Stan und Olli stehen in einer ihrer letzten gemeinsamen Filmaufnahmen herum. Sie albern und lachen und machen Späßchen und trinken ein Tässchen Kaffee zusammen. Es sind die letzten Aufnahmen der beiden.

Meine letzte „Aufnahme“ ist in meinem Kopf:

Ich stehe mit Ihr vor der Notaufnahme. Wir trinken ebenfalls ein Tässchen Kaffee vor unsere letzten gemeinsamen Nachtschicht. Als uns bewusst wird, dass es die LETZTE ist, werden ihre Augen feucht. Und ich mache einen Witz. Das kann ich gut. Lieber Witzchen reißen, als weinen. SCHNELL: EINEN WITZ!

Fast 20 Jahre haben wir zusammen gearbeitet. ( Na gut. Nur 18)

Wir sind in der Notaufnahme gemeinsam „alt“ geworden. ( Ach was heißt hier „alt“ – älter vielleicht oder reifer – aber niemals alt.)  Würde man unsere Familien zusammen werfen, hätten wir insgesamt fünf Kinder, zwei Ehemänner und zwei Katzen.

Manchmal sehe ich ihre Kinder – weit entfernt von ihr auf einem Handtuch – im Schwimmbad sitzen. (Mütter werden so peinlich ab einem gewissen Alter) Aber dann kommen die Kinder doch irgendwann und essen meine Bonbons mit Prickelbrause, anstatt ihr geschnittenes Äpfelchen. Es sind die Kinder, die ich schon im Mutterleib kannte. Die Kinder, die bei einem Besuch in der Pause vor der Notaufnahme einen kleinen Tobsuchtsanfall bekamen und interessiert vom Narkosearzt begutachtet wurden ( Wieviel Propofol braucht es wohl, um sie zum Schweigen zu bringen???) Es sind die Kinder, die sich noch ewig an mich erinnerten, weil man bei mir mit dem HINTERN! auf dem Sofatisch sitzen durfte. Bei ihr hingegen NIE! („Das ist voll ungerecht!“)

Jetzt haben sie Haare unter der Nase und eine tiefe Stimme bekommen.

Ich sehe uns beide in einen ruhigen Nacht vor dem Fernseher. Wir schauten QVC – den Shoppingkanal, weil wir zu müde und zu faul waren, umzuschalten. Bis wir beide von einem Rührgerät ohne Strom so beeindruckt waren und es schließlich bestellten. ( Eine halbe Stunde Dauerbeschallung, incl. „Kaufe zwei zum Preis von einem“ hatte uns überzeugt. Später fanden wir heraus, dass es nichts taugt. Seitdem sind wir schlauer.)

Einmal sagte sie einer Frau, die sich mit Snaps und Tabletten den Liebeskummer aus der Seele treiben wollte: „Aber, aber: Andere Mütter haben doch auch schöne Söhne!“ Da ging ich stumm aus dem Raum. Ich war gerade getrennt vom Mann fürs Leben. Sie seit zwei Jahren verliebt – verlobt – verheiratete. Sie trieb damals – vor vielen, vielen Jahren die Frage nach einer größeren Gefriertuhe um, mich die Frage: Wo – und vor allem wie finde ich mein Lebensglück.

Die unterschiedlichen Lebensenfwürfe sind mittlerweile ausgeglichen.

Wenn wir uns treffen, üben wir oft das Jammern. Das können wir beide schlecht. Dafür sind wir beide zu sehr beschäftigt, die Bälle aus Familie, Kindern, Sichtdienst und sozialem Leben in der Luft zu halten. Ohne Jammern hat man schlechte Karten.  Mütter mit Kindern können definitiv leichter für einen Dienst einspringen, als manch andere Kollegen. Vielleicht auch, weil das Leben übersichtlicher ist. Da stellt sich nur die Frage: Wer passt auf den Nachwuchs auf, wenn ich  arbeite? Da  muss man sich nicht mit anderem Gedöns herumschlagen. (Arzttermin, Friseurbesuch, wichtiger Lifertermin für Getränke, Spanischkurs, Oma Geburtstag, sonstigs) (klitzekleine Ironie)

Menschen gehen, andere kommen. Aber bei manchen wird einem das Herz schwer. Wer sollte es ihr vedenken, dass sie nach all der Zeit endlich aus diesem verdammten Schichtdienst herauskommen will? Dienst von 7 bis 13 Uhr ist das neue Ziel. Ihr Sohn war leicht verstört und erschreckt: „Was – dann bist du ja jeden Nachmittag zuhause????!!!“

Klüngelbildung war ihr fremd ( „Für so was habe ich keine Zeit“). Sie war eine derjenigen, die mit einem sprach, anstatt über einen. All das ist manchmal selten in so einem Frauenberuf. Um so wohltuender und anspornend, es ihr gleich zu tun.

Ach. Sie wird mir fehlen. Wie bei Stan Laurel und Oliver Hardy werden wir hoffentlich auch hin und wieder in Zukunft zusammen stehen. Wir werden scherzen und albern, einen Kaffee zusammen trinken und uns an alte Zeiten erinnern. Nur halt nicht mehr vor der Notaufnahme.

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