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notaufnahmeschwester

Kleine Zeichnerei

Schlummern da etwa Talente in mir,  die jetzt endlich rauskommen dürfen? (Noch leicht unbeholfen. Aber immerhin ein Anfang)

Mein Leben als Karikaturistin. Teil 1.

12 von 12

 

Weckerrappeln: 5.11 Uhr.  Geplantes Aufstehen ist 5.15 Uhr. Realistische Aufstehzeit 5. 28 Uhr.

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(Ich geh immer schon kichernd ins Bett, wenn ich meinem Hirn von diesem Plan erzähle und den Wecker stelle. Jede Minute ist morgens wertvoll und die gute Idee, des planvollen und pünktlichen Aufstehens möchte ich – auch nach Jahren -irgendwann, wenn ich mal „groß“ bin unbedingt umsetzen. Muss toll sein. Voll erwachsen und so. Mit Zeit für alles. Ohne Hektik.

Beim Zähne putzen lese ich das Internet schnell mal leer. Es ist internationaler Tag der Pflege. Hurra. Florence Nightingale ist in den Pflegeforen in aller Munde. Und das Treffen in Berlin von u.a. „Pflege in Bewegung“ mit der Bundesweiten Gefährungsanzeige. Quasi die Erben von Florence. Rettungsknopf statt Lampe.

 

5.50: Die Kollegin hat schon Kaffee gekocht.

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6.00 Uhr. Dienstbeginn mit Übergabe. Ein junger Mann liegt mit Bauchschmerzen darnieder. Er wird bald von der Station abgeholt. Aber erste später, denn “ ….wir machen erst Übergabe!“

So bleibt Zeit, ein wenig zu plaudern. Eine Kollegin des Nachtdiensts war länger erkrankt. Jetzt geht es wieder und wir freuen uns. Außerdem hat sie Nussecken mitgebracht. Aus Freunde. Und wegen „endlich wieder gesund“ und „ich hatte Geburtstag“.

Leider sind sie Nussecken so lecker, dass ich kein Foto habe. Sie waren zu schnell weg.

Um 7.18 Uhr möchte eine DA- Patietin erneut krank geschrieben werden. Zwar hatte sie einen Unfall am Unterarm, aber die Schulter tut nun weh und es ist u n m ö g l i c h  so zu arbeiten. Dass sie dafür zu ihrem Hausarzt ,üsste, weil es nichts mit ihrem Arbeitsunfall zu tun hat, will sie gar nicht einsehen. Schließlich ist sie jetzt da. Und auch ein Arzt. Also alles paletti. Sie ist sehr laut und  sehr energisch. Widerspruch duldet sie selbst vom Oberarzt nicht, der zu diesen Minuten noch mit einer Engelsgeduld gesegnet ist. Das wird sich im Lauf des Tages ändern.

8.30 Es plätschert so dahin.

Verbändchen da. Gipschen neu hier. Fäden ziehen – gerne. Blut abnehmen. EKG. Zur Röntgenabteilung? Bitte hier entlang. Selbstverständlich machen wir einen schmerzstillenden Verband. Routine. Internistische Patienten gibt es noch nicht so richtig. Schließlich müssen erst die Ärzte die Praxen aufschließen, Patienten begutachten, in Pflegeheime fahren oder anrufen, Krankenwagen bestellen. Vor 10, 11 Uhr passiert da wenig. Bis auf die mal eben was abklären möchten. Bauchschmerzen. Husten.

 

9.12 Uhr. Das komplette Pflegepersonal der Frühschicht ist zufällig gerade an einem Fleck – Zeit für ein Fuß(self)ie zum Tag der Pflege.

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9.30 Uhr. Halb Zehn in Deutschland.  Zeit für Kaffee und Kippe Apfelschnitz.

In meinem Schrank hängt seit neustem das hier:

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Ich bin gerührt- Ein paar Socken meiner derzeitigen Lieblingsmarke. Vom Buddy reingeklebt. Stilecht mit Leukosilk. Wäre ich fünf Jahre älter und noch rührseliger – ich würde weinen vor Glück, (auch) solche Kolleginnen zu haben. So lass ich es hängen. Es ist zu schön, den Schrank aufzuklappen und derartige „Aufmerksamkeiten“ zu sehen. Ich hebe mir das auf. Für schlechte Tage.

 

Eine Patientin hat sich den Finger geklemmt. Der Ring geht nicht ab. Seife, Faden,, Ringschneider- alles funktioniert nicht. Wir rufen die Feuerwehr.  Netterweise rücken sie mit sechs Mann und drei kleinen Köfferchen an, um auszuhelfen.  Es ist kompliziert. Einer spritzt behutsam Wasser wegen der Hitzeentwicklung. Eine halbe Stunde sitzen  und schwitzen sie und friemeln sich geduldig einen ab. Autos aufschneiden scheint leicht dagegen.

