Bei einer Vorstellungsrunde – damals, am 1. Tag in der Schwesternschule – kam natürlich auch die Frage auf: „Und? Warum seid ihr hier und wollt Krankenschwester werden?“ (Heute heißt das nicht mehr Krankenschwester, sondern Kranken -UND GesundheitspflegerIn. Raider heißt aber ja mittlerweile auch Twix…. nun gut)

Die Antwort meiner neuen Kollegen war eindeutig: „Weil wir Menschen helfen wollen!“

Ich lächelte hold, nickte und schwieg.

Natürlich wollte ich auch Menschen helfen – keine Frage. Wer will das nicht? Bei meiner Oma hatte das ja auch immer vorzüglich geklappt (Ihr erinnert euch an das feuchte Läppchen? Ich war die personifizierte Hingabe im Läppchenwechsel)

Warum ich allerdings an einem Oktobermontagmorgen im Stuhlkreis saß und hold lächelte, nur nickte und ansonsten gepflegt die Klappe hielt, hatte weniger damit zu tun – und da muss ich ein bisschen ausholen.

Ich bin ein Kind der 70 und 80 Jahre. Ost und West. Freund und Feind. Alle paar  Monate fuhren Panzer durch unser kleines Dorf zwecks der Übung. Am Himmel flogen Düsenjets und verhalfen mir zu meinem ersten Tinnituserlebnis. Manchmal krachten sie auch durch die Schallmauer. Da wars dahin mit der Ruhe und Beschaulichkeit auf dem Land.  Der Feind konnte jederzeit einmaschieren – so schien es mir. Ich schlotterte mitunter vor Angst.

Wir hatten Bekannte in der damaligen DDR, die wir einmal im Jahr besuchten. Seit damals kann ich erahnen, wie sich Panikattacken anfühlen. Schon fünfzig Kilometer vor der Grenze fühlte ich sie. Was, wenn sie in meinem kleinen, blaukarierten Kinderköfferchen Pixibücher fanden, die „Ihnen“ nicht gefielen? Was, wenn sie mein Kuscheltier konfiszierten? Es war beängstigend: Kofferraum auf, alles raus. Durchwühlen. Radkappen ab, grimmige Gesichter. Zum Schluss die erlösende Worte: „Sie können wieder einpacken!“

Die Bekannten wohnten in einem noch kleineren Dorf, als das aus dem ich kam, namens Nato. Es verwirrte mich sehr, als ich von Dingen wie dem Nato Doppelbeschluss hörte. In diesem kleinen Dort entstanden solche Dinge? Unfassbar! Dabei wirkte hier alles so lieblich. Nato hatte genau eine Strasse, rechts und links davon Häuser, eine Kirche und ein Gemeinschaftshaus sowie einen HO – Laden, mit den besten Kirschlutscher, die ich bis dahin gegessen hatte. Es gab einen Wald um das Dorf, in den man besser nicht zum Spielen ging. „Die Russen! Die Russen sind im Wald!“, hieß es. Und aus welchem Grund auch immer: In diesen Wald hätte ich nach dieser Ankündigung nie einen Fuß gesetzt. Niemals zu den Russen. Allerhöchste Gefahr. (Nicht, dass ich wusste, was die da machen, wer die „Russen“ waren, oder warum es am Ende gefährlich gewesen wäre. Bevor sich einer wundert: Ich hätte bestimmt meine Eltern fragen können. Aber damals gab es eine Kinderwelt und eine Elternwelt. Es hatte sich als Vorteil herausgestellt, diese beiden Gruppen so wenig wie möglich zu mischen. Heute ist das anders. Da versuche ich die schwierigsten Sachverhalte den Kindern leicht verständlich nahezubringen. „Was will die NSA, warum gibt es die vielen Flüchtlinge, was ist Boko Haram und Ebola, wieso tun wir so wenig, warum geht es uns so gut und anderen nicht)

So fragte ich wenig nach und verstand noch weniger. Aber all das machte mir als Kind enorme Angst. Auch das leise Seufzen meiner Mutter bei der Tagesschau verhieß nichts Gutes.

Wettrüsten. Aufrüsten. Pershings. Atombomben. Kalter Krieg. Noch mehr nukleare Sprengköpfe, Atomkraftwerke, Wasserstoffbomben. Attentate, RAF, – die Liste ist lang. Und zum Schluss gab`s Tschernobyl.

