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„Schreib doch mal was über die vielen Flüchtlinge“, sagt die jungen Kollegin.

Ich habe Schaumküsse gekauft. Als Sinnbild. (In einem Akt, das reichhaltige Bild zu knipsen, musste ich im Selbstversuch einige (viele) anbeißen. Danke. Es geht mir gut.) Außen sind sind sie unterschiedlich. Innen sind sie gleich. Das gilt nicht nur für Flüchtlinge. Das gilt für alle Menschen. Manche sind mitunter etwas zäh. Manche sind ein Traum und zergehen auf der Zunge. Siehste oft nicht von außen. Musste probieren. Damit wäre fast alles gesagt.

Ich bin Krankenschwester geworden, weil ich Menschen mag. Weil ich helfen will. Da sein. Vielleicht auch mithelfen, gesund zu werden. Ich bin nicht Krankenschwester geworden, damit ich mich an Nebensächlichkeiten wie Hautfarbe oder Nationalität abarbeite. Wenn Menschen bluten, Schmerzen haben oder wenn es ihnen nicht gut geht, ist jeder gleich.

Ich denke an eine junge Syrierin, die neulich mit einer Panikattacke in der Notaufnahme lag. Völlig traumatisiert. Auf die allgemeine Frage, wie sie nach der Behandlung in ihre Unterkunft kommen soll – Achselzucken. „Meine Güte. Jetzt hat sie den weiten Weg bis ins gelobte Land geschafft – da wird sie wohl auch die 5 Kilometer durch die Nacht zurück laufen können!“

Ich denke an den jungen Russlanddeutschen, der Magenschmerzen hatte vom vielen Saufen.

„Früher – in Rußland wurde ich wie der letzte Dreck behandelt. wegen meiner Herkunft. Hier in Deutschland ging es weiter. Das Saufen hat geholfen. Und wenn mir jetzt einer blöd kommt, hau ich ihm eine aufs Maul. Vor allem den blöden Ausländern!“ „

„Hast du nicht gerade erzählt, wie schlimm das war, wie du behandelt wurdest – als Ausländer?“ „Ja und? Irgendwie muss man doch klar kommen.“

„Öhm. Ach so. Meinste nicht, das wäre ne prima Gelegenheit, es besser zu machen?“

„Vielleicht. Ich sauf mir lieber das Leben schön!“

Ich denke an den Afghanen, der mit 40° Fieber aus dem Zug direkt zu uns kam. Der meine Hand nahm und festhielt. Der mit uns im Googleübersetzer nach seiner Sprache suchte, die es dort nicht gab.

Ich denke an all die Augen, in die ich gesehen habe. Die unterschiedlichen Geschichten und Schicksale die ich gehört habe. Unabhängig von Nationalität, Hautfarbe und Herkunft. In viele Geschichten kann man sich einfühlen. Manche sind einem so fremd wie die Augen, in die man schaut – in das unendliche Leid, dass man nur erahnen kann.

Hört mir auf mit den Stammtischparolen, „Unser Boot sei voll“. Und die „schmarotzen hier nur so herum und nehmen uns alles weg. Schließlich muss jede Omma mit mickriger Rente sich auch täglich darum bemühen, mit dem Arsch an die Wand zu kommen“. Hört mir auf mit den Worten „die Wellen, die Ströme, die Flüsse, die uns überrollen. Und die sich hier in unserem schönen Land den schönen Lenz machen wollen. Die dann vergewaltigend durch die Gegend laufen und wehrlose Bürger bedrohen und beklauen. Immer! Ständig! Stets!“

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Über was reden wir hier eigentlich? Werden wir tatsächlich überschwemmt? Muss ich um mein Butterbrot fürchten, weil Flüchtlinge mir es wegnehmen könnten? Ein kleines bisschen lesen würde helfen. VIelleicht hier: http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-08/fluechtlinge-deutschland-mythen.

Die Meckerer lesen das natürlich nicht. Die sind beschäftigt, sich zu sorgen. Oder Demos gegen Ausländer zu organisieren. Vielleicht auch, Angst zu schüren.

Letztlich sind es Menschen, die da zu uns kommen. Menschen, die Schlimmes hinter sich haben. Die kommen nicht aus Spaß am hübschen Familienurlaub mit Taschengeldgarantie. Das sind Menschen, die ein bisschen mehr Glück/Leben/Zukunft  haben wollen. Kann man ihnen das verdenken?

Bin ich jetzt auch ein Wirtschaftsflüchtling, weil ich nicht mehr in dem Ort meiner Kindheit wohne und arbeite? Sind es meine Ahnen, die mittunter durch halb Eurpoa reisten – auf der Suche nach besseren Arbeits – und Lebensbedingungen? Wer wohnt denn schon noch – wie Adam und Eva – im Paradies, in der Stätte seine Herkunft? Wir alle wandern mittlerweile durch die Welt. Die einen mehr, die anderen weniger. Immer auf der Suche nach dem Glück, dem besseren Job, dem schöneren Leben.

Für uns ist das okay? Für andere darf das nicht gelten? Und erst recht nicht für diejenigen, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind? Die ihre Familie zurück lassen mussten? Vielleicht ihr einstmals schönes Zuhause. Ihre Freunde? Die nicht kofferweise ihre Lieblingsbücher, Klamotten, Familienfotoalben und Erinnerungsstücke einpacken konnten, weil Leib und Leben auf dem Spiel stand? Schaue nur ich Nachrichten, lese Zeitung und weine manchmal innerlich über die Schicksale?

Was ist das für eine entmenschlichte Gesellschaft, wenn ich mir die Sprüche, Parolen und Deppenantworten anschaue? Wenn mich das Leid und Elend andere so gar nicht mehr berühren kann?

„Schau dir immer den Menschen an“, sagte ich zu meiner Kollegin. „Es gibt Arschlöcher – unabhängig von der Nationalität. Und es gibt andere. Bemühe dich, nicht zu ersten Gruppe zu gehören! Hier. Nimm einen Schaumkuss!“

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