Bonhoeffer)
Advertisements