Seit eineinhalb Stunden hatte ich versorgt, gepflegt, ein EKG nach dem anderen geschrieben. Hier noch ein Spritzchen von diesem und dann noch von jenem und dann noch eines und noch eines. Irgendwann begannen wir zu reanimiert. Mit 220 Puls in der Minute lebt es sich auf Dauer nicht so gut.

Mein Puls war ähnlich – aber eher aus Wut: Obwohl ich auf 97 Arten Arschloch Depp gucken kann, zeigte es keine Wirkung (mir dünkt, es ist noch verbesserungswürdig): Der behandelnde Arzt telefonierte ein wichtiges Gespräch nach dem anderen ab, den Hals im 30° Winkel zur Seite gebeugt. Irgendwie fand er die Lage nicht so brenzlig wie ich.

Nun – was weiß ich aber auch schon, ich Dummerchen. Ich Krankenschwester.

Ich hätte mit dem Fuß aufstampfen können. Hab ich aber nicht, sondern dem Patienten ein feuchtes Läppchen für die Stirn erneuert, den Blutdruck gemessen, den Puls nicht aus den Augen gelassen, an der Infusion herum geschraubt und heimlich besorgt geschaut. (Ich bin übrigens ein großer Freund von feuchten Läppchen auf der Stirn. Meine Oma schwor darauf. Sie war eine sehr schlaue Frau.“So ein Läppchen ist einfach herrlich!“, seufzte sie zufrieden, wenn sie mit „Kreislauf“ auf dem Sofa lag.) Läppchen bedeutet Fürsorge der anderen Art. Nichts technisches, eher was sozial/emotionales. Und das hat es in einem Krankenhaus eher selten. Höchste Zeit also, so was wieder einzuführen.)

Wenn man länger dabei ist, merkst du, wenn gleich die Post abgeht. Oder wie ein Freundin zu sagen pflegt: Irgendwann wird aus dem Buchwissen Erfahrung. Du spürst es. Du fühlst es.

Die Post ging tatsächlich ab und es erstaunt mich immer wieder, welche Art von Radar/ Ultrarettungsschall/ was auch dann immer durch ein Krankenhaus fegt – plötzlich stehen ganz viele schlaue Menschen im Raum und fummeln mit. Angefangen vom Oberarzt, der „zufällig“ gerade mal herein schaut, der noch einen anderen Kardiologen dabei hatte, der wiederum noch jemanden dabei hat. Es ist erstaunlich. Ich habe tatsächlich bis heute dieses Prinzip der Notfallübermittlung noch nicht durchschaut. (Mein dauertelefonierender Arzt war es jedenfalls nicht. Der hatte ja andere, wichtigere Gespräche)

Nachdem der Patient intubiert und beatmet auf die Intensivstation verlegt worden war, hatte ich Pause. Kaffee, Kippe, Klappe halten und Stulle futtern. Ich habe es gerne, wenn ich in der Pause keinen um mich herum habe. Bloß nicht reden. Ich rede gerne und viel, aber niemals nicht in der Pause. Da bin ich eigen. Da darf mich die Tageszeitung leise raschelnd unterhalten oder ,Dummfug` im Fernsehen. Nur nicht nachdenken. Je hohler,  umso besser.

Nach dieser Aktion kam mir „Die Geissens“ gerade recht. Deren Luxusschiff, die „Indigo Star“ lag vor Saint Tropez, als Rooobert einen Fleck unklarer Genese an einer Wand entdeckte. „Scheiße“, zeterte er laut. Das begrüßte ich sehr.Vor ner halben Stunde hätte ich das auch gerne und laut vernehmlich mal in den Raum geworfen – zusammen mit meinen 97 Blicken, inklusive den imaginären Mittelfingern.

Auch Camen bekam „schier einen Aussetzer“, als sie das Malheur entdeckte. Jammeralarm im Hause Geissen. Immer diese Probleme mit dem schlechten Personal!

Das einzig Gute an diesem Tag war jedoch, das ein neuer Koch eingearbeitet werden sollte und zum Abendbrot die komplette Familie bekochen sollte. Aber dann:

Roooobert mäkelte in der Abenddämmerung. Tolles Fleisch und Fisch, aber versalzen. VERSALZEN! Gibt es war schrecklicheres im Leben? Auch das Töchterlein fand die Konsistenz der Nachspeise mehr so „Bäh“.

Der Koch hatte verkackt. Wahrscheinlich musste er nach Hause schwimmen. Aber das konnte ich nicht mehr verfolgen- meine Pause war rum.

Nächster Patient. Nächste Geschichte.

Schreckliches und Banales liegt eng nebeneinander. Es ist wie es ist. Das ist da Leben. Es ist gut so.

Ich hab doch tatsächlich einen Ausschnitt gefunden. Wunder des world wide web.

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