Es gibt Tage im Leben, die man nie wieder vergessen wird. Ich meine dabei nicht  die Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen (selten erreicht), Hochzeit, Geburt von Kindern, Anschaffung eines Haustieres oder wasserfesten MP3 Players. Nein – mehr so Weltgeschehnisse, die einem im Gedächtnis bleiben.

Gestern war so einer. Ich entspreche natürlich voll dem Klischee der kaffeeesaufenden, Klatschblätterlesenden Krankenschwester. Manche Rollen muss man einfach erfüllen – nicht wahr?

Gestern starb Prinzessin Diana. Und ihr Lover Dodi al Fayed gleich mit. Mittlerweile ist es das 19 Jahre her.

Aber in epischer Breite:

Ich war damals zwei Monate in der Notaufnahme. Monate voller Herzklopfen, massiver Spannung und Freude, in einer Notaufnahme zu arbeiten. Gott – was war das alles aufregend!

Krankheiten, Unfälle, abgeschnittene Finger. Kollegen, die alle mehr als cool waren und die nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Hammer! Das wollte ich auch.

Ein Notfall – immer her damit. Ich bin bereit. Zumindest emotional.

 

An meinem ersten Tag schob man mich in den kleinen Noteingriffsraum für kleinere Operationen. Da war ich weg vom Fenster, störte keinen und schaute voller Ehrfurcht einem Arzt zu, der einen zerbröselten Finger wieder mit Bedacht, Anmut und Können schiente, verdrahtete und verarztete.

„Gib mir mal die Knochenraspel!“

„Knochenraspel?“

„Jupp. Schrank auf. Da liegt sie. Bauchhöhe.“

Schrank auf, Bauchhöhe. Ein Dutzend Geräte, die ich bis dato noch nicht kannte. Woher auch. Ich hatte die letzte Jahre in der Dialyse verbracht. Ich war die Heldin der Venenpunktion und Bedienung von vielerlei Geräten. Aber eine Knochenraspel? Ich kann mich noch an den Schauer bei diesem Wort erinnern. Knochenrasel! Knochenraspel ist gefühlt Mittelalter.

Das hier? Oder das hier?

Ich hob alle nacheinander aus dem Schrank. Der Arzt seufzte leise. Aber weil er ein feiner Mann war, nur sehr leise.*seufz*

Der nächste Patient, den man mir zuwies, war jemand mit Verdacht auf Blinddarmentzündung. „Miss mal Fieber!“

Irgendwo im Hinterstübchen erinnerte sich etwas, dass man „oben und unten“ messen muss. Im Mund und im Hintern quasi. Yeah – Challenge geschafft. Aber: Nur wer schreibt, bleibt. Also dokumentieren. Aber wie hieß jetzt noch mal „unten“ auf „richtig“?

Ich zerbrach mir das Hirn. Anus. Anal. Unten. Hinten.

Hilfe!

Ich bin examinierte  Krankenschwester – da kannst nicht an deinem ersten Tag zum Kollegen gehen und fragen, wie „unten“ noch mal richtig heißt. NeNe! Die Blöße kann sich keiner geben.

Aber es fiel mir ums Verrecken nicht ein! Zappenduster im Oberstübchen.

Ich schrieb also oral….. hin.  Und  ganz schnell……anal……

Da kam der Arzt herein. Netterweise war der Patient auf dem Klo, sonst hätte er erlebt, wie ich gedanklich zur Schaufel griff, um mir ein tiefes Loch zu graben. Mitten in der Notaufnahme.

Der Arzt war nicht der feine Unfallchirurg, sondern ein derber Allgemeinchirurg. Ein richtiger Arsch! (Entschuldigt die Worte – aber wie sagte neulich eine Patientin: „Was wahr ist, kann man ruhig sagen!“)

Kollegen brachte er mit seiner süffisanten Art regelmäßig zum Weinen. Er hatte mehr so der Humor jenseits der Schmerzgrenze. Mich erinnerte er an einen lieben Freund, deshalb mochte ich ihn irgendwie. Jaja – das Herz ist eine merkwürdige Gegend. Und überhaupt: später amüsierte mich  bisweilen dieses  Verhalten. Denn der alte Satz heißt: „Was und wie die Leute etwas sagen – und über wen – sagt mehr über sie aus, als über denjenigen, über den sie sprechen.“ Manchmal bin ich da sehr großzügig. Und konnte ihn in seiner grantelnden Art nicht wirklich Ernst nehmen.