Dann wird es halb 11 und 11 Uhr und es geht los. Im Schweinsgalopp durch die Zimmer. Hier eine Lungenentzündung. Dort ein dementer Mann mit Weglauftendenz. Wir setzten die Schülerin mit  der Zeitschrift „Landlust“ dazu. Nicht auszudenken, er klettert über die Liege und verletzt sich.

Da kommt einer mit Herzschmerzen und hier löste der Defi mehrfach aus. Die 90- jährige Mutter wird gebracht, weil die auf den Arm fiel und wo „wir doch schon gerade da sind, können sie doch sicherlich auch die Harnwegsinfektion abklären lassen und gerne stationär behandeln!“

Eine junge Frau mit Kopfschmerzen auf der Schmerzskala 0 (alles fein) bis 10 (gleich  ist es vorbei mit mir) gibt die Schmerzen mit 11 an. Licht und Geräuschempfindlich sei sie auch. Das ist ungünstig, denn aus Platzmangel liegt in einem Behandlungszimmer mit zwei anderen und hyperventiliert vor Schreck.

Der Rettungsdienst kommt zerzaust und verschwitzt. Auf der Liege liegt ein Mann sehr ruhig. „Aber “ erst seit wir ihn sediert haben.“ Der Mann hatte vielleicht einen Krampfanfall. So genau weiß man das nicht. Aber von seiner Kraft, Stärke und Aggression haben Sanis und Notarzt reichlich erfahren können. Jetzt zuckt er nicht und schnarcht laut. Auf seinem Handy schreibt Bernadette und freut sich auf den Abend mit ihm.

Die 14- jährige weint laut und ausdauernd, weil ihr der Blinddarm entfernt werden soll. Das OP- Team wartet. Die Mutti murmelt Trostworte, die nicht ankommen wollen.

Im Wartezimmer ist kein Platz mehr. Die Hälfte davon sind Menschen, die glauben, dass in der Notaufnahme Dinge passieren, von denen ihre Hausärzte offensichtlich nur träumen können. Das bringt den Oberarzt, der um 7.18 Uhr Geduld und Liebreiz in einer Person war, zu Verwandlung in „Dr. Was zum Teufel wollen die alle hier?“

Ein junger Mann hat sich bei einem Arbeitsunfall so tief ins Knie geschnitten, dass er eigentlich im OP versorgt werden soll. Das möchte er aber nicht. #ausGründen- wie er sagt. Welche das sind, wissen wir nicht. Aber versorgt werden muss es. Also wir er im Noteingriffsraum gespült, genäht und wieder hübsch gemacht. Nicht ohne, dass vorher der Narkosearzt, der Oberarzt und die Assistenzärzte mit ihm geredet hätten. Wir  schieben/drehen die Notaufnahme von links nach rechts. Denn im Noteingriffsraum lag eine kleine, uralte Frau mit fiesen Gallenbeschwerden und wartete auf ihren Ultraschall. „Ich darf einfach keine Leberwurst essen. Das bringt mich noch um.“

Ich nehme schon fast im Warteraum zwei Damen Blut ab, die möglicherweise eine Thrombose haben. „Da kommen wir doch gleich hierher. Das macht der Hausarzt doch gar nicht. Da kennen sie sich hier viel besser aus!“

Ein Mann kommt kreidebleich um die Ecke. Sein Herz rast. Meines mittlerweile auch.

Es gibt Tage, das ist es viel. Es gibt Tage, das ist es sehr viel. Und es ist gibt Tage, da hörst du dich nicht mehr denken.

Das war heut so einer. Am Tag der Pflege.

12.40 Uhr. Zeit für ein Schmerzmittel. Der Rücken. Die Füße.

Eine junge Frau wird auf der Sänfte vom Rettungsdienst gebracht. Der Rücken schmerzt so. Ungefähr bei 17 auf der Schmerzskala. Schmerzmittel wirken bei ihr nicht – sagt sie. Nie! Daher nimmt sie keine. Sie will es auch nur mal abklären lassen. Jetzt muss sie es eben unbedingt schnell ihren Freundinnen schreiben. Leider muss auch sie im Wartezimmer Platz nehmen. Sie läuft raschen Schritten hinter dem Rettungsdienst her, der ihr den Weg in den Warteraum zeigt.

Ähnlich, wie der Rettungsdienst Tags zuvor diesen hier brachte: ( Und wer jetzt sagt: Was ist das für 1 deutsch vond wegen Rechtschreibung…. macht nichts. Alles halb so wild. Wir verstehen das. Was zählt ist doch das Herz, nicht wahr?)

