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Ich bin Diät-Expertin!

Es vergeht kein Jahr, in dem nicht aus irgendeiner Ecke eine neue Diät das Herz der Krankenschwester erobert.

(Das perfide ist: Weil wir ja so wahnsinnig gut in Krankenbeobachtung sind, fällt jedes Gramm, Kilo, Zentner auf, den einer zu- oder abnimmt. „Mensch – du hast doch bestimmt 2, 3 Kg abgenommen!!! Sieht toll aus.“ Oder auch: „Du musst mal ein bisschen langsamer machen. Ich sehe die 600 Gramm, die du zugenommen hast!“)

Vor vielen Jahren war ganz groß im Rennen: Die Weight Watchers. Da saßen sie dann mit Hüttenkäse und Knäckebrot bei der Mahlzeit und zählten verstohlen Punkte (Falsch, damals wog man sein Essen sogar noch ab. Punkte gabs erst später). „Nein. Ich kann leider nicht noch ein Knäcke mehr essen. Mir bleibt heute nur die nackte Möhre!“ Kam also die Kollegin mit einem Tupperschlüsselchen um die Ecke – ach was! – ein ganzer Tupperbottich! – wussten alle Bescheid. „Es ist mal wieder soweit!“ Heute nur noch Kohlrabi, Möhrchen und Paprikaschnitz. Die Punkte sind alle.

Nicht ganz so schlimm waren diejenigen, die fröhlich fdH (friss die Hälfte) machten. Ganz eifrige halbierten sogar Gummibärchen. (Die machten das gerne, um anderen ihre Überlegenheit zu demonstrieren. „Pah! Schaut nur, welche Selbstdisziplin ich habe – ihr Stümper! Das war eben dein drittes! Ich habs genau gezählt. Versager!“)

Die Glyxdiät. Ach – was war das schön. So eine intelligente Idee! Den Körper/ Insulinproduktion austricksen und dabei so schlank werden. Wie einfach. Wie genial. Komisch, dass man nichts mehr davon hört.

Grausig war die Kohlsuppe. Dieser durchdringende und säuerliche Geruch der frisch gekochten Suppe drang durch alle Räume. Abends zeigten die Kolleginnen die Bäuche – gemäß dem Solgan: Wer bläht am meisten? Es war unschön. Auch das plötzliche Verschwinden, weil der Pups drückt. Zack- weg waren sie. Eben mal um die Ecke: Entblähen, leicht gemacht für jedermann. (Ganz verwegene erzählten mir Jahre später Trick 17:  „Pupse einfach. Am besten leise. Und schaue, sollte ein Kollege gerade zufällig vorbei kommen, deinen Patienten leicht strafend an. ,Tsss. Wie die wieder stinken heute`“.

Low Carb ist derzeit schon fast wieder out. Keine Kohlehydrate. Kein Nüdelchen. Kein Kartöffelchen. Auch kein Brötchen. Aber Fleisch. Viel Fleisch. Auch Fett. Das kann man sich dann aufs Fleisch schmieren. Wirkt super. Sagen sie. Stimmt auch. Nur irgendwann sind sie alle leicht hohlwangig und schauen neidisch auf dein Brötchen. „Ach. Ich würde ja auch gerne mal wieder. ABER ICH DARF  NICHT!!!! Dabei machen mich Nudeln immer so glücklich.“ Ja. Wer das eine mag, muss das andere mögen. (Manche schlichen heimlich in die Cafeteria, um sich ein dickes Schnitzelbrötchen zu holen. Schnitzel, damit sie im Diätplan beleiben. Panade vom Schnitzel und Brötchen wurden mit Todesverachtung gegessen – aber es war so gut! Diese Diät ist übrigens in Verbindung mit einer DVD „Bootcamp“ – Ich schrei dich an, damit du mehr Liegestütze schaffst“ ideal. Selbstverachtung bei gleichzeitiger körperlicher Ertüchtigung kann nicht schöner zelebriert werden.  Der Neid der Kollegen, weil man in kürzester Zeit entspannt zu Kleidermamsell gehen kann, um sich die Hose und Kittel eine Nummer enger zu bestellen, ist einem gewiss.

