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notaufnahmeschwester

Was schön war

Nächstes Jahr wird sie 90 Jahre – sehe ich in den Akten. Ein Lob auf klare Zahlen. 1928 lässt sich gut rechenen.

Aber heute ist sie es nicht. Heute liegt sie wegen „Herzklabuster“ im Krankenhaus  und soll von mir ein Kontroll EKG geschrieben bekommen.

Der 89. Geburtstag naht in wenigen Tagen und wir plaudern ein wenig, während ich ihr ein EKG schreibe.

Ich plaudere gerne dabei. Die Arbeit ist Routine. Das geht so „nebenher“ und fast unbemerkt. Und wenn die Datenübertragung mal länger dauert (Die Digitalisierung ist längst nicht so optimiert wie alle immer sagen), macht das gar nichts. Wir plaudern.

„Haben sie war geplant? Feier oder Tür zu?“

„Ach – gehn sie mir weg mit Feiern. Ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe. Udn außerdem weiß man ja nie, was der neue Tag in meinem Alter bringt.“

„Das stimmt.Aber sie sehen nicht aus, als wüssten Sie nicht auch das Leben  zu feiern.“

Der allumgreifende Pflegeblick hat erfasst: Das Haar ist hübsch onduliert, die Haut gepflegt, der Blick wach und mit einem gewissen Schalk im Auge, die Nägel an Hand und Fuß tiptop. So sieht keine aus, die immerzu gerne ihre Ruhe hat.

„Vielleicht kommen meine Urenkel. Ich hab acht!“

„Holla!“

„Ja – dabei hat es ganz klein angefangen. Ich hatte nur eine Tochter. Sie bekam drei Kinder. Und die alle zusammen acht Urnenkel.“

„Das ist ja wie beim Stammvater Abraham. Damals, als er die Sterne zählen musste um zu erfahren, wieviele Nachfahren er bekommen wird. Während seine alte Frau Sara sich daheim grämte, weil sie immer noch keine Kinder bekommen hatte.“

Sie kichert. Sie kennt die biblische Geschichte scheinbar auch.

„Genauso!“

Nun heißt es ja immer, Religion sei wie ein Penis. Privatsache. Hübsch versteckt in der Hose. Damit wedelt man nicht in der Öffentlichkeit herum. Und wenn man sich die Welt so anschaut, ist das vielleicht nicht unbedingt die schlechteste Idee. Vor allem „Penisvergleiche“ sind erschreckend ohne Ende – um mal bei diesem Bild zu bleiben, wenn man die derzeitige Weltlage betrachtet.

Gleichwohl glaube ich, dass ein Glaube  oder Spiritualität  zum Wesen des Menschen gehören. Die Frage nach dem „Woher“ und „Wohin“, nach einem Sinn treibt sie/uns alle an. Und oft habe ich es erlebt, wie  aus Atheisten betenden Menschen wurden bei einem Aufenthalt im Krankenhaus und einer erschreckenden Diagnose.

Die einen beten, andere suchen ihr Heil in Chiasamen und Yoga.

Religion und Glaube – an was auch immer – gehört  zu dem Bestandteil vieler Menschen. Auch zu meinem. Und den „Alten“, die damit viel mehr aufwuchsen, sowieso.

Ich bin wiederum ein „Produkt“ meiner Erziehung. Ich bin mit den biblischen Geschichten groß geworden, wie heute die Kinder mit Disney und Minions. Ich liebe die Geschichten. Sie sind ein Schatz  für mich, den ich in meinem Herze bewege und bewahre.

Ich schaue auf ihren Namen. Martha heißt sie. Ich mag den Namen sehr. Eine Freundin heißt so, die ich sehr verehre.

„So ein schöner Name!“

„Auf keinen Fall,“ widerspricht sie und lobt indes meinen Namen, den ich mit den Jahren zu mögen lernte.

