Ihr kennt das: es gibt Kollegen und manchmal werden aus den Kollegen Freunde. So auch im Falle meiner Herzensdame. Zusammen haben wir vor 25 Jahren gearbeitet. Aber der Kontakt ist nie wieder abgerissen.

Ich war junge Schwester – frisch examiniert. Sie wiederum ist 20 Jahre älter als ich und so wurde sie ein bisschen meine Mentorin, Kummerkasten, Korrektiv, Vorbild.

Berliner Kodderschnauze. Direkt und unverblümt. Immer ehrlich bis zur Schmerzgrenze.

Als ich sie damals kennenlernte, dachte ich so: Entweder wird das hart – oder eine Freundin fürs Leben. Ich bin froh, dass  es nicht hart wurde.

Sie ist mit einem unglaublichen Humor gesegnet sowie einem ganz großen Verständnis für die Irrungen und Wirrungen des Lebens und der menschlichen Natur. Mit so jemanden an deiner Seite kannst du beruhigt durchs Leben gehen – glaubt mir.

Von ihr habe ich gelernt, am Telefon zu lügen. (Vorher dachte ich tatsächlich, das merkt man! Da musste erst mal drauf kommen –  ich Naivchen). Den Arbeitsplatz mehr als sauber zu halten. Mit Dinger herauszunehmen, bei denen ich als Schwesternschülerin mit Tracht und Ordnung hinterrücks umgefallen wäre. Widerworte zu geben, wenn einem Zustände nicht gefallen.  (Das war kein Bestandteil meiner Ausbildung. Gott bewahre!) Ich kenne durch sie sämtliche Schlager, die man auf eine momentane Situation umschreiben kann ( so werden Schlager tatsächlich sehr, sehr lustig!)

Gedichte und Reime sowie eine Fülle von Sprichwörtern/ Lebenssätzen habe ich im Laufe der Zeit von ihr geerbt.

Eines meiner liebsten:

Immer erst ran kommen lassen. Nicht wuschig machen lassen. Gelassen bleiben!

Entschuldigt bitte diese Lobhudelei – aber so was muss ja auch mal sein: Über Menschen schreiben, die einen geprägt haben.

Sie kennt alle meiner Kinder noch im Mutterleib und vergisst nie deren Geburtstage. Wenn ich vor meinem Kleiderschrank stehe und nichts finde, holt sie einen Sack: „Was hattest du in den letzten zwölf Monaten nicht an?“ (Man kommt sich vor wie beim MRSA Abstrichtest: Waren sie die letzten zwölf Monate im Krankenhaus?) Und dann: Zack – Tüte auf. Klamotten rein. Ruckizucki geht das. Pragmatismus ist ihr zweiter Vorname.

Ihr fällt jedes Kilo zuviel auf und jedes Gramm, das man abgenommen hat. Ihre Augen sind unbestechlich. Nicht nur bei Gewichten, sondern generell. Ein Spaziergang durch die Stadt kann ein Lehrbuchausflug der Orthopädie werden. „Schau mal – diese Schiefstellung. Der bräuchte mehr als Krankengymnastik!“ „Ah – eine Beinverkürzung. Sehr schön zu sehen!“

Das Leben ist freundlich zu ihr. Auch wenn sie harte Zeiten hinter sich hat. Aber wer jammert, hat noch Ressourcen! Jammern ist nicht ihr Ding. Sie ist einer der wenigen Menschen, bei denen du anrufst und fragst, wie es denn nun so geht und die – bis auf ganz wenige Einzelfälle immer sagt: „Ich kann nicht klagen! Alles ist hübsch.“

Und nicht nur ich habe von dieser positiven Sicht auf die Welt profitiert – sondern auch ihre Patienten und die jungen Ärzte. Dazu ist sie einfach zu lange im Geschäft, als das einer ihr erzählen könnte, wie und wo der Frosch die Locken hat.

