Endlich Frühling!

Ich liebe den Frühling nicht nur wegen der verschwenderischen Natur, die sich Tag für Tag aufs Neue zu übertreffen scheint. Nicht nur wegen der wunderbaren, betörenden Gerüche, die einem auf Schritt und Tritt in die Nase steigen. Nicht wegen der kleinen Star- Wars -Schlachtflottenkampfgefechtsgeräuschen der ganzen Sumsen, die man aus jedem Strauch hört. Auch nicht nur wegen der Sonne, die Herz und Hirn erwärmt – bis zum ersten Sonnenbrand. Auch nicht, weil ich nun wieder die Fenster nachts offen lassen kann und der Jugend, die mehr als gutgelaunt und sehr lautstark an meinem Haus vorbeizieht, zuhöre.

Ich liebe den Frühling, weil sich ab jetzt vieles in der täglichen Arbeit vereinfachen wird.

Es wird nun bald nicht mehr von Nöten sein, sich der Kälte entsprechend anzuziehen.

Und das sieht bei vielen Frauen ab einem gewissen Alter gerne wie folgt aus:

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Bildquelle: Pixabay

Zunterst kommt die Strumpfhose.

Dann die Unterhose.

Es folgt die lange Unterhose.

Darüber ein Angora Schlüpfer.

Ober herum ein Unterhemd.

Darüber den BH.

Zur Sicherheit ein Korsett.

Gefolgt von einem Angoraunterhemd.

Der krönende Abschluß: ein Nierenwärmer.

Darüber dann das, was man sieht. Hose/ Rock mit mindestens vier, winzig kleinen Knöpfen oder Ösen. Bluse. Pullover. Wams. Dicke Jacke.

Hin und wieder wundert man sich, wie aus einer voluminösen Dame eine kleine, klapprige Gestalt wird. Wie ein kleiner Vogel, der sein prächtiges Kleid verloren hat.

Die Männer sind ebenfalls verfroren. Aber bei weitem nicht so aufwendig an der Kältefront, wie in die Damen. Die langen Unterbuxen werden von selbstgestrickten Socken am Bein gehalten. Unterhemd. Angoralangarmhemd. Darüber ein Nierenwärmer. Langarmshirt. Hemd. Shirt. Wams.

Achtung. Es folgt eine tragische Geschichte (Kleine Abscheifung. Ihr kennt das):

Meine Freundin erzählte mir neulich, dass der Nierenwärmer ihres Opas „Peterle“ hieß. Peterle war die Haus-und Hofkatze. Heiß geliebt von meiner Freundin. Sie schlief im Stall. So war das auf dem Land. Ins Haus? Die Katze?  Um Himmel Willen. Verhätschelte Großstadtkatzen schlafen im Haus. Die gemeine Landkatze nicht. Sie streicht durchs Revier und fängt Mäuse. Bis Peterle eines Tages überfahren wurde. Meine Freundin litt sehr. Der Opa sah den Kummer und scheute keine Kosten und Mühen, sie zu trösten. Er brachte Peterle weg. Eine Woche später war er wieder da. Als Fell. Als Nierenwärmer. Als Erinnerung für meine Freundin. Peterle forever. Das sind die Traumata der Landkinder. Gut gemeint vom Opa. Meine Freundin schaute Peterle nie wieder an. Dem Opa allerdings leistete Peterle viele Jahre lang gute Dienste. Nierenprobleme hatte er jedenfalls nie.

Warum erzähl ich so ausführlich über die Klamottengewohnheiten der älteren Herrschaften?

Weil es den schönen Satz gibt: Keine Diagnose durch die Hose.

Und alles, alles, alles runter muss.

Ausziehen! Alles.

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Bildquelle. Pixabay

Dicke Jacke. Wams. Pullover, Bluse, Rock mit Knöpfen. Nierenwärmer, Angoraunterhemd. Korsett. BH. Unterhemd. Lange Unterhose. Angoraschlüpfer. Unterhose. Strumpfhose.

Das ist mitunter ein Kunststück, die Damen und Herren aus ihren Klamotten zu pellen. Sie kommen ja auch nicht zum Spaß, sondern weil sie krank sind. Der Beschäftigungslevel ist mitunter sehr hoch, weil die besondere Herausforderung darin besteht, sie aus ihren 97 Schichten möglichst schmerzfrei zu pellen.

Und ja. Es kann auch ätzend sein. Lang dauern. Schmerzen bereiten. Verzweiflung hervorrufen, weil du die vielen kleine Häckchen und Ösen ums Verrecken nicht aufbekommst.

Schicht für Schicht wird freigelegt.  An der Wäsche kannst du unfassbar viel erkennen. An dem „Prozess“ des Ausziehens ebenfalls. Manche haben Dinge an, die kennt man heutzutage gar nicht mehr. Einige sind die in der Kunst des Stopfens mächtig. Jedes kleine Löchlein ist perfekt ausgebessert. Du kannst – gefühlt –  das ganze Leben an diesen Schichten ablesen.  Es ist wie ein soziologische Studie. Pflegezustand, Herkunft, persönliche Präferenzen, Land- oder Stadtbewohner. Du sieht die Körper, die zum Vorschein kommen. Und erkennt auch, wie unwichtig es sein kann, ob dick oder dünn, reich oder arm. An einem Punkt sind wir alle gleich.

Manche haben die neusten Modelle der Funktionswäsche an.

„Funktionsunterwäsche ist ein Segen!“, sagte mir neulich ein 76- jährige. „So schön warm!“  Na klar! Wer damit in die Antarktis fährt, wird in unseren Temperaturen auf der sicheren Seite sein.

„Immer tiptop. Man weiß nicht, wann man in ein Krankenhaus kommt!“.

Und ja: Auch Unterhosen können rosten. Man glaubt es kaum.

Dann hat du alles ausgezogen. Nächste soziologische Studie: (Man nennt es auch Krankenbeobachtung für Fortgeschrittene)  Helfen sie mit? Sind sie es gewöhnt, sich zu „überlassen“. Wie gehen sie mit Scham um . Schaffen wir es als Pflege, sie zu wahren? Das alles läuft ,nebenbei`,  während wir Gespräche über Funktionswäsche, selbstgestrickte Socken, duftende Körperlotionen sowie lila Schaumfestiger führen.

Röntgen. EKG. Blutabnahme.

Sie können nach Hause. Alles in Ordnung. Sie haben nichts.

Was????

Alles wieder auf Null:

Zunterst kommt die Strumpfhose.

Dann die Unterhose.

Es folgt die lange Unterhose.

Darüber ein Angora Schlüpfer.

Ober herum ein Unterhemd.

Darüber den BH

Zur Sicherheit ein Korsett

Gefolgt von einem Angoraunterhemd.

Der krönende Abschluß: ein Nierenwärmer.

Darüber dann das, was man sieht. Hose/ Rock mit mindestens vier, winzig kleinen Knöpfen oder Ösen. Bluse. Pullover. Wams. Dicke Jacke.

Alles Gute, Gotttes Segen und Ade.  „Auf Wiedersehen“ sagen wir in der Notaufnahme nicht so gerne.

Jetzt lässt Frühling wieder sein blaues Band, lustig  wieder flattern durch die Land. Auch durch die Unterwäscheschubladen der Patienten. Es wird herrlich.

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