 

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Zum Mittagessen gibt es RTLQuatsch. Der Fernseher lief – wer auch immer ihn angeschaltet hatte. Ich beließ es dabei.

Junge Männer, die aussehen wie Stulle, suchen die Liebe in Osteuropa. Sie sprechen kein Englisch. Macht nichts. Auch hier zählt allein die Liebe. Sie überwindet jede sprachliche Hürde. Leider hat  eine der auserwählten Damen Sommersprossen. Das geht nun gar nicht, sagt der Typ mit Bierplautze und Zauselbart. Der andere Mann wanzt sich an eine junge, hübsche Frau an und hat scheinbar noch nie gelernt, ein wenig auf die Körpersprache des Gegenüber zu schauen. Sie schaut ungefähr so, wie der Patient mit der Nierenkolik, kurz bevor er sich übergab.

 

14 Uhr. Übergabe. Ich kenne die Hälfte der Menschen auf der Triageliste nicht. Das ist selten. Meistens behält man doch den Überblick. So ungefähr zumindest. Egal wie viel los ist. Aber heute war eben noch mehr los.

 

Zuhause sitze ich erstmal ein bisschen auf dem Balkon. Unter einer Eule. Hurra – Florence- denke ich.Hier treibste dich also auch rum – am Tag der Pflege.

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Mittagsschläfchen. Ihr wisst ja – ein Mittagsschläfchen ist, wie den Tag mit Käse zu überbacken.

 

Das Kind möchte Schuhe kaufen. Es findet seine Traumschuhe. Sie sind potthässlich. Aber was weiß ich schon. Zum Trost steht vor dem Laden ein prächtiger Kastanienbaum in voller Blüte. Schönheit liegt eben immer im Auge des Betrachters.

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Und dann lese ich noch, dass Catweazle gestorben ist. Natürlich der Schauspieler.

Orrrrr!

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Freude. Für heute ist es genug. Ich hatte einen vollgepackten Tag voller Freud und Leid. Mit tollen Kollegen, Fuß- und Rückenweh. Dazu reichlich Augenpein sowie Augenschmaus.

Jetzt noch ein wenig Körper- und Schönheitspflege und dann geht`s morgen auch schon wieder los. 5.11 Uhr. Ihr wisst schon.

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Quelle unbekannt.

Oder wie Renate Bergmann bei Twitter sagen würde:

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An jedem 12. eines Monat findet hier auf dem Blog das Fotoprojekt „12 von 12“ statt. Read more: http://draussennurkaennchen.blogspot.com/p/12-von-12.html#ixzz4gszoCfFp

Alternative Heilmethoden

„Schnalz“

Die junge Frau hat ein kleines Armband um ihr Handgelenk.  Das hebt sie ein bisschen an und lässt es zurück schnalzen.

„Schnalz“

„Was machen Sie denn da?“, frage ich. Ich möchte eigentlich den gebrochenen Unterarm eingipsen.

„Das ist wegen der Achtsamkeit!“

„Ah ja. Das wird jetzt ein bisschen schwierig. An den Arm kommt ein Gips.

„Ach Gott! Das muss jetzt runter?“

„Äh – schon!“

„Scheiße!“

Aus war es mit der Achtsamkeit.

 


„Meiner Tochter geht es ganz schlecht. Ich hab ihr schon mal Notfalltropfen gegeben.“

Die Tochter schaut nicht auf. Sie ist in ihre Whatsapp Nachrichten vertieft. Ständig zwitschert ihr Handy Neues aus der Welt ihrer Freude. Die Haare verdecken ihr Gesicht.

„Was fehlt denn ihrer Tochter?“

„Sie ist so abgeschlagen und müde in den letzten Wochen. Das muss unbedingt mal abgeklärt werden. Weil – so geht es nicht weiter. Und der Hausarzt ist im Urlaub. Die Vertretung kennen wir nicht. Aber unser Hausarzt sagt immer, dass Notfalltropfen gut sind. Also hab ich sie ihm schon mal gegeben.“

„Aha!“

*zwitscherzwitscher*

Es hört sich an, als würde ein ganzer Wald Vögel vor mir sitzen.

„Am ständigen Handygebrauch kann es nicht liegen, dass ihre Tochter ein bisschen abgeschlagen ist?“

„Wo denken sie hin! Das Kind muss doch seine Sozialkontakte haben. Luise. Mach mal den Mund auf.“

Mutti hält die gefüllte Pipette mit den Notfalltropfen irgendwo in die Haare. Ein spitzes Mündchen kommt aus den Haaren und saugt.

*zwitscherzwitscher*

 


 

Die Beine tropfen. Kleine Rinnsale fließen dem älteren Herren die mehr als prall gestauten Unterschenkel hinunter. Er schauft schwer. Ihn plagt eine fulminante Herzinsuffizienz. Das Wasser steht ihm buchstäblich bis zum Hals und darüberhinaus in den Beinen. Auf dem Tisch liegt eine große Tüte mit Globulifläschchen.