„Was bin ich mit dem Namen früher immer verarscht worden. Das steht ja auch in der Bibel: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe…“

„… Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt. Das soll nicht von ihr genommen werden.“, ergänze ich fast automatisch.

Sie kichert wieder. Es ist, wie wenn ich mit meinen Kindern heute Luis de Funes spiele:

Immerwährend: Nein. Doch Ohh!

Ein Blick in die Augen: Wir verstehen uns.

Wir reden über die Geschichte aus der Bibel, die wir beide nicht nachvollziehen können, über Namen, Hausfrauendeppenjobs, Kinder und Trubel in der Bude.

„Es war mit ein Vergnügen!“, bedanke ich mich zum Abschied. „Und mir erst!“, antwortet sie.

Wir sind miteinander verbunden. Und das ist das Schönste, was man in der Begegnung mit Menschen haben kann.

„Du immer mit deiner Alltagstheologie“, sagt eine Freundin, als ich davon erzähle. „Ich möchte mal wissen, wie du das machst.“

Sie grinst. Sie ist Theologin.

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Ein halber Pulli

Ich konnte mein 20 jähriges Dienstjubiläum feiern. Also nicht richtig, weil ich zur eigentlichen Feierstunde nicht zugegen war.

Auf einem Zettel habe ich also nicht angekreuzt, dass ich komme, sowie der Freigabe von Fotomaterialien zustimmen, noch bei einem geselligen Beisammensein mit anderen alten Schachteln Jubilaren zugegen sein würde.

Fast war ich untröstlich. Das schöne Händeschütteln, der Fototermin, der kleine Empfang mit alle den wichtigen Menschen der Klinik fiel also aus Terminschwierigkeiten für mich aus.

Aber das macht ja nichts. Ein Dankeschön reicht! Das erwärmt das Herz und bezaubert den Verstand.

Doch man hatte mich nicht vergessen.

Heute kam ein dicker Briefumschlag in DIN A 4 Format. Der Gatte dachte schon wunderwelts, was das sein mochte. So hochoffizielle Post vom Arbeitgeber in diesem Format bekommt man nicht oft.

Drinnen war eine güldene Hülle, eine auf Büttenpapier geprägte Urkunde, ein handlich zusammengerollter, roter Teppich sowie überschwängliche Danksagungen für die letzten 20 Jahre. Und ein dicker Scheck.

Vor Freude fielen mein Gatte und ich uns – mit Tränen in den Augen – in die Arme.

Das ist die Anerkennung, die man sich wünscht. Eine Annerkennung, die Freude macht. Eine Annerkennung, die ihresgleichen sucht.

Dann sahen wir genauer hin.

Die Hülle war aus Pappe, die Urkunde aus etwas festerem Papier, der dicke Scheck entpuppte sich als Citygutschein. Dreimal 10 Euro.

„Das ist doch Ironie?“, fragte mich die 87-jährige Omma des Herzens, als ich mit ihr zum Einkaufen fuhr, damit sie es etwas leichter hat im Leben. „Oder? Das kann doch nur Ironie sein. Oder soll das deinen Wert darstellen, nach 20 Jahren?“

Schnell – ein Witzchen:

Treffen auch drei Freundinnen und stellen fest, dass sie alle Dienstjubiläum hatten.
„Das war super!“, sagt die erste. „Von meiner Gratifikation habe ich mir ein neues Auto gekauft.“
„Spitze!“, sagt die nächste. „Ich hab mir zwei Wochen Griechenland gegönnt. Fett mit Pool und Komfort – und zurück.“
„Und du?“, fragen beide. „Was hast du bekommen?“
„Einen Pulli!“
„Und den Rest?“
“Den hat meine Mutter bezahlt! „

Ach Freunde, in der Pflege darf man nicht in solchen bürgerlichen Kategorien denken. Da muss man mit Herz, Liebe und Gedöns zufrieden sein. Das „Dankeschön“ unsere zufriedenen Kunden sollte uns reichen. Und wem das nicht passt, der kann ja gehen – sagt der Sandro.

