Eine junge syrische Frau kommt aus einer Flüchtlingsunterkunft mit einem Krampfanfall in die Notaufnahme.

Ein Routinefall. Aber nur fast, denn seit jenem Tag gibt es neue Hygienebestimmungen anlässlich der aktuellen Flüchtlingssituation. Klar. Muss sein. Hygiene ist wichtig.

Jeder Flüchtling soll isoliert werden, bekommt Haar- und Mundschutz (Läuse und  Tbc,), wird (bei einem möglichen stationären Aufenthalt) komplett entkleidet, Klamotten in eine Tüte  (und den Angehörigen mitgegeben mit der Bitte, sie bei 60° zu waschen: Flöhe, Krätzmilben). Ein Schwangerschaftstest bei Frauen ist wegen möglicher Röntgenuntersuchungen Standard. 

Das Pflegepersonal hat für sich selbst Schutzmaßnahmen zu ergreifen – Mund – und Haarschutz, Handschuhe sowie einen Schutzkittel. 

Die Räume sollen später – ähnlich wie ein einem anderen infektiösen Patienten – gereinigt werden. 

monster-426993_640

Bildquelle: Pixabay

So weit – so gut. In der Realität ist das dann ungefähr so:

Da stand ich dann also bei der jungen Frau, die leicht schnarchend auf der Liege lag, nachdem der Notarzt erfolgreich den Krampfanfall mit allerlei Mittelchen durchbrochen hatte.

Das Behandlungszimmer war ausgeräumt, wie bei einem MRSA Fall. Ich war vermummt bis zur Halskrause.

In der einen Hand hielt ich den Haarschutz und überlegte, wie ich die wallenden Haare bis zum Po wohl unterbringen könnte. In der anderen den Mundschutz, Sauerstoffschnüdel irgendwie darunter fummeln. Komplett entkleiden. Laut der neuen Hygienevorschrift war ich also erstmal gut 20 Minuten damit beschäftigt, alle Standards und Anforderungen zu erfüllen.

Da stehst du also an der Liege einer jungen Frau im Dämmerschlaf nach ihrem Anfall und hörst am besten auf zu denken. Selten Noch nie habe ich mich so bescheuert bei einem Katheterurin gefühlt. Denn der Schwangerschaftstest sollte ja auch noch sein- für die anschließende CT Untersuchung. 

Du denkst nicht an mögliche sexuelle Übergriffe, die diese junge Frau möglicherweise erlebt haben könnte. Du denkst nicht an die Scham, die man dabei empfindet, wenn man urplötzlich im Schritt desinfiziert  wird und ein Röhrchen in die Harnröhre geschoben bekommt.

Denken! Aus! 

Hygiene ist prima. Keine Frage. Aber hier war ich danach erst einmal emotional „durch“.

Am nächsten Tag kam ein Flüchtling mit seinen Kumpels. Einer hatte eine kleine Verletzung, der andere wusste den Weg in die Klinik, der nächste konnte ein bisschen englisch. Mach ich jetzt eine Kohortenisolierung, wenn sich der Arzt die Verletzung anschauen will und die Kumpels – zwecks der Unterstützung in Sprache und emotionaler Stabilität – dabei bleiben wollen?

Mirgranten und Flüchtlinge sind es jetzt also, die unseren Klinikalltag gehörig durcheinander bringen. (Ebola ist glücklicherweise derzeit rum) Wer aus einer Flüchtlingsunterkunft kommt, steht per se unter Generalverdacht.

Läuse, Flöhe, Tbc, Hepatitis, HIV und was es sonst noch da Schönes gibt aus der wunderbaren Welt der Bakterien und Viren, Pilze und Parasiten – das alles wollen wir nicht haben. Zack. Ab in die Isolierung. Bäh.

Kurioserweise gibt es wiederum eine gesetzliche Bestimmung, dass jeder Migrant innerhalb von drei Tagen nach der Registrierung eine Gesundheitsüberpfüfung durch das Gesundheitsamt erhalten haben sollte, die standardmäßig eine Blutuntersuchung auf Hepatitis und HIV sowie ein Tbc-Screening enthält.

Nun. Vielleicht macht das Gesundheitsamt Fehler. Man weiß es ja nicht. Oder ist derart überlastet, dass wir in  der Klinik das ganze Programm noch mal starten.

Es macht mich sauer. Es macht mich hilflos und ich möchte gerne mit dem Fuß aufstampfen. Aber das sieht ja auch immer albern aus.

Ich habe Kinder, die Läuse hatten. Läuse gehen ja ständig um, wenn man Kinder hat, die in Schule oder Kindergarten sind. Ich selbst hatte noch nie welche. Komisch. Oder?

Vielleicht sollten wir in Zukunft auch alle Kinder isolieren? Man weiß ja nie. Eine Lausfreie Gegenwart und Zukunft will schließlich jeder.

Jeder Obdachlose hingegen, der von der Straße oder aus irgendeiner Gemeinschaftsunterkunft oder sonst woher kommt, wird hingegen nicht isoliert. Die sind ja auch schon von „hier“. Da hat man so was alles nicht. Natürlich haben die auch alle einen perfekten Impfstatus. Immer! Das weiß man doch!

Gut. Vielleicht haben sie Maden in den Beine, nachdem man die eingewachsene Socke abgeknibbelt hat. Aber doch nichts, was ansteckend sein könnte.

Bei den Knastbrüdern, die zu uns kommen hingegen weiß man immerhin schon mal, was sie alles haben. Das wird „schwarz auf weiß“ gleich mitgeliefert. Isoliert werden sie auch nicht.

Es ist mit Sicherheit richtig, dass besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern. Aber bei manchen greif ich mir an den Kopf. Oder ich bin einfach zu beschränkt in meinem Denken, als das ich das nachvollziehen könnte, was so offensichtlich ist?

Eine Notaufnahme ist ein besonderer Ort. Hier kommt alles zusammen. Hier kennst du erst einmal keinen. Du weißt (meisten) nicht, was einer an Keimen oder Clamboflyzieen mitbringt. (Vorsicht: Nicht googlen. Eigene Wortschöpfung).

Es ist ein sensibler Bereich. Dementsprechend verhalten wir uns. Zu unserem Schutz und zum Schutz der anderen Patienten. Aber eine Menschengruppe einfach mal so behandeln zu müssen, als hätten sie alle Clambofylzieen dieser Welt – das empört mich zutiefst.

(Achtung, dieser Beitrag kann Spuren von Ironie, Verzweiflung sowie Ahnungslosigkeit und Empörung enthalten)

Advertisements