Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag
zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Lass mich rechtzeitig eine ausführliche Patientenverfügung verfasst haben und mit meinen Angehörigen darüber gesprochen haben. Spätestens wenn ich in Rente gehe, lass mich einen Tätowierer gefunden haben, der auf meine Brust: „Finger weg“  geschrieben hat.

Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

Es braucht ein Ohr, um die anderen zu hören. Das reicht schon oft. Liebeskummer der Kollegen, Kopfschmerzen der Patienten, merkwürdige Strukturen in Krankenhäusern oder was auch immer. Manchmal ist es eben so, wie es ist. Die Kunst ist es, sich da einzumischen, wo es nötig wird. Und manchmal auch gepflegt die Klappe zu halten. 

Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Alte Krankenschwesternleidenschaft. Dafür haben wir das ja gelernt. Nicht wahr? Es juckt uns ständig in den Fingern. Gesundheitstipps hier, Ratschläge da. Aber: will das der andere überhaupt hören? 

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),
hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Äh. Ja!  

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen,
zur Pointe zu gelangen.

Ich hoffe ja, dass ich das nicht verlernen werde. Aber wie heißt es so schön: Hoffen und harren, hält manchen zum Narren – Ikks)

Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten
und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu
beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Rücken. Ich sage nur RÜCKEN! Oder wie sagte ein Oberarzt so schön: „Wer über 40 ist, morgens aufwacht, und es tut ihm nichts weh – ist vermutlich tot.“

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

Berufsrisiko. Die Geduld von Jahr zu Jahr nimmt ab. Vor allem eine mehr als ausführliche Anamnese bis ins 7. Glied und den Stuhlgang von vor drei Tagen. (Ja. Ich weiß. Ist auch wichtig!) Das Interesse am Leben hingegen nimmt zu. („Wie – schon 60 Jahre verheiratete? Was ist ihr ,Geheimnis`? Wie können wie so gelassen und heiter sein, angesichts der Schwere ihrer Krankheit? Wie schaffen sie es, ihren Partner über so viele Jahre so wunderbar zu pflegen?“)

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lass mich genau hinsehen, wie Schüler und neue, jüngerer Kollegen arbeiten und denken. Lass mein Interesse nicht daran abnehmen, was sie Neues mitbringen oder wie sie die Dinge sehen. Lass mich dafür offen sein und vor allem selten Sätze verwenden, wie: „Das haben wir aber schon immer so gemacht!“ Manches war gut, ist gut, bleibt gut. Vieles aber auch nicht.

Hilf mir, einigermassen milde zu bleiben. Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden. Mit manchen dieser Heiligen ist es so schwer auszukommen. Aber ein scharfes altes Weib ist eins der Meisterwerke des Teufels.

„Milde“ ist ein so schöner Ausdruck. Gerne in Verbindung mit „gütigem Lächeln“. Das ist manchmal schon schwierig, bei Patienten, Kollegen und vor allem den „Welpenärzten“. Ach. Das ist aber auch manchmal ein Kreuz. (Manche wissen, wovon ich schreibe). Um so pfiffiger ist es, „Milde“ immer mal wieder zu trainiren. Oder Geduld. Oder sehr leises, für andere kaum hörbares Seufzen.

Mache mich teilnehmend, aber nicht sentimental, hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. Gewähre mir, dass ich Gutes finde, wo ich es nicht vermutet habe, und Talente bei Leuten, denen ich es nicht zugetraut hätte. Und schenke mir , Herr, die Liebenswürdigkeit, es ihnen zu sagen.

Oh ja! Unbedingt! 

Nach dem „Gebet eines älter werdenden Menschen“, das man  Teresa von Avila (1515 – 1582 Karmeliterin, Mystikerin und Kirchenlehrerin) zuschreibt.

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