Ironie?

Ich glaube nicht. Es ist die Geste, die zählt – nicht wahr?

Nach vier Stunden Öffnen dieses Briefes bin ich immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil ein „gut gemeint“  gleichzeitig „schlecht gemacht“ sein kann. Weil sich Arbeitgeber über den Wert langjähriger Mitarbeiter wirklich nicht im Klaren zu sein scheinen  (und das in Zeiten eines fiesen Pflegenotstandes).  Weil es einfach lächerlich ist, dreimal 10 Euro beizulegen.

Da wäre ne Tüte Gummibärchen, ein halbes Jahr Brötchenservice an freien  Wochenenden (da kämen sie weitaus günstiger sogar *hemmungsloses Gelächter*), oder auch „nichts“ irgendwie cooler gewesen. Ich undankbares Ding aber auch.

So bleibe ich ratlos zurück und überdenke nun meinen Wert.

Vielleicht  lasse ich mir von all dem Zaster ein T-Shirt drucken? Falls es nicht reichen sollte, könnte ich immer noch meine Mutter anpumpen.

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„Dreißig Euro! Das ist doch super!“, sagt mein Sohn, der die Omma des Herzen mit zum Einkaufen begleitete. Er bekam von ihr eine Tüte Chips und 5 Euro als Dankeschön. Weil sie sich so gefreut hatte, dass er half und da war. Das Einkaufen dauerte 45 Minuten.

 

 

 

 

 

Wer bin ich?

Ein Gedicht, dass mich fast schon mein ganzes Leben begleitet und tief berührt ist „Wer bin ich?“  von dem Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb es als Gefangener in einer Zelle Berliner Militärgefängnisses.
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschli
cher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Dietrich Bonhoeffer)
Ich habe diese wunderbar, berührende Gedicht ein wenig umgeschrieben. Natürlich lässt sich die Situation der Pflege nicht mit den Gräueltaten der NS-Zeit vergleichen. Mit geht es hier um die Frage alle Fragen.
Der äußere Schein, der gewahrt werden will und muss und das Innenleben harmonieren nicht immer – um es mal vorsichtig zu formulieren.Und das müssen sie auch nicht. Der Mensch lebt nun mal eben in diesem Spannungsverhältnis. #isso.
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Bildquelle: Pixabay
Wer bin ich als Pflegeperson?
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich liefe über die Flure der Notaufnahme
gelassen und kompetent und mit Humor gesegnet
wie eine Gutsherrin aus seinem Schloss.
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit Kollegen, Ärzten, Patienten und Angehörigen
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Stresses
gleichmütig, lächelnd und scherzend,
wie eine, die Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, gestresst, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach den nächsten freien Tagen, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach maßvollem Handeln der Ärzte, nach einem Dankeschön, nach Gummibärchen,
dürstend nach Annerkennung, nach Kollegen, mit denen man gerne und gut arbeiten kann, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Patienten in kritischem Zustand
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von der Pflege Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
 
Bin ich denn heute diese und morgen eine andere?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Notaufnahmeschwester/Dietrich Bonhoeffer)

Mein Leben als Influencerin

Manchmal träume ich davon, wie ich mein wunderbares Leben noch wunderbarer machen könnte. Wie ich stinkreich werden würde. Auch in  – oder trotz – Pflege.

(Ich überhöre das hemmungsloses Gelächter vom Pflegepersonal)

Influencer müsste man sein! (Das ist keine Grippe – das sind äußerst wichtige Menschen, die unfassbar bedeutende Dinge machen. Heißt es.)
Wenn man „Pflege-Influencerin“ wäre, würde alle Welt wissen wollen, was man zum Frühstück isst (Werbung für Frühstücksflocken= Zaster), mit welchem Duschbad man sich erfrischt (Werbung=Zaster), womit man seine geschmeidige Dienstkleidung aufpeppt (Ihr ahnt es: Werbung= Zaster) sowie an welchem Getränk man nach Dienstschluss nippt oder es sich in die Kehle schüttet – je nach Arbeitsaufkommen. Ich würde einen Hashtag nach dem anderen reinknallen und anschließend die Hand für meine monetäre Vergütung aufhalten.