Aber meine Kindheit bestand nicht nur aus diesen Dingen. Sie konnte man wegschieben. Ein Nachtgebet und die Welt war für die nächsten zehn Stunden sicher. Draußen hörte ich die Nachtigall durch mein Kinderzimmerfenster und die Kühe leise in Nachbars Stall muhen. Morgen würde ich auf Bäume klettern und meine Schlumpf/Legoburg  weiter ausbauen. Vielleicht würde ich auch Rollschuhe fahren.

Viele Tage waren unbeschwert, trotz drohender Gefahr.

Möglicherweise gab es schon Twix, aber ich war mehr der NUTS Fan. An hohen Feiertagen gab es eine Flasche Sinalco (Die Sinalco schmeckt, die Sinalco schmeckt, die Sinalco, …nalco, … nalco schmeckt. Kennt einer noch den Werbesong?)

Und dann gab es auch noch etwas anderes, als die Tagesschau: Mit meiner Mutter schaute ich mich durch sämtliche Schnulzen und großartigen Filme der vergangenen Jahre. Filme, die ich bis heute nicht vergessen habe. „Geschichte einer Nonne“,  „Schnee auf dem Kilimandscharo“,  „Nachtschwester Ingeborg“. Überall gab es Krankenschwestern, die halfen und die vor allem – in meiner Vorstellung alle überlebten, denn sie waren durch ihren Job geschützt. (Gut. Nachtschwester Ingeborg war ein bisschen dämlich.)

Eine eindeutige WinWin Situation – so schien es mit damals. Man kann helfen UND überleben. Und – im Gegensatz zu einem meiner Onkels, der von einen Job zum nächsten wechselte und kein Bein auf den Boden bekam, erschien mir dieser Beruf in diesen Zeiten nahezu krisenfest. Kranke gab es schließlich immer und überall. Krieg – so wie es damals aussah, womöglich auch bald wieder.

Ein Praktikum im Kindergarten (mein zweites Tinnituserlebnis) verstärkte den Plan. Ich wollte rehäugig sowie gut durch die Welt gehen ( Nun. Nicht alles geht in Erfüllung) Beschützt, helfend und heilend. Meinetwegen auch mit einer Lampe in der Hand.

Das alles sagte ich natürlich nicht in der Vorstellungsrunde. Wie albern ist das denn. „Weil ich schon immer die Hosen gestrichen voll hatte wegen möglicher Kriegsgefahren und gerne überleben möchte – natürlich auch um anderen zu helfen –  sitze ich hier?“ Hallo? Geht`s noch?

Ich spreche komischerweise so gut wie nie über die Motivation meiner Kollegen, warum sie den Beruf ergriffen haben. Vielleicht sind es  ja auch solche Gründe? Weil – sein wir doch mal realistisch: Über die Krankenhausflure laufen keine Heiligen, die ausschließlich und aus absolut reiner Menschenliebe diesen Job machen. Wir sind ja nicht bekloppt. Vielleicht frage ich doch mal rum. Krisensicher, hohes Ansehen in der Gesellschaft, Aussicht auf eine gute Partie = mögliche Liebesgeschichten wie im billigen Arztroman, …. es gibt schon noch gute (oder dämliche) andere Gründe, warum man Krankenschwester wird. Und nicht nur „Ich möchte so gerne helfen!“ (In Kombination mit liebreizendem Lächeln)

Und dann wäre die Frage ja auch noch: Bei was denn genau eigentlich „helfen“?

In der Dialyse habe ich gemerkt, das Entertainment nicht zu unterschätzen ist. Bei mir hatten selten die Patienten einen Blutdruckabfall: Ich hab sie einfach gut unterhalten. Da hatten die gar keine Zeit dazu. (Aber das ist eine andere Geschichte)

Bis auf wenige Ausnahmen ( Ich stehe knietief in anderer Leuts….ich möchte nicht weiter denken müssen…, dämlichen Kollegenzwist, ständige Übermüdung durch den Schichtdienstwechsel und noch einiges mehr) bin ich immer noch gerne Krankenschwester. Gott-sei-Dank ohne Bombenhagel und Granatsplitter wie in „Schnee auf dem Kilimandscharo“.

Wenn man nach über 25 Jahren im Beruf noch sagen kann: „Ich bin meistens am richtigen Ort“,  dann hat man wiederum einiges offensichtlich richtig gemacht, Und aus Filmen und Kinder/Jugendlichen Ängsten ist etwas Gutes entstanden. Kannste nicht meckern.

Advertisements