mutters_hande_o

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Das sind die Hände meine Mutter. Ein Traum für jede Krankenschwester- alleine schon wegen der schöne Venen.

Feingliedrig  sind sie – das scheint vom vielen Orgelspielen zu kommen. (Ich habe die Hände leider nicht geerbt. Super. Nicht. ) Damit hat sie angefangen, als sie ein bisschen jünger war, als ich es jetzt bin. Der Organist fehlte. Was blieb ihr übrig?  Sie spielt immer noch Sonntags Orgel. Immer mit Lampenfieber.  Aber sie spielt. Sagenhaft. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Mutter.

Stullen hat se uns auch jeschnitten. Biostullen vom glücklichen Korn. Während alle anderen Zeugs aßen, dass im Supermarkt zu kaufen war, entdeckte Muttern einen der ersten Demeterhöfe im Nachbarort, das Reformhaus und Barbara Rütting.

Erzählt mir heute einer von der Unglaublichkeit der Frischkornbreis, kann ich nur müde lächeln. Kenn ich. Kenn ich alles. Auch die wunderbare Wirkung des Obstessig in und für alle Lebenslagen. Mückenstich? Müde Beine? Krampfadern am Ende? Mach Obstessig drauf. Hilft immer. Auch von innen verspricht es Schönheit und immerwährendes Wohlbefinden.

Bei uns wurden die Stulle mit gesunder Margarine aus dem Reformhaus bestrichen, dazu ein bisschen Vitam R ( ein Hefeaufstrich. Damals dachte man noch, Hefe sei mords gesund. Quasi Maggi aufs Brot) ) –  und glücklich war das Kind.

Zu trinken gab es Apfelsaft aus den gesammelten Äpfeln der riesen Gärten. Sonntags auch mal ne Sinalco, die wir aus der Gastwirtschaft nebenan holen durften. Nie hat Limo besser geschmeckt als damals.

Wenn ich sie heute leicht verspotte (in Wahrheit bin ich auch darüber wahnsinnig stolz und beglückt), fragt sie mich mit einem Hauch von Zickigkeit und Besorgnis: „Ja – aber hat euch was gefehlt?“

Nein Muttern – uns hat es an nichts gefehlt!

Kürzlich  ist sie ist 79 Jahre alt geworden. Oder wie sie immer grinsend sagt: „So alt wird kein Schwein!“ (Stimmt – noch nicht mal auf dem Biobauernhof).

Ob sie immer glücklich oder zufrieden war? Wahrscheinlich nicht. Aber vieles ist gelungen. Es ist meiner Mutter geglück, mit Wohlwollen zurück und auch vorzublicken. Trotz allem was da gab und gibt an Bekümmernissen.

Die Zeit fliegt dahin. Vor meiner Mutter scheint sie Halt zu machen. Gott-sei-Dank! Die wenigsten fühlen sich doch so alt, wie sie laut Kalender sind. (Obwohl – nach manchen Schichten fühle ich mich wie ein sehr altes Wiesel. Plattgefahren am Wegesrand. Vor drei Tagen.)

Ähnlich überrascht ist meine Mutter über ihr Alter. Die Zahl passt nicht zu ihr.Sie hat ja noch soviel zu tun. Meine Kinder hüten und bekochen und lieben und mit feinsten Betten zudecken (-meinen Vater natürlich auch). Den Garten bestellen, die Musik beleben mit ihren Händen und ihrer Stimme. Hörspiele hören und Musik überhaupt hören und lesen und wissen und neugierig sein auf das Leben. Und ans Meer fahren und dort stundenlang laufen bis die Füße schmerzen. ( Obstessig! Ach ne – der neuste Renner ist derzeit „Pferdesalbe!“)

Meine Mutter hat keine Zeit, alt zu werden.Wann auch? Und die Vorstellung, dass ihre Hände eines Tages „kalt“ sein sollten macht mir gehörige Klumpen im Magen.

Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Bis dahin streichele ich ihre Hände bei seltenen gewordenen gemeinsamen Mittagsschläfchen. Da liegen wir dann unter feinsten Laken (meine Mutter steht auf vernünftige Qualität!) und kichern und plaudern – bis eine von uns sagt: „Aber jetzt wird geschlafen! Ab jetzt!“

Denn das sagen wir schon seit immer. So muss es sein. Am liebsten bis in alle Ewigkeit.

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