Am Abend würde ich  in einem gesponserten, hübschen Kleidchen auf irgendwelchen wichtigen Feier lustwandeln und angeregt, aber in lockerem Ton über die Wichtigkeit der Pflege plaudern. Das müsste ganz leicht daherkommen, denn in seiner Freizeit  möchte sich keiner mit schwerwiegenden Problemen befassen. Auch lustig sollte es sein- aber da mangelt es mir an Themen ja nicht wirklich. Und auch ein bisschen ernsthaft. Man möchte ja die Menschen „draußen“ auch ein bisschen sensibilisieren. Aufmerksam machen.

Es würde also laufen – in meinem Job als Pflegeinfluencerin

Die Werbewelt würde endlich feststellen, dass wir unfassbar viele Menschen in Gesundheitsberufen – vor allem Frauen – sind. Und für die dreht es sich nach Feierabend ebenfalls um so wichtige Dinge wie:

  • Welcher Nagellack hält wirklich an freien Tagen?
  • Was für ein Nagellackentferner entfernt wirklich alles gründlich und schnell, ist dabei aber gleichzeitig schonend? ( Drei Minuten vor Dienstbeginn muss es schon mal schnell gehen, weil man es irgendwie verschlafen hat, sich Knallrot, Rubinmatt oder „Sinners Mood“ rechtzeitig vom Nagel zu kratzen.)
  • Welches Make-Up kann ich auch an heißen und stressigen Tagen bedenkenlos tragen?
  • Welche Wimperntusche verläuft nicht, wenn der hübsche, heiße Arzt/Pfleger/Verwaltungstyp um die Ecke kommt?
  • In welchem Entspannungsbad  aalt sich das Gesundheitspersonal am besten?
  • Welche Hydro-Energy-Maske beseitigt die Spuren des Nachtdienstes am schnellsten?
  • Welche Schuhe sind so bequem wie hübsch und entsprechen auch dem noch dem Standard der Arbeitssicherheit?
  • Welche Unterwäsche klebt nicht am Körper?
  • Welcher Energyriegel gibt wirklich Power an einem anstrengenden Tag?
  • Welches Getränk macht müdes Pflegepersonal munter?
  • Was hilft gegen „Quellwasserbeine“?
  • Welcher Instandscheiß verspricht schnellste Sättigung?

Merkt Ihr war?

Mit der Macht der Pflege würden Umsätze steigen, weil hier jemand aus Fleisch und Blut – also quasi total authentisch – (da wird ja immer wahnsinnig Wert drauf gelegt) – spricht/schreibt/vor sich hin blubbert/vlogt/bloggt.

Eine*r von vielen.

Dann kam die Coral – Werbung.

Was hab ich mich amüsiert über diese Bilchen von irgendwelchen Stars,  die so porentiefc rein und unschuldig mit ihrer Flasche Waschmittel im Bett sitzen oder auf Rädern mit völlig unangebrachten, unpraktischen Fahrradkörben? Das alles könnt ihr hier nachlesen. Es ist kurios wie albern. So dämlich, wie lustig. Mein Humorzentrum hat es jedenfalls getroffen.

Das, was da Coral gemacht hat, könnte Pflege auch. Locker aus der Hüfte.

 

Ich  habe – aus reine Lust und Freude (Ohne Zaster – wie schade. Ich hätte die Firma mal anschreiben sollen) tatsächlich eine Falsche Coral mit in die Notaufnahme genommen, um blödsinnige Werbung nachzuspielen.

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So weiß wird es nur mit Coral

 

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Was in keiner gut sortierten Notaufnahme fehlen darf…

 

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Strahlende Sauberkeit im Wäscheschrank – dank Coral!
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Mit Coral würde das nicht passieren!