„Das hat immer so gut geholfen“, schnauft er mit Blick auf seine Tüte. „Ich hab extra die Potenz  von „Crataegus“ erhört. Und „Aconitum“ noch dazu genommen.“

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Bildquelle: Pixabay

„Sie kennen sich aus!“

„Natürlich! Es ist ja mein Körper.“

„Gut, dass sie jetzt doch da sind. Das haben sie bestimmt gemerkt, dass sie noch etwas anderes brauchen! Weil sie ja ihren Körper gut kennen, nicht wahr?“

„Ganz recht!“

„Willkommen!“

 


 

„Sind sie eigentlich geimpft?“

„Ich kann mich nicht mehr erinnern! Ist bestimmt schon Jahre her.“

„Hm. Haben sie eigentlich Haustiere?“

„Oh ja. Zwei Katzen. Peterle und Muschi!“

„Sind die geimpft!“

„Selbstverständlich! Die soll ja gesund bleiben und sich nix holen!“

„Oha! Ich merke schon, die Katzen haben es gut bei Ihnen. Wenn es ihnen Recht ist, impfen wir sie auch. Dann hat sie Katze auch noch lange was von ihnen. Sie wollen sich ja bestimmt auch nix holen.“

„Ich habe es halt nicht so mit Spritzen.“

„Naja- Die ihre Katze vielleicht auch nicht.“

„Stimmt. Die fauchen immer, wenn wir zum Tierarzt fahren!“

„Na – dann wollen wir mal sehen, ob sie fauchen müssen….“

„…..Das war es?“

„Jawohl. Mehr ist nicht.“

„Das hat ja gar nicht weh getan. Also ehrlich- ich kann meine Katzen nicht verstehen.“

 


 

„Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass ihre Möbel sehr ungünstig stehen? Wegen der Ausrichtung. Nach den Lehren des  Feng Shui ist das hier alles sehr ungünstig. Wenn Sie diese Liegen hier zum Beispiel an die Wand anders stellen würden, dann wäre sie in einer besseren Ausrichtung. Ihre Patienten würden es ihnen danken.“

„Wenn wir die Liege anderes stellen würden, würden die Ärzte und das Pflegepersonal Schwierigkeiten haben, den Patienten zu untersuchen und zu behandeln. Aber ich werde mit dem Hausarchitekten sprechen – sollte ein Umbau anstehen.“

(An dieser Stelle wuchs meine Nase wie bei Pinocchio.)

 


 

„Was machen sie denn da?!“

„Ich schreibe ein EKG!“

„Ja – muss das so nass sein?“

„Äh – ja . Das ist das Kontaktspray. Sonst halten die Saugelektronen nicht!“

„Sie wischen ja meine Heilrunen ab!“

„Ach  – diese Striche sind Heilrunen?“

„Ja – und sie wischen sie ab. Kein Wunder, wenn ich eine Lungenentzündung bekommen!“

„Was heißt bekommen? Sie haben eine!“

“ Und jetzt wischen sie noch meinen Runen ab. Oh mein Gott! Jetzt wird es übel. Sehr übel! Und sie sind schuld!“


 

 

 

 

Freunde – das war ein kleine Auswahl an Menschen mit dem starken Glauben an alternativen Heilmethoden.

Es kann jeder glauben was er möchte. Wer heilt hat Recht, heißt es immer. Schließlich gibt es ja nichts zwischen Himmel und Erde undsoweiterundsofort.

Das gilt es zu respektieren und tief durchzuatmen. Bei manchen Geschichten ganz besonderes tief. Also bis ins Becken oder so. Ach was- bis zu den Füßen, an denen das Detoxpflaster klebt.

 

Manches ist so komisch, skurril und traurig, bis die Menschen weitere Hilfe in Anspruch nehmen. Bei machen fragt man sich schon, wie sie darauf kommen, ausgerechnet in einer Notaufnahme Heil und Erlösung zu finden. Aber gut. Wenn die Not am höchsten…

…dann kommen sie zu uns. Irgendwann.