Hingegen nimmt die Zahl der Vegetarier und Veganer zu. „Du glaubst nicht, wie viel man da abnehmen kann. Und es ist sooo gut für die Umwelt.Ich fühl mich innerlich wahnsinnig gut und total fit.“

Paleo – die Steinzeitdiät – hat sich nicht ganz durchgesetzt. Trennkost. Proteinshakes (sehr traurig, wenn man immer nur vor der schlabbrigen Brühe sitzt),  Kalorienzählen mit Tabelle, Kartoffeldiät, Atkinsdiät (ähnlich wie Low Carb, nur irgendwie nicht ganz so schick), Uschi-Glas-at-its-best (Ananas und ein Schlückchen Wasser und viiiiel Schlaf), Heilfasten.

Das ist nur eine kleine Aufzählung. In Wahrheit sind es viel mehr Diätideen, die ich in all der Zeit erlebt habe. Krankenschwestern lieben Herausforderungen, Essen (oder eben Nicht- Essen) und den Wettbewerb um den schönsten Körper. (Vielleicht ist es auch einfach ein super Ausweich-Gesprächsthema für alle? Wer will auch ständig darüber plaudern müssen, wie es einem geht. Wo kämen wir denn da hin! Über Diäten kannst du mit JEDEM reden. Auch mit dem, den du eigentlich nicht leiden kannst)

Es ist aber kein reines Frauen/Krankenschwesternthema mehr – die Pfleger legen nach. Aber in der versteckten Variante: ständig und exzessiv viel Sport, oder NEDAT (Nur eine Dose am Tag)

Du kannst den diätetisch wertvollen Kollegen im Minutentackt zusehen (kleine Übertreibung), wie sie schön und schlank werden. (Es ist übrigens enorm wichtig, Feedback zu geben. „Meine Güte, du hast aber toll abgenommen. Wie hast du das gemacht??? Wahnsinn!!) Es macht ein super Betriebsklima, wenn man die Strapatzen der anderen wahrnimmt. Darüber hinaus man wird automatisch Diätexperte. (So wie ich)

Diäten wirken übrigens. Kein Scherz. Aber dazu sind Diäten ja da. Irgendwann wirkt es dann nicht mehr. Weil es sich ausgelowcarbt hat. Oder Punkte zählen doof wurde, oder das Steak einem zum Halse raus hing, oder zum Objekt der Begierde wurde – je nach Diät. Dann muss man die Augen offen halten, nach einer neuen Idee/Diät/Heilsversprechung.

Es ist ein anstrengendes Leben als Kollegin, wenn sie in der „Phase“ sind und es braucht Trost und Liebe, wenn sie scheitern.

Ja. Es ist ein Elend mit dieser Selbstoptimierung. Die meisten meiner Kollegen sind schön und schlau und gut. Dazu wunderhübsch. Aber diese Idee von einem noch schöneren Körper…..  da fangen sie eben wieder von vorne an. (Bei manchen wundert man sich, wie viel eine Mensch über die Jahre abnehmen kann, so dass sie überhaupt noch auf Erden wandeln. Immerzu hört man: „3 Kilo wieder weg. Super.“ Nach ein paar Wochen: „Jetzt sinds 7 Kilo.“ Was man nicht zu hören bekommt, ist die Zunahme dazwischen. So gesehen: Rein rechnerisch arbeite ich mit vielen Geister-Kollegen)

Dabei müssten wir es ja eigentlich besser wissen: Jeden Tag sehen wir Menschen, wie Gott sie schuf (und Fritten sie formten). Wir wissen: Jeder ist anders. Jeder hat seinen eigenen, wunderbaren und funktionierenden Körper. Oder ist es gerade wegen all dieser Körper, dass es der Krankenschwester an sich himmelangst wird, so zu enden? Die wenigsten haben 90-60-90. Und dennoch bleibt dieses Ideal (bin ich schlank, bin ich schön, bin ich glücklich) bestehen und der Kampf darum.

Ich übrigens mach da nicht mehr mit. Bei mir wirkt das Tiramisu von innen: Ich bin nahezu faltenfrei. Hat auch was.

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