 

Liebe Werbungsfuzzis: Merkt ihr, was euch entgeht?

Ein gigantisch, zahlreiches Publikum geht euch durch die Lappen, weil ihr wenig zielorientiert seid. Die meisten Menschen verlassen sich darauf, was ihre Freunde/ Kollegen empfehlen und mögen. Ihre Erfahrungswerte sind es, die Kaufentscheidungen prägen.

Nicht Püppchen, die in der Gegend mit ihrer Pulle Waschmittel sitzen. Nicht hübsche Bengels, die vor der Waschmaschine hocken oder vor Graffitis stehen.

 

Ach ja. So wäre das. Mein aufregendes Leben als Influencerin. Aber wann hat Werbung jemals auf Kunden gehört? Und wann ist jemals eine*r aus der Pflege reich geworden?

 

 

Rücken richten, weitergehen

Geistige Bäuerchen und ein Plasterküsschen

Ich bin ja immer sehr dafür, Quatsch zu machen.

Das Leben ist ja so ernst und anstrengend mitunter. Da braucht es/ich das zum Ausgleich.

Manches könnt ihr hier im Blog lesen – wie die Geschichte mit der gestalteten Mitte oder dem Laberglas.

Am Sonntagvormittag  war ich ein bisschen im gefühlten Jetlag/ neben der Kappe.

Unter der Woche Nachtdienst und dann am Wochenende gleich wieder Frühdienst – da schlägt das Hirn schon mal Kapriolen. (Und bevor ein besorgter Mensch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte wegen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen des schnellen Schichtwechsels: Ihr habt alle recht. Diesmal war ich selbst daran Schuld. Ich hatte getauscht. Was an der „neben der Kappe“  nichts ändert. Man kann im Leben halt dies und das nicht ohne das andere haben. Oder so ähnlich)

Der Kollege erzählte von seinen Nachbarn aus dem Haus gegenüber, die so gerne bei geöffneten Fenstern „Leibesübungen“ praktizierten.

Wir witzelten darüber, wie man Haltungsnoten vergeben könnte. Schildchen hoch – wie bei Eiskunstlauf könnte man doch später… also so ganz unverfänglich:

Haltung, Geräusche, Kreativität und dergleichen mehr.

 

Und weil wir gerade so schön dabei waren, fingen wir gleich mal an:

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Dieses „wir fingen gleich mal an“ muss man sich jetzt allersdings als über Stunden hinziehendes „Basteln“ vorstellen. Auch die karge Ausschmückung ist diesem geschuldet. Schließlich kommt ja immer was dazwischen. Patienten. Ärzte. Kollegen. Hier noch ein EKG. Dort noch ein wichtiger Verband. „Natürlich bringe ich ihnen einen Rollstuhl!“ „Und bring noch Blut- und Urinkulturen mit…!“

Wir sind ja nicht (nur) zum Spaß auf der Schicht.

Mehrere Stunden später also hatten wir unsere Schilder zusammen. Und weil der Arzt nicht so recht aus den Puschen kam und uns die Röntgenassistentin anraunzte ( „Voll mies“), verschmolz die Zielgruppe ein wenig.

Dieses ist also daraus geworden: Kommunikation ist out. Schildchen voll in.

„Weiter so“- hielten wir dem Arzt hin, als er einen Patienten nach langer Zeit endlich  „Aufnahmebereit“ meldete.

Wir schoben sogar noch ein „Traumhaft“ hinterher.

Der Kollege schaffte es nicht, einen Zugang zu legen. „Grottig“ ließen wir ihn wissen.

Der Rettungsdienst verlor sich in der Krankengeschichte bis ins 7. Glied. „Schneller“. Er schaute beleidigt. Dabei wusste er doch, wie der Onkel auch an einer ähnlichen Geschichte wie der Patient jetzt litt. Damals. In den 1990- Jahren. „Aha!“

Eine Kollegin kam zum Dienst. „Was ist das denn für ein Quatsch!“, sagte sie mit Kopfschütteln. Wir Kinder aber auch immer!

