„Mimimimi“, maulte die Kollegin in der Umkleide. „Hier könnten mal wieder die Schuhe aufgeräumt werden. Kein Mensch kann so viel Schuhe auf einmal tragen, wie sie hier alle rumstehen!“

Sie hat da einen unnachahmlichen Tonfall, an dem ich schon lange übe: Leicht maulig, mit einem Hauch von Schärfe in der Stimme sowie leichte Resignation und einer Spur ,ich mach dir ein schlechtes Gewissen`! Dieser Tonfall verfehlt selten seine Wirkung. Es ist großartig. Wie gesagt: ich über noch – bin aber noch meilenweit entfernt davon. Ich könnte mir vorstellen, damit viel Freude im eigenen Leben zu haben.

Wir standen in der Umkleide und sahen nach unten. Zwei Bretter übereinander in ordentlicher Wischhöhe. (Hygiene!) Die Bretter voll.

 

„Kein Mensch!“, wiederholte sie streng. „Kein Mensch braucht so viele Schuhe, wenn man bedenkt, das in dieser Umkleide sich nur eine Handvoll Menschen umzieht!“

Ich räusperte mich. Denn tatsächlich ist es so, dass die meisten Schuhe mir gehören. Ich schaute unschuldig und unbeteiligt. Ich würde mich doch nicht outen! Nicht vor den gestrengen Augen meiner Kollegin. Und ich hoffe sehr, dass es keiner von meiner Leserschaft tut. Nicht auszudenken!

Denn: Kann eine Frau/ Krankenschwester jemals genug Schuhe haben? Aber nein! Man muss doch für alle Eventualitäten im Leben gerüstet sein. Sagen wir mal vorsichtig: das bin ich. Definitiv!

Ich habe ein Ersatzpaar, falls meine derzeitigen Lieblingsschuhe die Grätsche machen sollten. Je nach Laune gibt es sie gleich noch in verschiedenen anderen Farben: Frühlingslila für den sanften Start in den Tag.  Original aus Polen. Gut – es gibt kein einziges Luftloch in diesen Schuhen, so dass man leicht schmort und schwitzt. An unruhigen Tagen könnte ich zu den würstchenbraunen Schuhen zurückgreifen. Praktisch, wenn man schon vorher wüsste, was an diesem Tag passiert. „Malheure“ der unteren Körperhälfte würden unbemerkt am Schuh quasi vorbeigehen. Hellblau mit weißem Rand für die maritime Stimmung – sollte sie mich just überkommen. Und dann sind da noch meine absoluten Nostalgieschlappen: Ein Paar Nike, die ich mir in New York gekauft habe. Im letzten Jahrtausend. Als ich da mal für kurze Zeit wohnte. *seufzt* (Stimmt leise: Schön war die Zeit an….).

Und dann sind da noch die Schuhe, die ich an meiner Hochzeit trug. Als meine wunderschönen Brautschuhfüße nur noch schmerzten, schlüpfte ich in sie hinein. Welche Wohltat! Wer immer nur in flachen Puschen mit Fußbett herumläuft, braucht sich bei Großereignissen nicht zu wundern, wenn der Fuß „aua“ schreit.Gut, dass ich in weiser Voraussicht meine bequemen Treter an diesem denkwürdigen Tag dabei hatte.

An allen Schuhen hängt eine Erinnerung. Eine schöne Erinnerung. Jedes Paar wurde mit Liebe ausgesucht. Sie werden allerdings nicht alle gleich oft getragen – ich geb es zu.

Weiß der Geier, wie die Kollegin darauf kam, dass die meisten Schuhe mir gehörten. Hatte ich etwa nicht unschuldig genug geschaut? Oder liegt es daran, dass wir uns seit fast 20 Jahren die Umkleide teilen?

Was hatte mich verraten?

„Du kannst die doch mit nach Hause nehmen und da deine Nostalgie im Schuhregal ausleben!“, schlug sie vor.

Das fehlte noch! Meine Arbeitsschuhe in fremder Umgebung! Da fühlen sie sich nicht wohl – das weiß ich doch. Einen alten Baum verpflanzt man doch auch nicht. Den lässt man stehen und baut eine Bank rum. So schaut es aus – meine Freunde.

Meine geliebten Arbeitsschuhe zwischen den Schuhen des Gatten und den unzähligen der Kinder. Keineswegs.

Schließlich sind schon soviel der früheren Schätze weg. Clogs, Birkenstöcker, Schuhe mit Plateausohle, Turnschuhe mit Mesh, Turnschuhe ohne Mesh, gute und teure Schuhe aus Leder. Alle haben sie mich durch mein Berufsleben getragen. Mal mehr mal weniger gut. (Manche konntest du wirklich gleich in die Tonne hauen. Aber dann waren sie teuer oder gerade in Mode. Irgendwas ist ja immer.)

Ich schmiß ein Paar abgenudelte Schuhe weg. Als Alibi. Die Sohle war fast durch. Da kann man ja mal… Das muss genügen.

Der Rest bleibt stehen!

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