Ich kam also gut mit ihm klar – Arsch hin- Arsch her. Und er war großartig, wenn Patienten äußerst unhöflich waren. Eiskalte  Hundeschnauze. Ein Satz und Ruhe war im Schiff. Wohl dem, der nicht in seiner Schusslinie stand. Und manchmal auch die schützen,  die es traf und sich nicht gegen seine Unflätigkeiten aller Art wehren konnten. Fachlich allerdings war er 1A. Wie so oft im Leben: Manche können nicht alles haben und sein. Nett UND kompetent sein.

Aber das alles wusste ich an diesem Tag noch nicht.

„Notaufnahmeschwester!, so sprach er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus triefte. Dabei schaltete er durch die Nase wie Graf Mauersäge aus der Kinderbuchreihe „Burg Schreckenstein“.

„Notaufnahmeschwester – wir wollen uns  doch an den richtigen Fachbegriff gewöhnen – nicht wahr?“

„Sehr gerne!“

„Es heißt rektal. Und nicht anal!“

„Ach ja! Natürlich!“

(Her mit der Schaufel! )

So schnell fiel mir noch nicht mal ein dummer Witz ein. Gott – hab ich mich geschämt!

So fing ich da an. Es war hart – wie für allen neuen, die kommen und anfangen. Spannung und Vorfreude was kommen mag, wechselt sich mit Angstschiss in Buxe  und Pulsbeschleunigung ab.

„Ein Jahr hab ich gebraucht, bis ich keine Panik mehr hatte, wenn wieder was „Großes“ angemeldet wurde“, sagte die Kollegin. Ein Jahr! Guter Gott!

Ich war also zwei Monate in der Notaufnahme, als Prinzessin Diana starb.

Ich wusste mittlerweile, wen ich wann und warum anrufen konnte, ich kannte größtenteils den Inhalt der unzähligen Schränke. Ich hatte mit schweißnasser Stirn meine ersten Gipse alleine gegipst. Ich war auf einem guten, langsamen und steinigen Weg.

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                                           Bildquelle: Pixabay

Und nun kommt die Prinzessin der Herzen und von Wales ins Spiel.

Es war ein strahlend schöner Sonntagmorgen. Ich hatte mit dem Chef Frühdienst. Morgens um sieben war nichts los. Man hörte die Glocken der umliegenden Kirchen und wildes Vogelgezwitscher. Ein Assistenzarzt, ein hübscher, braungebrannter Kerl, saß mit uns im Sonnenschein vor der Notaufnahme. Es gab ein schlichtes Frühstück: Kaffee und Zigarette.

Der Chef holte Nachschub und kam mit Kaffeetassen und Neuigkeiten wieder. Mehr verblüfft, als ergriffen:

„Eyyy – die Diana ist dod! Und der Dodo ist auch dod.“

(Mein Chef gehörte zu der Spezies der Konsonatenschänder an. T und D ist kein Unterschied. B und P auch nicht. Kein Wunder, das ich die Panthenolsalbe nicht unter P fand. Sie lag im Fach mit B. Aber ich will nicht ungerecht sein – vielleicht wurde auch das Produkt wieder umgestellt von Panthenol auf Bepanthen.)

Diana und Dodi waren also dod und ich lache noch heute über diesen Satz, diese Aussprache, die Verblüffung, diese besondere Stimmung. Später machte der Kabarettist Erwin Pelzig die „Diana Dodi Dunnel Dour“ aus diesem tragischen Ereignis.

Das ist also der Grund, warum sich der 31. August für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Meine Anfänge in der Notaufnahme zusammen mit der „doden Diana“ an einem zauberhaften Sonntagmorgen.

 

Ich habe viel über Menschen gelernt in dieser Zeit: Alle, die an diesem Tag und auch noch lange danach kamen waren ergriffen, sehr betroffen und traurig. Dieser sinnlose, schlimme Tod. Diese wunderbare Frau.

Erst über die  Jahre habe ich diese Trauer verstanden, die diese Menschen fühlen.

Es scheint eine Art „Stellvertretertrauer“ zu sein. Schließlich kannte keiner von den Patienten die Prinzessin persönlich. Aber manches an nicht geleisteter Trauerarbeit, was man tief im eigenen Herzenkämmerlein versteckt hält und nie raus darf, ploppt bei solchen Ereignissen hoch: Endlich kann es bedenkenlos  und ohne dabei schief angeschaut zu werden, betrauert werden. Es scheint Trauerarbeit für viel eigenes im Verborgen zu sein.

Es nimmt einem keiner krumm, wenn man um eine Prinzessin weint, die man nur als der Klatschpresse kannte. Das machen ja „alle“ – nicht wahr? Das Blumenmeer vor dem Buckingham Palace zeigte es.

Und es fällt somit schier überhaupt nicht auf, wenn man eigentlich um sich selbst weint.

 

 

 

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