Nichts anderes war es schließlich. Aber den Sinn und unser Vergnügen darüber konnte sie nicht erkennen. Sie lächelte, wie man übrr ein kleines Kind lächelt, wenn es ein hübsches Bäuerchen macht. Wohlwollend. Hold. Nichts ahnend, wie wichtig so ein (geistiges)“ Bäuerchen sein kann.

Die Welt allerdings war wieder in Ordnung und unser Humorlevel auf höchstem Niveau, als eine andere Kollegin kam, die Schilder mit einem „cool“ kommentierte und sich das „Schneller“-Schild schnappte.

„Das wird dem Doktor heute Nachmittag Beine machte“, grinste sie. Sie schob es sich zuoberst in ihre Kitteltasche, sodass es über allen Kugelschreibern herausschaute. Gut sichtbar.

Genau unser Humor. Bingo.

Plasterküsschen für euch und unsere gemeinsamen geistigen Bäuerchen.

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Interview

Ich wurde von Nessa Altura vom Autorenexpress interviewt . Stellt euch das mal vor!

Ich bin umgeben von anderen, großartigen Bloggern wie  texterella oder „Zur Sache Schätzchen“ und vielen anderen mehr.

Es ist großartig. Unfassbar und großartig.

Hier könnt ihr es lesen.

http://autorenexpress.de/unser-blog-des-monats-die-notaufnahmeschwester/

Warteräume

Gefühlt 467 Mal in einer Schicht schicke ich Menschen in  den Warteraum:

„Bitte nehmen Sie noch einen Moment Platz.“

„Wir rufen Sie auf.“

„Wenn wir mit den Voruntersuchungen bei ihrem Angehörigen fertig sind, rufen wir Sie dazu.“

Und dann sitzen Sie und warten.

Die Kranken, Mühselig und Beladenen. Die Unfallopfer und die, die nur mal „nachschauen“ lassen wollen. Die akut Kranken und die, die seit Tagen/ Wochen/ Monaten/ Jahren mannigfaltige Beschwerden haben. Dazu die Angehörigen und manchmal auch der komplette Fanclub.

Die Geduldigen und die Aufbrausenden. Die Verständnisvollen und die, die ganz genau zu wissen meinen, dass man sie absichtlich warten lässt.

Warteräume können Orte des Schreckens sein. Die Luft ist generell stickig. Gemütlichkeit wird durch Kunstblumen versucht zu erzeugen.  Aber bitte – was soll das mit dem Hauch von Gemütlichkeit. Der Lesezirkel ist abgegriffen.

Warteräume sind nicht gemütlich. Warteräume sind per se nicht schön.

Bei Fußballübertragungen schaltet einer den Fernseher an. Wenn man schon selbst gestrauchelt ist und mit schmerzenden Extremitäten wartete, möchte man zumindest sehen, ob und wie es andere besser machen.

Schachweltmeisterschaften hat noch nie einer geschaut. Obwohl es auch so gefährlich ist, wie mir neulich ein Fußballer erklärte. „Die bekommen alle Herzinfarkte wegen der Spannung oder so.“

Der Zustand des Wartens ist schlecht auszuhalten. Er ist ungerecht. Gefühlt.

Schließlich sind wir es gewohnt, dass wir immer alles sofort, direkt und gleich bekommen. Wir alle haben das Warten verlernt. Abwarten erst recht.

Der Raum ist auch gefüllt mir Menschen, die möglicherweise nicht in eine Notaufnahme gekommen wären, wenn sie ein bisschen zugewartet hätten. Schnupfen vergeht. Umgeknickte Knöchel schwellen mit ein bisschen Geduld und alten Hausmitteln von selbst wieder ab. Aber halt nicht sofort. Und schließlich weiß man ja auch nie. Und überhaupt. Zur Sicherheit sind sie alle da.

