„Der Patient hat wohl….“

„Er war der mutmaßliche Fahrer…“

„Er soll….“

„Möglicherweise….“

Rettungsdienstspreche bei der Übergabe. Es macht mich stellenweise wahnsinnig.

500 Eventualitäten, die alle so – oder anders – passiert sein können. Was genaues weiß man oft nicht. Aber dafür sind ja dann die kranken/ verunfallten/ besoffenen Menschen im Krankenhaus, um festzustellen, ob da was war und wenn ja was und dann: gib ihm eine 1A Behandlung.

Bevor die Diagnose „Herzinfarkt“ lautet, gibt es zahlreiche Untersuchungen. Aus gutem Grund.

Bevor eine ,gebärfreudige´ Frau zum Röntgen geschickt wird, erfolgt ein Schwangerschaftstest. Und wie oft hatten wir es schon, dass neun Monate später eine Jungfrauengeburt hätte stattfinden können, weil Stein und Bein geschworen wurde: „Nein. Ich bin auf keinen Fall schwanger!“

Bevor man sagt: „Hui – das schaut aber gar nicht gut aus!“, gibt es ein Röntgenbild.

Das alles dauert. Das geht nicht husch-husch. Man muss sorgfältig vorgehen. Mitunter dauert es deutlich länger als einem lieb ist, aber dafür ist irgendwann alles geröntgt, untersucht, vermessen und „laboriert“ und man weiß : TA-TA! Dies und das ist die Diagnose. Jenes und welches werden wir nun unternehmen, damit es dem Patienten besser geht.

Ihr Sohn hat einen „Kater“. 6 Weizenhefe auf Ex am Abend zuvor können das machen. Echt.

Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall. Wir leiten jetzt eine Auflösung des Blutgerinnsel ein.

Sie haben sich ihr Handgelenk gebrochen.

Die haben einen Herzinfarkt.

Krankenhausalltag.

Wenn ich etwas gelernt habe in all den Jahren Notaufnahme dann das, dass oftmals nichts scheint, wie es ist. Keine Diagnose durch die Hose.

Und dann kommt der „Verdacht auf Anschlag“ in Berlin. Dieser möglicherweise-  wohl- soll- mutmaßliche – eventuelle „Unfall“ am Breitscheidplatz . Was genaues weiß man immer noch nicht. Wie auch. Aber sofort springen alle auf und schreien und schreiben: ich weiß was!!!! Und vor allem: ich weiß, wer es war – zumindest aber wer schuld ist!

Alta! – So würde ich wie meine Kinder am liebsten gequält aufstöhnen. Mit ganz viel Betonung auf dem A. Also mehr so AAAALTA!

Das ist: die Diagnose schon von der Türe aus stellen- noch bevor ich überhaupt die Hose gesehen haben.

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Bildquelle: Pixabay

Kann man nicht erst einmal sichten und retten und trösten und beobachten und Fakten zusammentragen? Muss man sofort wie in der 1. Klasse aufspringen? Heftig mit dem Finger schnipsend? Wer nicht aufspringt hat schon verschissen? Hauptsache irgendwas erzählen – mit viel möglicherweise und eventuell und wohl und soll und blah und blubs?

Wieso ereifern sich die Medien und Menschen  gegenseitig, wer zuerst berichtet hat – auch wenn es der völlige Schwachsinn ist? Warum darf jeder seinen Senf dazu geben, der 500 Meter davon entfernt gestanden hat und seine Freundin geknutscht hat, als es einen „Bums“ gegeben hat?

Gibt es eigentlich noch so etwas wie Besonnenheit?

Ich möchte diesen Unfall/ Anschlag keinesfalls schön reden. Das ist schlimm.  So was braucht kein Mensch. Oder wie Oliver Kalkofe auf seiner Facebookseite schrieb:

„Doch egal, ob es ein Terrorist, Asylant, politischer Aktivist, Glaubens-Täter welcher Religion auch immer oder einfach frustrierter Einzeltäter war – oder weder noch –
falls es kein Unfall war, war es auf jeden Fall ein Idiot. Ein widerwärtig fehl geleiteter Geist, der glaubte, er könne auf irgendeine Leid oder eine Ungerechtigkeit hinweisen,
indem er anderen Menschen neues unverdientes Leid zufügt.
Das habe ich noch nie – und das werde ich niemals verstehen.
Weder bei religiös motivierten Vollidioten in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit, und auch nicht bei Einzeltätern, die aus persönlicher Frustration über das eigene vergeigte Leben andere dafür bestrafen, ob nun in einem Waffen-Amoklauf oder mit einem als Waffe benutzten Wagen oder was auch immer.“

https://www.facebook.com/kalkofe/posts/1411935605513371

Was aber auch kein Mensch braucht, sind die vielen Aufregungen und Mutmaßungen und Hasspost und Anklageschriften – noch bevor alle nötigen Untersuchungen abgeschlossen wurden.

Die Frage: Was ist das passiert und warum – also alles mit „W“ interessiert kaum einen. Aus diesen Fragen ist ein „wer ist schneller, näher, geiler“ geworden.

Um es gelinde auszudrücken: Das kotzt mich an. Spekulationen machen dabei die Menschen offensichtlich noch wuschiger als Fakten. Sich eine/ irgendeine? Wahrheit zusammenzustricken ist besser, als erst einmal abzuwarten. Facebook kann man getrost an einem solchen Tag zu klappen, denn sonst müsste man sich ein Antibrechmittel nach dem anderen in den Hintern schieben – damit man überhaupt klar denken kann.

Mimimi. ARD und ZDF berichten „erst“ eineinhalb Stunden nach dem Anschlag. JA GOTT SEI DANK. Wenigstens ein bisschen  Zeit, um mal durchzublicken, was bei so einem Chaoskatastrohpenunfallanschlag überhaupt passiert ist.

Es ist unerträglich.

So sollten „wir“ mal in einer Klinik arbeiten. Da wäre was los. Bevor wir irgendeine Diagnose hätte, wären die Menschen schon halbtot vor Angst. Nur aufgrund von Spekulationen oder den Nocebo-Effekt.

Wollen wir das? Ein Leben in Angst? Im wahren Leben oder wenn es uns schlecht geht? Die schnelle Nummer, statt erst einmal abzuwarten, um die Lage zu sichten und zu prüfen?

Hermione vom Rescue Blog schrieb:

„Populisten, Nationalisten, „besorgte Bürger“, und alle anderen, die dieser Gesinnung zuzuordnen sind, hatten gestern Abend schon Weihnachten.Das, was gestern los war, hatte nichts mit Betroffenheit oder Empathie zu tun. Das wurde höchstens geheuchelt, und oft nichtmal das. Diesen Menschen sind die Toten und Verletzten egal. Für diese Menschen war das eine vorgezogene Bescherung.“

Eine Berliner Freundin schrieb: „Zwee Weltkrieje, Hungerblockade, Pest und Cholera. Und Ihr gloobt, wir machen uns jetze int Hemde, ja? Nee, da müssta früha uffstehen.“

Freunde: lasst uns da nicht mitmachen. Lasst uns so besonnen sein, wie wir alle behandelt werden wollen in Krisenzeiten. Mit dem nötigen Ernst, Wachsamkeit und Aufmerksamkeit. Mit Empathie und ohne Handykamera und vor allem: ohne vorschnelle Meinungen und Diagnosen durch die Hose.

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