Mit ohne Gedöns.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verzweifelte Sexhotline 

Die Pförtnerin erzählt:

„Neulich dachte ich,  ich bin bei der Sexhotline. Da rief einer mit einer alten Stimme an.“

„…Was soll ich denn machen.  Das dauert schon den ganzen Tag und er geht nicht runter.  *ächz.stöhn.jammer.schnauf*

„Jetzt. Jetzt.  Jetzt kommt es. Ach ne. Doch nicht. Was soll ich denn jetzt machen?Reden sie mit mir. Sie haben so eine nette Stimme.  Machen Sie bitte weiter. Vielleicht geht er dann runter.“ *ächz.stöhn.jammer.schnauf*

„Dann müssen sie in die Notaufnahme kommen.“

„Ja aber wie denn. Ich kann doch nicht laufen! Jetzt. Jetzt kommts. Ach ne.  Wieder nicht.  Was soll ich denn machen? Ich  kann nicht mehr.  Das geht jetzt schon den ganzen Tag!“

Bildquelle: Pixabay
„Der Mann war verzweifelt. Eine Stunde hat er wieder und wieder angerufen. Ich war auch verzweifelt“, sagt die Pförtnerin. 

„Ich will das nicht hören!“

„Aber ich bin so verzweifelt. Was soll ich denn machen? Das kann doch nicht so bleiben! Jetzt. Jetzt klappts. Ach ne.  Wieder nicht! “ 

*ächz. stöhn. seufz.*

„Wenn sie nicht herkommen wollen oder können, müssen sie sich halt selber helfen!“

„Das hab ich schon versucht.  Das geht nicht! “

„Vielleicht die andere Hand?“

„Ah. Jetzt.  Ne. Wieder nicht! “

*stöhn. sabber. seufz*

Nach einer Stunde rief er nicht mehr an. 

„Vielleicht hat es ja dann doch nich geklappt“,  kommentiert die Pförtnerin lakonisch. 

Nur? Kopf hoch!

Meine Damen und Herren der Pflege,

just think about it!

 

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Mit freundlicher Genehmigung von @NaddlOr

Wir sind so viel mehr, als „nur“ die „kleine“ Pflegekraft. Offensichtlich haben das die ein oder anderen vergessen – aber das macht nichts. Ich sage es euch heute noch einmal:

Wir sind mehr und wir sind viele.

Wir haben Fähigkeiten, von denen andere nur träumen können. 

Nur mal ein klitzekleines Beispiel- bitte sehr:

„Nur“ Arsch wischen? Freunde – das sind Skills ( wenn man mit der Zeit gehen möchte, muss man auch mit supertollen, neuen Fachbegriffen um sich werfen), die muss man erst einmal drauf haben. Ich habe so viele Menschen ausgezogen – ich weiß, dass es düster ist. Arsch abwischen ist eine Kunst.  Wie so vieles andere auch. Und ja- Unterhosen können rosten!

„Nur“ der Handlanger des Arztes?

Freunde – wie oft haben wir schon schier Leben gerettet, weil der Arzt es nicht gepeilt hatte? (Umgekehrt kommt es natürlich auch vor). Wir sind nicht die „kleinen“ Gehilfen, wir sind im besten Fall ein Team.

Ähnlich schön hat es Lucky Hundertmark ausgedrückt:

 

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Mit freundlicher Genehmigung von @Propinja

 

Ich bin immer ganz glücklich, wenn ich solche Tweets lesen. Man liest sie gefühlt nicht so oft. Eher die Gegenteile – die Mimimi Posts- und Tweets. Die Grüße aus dem Jammertal. Ganz unten aus der fiesen, dunklen Talstation. Von Wolken durchzogen. Bei Nieselregen. 10° Grad Superschmuddel.

Und natürlich gibt es viele hundertfache Gründe, als Pflegekraft am Knorpel des Lebens zu nagen. Natürlich. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Was mir immer mehr und richtig auf den Senkel geht ist die Geschichte von der geringen Wertschätzung. Mimimi. Böse Gesellschaft. Pfui! Sitz! Und Platz!

Wertschätzung kann man nicht einfordern. Wertschätzung wird einem entgegengebracht, wenn ich die innere Haltung zu dem, was ich tue, innehabe. Wenn ich sie verinnerlicht habe. Warum nicht mal sagen: „Guten Tag. Ich bin ihre Pflegekraft. Was für ein Glück für sie.“

Wenn ich allerdings aus meinem Hamsterrad der Überforderung, der allgemeinen Vergrätzung, der vielen Überstunden, der 100.000 Anforderungen , der schlecht gelaunten Kollegen und vielem mehr nicht mehr aussteigen kann, dann sieht es düster aus mit meiner eigenen Wertschätzung.

Wie will ich sie einfordern, wenn ich sie mir selbst nicht gönnen?

Manchmal muss man sie tatsächlich auch von außen einfordern. Ich saß schon in dem ein oder anderen Gerichtssaal, weil ich mir von halbwüchsigen, betrunkenen Schnullis keine Beleidigungen mehr anhören muss.

Wie wäre es, wenn wir alle mal ein bisschen aufrechter gingen? Stolz auf das sind, was wir können und tagtäglich anwenden?