Alle anderen scheinen eher dran zu kommen. Keiner kümmert sich. Keiner beachtet einen. Man sitzt. Zählt Schuhe. Muster in der Tapete. Minuten. Hört sich Geschichten von anderen Verletzten an. „Puh. So schlimm!“ Wer will schon gerne anderer Leut´s  Katastrophenberichte hören.

Manche flüchten vor alle den Geschichten, Gerüchen und Gebrechlichkeiten in den Flur. Am besten in die Einflugschneise des Rettungsdienstes. Damit man hoffentlich wahrgenommen wird.

Waghalsige gehen vor die Türe und rauchen erst mal eine.  Auch auf die Gefahr hin, die Sprechanlage, die den erlösenden Aufruf knarzen könnte  zu überhören.

Warten ist merkwürdig.

„Während beim Nichtwarten die Zeit einfach vergeht, ohne dass wir Kenntnis von ihr nähmen, rückt sie für den Wartenden ins Zentrum seiner Wahrnehmung.“

Und soll ich was verraten?

„Wir“ hinter den Türen warten auch. Auf Untersuchungen, zu denen wir die Patienten begleiten können. Auf Laborwerte. Auf Ärzte, die nebenbei auch noch nach Patienten im Krankenhaus schauen müssen.

Wir warten, dass die einen abgeholt werden. Bis ein Raum für den nächsten aufgerüstet ist.

Auf den Kollegen, der uns hilft, die 170 kg Patientin zu lagern. Eine vollgestrullerte Buxe frisch zu machen. Das der Raum zum Gipsen frei wird. Oder der Raum für das Einrichten für gebrochene Knochen. Das das Personals des Herzkatheters kommt. Oder überhaupt der Patient auf seine Station kommt und endlich abgeholt wird. Aber dort ist das Personal knapp und oder dass Essen wird gerade ausgeteilt oder es ist „Übergabe“. Irgendwas ist immer.

Wir warten, dass der Patient vom Rauchen zurück kommt. Oder vom Klo. Oder vom Röntgen.

Aber im Gegensatz zu dem Warteraum haben wir das „Glück“ ständig – trotz dieser Wartezeiten – beschäftigt zu sein. Wir „jonglieren“ mit vielen Patienten gleichzeitig. Wir rennen hin und her und hegen und pflegen. Bei sommerlichen Temperaturen fließt uns mir der Schweiß beim Blut abnehmen brennend in die Augen. Die Lüftung ist wie beim ICE ähnlich schnell überfordert. Der einzig durchklimatisierte Raum wird von Patienten fröstelnd gemieden, während wir so gerne dort ein wenig länger verweilen würden.

Die Zeit rast nicht wie im Alltag dahin. Sie schleicht für den, der wartet.  Warten ist Nichtstun. Und wer will das schon, wo wir doch alle die Hemdsärmel aufgekrempelt haben.

Wir wissen das. Wir sitzen vor dem Computer und warten auf den Laborbericht – wie bei der Fernsehserie „Quincy“ rufen wir dort an – damit es endlich weitergeht.

Wir fühlen mit.

Und oft würden wir gerne öfters in den Warteraum gehen um den Angehörigen zu sagen: „Es ist soweit alles in Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir kümmern uns.“

Aber dann geht es auf einmal weiter – für uns „hinter“ den Türen – und dann laufen wir los.

Das allerdings sieht keiner im Warteraum. Und schellt lieber fünf mal und fragt nach, wie lange es noch dauert. Und ob wir überhaupt was machen oder nur Kaffee trinken und uns die Eier kraulen. Und wo er sich beschweren kann, weil: „Das ist ja voll die Unverschämtheit, wie lange man hier warten muss!“

Und wir verstehen es. Weil: Warten ist scheiße nicht schön.

Und wenn ein bisschen Zeit ist, versuchen wir all den Ungehaltenen dieses hier zu vermitteln:

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 Aber es tröstet wenig. 

