Das Telefon klingelte. Ich war noch gar nicht so richtig wach – nach meiner dritten Nachtschicht. Eine fremde Nummer war es, das Kind ging ran und gab mir den Hörer. „Für dich. Kenn ich nicht!“

Eine Stimme meldete sich, und da fiel mir fast mein Frühstück aus dem Gesicht.

Eine Stimme aus der Vergangenheit. „Hallo. Weißt du eigentlich, dass wir dieses Jahr 25 Jahre Krankenpflegeexamen feiern?  Ich bin dabei, ein Klassentreffen zu organsieren.“

Flashback

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Bildquelle: Pixabay

Ein Stockwerk – nein, ein ganzes Haus – voller Mädels mit unterschiedlichen Schichten, Stimmlautstärken, markantem Lachen. Irgendwo plärrte immer ein Radio. Zettel  mit „Achtung, wir haben Nachtdient – Bitte Ruhe“ hingen und wurden gefliessentlich übersehen. Es war wie Hanni und Nanni auf Linderhof. Oder ein Hühnerhof. Es war sehr lustig und sehr anstrengend zugleich.

Am Ende des Stockwerks die altehrwürdige Schwester, die mit festem Trippelschritt immer nach dem Rechten UND dem Linken sah. Sie rügte gerne und viel. (Rügte ist definitiv ein sehr altes Wort)

„Schwestern“, so rügte sie uns, wenn wir abends kicherns auf dem Balkon saßen. (Sie nanne uns Schwestern, obwohl wir es ja noch gar nicht waren) „Schwestern. Bitte leiser! Das schallt weit ins Krankenhausgelände!“

Mächtig Ärger wegen bunter Socken und roter Haare.

Individualität ist doof und sollte unterbunden werden. Eine gute Schwester zeichnet sich durch keinerlei Eigenheiten aus. Schwarmdummheit – oder die Kunst nicht aufzufallen – habe ich leider auch hier nicht gelernt. Auch nicht meine eine Freundin, mit der ich heute noch verbunden bin. Wir wurden kleine Kämpfer. Das Leben wäre einfacher für uns gewesen, hätten wir uns angepasst.

Die Kunst, sich gut zu verkaufen: Lerne lügen. Sage nicht: „Nein, das habe ich noch nicht gemacht“. Sage freudig: „Aber natürlich“ oder: „Ich bin gerade dabei“ –  und mache es dann. Das kriegt keiner mit. Die Welt will belogen werden. So stahlst du Kompetenz und Fleiß aus.

Die Schulschwester, die mit unerbitterlicher Strenge und sehr leckeren Bretzeln mit Frischkäse uns das Nötige beibrachte. Sie hatte einen Schnurrbart und war kompetent bis zur Schwesternhaube. Bei manchen Verbänden höre ich immer noch ihre Stimme im Ohr. Sie hatte in vielem Recht und bachte uns ein Wissen bei, das heute so nicht mehr gelehrt wird. Ja – wir haben viel gelernt bei ihr. Auch, dass es besser ist, der Liebling zu sein, anstatt der Kämpfer.

Die Kunst, sich trotz einer Trachtordnung ein bisschen individuell zu gestalten: Bunte Socken (Ärger), die Haube extra klein zu falten (noch mehr Ärger), die Brosche nicht auf Kehlkopfhöhe, sondern ein oder zwei Knopflöcher tiefer anzustecken ( Ihr ahnt es – ebenfalls Ärger).

Wenn ich heute – 25 Jahre später – an diese Tracht zurück denke, fällt mir immer ,Madita` von Astrid Lindgren ein. Wir trugen – neben Haube und festen Schuhwerk – ein Kleid mit Schürze und sahen somit aus wie Madita und ihre Schwester aus dem Kinderbuch. Irgendwie süß. Damals war es irgendwie doof.

Geteilter Dienst mit gemeinsamen Mahlzeiten für die gesamte Schwesternschaft. Immer mit Morgenandacht – quasi Spiritualität zum Aufwachen – und immer mit Lied. Immer. Da waren die Schulschwester, die Oberschwester und die Stockwerksschwester unerbitterlich. Und wir waren morgens schon leicht vergrätzt.  Als ich neulich zum Jahresende allerdings ein Lied von damals zufällig wieder hörte, war ich seltsamerweise sehr gerührt. Denn diese Lieder und Texte haben Bestand im Herzen gefunden.

Dieses eine Lied war der absolute Schlager. Mit diesem Lied, welches wir mit zwei Stimmen aus dem ff beherrschten- und mit vielen anderen Liedern –  zogen wir einmal im Monat über sämtliche Sationen im Haus und sangen vor den Krankenzimmern. Vorneweg die Schulschwester mit der Gitarre. Wir, die Schwesternschülerinnen – in ordentlicher Tracht und Haube hintendran. Heute wäre das undenkbar. Effiziez: ja – Seelenpflege: wo denken Sie hin.