Und wenn wir einen Kollegen/in sehen, die/der gebückt durch den Tag schleicht – sie/ ihn erinnern? Wer wir sind? Wer wir sein wollen? Und auch, wer wir einmal waren, als wir mit alle dem angefangen haben?

Und jetzt stellen wir uns alle mal vor, wie wir uns alle aufrichten.

Wie wäre das?

 

#Tag der Arbeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lösungen gesucht

Freunde,
möglicherweise hat der ein oder andere gestern auch „hart aber fair“ gesehen. Liest man die anschließenden Kommentarspalten auf Facebook oder Twitter, kommen selten Ideen, wie man tatsächlich dies oder jenes verbessern kann oder könnte. Von Rücktritt des Bundesgesundheitsministers ist die viel die Rede und von vielem unschönen mehr. Von Katastrophen an allen Ecken und Enden. Verzweiflung überall. Aber das bringt einen jetzt auch nicht weiter.

 

Pflege geht uns alle an. Auch als Nichtpflegepersonal kann man rubbeldiekatz davon betroffen sein.

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Ihr hab jetzt die Chance, konkret zu werden und nicht in das allgemeine Lamento einzufallen.
Eine Freundin hat Herrn Gröhe – halb im Scherz -geschrieben, dass er gerne mit einer „Frau vom Fach“ telefonieren könne.
Eine Telefontermin steht.
Sie könnte euer Sprachrohr sein.

Wie sehen eure guten Visionen von der Zukunf der Pflege aus?
Was konkret würdet ihr gerne verbessert haben?
Was müsste verändert werden, damit die Pflege attraktiver wird?
Womit geht es euch gut?

Ich würde mich freuen, wenn Ihr gute Ideen und Vorschläge hier aufschreibt. Meine Freundin leitet sie weiter.
Bitte bedenkt: Bashing interessiert mich nicht. Das wir es mitunter schwer haben, wissen wir.
Ich/wir bin/sind an Lösungen interessiert. An Visionen. An neuen Ideen. An anderen Wegen.

Wer die Senung verpasst hat, bitte hier entlang . http://www1.wdr.de/…/video-gefahr-krankenhaus–wenig-person…

Bildquelle: Pixabay

Ausziehen

Endlich Frühling!

Ich liebe den Frühling nicht nur wegen der verschwenderischen Natur, die sich Tag für Tag aufs Neue zu übertreffen scheint. Nicht nur wegen der wunderbaren, betörenden Gerüche, die einem auf Schritt und Tritt in die Nase steigen. Nicht wegen der kleinen Star- Wars -Schlachtflottenkampfgefechtsgeräuschen der ganzen Sumsen, die man aus jedem Strauch hört. Auch nicht nur wegen der Sonne, die Herz und Hirn erwärmt – bis zum ersten Sonnenbrand. Auch nicht, weil ich nun wieder die Fenster nachts offen lassen kann und der Jugend, die mehr als gutgelaunt und sehr lautstark an meinem Haus vorbeizieht, zuhöre.

Ich liebe den Frühling, weil sich ab jetzt vieles in der täglichen Arbeit vereinfachen wird.

Es wird nun bald nicht mehr von Nöten sein, sich der Kälte entsprechend anzuziehen.

Und das sieht bei vielen Frauen ab einem gewissen Alter gerne wie folgt aus:

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Bildquelle: Pixabay

Zunterst kommt die Strumpfhose.

Dann die Unterhose.

Es folgt die lange Unterhose.

Darüber ein Angora Schlüpfer.

Ober herum ein Unterhemd.

Darüber den BH.

Zur Sicherheit ein Korsett.

Gefolgt von einem Angoraunterhemd.

Der krönende Abschluß: ein Nierenwärmer.

Darüber dann das, was man sieht. Hose/ Rock mit mindestens vier, winzig kleinen Knöpfen oder Ösen. Bluse. Pullover. Wams. Dicke Jacke.

Hin und wieder wundert man sich, wie aus einer voluminösen Dame eine kleine, klapprige Gestalt wird. Wie ein kleiner Vogel, der sein prächtiges Kleid verloren hat.

Die Männer sind ebenfalls verfroren. Aber bei weitem nicht so aufwendig an der Kältefront, wie in die Damen. Die langen Unterbuxen werden von selbstgestrickten Socken am Bein gehalten. Unterhemd. Angoralangarmhemd. Darüber ein Nierenwärmer. Langarmshirt. Hemd. Shirt. Wams.

