„Wie wollen sie (…“sie dumme, kleine Krankenschwester“ schwang deutlich in der Stimme mit!) eigentlich unterscheiden, ob ich ein Notfall bin  oder nicht? Was gibt ihnen das Recht, mir meine Notfallsituation abzusprechen? “

Nun.

Nenn´es Erfahrung und Wissen, du Honk.

(Okay. Das war nicht nett.)

Also von vorne.

Was ist ein Notfall? Und wieso erdreisten sich manche Menschen (Krankenschwestern) zu unterscheiden: Och nö! Ist nicht so schlimm. Oh ja! Das ist schlimm!

In ,meiner` Notaufnahme wird seit Jahren mit dem Manchester Triage Sytem  – kurz MTS –  gearbeitet. Seitdem kann man noch nicht mal mehr sagen: Weil ich (jahrelange) Erfahrung habe, kann ich eine Krankheit einschätzen. Nein – ich habe jetzt einen „Fragenkatalog“ zur Hand, mit dessen Hilfe ich die Menschen  und ihre Erkrankungen oder Beschwerden  einschätzen kann. Es ist quasi ein Rahmenwerkzeug. Ich mag es sehr.

Es kommen täglich viele Menschen in die Notaufnahme. Und anders als beim Hausarzt ist es eben nicht so, dass die Verletzen/ Kranken/ Mühselig und Belandenen nach der Reihe ihres Eintreffens behandelt werden, sondern nach der Schwere ihrer Erkrankungen. Überraschung! Nicht wahr? Herzinfark vor Zeckenbiss.

Ich rede mit den Patienten, fasse ihre Beschwerden zusammen und das MTS  errechnet die maximale Wartezeit,  nachdem ein Patient spätestens Arztkontakt haben soll. Das wiederum ist farblich hübsch sortiert.

 

Was ist dringend? Was muss sofort behandelt werden? Was ist ein Notfall?

 

Eine kleine Reihenfolge  – Ersteinschätzung in der Notaufnahme nach dem Manchester Triage System ( Vereinfacht  – und hoffentlich leicht verständlich dargestellt).

Rot

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Wer nicht mehr atmet oder nur unzureichend, keinen Puls hat oder sonstige Zeichen eines Schocks zeigt ( Blässe, Schwitzen, sehr schneller Puls und sehr niedriger Blutdruck) ist in Lebensgefahr. Er wird „Rot“ triagiert und sofort behandelt.

Orange

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„Orange“ werden die Patienten triagiert,  die eine große Blutung haben ( Wir reden hierbei nicht unbedingt von: Ich habe mir volles Rohr in den Finger geschnitten und es blutet wie Sau). Wir reden von viiiiiiel Blut! Von Blutungen, die sich auch unter Druck nicht stoppen lassen, sondern munter weiter bluten und dicke Verbände durchdringen.

Jemand, der einen veränderten Bewusstseinszustand hat – sei es durch Alkohol oder Drogen bis hin zum Schlaganfall.

Hohes Fieber  über 41 ° zählt dazu oder Schmerzen, die als „stärkster Schmerz ever“ empfunden werden.  (Wer relativ locker vor einem steht und seine Schmerzen auf einer Skala von  – 0 = es ist alles in bester Ordnung bis 10 = ich sterbe gleich –  mit 13 angibt bekommt ein wohlwollendes Lächeln. Aha. Es tut also sehr weh. Verstehe.

Patienten, die diesen Kriterien entsprechen, werden sehr dringend eingestuft und sind innerhalb von 10 Minuten vom Arzt anzusehen.

Gelb

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Dazu zählen unstillbare, kleine Blutungen.

Berichte über Bewusstlosigkeit.

Fieber über 38,5°

Ein mäßiger Schmerz, der sich auf einer Skala von 0 bis 10 zwischen 5 und 8 befindet.

Dieser Patient sollte innerhalb einer halben Stunde vom Arzt gesehen werden.

 

Grün

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„Grün“ ist alles, was ein „jüngeres Problem“ ist.  (Jüngeres Problem ist nach der Definition vom MTS ein „innerhalb der letzten Wochen aufgetretenes Problem“.)

Leichtere Schmerzen (Auszuhalten – ohne das ich schreiend im Kreis laufen muss) Überwärmung. (Haut, die sich überwärmt anfühlt.)

Eine Körpertemperatur ab 37,5 °.

Ein gefühlter „Hausarztbetrieb“ in der Notaufnahme sieht überwiegend grün und blau  aus. Die Menschen sind verletzt, aber wiederum nicht so schlimm, als dass sie sofort vom Arzt gesehen werden müssten. Hier können tatsächlich 90 Minuten vergehen, bis der Arztkontakt erfolgen sollte.

 

Blau

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Es ist nicht dringend.

Blau ist: Ich habe schon seit Wochen hier und da ein bisschen Schmerzen. Ich wollte mal nachschauen lassen. Ach – irgendwie fühle ich mich nicht so wohl seit einiger Zeit und wollte es mal abklären lassen. Ich hab noch Licht gesehen. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als mir einfiel…. Ich hab da so ein unangenehmes Ziehen, wenn ich so mache.

 

 

Das alles sind ,generelle Indikatoren` für die Ersteinschätzung. Darüber hinaus gibt es für alle Arten von Krankheiten ,Präsentationsdiagramme`…

…von A wie abdominelle Schmerzen (Bauchweh), über Allergien und Atemnot bis hin zu Z wie Zahnschmerzen.

Von Hodenschmerzen bis Stürze.

Von Rückenschmerzen bis Krampfanfälle.