Die unbändige Freude, als endlich der Schichtdienst eingeführt wurde. Wow. Endlich mal zwischendurch ausschlafen. Und wenn man Frühdienst und am nächsten Tag Spätdienst hat – fast ein geschenkter Tag dazwischen.

Männerverbot im Schwesternwohnheim – mein damaliger Freund lernte An – und Wegschleichen, noch bevor er bei der Bundeswehr eintrat.

Meine Freundin und Kurskollegin, die vom Pferd fiel und in unserem Krankenhaus lag. Ich erinnere mich an den Aschenbecher im XXL Format auf dem Tisch im Vierbett Zimmer. Da lag sie drei Tage, dann war sie geheilt. Röntgenbild? Wozu denn? CT? Hamwa nicht! Wird schon wieder werden.

Waschschüsseln aus Plastik, die stundenlang eingeweicht wurden. Eis – und Heißbehandlungen bei beginnenden Druckgeschwüren. Stundenlang waren wir mit Eiswürfeln und Fön an dicken und dünnen Popos zugange. In die Wunden wurde Zucker getreut. Ein Trend, der gerade wieder aufflammt – aber wenig machbar heute erscheint, denn damals hatten wir viel mehr Zeit für die Patienten.

Die Blumenpflege auf der Gyn. Jeden Abend alle Sträuße raus. Dann sah der Flur wie ein Wochenmarkt aus . Morgens neues Wasser, gammelige Blumen aussortieren. Rein in die gute Stube der Wöchnerinnen. Alles unter den aufmerksamen und unerbitterlich Augen der Stadionsschwester. Ich habe es gehasst!
Von ihr habe ich auch die hohe Kunst des Bettenbeziehens gelebt. Gnade Gott, die Ecken der Kissen waren nicht richtig gefüllt!

Überhaupt die Betten – die durften selbstverständlich wir Schülerinnen putzen. Gründlich. Gerne auch die Räder mit Zahnbürste. Als es irgendwann eine Bettenzentrale gab, atmeten wir auf.

Männer waren selten in der Pflege. Die einen waren cool und arbeiteten in der Anästhesie oder OP. Die anderen waren es nicht. Sie trugen gerne einen Kamm in ihren Taschen – da, wo wir Kulis und Schere aufbewahrten – um sich vor Betreten des Zimmers schnell durchs leicht fettende Haar den Scheitel zu ziehen. Die Witze waren derbe bis an der Schmerzgrenze. Sie waren nie da, wenn man sie brauchte. Aber man fand sie wieder. Immer dem Tabakgeruch und den lauten Stimmen nach. Da saßen sie dann in den Besucherecken und spielten Karten mit den Patienten.  Auch das hat sich geändert.

Meine erste Dauerwelle. Mühsam von kargen Lohn, der noch karger durch den Abzug von Wohnen, Essen und Trinken war, abgespart. Kleiner Vergleich: Es blieben uns so um die 200 Mark. Unfassbar viel Geld und gleichzeitig lächerlich wenig. Aber wo hätten wir es auch ausgeben sollen – die Stadt war winzig, die Eisdiele hatte nur im Sommer auf und die Disco nur am Wochenende. Da war die Dauerwelle mit 120 Mark das Teuerste, was ich mir in dieser Zeit leistete. Ich sah aus wie ein Schaf. Ich war sehr unglücklich.

25 Jahre und noch drei Jahre davor ist das alles her. Ich bin über die Hälfte meines Lebens Krankenschwestern. Alter Schwede! Das alles war wieder ruckizucki da, als ich die Stimme meiner ehemaligen Kurs – und Stockwerkskollegin hörte. Es war wie ein Stück Heimat. Im Guten, wie im Schrecklichen. Gerüche, Gräusche und Stimmungen – zack – hier sind wir wieder, gute Tag. Manches prägt mich bis heute.

Wenn ich mit heute Geschichten von den Schülern anhöre, stelle ich fest: Beliebigkeit und Unverblindlichkeiten gab es damals nicht. Wir haben zusammen gelebt und gearbeitet  – ähnlich wie in einer Familie – inclusive nervtötender Tante und merkwürdigem Onkel. Und so sehr das auch nerven und verletzten kann: Es ist ein Anker, wie ein Kompass. Etwas, was es heute selten gibt.

….hilflos seh ich wie die Zeit verrinnt.
Stunden, Tage, Jahre gehen hin,
und ich frag, wo sie geblieben sind.

Meine Zeit steht in deinen Händen.

 

 

 

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