Achtung. Es folgt eine tragische Geschichte (Kleine Abscheifung. Ihr kennt das):

Meine Freundin erzählte mir neulich, dass der Nierenwärmer ihres Opas „Peterle“ hieß. Peterle war die Haus-und Hofkatze. Heiß geliebt von meiner Freundin. Sie schlief im Stall. So war das auf dem Land. Ins Haus? Die Katze?  Um Himmel Willen. Verhätschelte Großstadtkatzen schlafen im Haus. Die gemeine Landkatze nicht. Sie streicht durchs Revier und fängt Mäuse. Bis Peterle eines Tages überfahren wurde. Meine Freundin litt sehr. Der Opa sah den Kummer und scheute keine Kosten und Mühen, sie zu trösten. Er brachte Peterle weg. Eine Woche später war er wieder da. Als Fell. Als Nierenwärmer. Als Erinnerung für meine Freundin. Peterle forever. Das sind die Traumata der Landkinder. Gut gemeint vom Opa. Meine Freundin schaute Peterle nie wieder an. Dem Opa allerdings leistete Peterle viele Jahre lang gute Dienste. Nierenprobleme hatte er jedenfalls nie.

Warum erzähl ich so ausführlich über die Klamottengewohnheiten der älteren Herrschaften?

Weil es den schönen Satz gibt: Keine Diagnose durch die Hose.

Und alles, alles, alles runter muss.

Ausziehen! Alles.

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Bildquelle. Pixabay

Dicke Jacke. Wams. Pullover, Bluse, Rock mit Knöpfen. Nierenwärmer, Angoraunterhemd. Korsett. BH. Unterhemd. Lange Unterhose. Angoraschlüpfer. Unterhose. Strumpfhose.

Das ist mitunter ein Kunststück, die Damen und Herren aus ihren Klamotten zu pellen. Sie kommen ja auch nicht zum Spaß, sondern weil sie krank sind. Der Beschäftigungslevel ist mitunter sehr hoch, weil die besondere Herausforderung darin besteht, sie aus ihren 97 Schichten möglichst schmerzfrei zu pellen.

Und ja. Es kann auch ätzend sein. Lang dauern. Schmerzen bereiten. Verzweiflung hervorrufen, weil du die vielen kleine Häckchen und Ösen ums Verrecken nicht aufbekommst.

Schicht für Schicht wird freigelegt.  An der Wäsche kannst du unfassbar viel erkennen. An dem „Prozess“ des Ausziehens ebenfalls. Manche haben Dinge an, die kennt man heutzutage gar nicht mehr. Einige sind die in der Kunst des Stopfens mächtig. Jedes kleine Löchlein ist perfekt ausgebessert. Du kannst – gefühlt –  das ganze Leben an diesen Schichten ablesen.  Es ist wie ein soziologische Studie. Pflegezustand, Herkunft, persönliche Präferenzen, Land- oder Stadtbewohner. Du sieht die Körper, die zum Vorschein kommen. Und erkennt auch, wie unwichtig es sein kann, ob dick oder dünn, reich oder arm. An einem Punkt sind wir alle gleich.

Manche haben die neusten Modelle der Funktionswäsche an.

„Funktionsunterwäsche ist ein Segen!“, sagte mir neulich ein 76- jährige. „So schön warm!“  Na klar! Wer damit in die Antarktis fährt, wird in unseren Temperaturen auf der sicheren Seite sein.

„Immer tiptop. Man weiß nicht, wann man in ein Krankenhaus kommt!“.

Und ja: Auch Unterhosen können rosten. Man glaubt es kaum.

Dann hat du alles ausgezogen. Nächste soziologische Studie: (Man nennt es auch Krankenbeobachtung für Fortgeschrittene)  Helfen sie mit? Sind sie es gewöhnt, sich zu „überlassen“. Wie gehen sie mit Scham um . Schaffen wir es als Pflege, sie zu wahren? Das alles läuft ,nebenbei`,  während wir Gespräche über Funktionswäsche, selbstgestrickte Socken, duftende Körperlotionen sowie lila Schaumfestiger führen.

Röntgen. EKG. Blutabnahme.

Sie können nach Hause. Alles in Ordnung. Sie haben nichts.

Was????

Alles wieder auf Null:

Zunterst kommt die Strumpfhose.

Dann die Unterhose.

Es folgt die lange Unterhose.

Darüber ein Angora Schlüpfer.

Ober herum ein Unterhemd.

Darüber den BH

Zur Sicherheit ein Korsett

Gefolgt von einem Angoraunterhemd.

Der krönende Abschluß: ein Nierenwärmer.

Darüber dann das, was man sieht. Hose/ Rock mit mindestens vier, winzig kleinen Knöpfen oder Ösen. Bluse. Pullover. Wams. Dicke Jacke.

Alles Gute, Gotttes Segen und Ade.  „Auf Wiedersehen“ sagen wir in der Notaufnahme nicht so gerne.

Jetzt lässt Frühling wieder sein blaues Band, lustig  wieder flattern durch die Land. Auch durch die Unterwäscheschubladen der Patienten. Es wird herrlich.