Aber Gnade dir Gott, es kommt ihr einer in die Quere. Ich stand mal vor einem Patientenzimmer, als die zum 587 rein ging, weil die Patientin klingelte und klingelte und klingelt und klingelte. Fenster auf. Fenster zu. Vorhang weg. Vorhang zu. Wasser mit Zisch – ach nein – lieber doch ohne. „Das macht ihnen doch nichts aus?“ Pillepallekram.

Sie ging zu dieser Patientin uns bat sie, mal den Popo hochzuheben. „Warum denn das?“, fragte die Patientin. „Ich wollte nur mal sehen, ob sie vielleicht aus Versehen auf der Klingel sitzen!“ war die mehr als trockene Antwort. Danach war Ruhe im Schüff! ( Weil die aus Berlin kommt, ist ein I wie ein Ü.- Zu essen gibts Füsch! Lecker!)

Warum schreib ich darüber? Jetzt kommts.

Seit einiger Zeit ist sie offiziell Rentnerin. Ich kenne wenige Menschen, auf die dieses Wort so schlecht zutrifft. Und ist es aber so, dass sie auch nach all den Jahren immer noch gerne ihren Beruf ausübt. Warum also sich von Zahlen schrecken lassen? Also beschloß sie, weiterzuarbeiten. Halbtags. Nach einem Arbeitsleben in Vollzeit kommt ihr das vor wie ein immerwährender Urlaub. Es war ein bisschen schwierig, denn wenn auch Schäuble möchte, dass wir gerne länger arbeiten: in der Wirklichkeit wird das nicht gerne  gesehen. Aus welchem Grund auch immer. Der Betriebsrat tat sich schwer. Um es mal höflich zu formulieren. Die Pflegedienstleitung nicht. Und die Sationsleitung erst recht nicht. Sie alle kennen eben die Qualitäten meiner Herzensdame.

Warum das so ist, hab ich immer noch nicht begriffen. Denn sein wir mal ehrlich. Wieviele Schwestern und Pfleger kennen wir in diesem Beruf, die bis zur Rente da sind? Ich kann sie – bei angestrengtem Nachdenken – an einer Hand abzählen. Krank, abgearbeitet, reich geheiratet. Da findest du kaum noch jemanden. Und schon gar nicht welche, die beschwingt durch eine Station laufen.

Ein halbes Jahr war dieser neue „Rentenvertrag“ befristet. Und jetzt wollte sie ihn verlängern lassen. Weil: Immer noch Spaß!

Bis September hat man ihr zugesichert. Dann ist aber entgültig Schluss. Ab Oktober kommen ja dann all die neuen Schwestern und den möchte man auch mal eine Chance geben. So war die Begründung des Betriebsrates.

Ich weiß nicht, welche Vollmeise die in dieser Klinik haben. Ich kenne Betriebsräte, die anders sind. Sehr viel anders!

Ich hab mal nachgeschaut: Aktuell sind es 15 (!) Seiten Stellengesuche der Klinik.

Eine Chance also für die Neuen. Welche Neuen????  Aus welchen Löchern kriechen die ab Oktober heraus, von denen Sterbliche wie ich keine Ahnung haben? Hab ich da was verpasst? War da nicht was mit Pflegenotstand? (Der offensichtlich im Oktober vorbei sein muss!)

Soviel kannst du gar nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen. Was geht da vor in den Köpfen der Mitarbeiter, Bestimmer und Leitungen?

Meine Herzensdame beugt sich ganz pragmatisch der Situation. „Pffff. Dann geh ich eben woanders hin! Ist mir doch wumpe!“

Aber das Herz schmerzt schon ein bisschen.

Der neue Arbeitgeber kann sich glücklich schätzen, eine Topkraft wie sie zu bekommen.

Sie wir das schon hinkriegen. Ihr wisst ja: Immer erst rankommen lassen!

Das kann doch einen Seemann/ Herzensdame nicht erschüttern!

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Bildquelle: Unbekannt/Facebook

 

 

 

 

 

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