„Schwester! Ich muss auf die Schüssel!“ SCHWESTER! ICH MUSS SOFORT AUF DIE SCHÜSSEL!!!“

Ich stand im Nebenzimmer und machte einen Verband. (Leberschaden. Wasser im Bauch. Punktion. Auf einen Schlag 1000 ml leichter.) Nebenan lag eine kleine, zähe Dame und brauchte wahrscheinlich eher Unterhaltung und Ablenkung, denn die Schüssel. Da war sie nämlich schon fünfmal innerhalb der letzten halben Stunde – so ganz ohne wassertreibendes Medikament.

 

Ich ging zu ihr.

Die Schüssel war zu kalt. Ich war zu grob beim Unterschieben. „Ich hab da doch ein Muttermal! Herr Gott, wenn das hier so weiter geht, geh ich sofort nach Hause! Nun passen sie doch auf!“

„Nein – gehst du nicht! Da biste nämlich heute schon fünfmal umgefallen! Und überhaupt: Wie willst du gehen, wenn du noch nicht mal deinen Hintern um 5 cm nach oben heben kannst!“

(Es ist ja immer ein Rätsel, wie die älteren Herrschaften zuhause alleine so zurechtkommen, und dann im Krankenhaus keine kleinste Bewegung mehr schaffen….)

Pöng!

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Klangschale. Bildquelle: Pixabay

Mein neuster Schrei – die Glocke der Achtsamkeit.

Ein tiefer satter Ton, angeschlagen auf einer Art goldene Klangschale. Ihr könnt die App  hier kostenlos herunterladen.

„Mindbell erklingt regelmäßig als Achtsamkeitsglocke im Laufe des Tages. Dadurch können wir kurz innehalten und uns bewußt werden, was wir gerade tun, und in welchem Geisteszustand wir das angehen, was wir gerade tun. Gemäß dem buddhistischen Lehrer Thich Nhat Hanh ist dies ein wirksames Mittel, um Achtsamkeit zu entwickeln.“

Achtsamkeit. Ein Modewort. Wenn mir einer die Geschichte vom „Hier und Jetzt“ erzählt, bekomme ich leichtes Augenflackern. Zu abgenudelt. Aber so wahr. Mit den Gedanken beim nächsten Patienten, genervt von der alten Dame stand ich da.

Pöng!

Was mach ich hier? Ich weiß, was die Frau braucht (Liebe Aufmerksamkeit, Unterstützung und eine liebevolle Bettpfannenunterschiebung). Am liebsten hätte ich fluchtartig das Zimmer mit der unverschämten Schachtel verlassen. Sofort.

Pöng!

Durchatmen!

„Oh. Sie haben da eine Muttermal. Das wusste ich nicht. Das tut mir leid!“

„Knurr! Mein Mann wollte nie, dass ich das wegmachen lasse. Damals im Krieg war es ja schwierig. Da hat der Arzt gesagt: Das machen wir nächste Woche. Und dann war der OP ausgebombt. Da war ja nicht mehr dran zu denken! Und mein Mann später hat es nicht geniert!“

Ohne das Pöng der Achtsamkeit hätte ich diese Geschichte nicht erfahren. Ich hätte meine Klappe im besten Falle gehalten und hätte geschaut, dass ich schnell Land gewinne. Die Glocke hat mich erinnert, was ich hier gerade tue. Nicht nur den Topf bringen – nein: den Menschen wahrnehmen. Bei vielen Patienten am Tag kann das schwierig werden. Aber nicht unmöglich. (Und ja- ich will ehrlich sein: Es gelingt nicht immer.)

Denn es geht so oft unter, wenn der Tag hektisch ist. Wenn wir in unserer Gedankenflut weder im „Hier und Jetzt“ und auch nicht im „Da und Dort“ sind. Sondern überall. Beim nächsten Verband, Gips, Telefonanruf, Blutabnahme, Patientenaufnahme.

Wir fummeln den ganzen Tag vor uns hin und rasen durch den Tag und sinken abends ermattet auf die Couch und fragen uns: Was haben wir eigentlich den ganzen Tag gemacht?

Pöng!

Ich war da. Bei dieser Frau war ich da.

Und auch beim nächsten Patienten und beim übernächsten.

Es kann natürlich auch daran liegen, dass ich gleich mal den Pöngton auf 10 Minuten gestellt habe. Es schadet ja nicht, wenn man öfters mal den Geisteszustand per „Pöng“ angezeigt bekommt. Mehr so  „Echter Kerl – holla- ich kann nur eins nach dem anderen machen und nicht alles gleichzeitig“.

Diese schöne Beschreibung, was Achtsamkeit ist, habe ich  hier gefunden.

Was soll ich sagen: Mit hilft es im Alltag, ein Pöng zu hören. Einen Gongschlag, verbunden mit der Frage: Was tust du hier ? Machst du es mit Herz, Verstand und Können – so wie du es eigentlich immer tun wolltest?

Es ist gut, wenn man erinnert wird. Pöng!

 

 

 

 

 

 

 

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