Was für eine Freude: „Meine“ KollegenInnen aus England haben die Charts gestürmt. Engelsgleich singen sie. Dazu liebreizende Bilder von engagierten Menschen, beherztem Handeln und Tun mit Herz und Liebe. Schmacht. Das Herz geht einem auf. Man könnte weinen vor Glück, weil man -wie sie -einen der schönsten Berufe der Welt hat.

Wenn du alles satt hast, dir klein und hässlich vorkommst,
deine Augen voller Tränen sind –
glaub mir, ich trockne jede einzelne von ihnen.
Ich steh zu dir, wenn die Zeiten rauher werden und alle Freunde verschwunden sind.
Ich bin für dich wie eine Brücke über aufgewühlten Wassern –
versprochen!

Lichter werden dich nach Hause führen
Und deine Knochen entfachen
Und ich werde versuchen dich zu heilen

Ein Best of Verschnitt von „Bridge over troubled water“ von Simon& Grafunkel sowie „Fix it“ von Coldplay. Habt ihr aber bestimmt gleich gemerkt, nicht wahr?

Sogar das Bürschlein „mein-Lieblingshaustier-ist-ein-Affe-ach-ne-doch-nicht-und-ich-habe-gerne-Ärger-mit-den-Behörden-und- manchmal-weiß-ich-nicht-wen-ich-liebe-Justin Bieber“ hat dabei in die Röhre geschaut. Der landetet nämlich nur auf Platz zwei. Aber er hat es großzügig den wunderbaren Schwestern und Pflegern gegönnt. Großes Hach.

An das Lied hab ich heute im Frühdienst gedacht, als ein pickeliges Jüngelchen um sieben Uhr in der Früh kam (mein persönlicher Justin Bieber sozusagen), weil er sich an seiner Bierflasche angeritz hatte. Was man halt zum Früh/Spätstück so zu sich nimmt. Ein kleiner Vollpfosten und leider auch noch eine Laberbacke der üblesten Schleimsorte („Ach. Sie machen hier einen ganz, ganz, ganz tollen Job. Wirklich gaaaaanz toll. Und ich bin voll super dankbar. Ehrlich. Gaaanz echt. Mit solchen Verletzungen ist nicht zu spaßen – haben meine Kumpels gesagt. Wann werden sie denn Oberärtzin?)

An das Lied habe ich auch gedacht, als ich den 200 Kilo Mann heute mehrmals von der Liege/ auf die Liege gewuchtet habe, bist meine Bandscheiben „Erbarmen“ rief.

Auch, als ich mir Handschuhe bis zur Achsel gewünscht habe, weil er wahnsinnig schwitzte und überall tropfte.

Gar nicht heilig war mir da zumute.

Auch nicht, als der demente Herr durch die Notaufnahme schrie, was er denn hier bitte schön hier soll! So eine Unverschämtheit. Alles Verbrecher! In einer Lautstärke und Penetranz, dass einem die Ohren geschallert haben.

Wahrheit und Ehrlichkeit ist immer blöd. So was bringt kein Geld in  marode Kassen oder die Herzen der Menschen.

Ja. Ich habe einen wundervollen Beruf. Ich mag ihn gerne. Aber da klebt nix. Da wird nicht nur getreichelt und fromm geschaut. Da gehts zur Sache, Schätzchen.

Da schaut mal auch mal konsterniert über den Brillenrand, wenn einer mit Mumpsbäckchen kommt. Er musste sofort in die Notaufnahme kommen – bevor ihm der Kopf am Ende explodiert. Weil Hausärzte sich mit schwellenden/ platzenden Köpfen nicht so gut auskennen (Die Mutti auch nicht, bei der er auf der heimischen Couch saß).  Da möchte man schon zum Spezialisten. Außerdem hat der Hausarzt frei und den Vertretungsarzt kennt er nicht. (Fehler entdeckt?)

Im Filmchen hätte ich begütigend meine Hand auf seine gelegt sowie hoffungsvoll geschaut. Auch vertrauenserweckend. Und nicht so realischtisch blöde nachgefragt, ob er jetzt allen Ernstes glaubt, dass sein Ende unmittelbar bevorsteht, weil er eine Notaufnahme aufsucht ( „Haha. Ne. Aber man weiß ja nie“).

Ob die Kollegen vom National Health Service wirklich so abgehen wie im Video? Klar. So eine Aktion soll am besten viel Zaster in die klammen Kassen schwemmen.  Um den NHS soll es nicht wirklich zum Besten stehen. Die nächsten Einsparungen sind schon geplant.

Da kannste nur so ein Video drehen, das trieft und klebt und das Herz erfreut. Mit Realität kommste da nicht weit.

Keiner will genervte, abgehetzte Schwestern und Pfleger sehen. Keiner.

Nun. Man könnte es natürlich auch ein bisschen anders darstellen. Mehr so GDL oder Lufthansamäßig.  Da wäre was los. Hui.

Aber hier geht es ja auch „nur“ um Menschen. Menschen bringen kein Geld im Gesundheitswesen. Sie kosten. Nix mit saftiger Rendite. Und alles was kostes, muss irgendwie und irgendwo eben eingespart werden. Ging doch bisher auch, ohne das die Masse aufgemuckt hätte. Also wirklich! Es geht ja  auch immer irgendwie weiter. Arbeitsverdichtung. Personalknappheit. Stellenabbau. Burnout hinten und vorne. Rücken. Papierkram noch und nöcher. (Ergänze an dieser Stelle gerne weiter)

Aber Freunde: Es ist Weihnachten. Das Video hat offensichtlich den ein oder anderen erfreut. Ein schöner Erfolg also. Ich schau mir derweil Platz 2 der Charts an. Justin Bieber mit neckischem, übergroßen  Mützchen. Ebenfalls aus der Rubrik “ herzlich schöne Lieder“. Für mich ist es am heutigen Tag ehrlicher.

 

 

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