„Ja – darf man sich an seinem Geburtstag nicht ein bisschen betrinken?“
Die Ärztin – durch jahrelange gemeinsame Schichten mit einem ähnlich Humor gesegnet – und ich schauten uns an.
„Doch! Das dürfen sie. Unbedingt. Man darf halt nur nicht danach aussehen, als wäre man dem Axtmörder persönlich begegnet!“

Der Mann kam gegen Mittag, hatte einen hübschen Verband um den Kopf und konnte sich so recht nicht mehr erinnern. Doch – gestern hatte er gefeiert. War super. Wurde spät. Am Vormittag musste er aufs Klo – so ergab die Recherche des Rettungsdienst. Nur war die Treppe im Wege. Oder der Restalkohol. Oder seine Gehirnerschütterung.
Unter den Verband spitzen die Löckchen hervor. Darunter verbarg sich eine Skalpierungsverletzung, wie man sie auch nicht oft sieht. Von einem Ohr bis zum anderen. Treppe oder doch der Axtmörder?
Die Ärztin pfiff anerkennend. Ich griff zum Rasierer – zwecks der besseren Sicht.
„Alter Schwede“, entfuhr es mir. „Das ist echt krass!“

„Seid ihr nicht da, damit ihr mir Mut machen sollt? Damit ich mich nicht fürchten muss?“, jammerte der Patient?
Auf Wunsch machten wir ein Foto. Zwecks der Erinnerung. Oder für Halloween. Frankensteins kleiner Bruder.
Die Ärztin nähte ihn zusammen. 20 Stiche – dann sah er wirklich aus wie Herman Munster aus der Serie „The Munsters“, die in den 1960er Jahren eine erfolgreiche US-Comedyserie war.

 

Hier eine meiner Lieblingsszene:

Muss man jedem und immerzu Patienten Mut machen? Kann und darf man manchmal nicht sagen wie es ist?
Natürlich darf man. Einem Mann im mittleren Alter, der Pech hatte und dessen Schönheit stark gelitten hat,(für die nächste Zeit) darf man sagen, dass er Pech hatte und seine Schönheit gelitten hat. Dass wir aber alles tun werden, damit es wieder gut wird. Duziduzi.

Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen Ehrlichkeit und Verschweigen. Aber wer ein Foto auf sein Handy haben möchte, darf wissen, dass er im Moment eher weniger gut aussieht. Und dass ein Rausch zusammen mit einer Treppe eine blöde Kombination sein können.

Herman Munster telefonierte mit Gabi, seiner Liebsten, und bat um ein paar Socken, das Ladekabel für sein Superhandy, eine Mütze und eine Zahnbürste. Gabi war nicht mit ihm und dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gefahren. Sie hatte Kopfschmerzen von der langen Nacht und sah sich außerstande, sofort zu kommen. Sie versprach aber, später zu kommen. Viel später.

Herman Munster bekam einen Kopfverband in blau und ein Bett auf der Station. Eine Mütze – so meinte der Student, der die Schere beim Nähen halten durfte – könne man sich jetzt direkt sparen. Eine Feder für den Verband würde besser aussehen. Mehr so nach Indianer. Anstatt Hermann Munster.

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