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Wenn ich so manchmal herum stehe und in einer Gruppe von Menschen erwähne, dass ich Krankenschwester bin, verlaufen Gespräche ungefähr so weiter:

Ach. Krankenschwester. Sag mal – ich hab da immer son Ziehen im Knie.

Ich war ja neulich auch in der Notaufnahme und da ist mir folgendes passiert….

Ihr habt doch bestimmt auch zwischendurch erotische Missgeschicke – erzähl doch mal.

Schau mal hier meine Narbe. Kann man da noch was verbessern?

Ich war mal bei einem Arzt, der war voll doof/ süß/ sexy/ inkompetent/ der reinste Metzger.

Ja. So sprechen sie und ich hab mich damit in all den Jahren abgefunden. Zumal ich meinen Beruf sehr mag und mir gerne reichhaltige Geschichten anhöre.

Notaufnahmeschwesterliche Abschweifung

Zwischendurch überlege ich mir, ob ein Pfarrer auch immer gleich nach einer Beichte gefragt wird? Und würde ich nicht am liebsten sofort einen Automechaniker bitten, sich mal meinen Motor anzuschauen, weil der immer so komisch brummt, wenn ich vom 3. in den 4. Gang schalte…. wo man schon mal so nett beisammen steht? Kann man einen Call- Center Mitarbeiter nicht mal gleich prophylaktisch mit einer „Rennschelle“ bedenken– für alle vergangenen und kommenden Wartezeiten in der Telefonschleife?)

Ich wiederum bin aber immer schon ganz froh, wenn es nur um Wunden und Krankheiten geht und nicht über die allseits bekannten Krankenschwestern Phantasie: Das Wunderweib im kurzen weißen, tief ausgeschnittenen Kleidchen, langes wallendes Haar, das ihr locker über die Schultern fällt – gerne auch mit neckischem Häubchen. Der Renner bei jeder Faschingsparty. Kein Verkleidespaß ohne Krankenschwester. Anrüchig. Wahnsinnig lasziv. Halt wie im richtigen Leben. Da laufen wir ja auch so herum. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Krankenschwestern sich in Zeitungen, die es nicht im Lesezirkel gibt, ausziehen. Liegt es am wunderbaren Bezug zur Körperlichkeit? (Oder liegt es an der erotischen Phantasie von Redakteuren?)  Dabei fällt mir gerade ein Gespäch mit einem Arzt der Allgemeinchirurgie ein, der einmal meinte: Die Krankenschwester an sich wäre prädestiniert für den Beruf einer Domina. Sie ist es gewohnt, Anweisungen zu geben, scheut und ekelt sich nicht vor merkwürdigen Körperteilen- und Flüssigkeiten und hat überhaupt das richtige „Auftreten“, das jeden Kunden glücklich machen könnte.“

Ich denke noch nach.

Aber wo war ich? Immer die Hölzchen aufs Stöckchen Einfälle. Ach ja. Wunden aller Art. Beim letzten Gespräch über Wunden im Kreise von ehemals Verletzten, erzählte ich, wie ich mir einmal an Weihnachten in den Finger schnitt. Es war unschön. Der Kartoffelsalat wollte fertig gestellt werden– mittels einer Gurke. Ich hatte den neuen Hobel gründlich unterschätzt und so gabs Fingerkuppe mit dabei. (Ich spreche hier von Kuppe. Nicht Finger. Ist ein Unterschied!) Ein Umstand, der unser täglich Brot/ Fingerkuppe in der Notaufnahme ist. Da sind wir ganz ungerührt. Ist halt ab – die Kuppe. Kannste nicht viel machen. Druckverband. Wird schon wieder.

Das wusste auch ich. Erstaunlicherweise fühlt es sich natürlich ganz anders an, wenn einem so was am eigenen Leib passiert. Auaauauauauauaauauau. Und wie so oft üblich, hat eine Krankenschwester wenig bis kein Verbandsmaterial zuhause. Da saß ich dann mit Zewa um den Finger unterm Weihnachtsbaum und tat mir sehr leid. Dieses seelenlose Pack vom Familie ignorierte meinen unglaublichen Verlust. Keiner kam im Sekundentakt zu mir und bemitleidetet mich. Dabei hatte ich mir gerade die Fingerkuppe abgeschnitten!!!!

Noch schlimmer wurde es Tage drauf, als ich das letzte Plaster, das der spärliche Vorrat hergab, auf der Arbeit abmachen wollte, um die Wunde zu kontrollieren. Dieser Schmerz! Pflaster abziehen ist das Letzte. Ich hab ne halbe Stunde gebraucht, um es Stückchen für Stückchen ( sehr kleine Stückchen) abzupuhlen. Incl. einem Fingerbad mit Lokalbetäubung. So was bekommen unsere Patienten nie. Sondern nur eine Krankenschwester – Domina, die das Pflaster mit einem „RUCK“ abzieht. Fertig ist der Lack. Kurz und Schmerzhaft. Anstatt wie bei mir sehr lang und sehr schmerzhaft. Man weiß nicht, was schlimmer ist. An all das erinnerte ih mich bei diesem Gespräch. Vor allem auch daran, was ich eigentlich für ein Weichei bin. Aber das habt ihr jetzt gleich wieder alle vergessen.

Manchmal ist es ganz gut, in eine andere Rolle zu schlüpfen. In den Schuhen von anderen zu gehen. Ich hab da mittlerweile ein ganz gutes Repertoire drauf. (Man wird ja nicht jünger.)

Was mich betrifft: Seitdem sind bei mir Menschen mit abgeschnitten Fingerkuppen prima aufgehoben. Sie bekommen von mir mehr Mitgefühl, den Versuch, möglichst vorsichtig zu sein und viele aufmunternde Worte. Weihnachten steckt mir immer noch in der Kuppe.

Bildquelle: pixabay

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