Beschwerde

Was mir manchmal richtig auf den Zeiger geht? Es gibt Beschwerdeformulare über das Personal, aber nicht vom Personal. Das ist sehr schade. Denn so hin und wieder – also so wirklich hin und wieder ( gut- mehr so öfters) würde ich auch gerne mal so richtig auf den Pudding hauen.

Es kommt vor, dass mich der Chef ins Büro holt und mir eine Beschwerde unter die Nase hält. Die wiederum bekommt er vom Beauftragten des Qualitätsmanagement, das extra für so was seit ein paar Jahren existiert. Der oder die arme Beauftragte sitzt den ganzen Tag im Kämmerlein und muss Briefe aus der Hölle lesen:

Die Schwester hat meinem Vater kein Wasser hingestellt, obwohl wir sie mehrfach darum gebeten hatten.

Der Obstsalat enthielt nur Äfpel und Trauben, aber keine Bananen

Meiner Mutter wurde keine zweite Decke gebracht.

Schwester XY hatte einen Ton am Leib, der mir nicht gefallen hat.

Das Wlan funktioniert nicht richtig. Und das Wasser in der Dusche war sehr lange kalt.

Ich wurde in der Notaufnahme gefragt, warum ich eigentlich komme, dabei hatte ich 37,9 ° Fieber. Fachpersonal hätte das sofort sehen müssen!

Ich musste drei Stunden mit meinen Schmerzen im Sprunggelenk warten. Dabei wurde ein Rettungsdienst nach dem anderen vorgezogen. Das nächste Mal hole ich auch einen. Das scheint viel schneller zu gehen. 

Mein Vater wurde nackt über den kalten und zugigen Hof zum Röntgen gefahren und holte sich dabei einen Schnupfen ( müßig zu erwähnen, dass wir gar keinen kalten und zugigen Hof haben)

(Eine kleine Auswahl an Beschwerden, die ich so las.)

Die Mühle ist angelaufen und jeder muss sich mitdrehen. Der QM- Beauftragte schickt es los, der Chef prüft, der Mitarbeiter wird befragen (Wie? Keine Banane im Obstsalat? Wie konnte das passieren?), es wird eine Stellungnahme geschrieben, an den QM- Beauftragten geschickt, der dann eine wunderbare, geschmeidige Rückmeldung gibt: Jawoll. Ihr Anliegen und ihrer Kritik ist uns sehr wichtig. (Auch wenn bei manchen das Papier zum beschreiben oder den Sauerstoff, den man braucht, um sich darüber aufzuregen, nicht wert sind.) Vielen Dank dafür. Sie sind wunderbar und helfen uns damit, immer ein bisschen besser zu werden. Zwischen den Zeilen steht: Schaut her: Wir haben alles unternommen: den Mitarbeiter zusammengefaltet, Abhilfe geschaffen, Buß und Reu´ von allen Seiten.

Kurze notaufnahmeschwesterliche Abschweifung: Natürlich ist es wichtig, dass es solche Stellen gibt. Manches ist ja auch wirklich im Argen und ohne solche Rükmeldungen würde sich vielleicht nie was ändern. Das Blöde ist nur, dass man immer in der Rechtfertigungsschleife ist. Man hat die Bringeschuld und muss sich die Finger wund schreiben.Ich weiß nicht, ob ein QM- Mitarbeiter sagt: Freunde der gepflegten Beschwerdeschreibkunst – hab ihr euch schon mal überlegt, warum etwas so und so passiert ist? 

Ich wiederum packe in letzter Zeit immer öfters meine imaginäre Schreibmaschine aus und tippe Beschwerden über Patienten:

Frau XY hat mich eine blöde Schlampe genannt.

Ich wurde nicht behandelt, obwohl ich sagte, dass ich gottsterbenskrank wäre. Darüber hinaus fragte mich die Schwester, warum ich nachts um drei nicht im Bett liegen und schlafen würde, sondern wegen meiner gottsterbenskranken Verfassung (Ich fühlte mich nicht wohl) extra in die Notaufnahme kam. (Der Patient ging ohne Arztkontakt nach einer halbstündigen Wartezeit nach Hause.)

Der Patient sagte, nachdem wir ihn seine vollgekotzen Klamotten ausgezogen hatten, ihn von seiner Kackwurst in der Windel gründlich befreit hatten und uns über eine Stunde theatralisches Gestöhne angehört hatten: Alle sind so gemein zu mir.

Die leicht Angetrunkene und hob ihre gesunde Hand und verkündete, dass Ärzte und Schwestern per se alle Schweine sind und sie sie am liebsten immer gleich schlagen möchte.

Der Patient wurde ausfällig – dabei war er einfach nur schlicht und ergreifend doof.  (Wobei: Die Beschwerde ist voll korrekt. Kann man auch nicht machen, Ironie walten zu lassen und einen Patienten nach seiner ,schweren Verletzung` zu fragen, wenn man ein winziges Pflaster am Finger sieht, dass er vorsichtig abknibbelt. Vom Vortag. Nachts um hab vier.)

Ich bezweifel allerdings, dass ein QM- Beauftragter meine Zettel diesen Vollpfosten vor die Nase halten wird, um eine Stellungnahme in schriftlicher Form zu verlangen. Ich bezweifle es stark.

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