Wenn ich sterbe, dann tu ich das selber.
Niemand tut es für mich.

Wenn es soweit ist, dann sag ich:
»Fynn, stell mich hin.«


Und dann guck ich rum. Und dann lach ich.
Dann fall ich hin
Und bin tot

Ich hätte gedacht, es sei einfacher zu sterben.
Vielleicht wie in dem Kinderbuch: „Hallo Mister Gott, hier spricht Anna“ von Fynn, dass ich früher meinen Enkeln vorgelesen hatte. Damals schien es mir einfach, mit den Enkeln über das Sterben und den Tod zu sprechen. „Das Ende“ – und mein eigenes sowieso – war weit weg. Die Kinder und Enkel und Tiere waren voller Leben – wie ich selbst.
Doch die Zeiten änderten sich. Was immer ich verdrängte, kam über mich: dieses verdammte Vergessen.
Nie wollte ich ein Pflegefall werden. Nie wollte ich auf andere in einem Maße angewiesen sein, dass ich noch nicht mal sagen können würde: Mir tut es weh, wenn ihr mich auf die rechte Seite legt. Ich möchte gerne mal pinkeln. Habt doch ein bisschen Geduld mit mir, wenn ich trinke und esse. Ich mag keinen Spinat. Noch nie.

Jahrelang lebte ich in diesem immer stärken Vergessen. Manchmal kam ich für kurze Augenblicke zurück in das Leben, wie ich es kannte. Aber mehr und mehr zog es mich an einen Ort, in dem es Licht gab und Gerüche und Geräusche, die ich immer schlecht einordnen konnte.
Als Kind stand ich oft am Fluss und schmiss Blätter und Blüten hinein.
Ich war wie eines der Blättchen, die vom Strudel mitgerissen wurde.

Mitten in der Nacht fing es an. Mir wurde kalt. Ich hatte plötzlich große Angst vor dem, was da noch kommen würde. Es fühlte sich an, wie ein Abschied von etwas, das ich kannte – zu dem, was ich erahnen konnte.
Ich bekam keine Luft mehr. Ist das das Ende?

Gegrüßet seist Du Maria voll der Gnade.
Der Herr ist mit Dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen.
Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes: Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

„Hört mich denn keiner?“, hätte ich am liebsten laut gerufen und meine Angst vor dem Neuen herausgeschrieen. „Kann mir einer helfen? Mit mir gemeinsam den Weg gehen? Bei mir sein, damit ich mich nicht fürchten muss?“

Was kam, was Licht und Krach. Stimmengewirr am Telefon vor meinem Bett, in dem ich nach Luft schnappend lag. „Ein Notfall. Ja – bitte mit Notarzt!“
Viele Menschen kamen. Einer, der sich um mich kümmern würde, hätte gereicht.
Der sich meiner angenommen hätte.
Der meine Hand genommen hätte.
Der mir meine Angst genommen hätte.

Stattdessen riss man mir mein Nachthemd auf und beklebte mich mit Aufklebern. Man hob meinen Arm und band etwas darum, das mir den Arm zusammenquetschte. Jemand stach mit mehrmals in den Arm. Einmal rechts. Dann links. Alle sprachen durcheinander – über meinen Kopf hinweg.
Geräte wurden an mir angeschlossen und piepsten und fauchten. Einer stülpte mir etwas über Mund und Nase, obwohl ich sowieso schon so schlecht Luft bekam und jeder Atemzug unendliche Anstrengung bedeutete.

Sprach einer überhaupt in dieser Zeit mit mir? Ich kann mich nicht erinnern. Doch, einem jungen Mann schaute ich kurz in die Augen. Ich sah Mitgefühl. Dann schloss ich meine Augen.

Hände griffen nach meinem Körper und zerrten und hoben mich aus meinem Bett und legten mich auf eine kalte, harte Liege. Man schnallte mich an und legte eine Decke über mich.
Gesichter über mir, die mich nicht anschauten, mir aber dennoch mit einer Taschenlampe in die Augen leuchteten.
Ich war so müde.
Es holperte über den Gehweg. Ich hörte den Kies unter mir knirschen. Es rumpelte und ich träumte mich weg.
Ich sah meinen Mann und meinen Hund, wie sie auf einer Bank in der Sonne saßen. Ich lächelte.
Ich sah meine Mutter, wie sie – in der Küche stehend beim Kartoffeln schälen- sich nach mir umdrehte, als ich aus der Schule kam.

Aus diesen Bildern wurde ich gerissen, denn wieder griffen Hände nach mir.

„Weiblich, 86 Jahre alt, Lungenödem, CPAP-Beatmung, kaum tastbarer Pulse, der letzte Blutdruck bei 55/28, Sauerstoffsättigung ohne Sauerstoff bei 59%. Pflegefall seit Jahren bei Hirnorganischem Psychosyndrom…

Sprachen die über mich? Mehr gab es über mich nicht zu berichten? Ist das die Summe, die bleibt?

Lass mich zufrieden mit allem und haltet meine Hand. Hört auf mit den Geräuschen, die mir Angst machen.
Betet mit mir, denn mein Ende ist da.

Gegrüßet seist Du Maria voll der Gnade.
Der Herr ist mit Dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen.
Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes: Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Ich sterbe.

Wenn ich sterbe, dann tu ich das selber. Niemand tut es für mich.

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