Sonntagmorgen in der Notaufnahme: Kaum war der erste Kaffee im Magen, rief die Leitstelle an. (Wobei ich nicht sicher bin, ob die so richtig geschrieben wird – müsste es nicht eher Leidstelle heißen? Sowohl für die Patienten, als auch die Krankenhäuser, die die Anrufe entgegen nehmen? Telefonate hören sich ungefähr so an: Wir schicken euch einen Patienten (Zauberwort: nach Bettenvergabe!)……..(Pause), ……heißt……. (Pause)…….dann kommt der Name………(Pause)……. mit……..(Pause)………(irgendwann kommt die Diagnose)……….(Pause)…………23 Jahre alt………(Pause)……mit……..(Pause)…….. merkt ihr was? Spätestens da ist mir schon fast der Kopf auf die Tischplatte geknallt und ich könnte mich durch sämtliche Diagnose, Tabletten, Besonderheiten durchschnarchen. Zügiges Berichten ist nicht unbedingt die Stärke eines jeden Leidtstellenmitarbeiters. Manchmal gibt s Ausnahmen.)

Zurück zum Thema. Die Leidtstelle rief also an, um gleich mehrere Patienten anzukündigen: Nierenweh und Schulterschmerz nach „besoffen rumliegen“ und noch einen mit Bauchweh und komischen Krämpfen so überall. Und dann noch einen mit Herzweh. (Die Leidtstelle sagt das natürlich vornehmer. ….. Also….. (Pause)…. irgendwann. ACS und akutes Abdomen  – naja. Wisst ihr ja)

Nun gut.

Eine halbe Stunde später war die Notaufnahme gefüllt. Da war es noch nicht mal richtig hell draußen.

Der Schulterschmerz war unwillig. „Ich weiß gar nicht, was ich hier soll. Hier müssten ja kranken Menschen hin. Nicht ich!“

„Möglich. Aber wo du schon mal da bist…..“

Das Hemd hatte Spuren an, die ich nicht anfassen wollte. Der Arm war noch dran. „Ich hab ihn halt beim Tanzen hochgerissen. Tut aber schon seit Monaten da weh. Was? Zum Arzt? Och nö. Mag ich nicht so. Wird schon wieder!“

Als er den Ausgang suchen wolle und nicht fand, bat ich den Rettungsdienst, der ihn gebracht hatte, doch die Tür zu öffnen. „Ne du – dann müssen wir den in ner halben Stunde wieder woanders einsammeln, weil er da hingeknallt ist!“ Das klang logisch.

DANN HALT NICHT.

Im Nebenraum lag ein Flüchtling und krümmte sich vor Schmerzen. Leise. Sein Kumpel stand daneben.und schaute hilflos zu. Arabisch ist nicht meine Stärke, wohl aber die von Google.  (Leider nicht die von sämtlichen Dialekten – aber ich will nicht undankbar sein.)

Google

Ich fragte Google, der Kumpel las es und übersetzte es dem kranken Freund. Das dauert ein bisschen, aber so kommt man auch ans Ziel. Der Kumpel war überhaupt sehr berührend: Jeder Tupfer/ Papierschnipsel, der mir hinfiel, wurde sofort  aufgehoben. Er half, wo er konnte. Zum Schluss erzählte er mir, woher er kam und wie:

Aus Syrien, über Mittelmeer, ( Er kann nun ein neues Wort: M i t t e l m e e r – wie er es vorsichtig aussprach) Griechenland, Mazedonien, Ungarn bis hierher. Zu Fuß, per Bus und Bahn. Fünf Monate waren sie unterwegs. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Sie alle haben überlebt, sagte er mit Glitzern in den Augen.

Mit vielen Schmerzmitteln wurde der Patient schließlich irgendwann entlassen, nachdem es ihm viel besser ging. Zurück in seine Turnhalle, in der sie derzeit wohnen – der Kumpel stütze ihn. Wie verabschiedet man sich? Wie kann man am Taxi mitteilen, dass man mehr als alles Gute wünscht? Das sich die Zukunft hoffentlich finden wird? Und die Strapazen der Vergangenheit abklingen mögen?

Ich weiß es nicht.

Derweil war der nächste Patient schon da. Niedergebügelt vom Notarzt wegen unerträglicher Bauchschmerzen. Ein Blick in die Krankenakte: Zum wiederholten Male da. Immer Bauchweh. Drogenabusus, Alkohol, Medikamente. Mit 23 Jahren. Als das Dormicum nachließ, schrie er herum wie angeschossen. Die Patienten im Nachbarzimmer fingen an, sich zu gruseln. Zwischendurch krampfte er vor sich hin und beschäftigte so an die zehn Menschen, die ihm helfen wollten. Im Drogenscreen fand sich Kokain und Benzos und Cannabisspuren und dies und das. Möglich, dass er auch Bauchweh hatte.

So ging fast der nächste Flüchtling unter, der ein Zimmer weiter lag. Herzgebreche. Er lag auf der Liege – alleine, ohne Freund. Ein gestandener Mann. Auch aus Syrien. Er lag da und Tränen rollten ihm über die Wangen. Er weinte nahezu lautlos.

Ich habe mittlerweile viele Menschen weinen sehen. Männer, die sehr leise weinen sind die traurigsten überhaupt. Das schmerzt einen selbst in der Seele – nur vom zusehen.

Ich hätte am liebsten mitgeweint.

Aber dann musst du dich um all die Vollpfosten Kinder kümmern, die auch so krank sind und die keiner lieb hat und die vielleicht deswegen ins Drogen/ Alkohol/ Vollpfostenleben abgerutscht sind.

Du kannst nicht neben einem weinenden Syrier stehen und ihm die Hand halten und wie durch ein Wunder in Zungen sprechen – oder wenigstens Arabisch.  Ich kenne die vielen Bilder, die ich gesehen habe. Von Flucht und Vertreibung. Von schrecklichen Geschichten, warum sie fliehen wollten oder mussten. Wie willst du einen trösten? Gibt es dafür überhaupt Trost? Ich reichte ihm ein Tränentuch.

Das alles passiert innerhalb weniger Stunden. Ruckizucki muss man innerlich umschalten. Von Fall zu Fall – von Mensch zu Mensch.

Und vielleicht ist es auch gut so, denn sonst würde ich stehenbleiben und manchmal mitweinen wollen.

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