Das ist eine der häufigst gestellten Fragen, die in den Suchanfragen auf meinem Blog landen. Hier und heute wird sie beantwortet.

 

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Bildquelle: Pixabay

 

Die Antwort ist : Bitte bleibt erst einmal weg!

 

Ich hole mal ein bisschen aus.

Natürlich dürfen Angehörige mit in die Notaufnahme. Das ist gar keine Frage. Ich würde auch zu meinen kranken Angehörigen wollen, wenn denen ein schlimmes Schicksal ereilt.  Und ich würde mir auch wünschen, dass ich jemanden an meiner Seite habe, der mir vertraut ist. Man fühlt sich sicherer. Nicht so alleine in der kuriosen Welt einer Klinik. Und ja. Das wissen wir!

Aber – und jetzt kommts:

Angehörige können unglaublich anstrengend/ liebevoll/  überbesorgt/ zeitaufwenig/ nervenaufreibend/  hysterisch/ fürsorglich/ nett und schrecklich sein. Wie man halt so in Ausnahmesituatione im Leben reagiert. Da ist ja jeder Mensch anders.

Was wir nicht wollen:

Da ist die Mutter, die unbedingt mitkommen will, wenn das 16- jährige Herzenbüblein genäht werden soll ( nix schlimmes). Sie fällt prompt in Ohnmacht. Der Bub muss warten – wir kümmern uns um Mutti.

Da ist die Angehörige, die schnell noch eben was mit der Schwester besprechen möchte, ehe sie das Köfferchen holt. Sie redet ununterbrochen auf die Kranke ein und hört nicht mehr auf. Wir können in dieser Zeit keinerlei Behandlungen durchführen. Anschließend werden wir von ihr gefragt, warum das hier alles so lange dauert.

Eine 33- jährige beschwert sich, dass ihr Freund nicht mitkommen darf – für die Untersuchungen. Er würde immer (!) und überall (!) dabei sein. Ohne ihn geht sie sofort und verklagt uns, wenn ihre Magenschwerzen ein fürchterlicher Tumor sein sollte, der wahrscheinlich sofort explodiert könnte.

Der Mann steht immer da, wo wir uns gerade befinden. Immer – zack – schön mitten im Weg. Schließlich möchte er genau alles sehen, was wir da so machen. Auf die Aufforderung, sich mal hinzusetzen, damit wir die Frau behandeln können, reagiert er mit kompletten Unverständnis. Er erzählt, dass er alle Folgen von „In aller Freundschaft“ und  „Emergency Room “ gesehen hat. Jetzt möchte er sich hautnah ein Bild verschaffen.

Als wir einen Patienten mit Krampfanfall versorgen, macht es hinter dem Vorgang, der die Behandlungsliegen trennt *klonk*. Der Angehörige ist wegen der Gefahrenlage, die er nur hört, aber nicht sieht, umgefallen. Er hat eine Kopfplatzwunde, die genäht werden muss. Und nein: Er wollte partout nicht gehen. Wo denken wir hin!

Ein Kumpel holt noch fünf Freunde dazu, um sein Anliegen zu unterstreichen: Freunde gehören zusammen! Auch wenn der hackedicht mit Windel um die Hüfte und vollgekotzem Bart auf der Liege schnarcht. Sie haben ein Recht, ihrem Freund beizustehen! *Hammse gehört, junge Frau? ++++Rülps++++Ein Recht! Jawoll! +++hicks++++*

Da ist der Ehemann, der auschließlich auf die Fragen an seine Frau antwortet. Sie kommt nicht zu Wort. Er hat halt auch mehr Ahnung von ihrem Körper als sie. Logisch. Die Anamnese gestaltet sich schwierig.

 

Natürlich haben alle Angst um ihre Liebsten. Hallo? Wir sind schließlich im Krankenhaus! Wer weiß, was die da alle hinter geschlossenen Türen machen. Geschlossene Türen beflügeln die Phantasie enorm.

Was wir als Personal wollen?