Von Kopfschmerzen bis „Betrunkener Eindruck“.

Von Selbstverletzungen bis Kardialer Schmerzen.

Von hinkenden Kindern bis sexuell  erworbene Krankheiten.

Von „Unwohlsein“  bis Überdosierungen und Vergiftungen.

Und so weiter und so fort. Es ist alles dabei- quasi von der Zangengeburt bis zur Feuerbestattung.

 

Es ist also keine Willkürlich, nach der wir einschätzen. sondern ein Standart  der über Jahre hinweg erarbeitet wurde und regelmäßig geschult wird, um Patienten gut zu versorgen. Auch, um sie einzusortieren – je nach der Schwere der Erkrankung.

Sollte sich ein Zustand in der Wartezeit verändern, kann ich das aufnehmen und die Einschätzung korrigieren. Nach unten oder nach oben.

 

Ein kleines Beispiel:

Jemand ist umgeknickt. Aua. Das tut weh. Der Knöchel ist geschwollen.

„Guten Tag! Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin gestern umgeknickt. Es tut höllisch weh.“ (Der Patient hinkt in das Triagekämmerlein. Er kann laufen – unter Schmerzen, aber es geht)

„Zeigen sie mal. Wie ist es denn passiert?“

(Man sieht eine deutliche Schwellung)

Rot: Der Patient kann reden, laufen, atmen. Also nix mit rot.

Er hat keine Blutung, kein neurologisches Defizit( Keine Taubheit, kein Kribbeln, keine Lähmung), keinen veränderten Bewusstseinszustand , weil er tatsächlich (unter Schmerzen zwar, aber immerhin) noch laufen kann –  auch offensichtlich keinen todbringenden Schmerz.

Würde er jetzt allerdings erzählen, dass er gestern unter die Räder eines Lasters  geraten ist ….. ( Naja. Ist Quatsch. Dann wäre er sofort gekommen. Also nix ist mit der Geschichte vom auffälligen Verletzungsmuster.)

Somit ist er auch nicht orange.

Er hat keine grobe Fehlstellung und es schaut kein Knochen aus dem Knöchel heraus. Bewusstlosigkeit wird auch verneint. Betrunken war er auch nicht. Der Patient ist über seinen  Hund gestolpert und dabei umgeknickt.  (Was durchaus schmerzhaft sein kann. Ich weiß, wovon ich rede.)

Der Patient wird auch nicht „gelb“ triagiert, weil nichts davon  zutrifft.

Also bleiben die Schwellung, ein jüngeres Problem und ein Schmerz um die 4 auf der Skala von 0= ich hab nix bis 10= ich sterbe. Und somit wir der Patient „grün“ eingeschätzt und bekommt einen Eisbeutel – wenn er möchte  – und die vorherigen Patienten den Eisbeutel wieder abgegeben haben. („Das kann man aber auch so gut gebrauchen! Ich hab ja sowas nicht daheim. Jetzt schon. Hurra!“)

 

Die beliebte Frage: Wie lange muss ich warten, bis ich dran komme?

Man weiß es manchmal wirklich nicht. Wir arbeiten nicht beim Amt, wo ich sagen kann: Dieses Formular auszufüllen dauert 20 Minuten. Wir arbeiten mit Menschen. Manche Versorgung braucht länger, als gedacht. Oft kommt was dazwischen.

Manchmal gibt es kaum eine Wartezeit im Warteraum – aber dann…

..muss der Arzt zu einem Notfall auf Station, staut es sich vor dem Röntgen, sind noch fünf andere Patienten, die eher vom Röntgen zurück sind, kommt der Rettungsdienst mit einem Schwerverletzten und unzählige Gründe mehr, die man im Warteraum nicht mitbekommt. Aus die Maus mit dem schnellen Arztbesuch.

Es gibt keine Husch-Husch Behandlung im Krankenhaus. Hier wird maximal versorgt, bis alles abgeklärt ist.

Es gibt nicht nur einen Patienten in der Notaufnahme. Es gibt immer mehrere bis viele, um die sich gekümmert wird. All diese Menschen bekommen – wenn es nötig ist – eine komplette Krankenerhebung, Vitalparameter, Blutabnahme, Röntgenbilder oder CT -Untersuchungen, Ultraschall, Gips oder Verbände, einen Befund, einen Artztbrief. Das schüttelt man sich nicht mal eben locker  aus dem Handgelenk.

„Das ist doch Scheiße hier – wie lange das dauert!“, schrie mich neulich ein Angehöriger an. Er kam mit seiner Frau, die seit Wochen Rückenschmerzen hatte.

Seine Frau wurde Blut abgenommen, sie bekam eine Schmerzinfusion, mehrere Röntgenbilder sowie ein CT der Lendenwirbel. Von der körperlichen Untersuchung will ich gar nicht erst reden. Und vom Schreibkram und Arztbrief.

Das dauert natürlich.

So sprach ich in Engelszungen (Deeskalation – leicht gemacht für jedermann): „Wissen sie: Überlegen sie mal, was wir bisher alles bei ihrer Frau gemacht haben. Und dann rechnen sie mal nach, wie lange das bei einem  Haus- und Facharzt dauert. Da sitzen sie nicht Stunden – das sitzen sie Wochen!“

„Knurr. Stimmt!“

Und jetzt wissen wir auch alle, warum soviele Menschen so gerne in die Notufnahme gehen. Nicht wahr? Aller Wartezeit und allem Gejammer zum Trotz.

 

Sollte ich etwas vergessen haben, könnt ihr es gerne in den Kommentaren erwähnen.

 

 Bildquelle: Pixabay 

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