 

 

 

 

 

Pause

Endlich Pause (Hier könnt ihr auch lesen, wie ich meine Pause am liebsten habe).

Es war bisher ein turbulenter Tag und ich war froh, endlich mal nicht reden zu müssen. Nichts tun zu müssen. Ruhe im Schiff. Keiner, der quatscht. Keiner, der lärmt. Keiner, der schmutzt oder stinkt.

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Ein Kissen – an die Stirn genagelt in der nächsten Pause im Freien: Das wäre es!

 

Ich stand auf ein Zigarettchen und Heißgetränk meiner Wahl vor der Notaufnahme. Das ist heikel. Denn sowie man irgendwo in Dienstkleidung herumsteht, ist man „da“. Ansprechpartner für jedermann.

„Sind sie hier Schwester/ Arbeiten sie hier?“

„Wo liegt denn Müller-Schulze?“

„Sie wissen schon, dass rauchen/ herumstehen/ schauen gefährlich ist? Ich dache, sie wissen das nicht. Daher sage ich ihnen das mal eben schnell im Vorübergehen!“

(Meine Kollegin hat mal ganz trocken darauf geantwortet: „Sie wissen schon, dass Schichtdienst ebenso ungesund ist. Trotzdem stehe ich hier. Ich arbeite hier sogar. Obwohl es für meine Gesundheit mit Gefahren verbunden ist. Stellen sie sich das mal vor!!!“)

„Kann ich sie mal eben fragen, ob ich möglicherweise einen Meniskusschaden habe, weil…..“

„Habe sie zufällig eine Zigarette/ Feuer/ kann ich wieder zum Ausdrücken kommen?“

„Wissen sie, ob es hier Privatzimmer mit Blick in den Park gibt? Vielleicht muss mein Vater demnächst mal ins Krankenhaus. Da dachte ich, ich frage mal eben ganz unverblümt. Man möchte ja nicht die Katze im Sack kaufen….“

 

Ja – lieber Himmel! Was steht man eben auch so herum, anstatt zu arbeiten. Selber schuld!

 

Da kam ein Mann auf mich zu.

Er sah aus wie direkt vom Bahnhof/ Kiez kommend. Auf mehrere Pullen Schnaps zusammen sitzend mit seinen Kumpels. Müffelnd. Verschlissene Kleidung. Ein am Rande der Gesellschaft stehender.

Von seinesgleichen hatte ich an diesem Tag schon tatsächlich mehrere behandelt. Kopfplatzwunde. Heftig betrunken, kaum erweckbar. Schnittwunde am Arm  („Drecksbierflasche! Ist mit voll geplatzt!“). Hoppla -der Zucker ist aber wieder hoch heute!“

„Darf ich sie stören?“

Um Himmels Willen! Nein! Was würde er schon wollen. Einen Euro. Kippen. Feuer. Das übliche? Wie sag ich es meinem Kinde auf die höfliche Weise?

„Ungern. Ich hab Pause!“

„Ach so. Das wusste ich nicht. Entschuldigung.“

„Yo.“

„Ich wollte ihnen nur was sagen“.

Am liebsten hätte ich gesagt: „Mann! Geh weg. Lass mich in Frieden.“ Aber ich bin ein höflicher Mensch. Also übte ich mich im unbeteiligten Schauen. Was von den oben genannten Varianten würde er mir erzählen wollen?

„Hm? Und was?“

„Ich wollte ihnen nur sagen, dass ihr ein verdammt gutes Team seit. Ich bin sehr zufrieden. Ihr habt mich wieder toll hinbekommen. Danke dafür! Und Entschuldigung noch mal für die Störung!“

Er drehte sich um, bestieg sein klappriges Fahrrad und radelte von dannen.

Alta!

Ich stand da und schämte mich.

Wegen der Vorurteile. Der schroffen Abweisung. Der Wortkargheit. Weil ich dachte, ich weiß genau, wie das Gespräch von statten gehen wird.

Ich hatte mich geirrt. Es tut mir leid.

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