Den Patienten behandeln. Und zwar erst einmal nur den. Keine dazwischenquatschenden Schatten. Keine besserwissenden Angehörigen. Keine klugscheißernden *ich arbeite auch in der Branche*. Keine *ohGottohGott wird das wieder?* Paniker. Keine *ach – was hat sie schon wieder angestellt* Partner.

Wir wollen Patienten pur!

Dem Patienten gilt unsere Aufmerksamkeit. Den wollen wir sehen, versorgen, behandeln, umtüdeln, betreuen, helfen und im besten Falle heilen.

Und dann können alle dazu kommen. Erzählen und plaudern, trösten und aufmuntern.

Von manchen Begleitungen wird man dennoch als natürlicher Feind betrachtet, der offensichtlich nur Böses im Schilde führt. *Wie – ich darf nicht rein???? Bitch! Meine Schwester hat sich den Fuß umgenickt und braucht mich dringend!*

(Eine Kollegin erzählte mir von ihrer Notaufnahme: Wie einer gaaaanz nah ran kam, auf ihr Namenschild schaute und sagte: „Wenn ich nicht mitrein darf: Ich hab daheim noch ein Messer…..! Das geh ich dann mal holen.“)

Hallo? Gehts noch?

Wir sind die gute Seite der Macht. Wir helfen. Wir pflegen. Wir tragen sogar weiße Kittel als Zeichen der Unschuld.

Und dann gibt es Angehörige, die wir sofort mitnehmen. Denn: *Überraschung* – manchmal haben wir nicht nur ein Händchen für Menschen, sondern auch ein Auge sowie Gespür und merken, dass es besser ist, wenn da noch einer ist.

Ich meine nicht nur Menschen mit Behinderungen oder Demenzerkrankungen oder Kinder. Ich meine eine ganz persönliche Not, die man fühlt. Ihr wisste ja: Pflege ist irgendwann über die Jahre, auch einen 7. Sinn haben.

Dann weiß man auch, dass es klappt. Sie sitzen am genau richtigen Platz, untersützen nicht nur den Kranken sonder auch  einen sebst und es ist gut. Gut, dass sie da sind. Gut, dass sie dabei sind.

 

Liebe Menschen, wenn ihr das lest, die ihr auf der Suche nach Beantwortung der schwierigen Frage seid: Dürfen Angehörige mit in die Notaufnahme?

Ja. Ihr dürft. Aber lasst uns erst unser Arbeit machen.

Lasst uns erst ganz auf den kranken Menschen ohne Ablenkung konzentrieren. Wir holen euch dazu. Und bitte bedenkt: Ihr seid im Krankenhaus. Da dauert es immer ein bisschen länger. ( Falls es einem zu lange dauert: Rechnet doch mal in der – für euch – elend langen Wartezeit hoch, wie lange Untersuchungen bei Hausärzten/ Fachärzten und Diagnostik dauern. Blutabnahme, Röntgenbild, CT – Untersuchungen und was es da noch so alles gibt. Da sitzt ihr machmal Wochen!)

Ihr könnt uns ansprechen und wir sagen euch, wie der Stand der Dinge ist. Und wenn wir sagen: Noch nicht – dann glaubt uns. Manchmal lassen wir euch auch nicht in die Notaufnahme, weil dort Dinge passieren, die sensible Gemüter überfordern würden: Gerüche. Geräusche ( eine Gipssäge drei Zimmer weiter hört sich schauerlich an!). Untersuchungen. Demente Patienten, die schreien. Menschen, die sich übergeben müssen. Die Liste ist lang. Manchmal wollen wir euch schützen.

Manchmal sind unfassbar viele Patienten um uns herum, um die wir uns gleichzeitig kümmern. Möglicherweise verlieren wir den Überblick, wer jetzt genau zu wem gehört. Denn euer Angehöriger ist nicht unser einziger Patient. Sprecht uns an.

 

Und dann holen wir euch! Versprochen!

Noch Fragen?

 

 

 

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