Arschlockkritik

Gerade habe ich mit einer Bekannten telefoniert. Ihr Herz war schwer: Sie war Opfer einer Arschlochkritik geworden.

Entschuldigt die Ausdrucksform. Aber man kann manche Kritik, die einem „ach so gut gemeint“ übermittelt wird, nicht anders benennen.

Kleine Definition: Arschlochkritik, die:

Kommt häufig da vor, wo man dich gerne mal niedergemacht werden will.

Dann fange die Sätze gerne mal an mit: Ich meins es nur gut mir dir…..

….aber vielleicht bist du damit überfordert.

… aber immer….!

…. aber das ist so typisch für dich.

… aber was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du überhaupt gedacht?

… aber du hast es halt nicht drauf.

…. aber so wie du dir das denkst, kann es ja nur in die Hose gehen.

… aber ständig….!

… aber nie…!

Arschlochkritik ist super gelungen, wenn sie

  • persönlich
  • verletzend
  • unbegründet
  • allgemein
  • übertrieben

Oftmals geht es gar nicht um ein Sachthema. Das wissen wir tief in unserem Innersten.

Aber wir haben ja alle gelernt, dass Kritik wahnsinnig wichtig ist. Wie sonst könnten wir lernen, alles richtig zu machen, wenn nicht hin und wieder einer käme, der/die sagt: Mach mal lieber so. Ist besser/ schöner/ höher. Bei „richtiger“ Kritik geht es  darum, auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Zu schauen oder zu überlegen, wie er behoben und natürlich zukünftig vermieden werden kann. Super Sache das. Vor allem, wenn es wertschätzend ist und darauf abzielt, den anderen zu verbessern. Gerne mit Wertschätzung.

Bei Arschlochkritk allerdings  ist das anderes. Hier geht es darum, dem anderen eines reinzuwürgen. Ihn klein zu machen. Oder besser noch: fertig zu machen.Aber gut getarnt unter „Ist doch nur lieb gemeint“- Deckmäntelchen.

Weil…..

…die Augen sind genauso fies sind, wie die des Schäferhundes, der mich mal als Kind gebissen hat. Und außerdem singt der/die andere viel schöner als ich).

Aus Eifersucht: XY mag denjenigen viel lieber als mich, dabei kann ich viel höher springen.Der/ die andere hat einen viel besseren Draht zu diesem und jenem, dabei bin ich schöner, witziger, klüger.  Ich kann XY nicht leiden, daher würge ich DIR eins rein. Aber das würde ich nie zugeben! Daher gibt es ein Kritikgespräch der ganz besonderen Art.

Es sind oftmals Themen, die nichts mit einem selbst zu tun haben – aber jede Menge mit demjenigen, der sie ausspricht. Und trotzdem macht man sie zu seinem Thema. Sie bohren sich wie ein Stachel ins Herz. Sie nehmen einem die Freude und die Kraft.

Solche Worte sind Dynamit im Herzenkämmerlein. Sie sind untrennbar mit der Frage verbunden: Bin ich wirklich so scheiße? Was, wenn es stimmt? Wenn ich nichts tauge, weil ich einfach nicht drauf habe?

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Freunde: Bevor ihr euch als mögliches Arschloch enttarnt: stellt zuerst fest, dass ihr nicht von den selbigen umzingelt seid.

 

Jeder von uns kennt solche Gespräche. Und wenn nicht: Glück gehabt – bisher.

Es hat nichts mit Kritik oder gar konstruktiver Kritik zu tun. Nichts. Es geht nur darum, euch ein schlechtes Gefühl einzuimpfen. Euch bist ins eure Grundfesten zu erschüttern.

Es ist nicht euer Problem – als lasst nicht zu, dass ihr es dazu macht.

Wenn es euch kalt erwischt und ihr noch in dem Glauben seid: „Aber das ist ja alles eigentlich doch bestimmt nett gemeint…“- schlaf drüber. Erzählt es Freunden. Und versucht die Arschlochkritik zu enttarnen. Was will mir der Absender in Wahrheit sagen? Warum hat wer -was- aus welcher Motivation  heraus erzählt.

 

Und dann?

Atmen ein und wieder aus. Vertraut euch. Redet euch nicht klein.

 

Unsere tiefste Angst ist nicht, ungenügend zu sein.

Unsere tiefste Angst ist, daß wir über alle Maßen kraftvoll sind.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, was wir am meisten fürchten,

Wir fragen uns, wer bin ich denn, um von mir zu glauben, daß ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin?

Aber genau darum geht es, warum solltest Du es nicht sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.

Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.

Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem.

Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewußt die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.

Von Marianne Williamson aus ihrem Buch „Rückkehr zur Liebe“.

 

Gegen das schleichende Gift einer Arschlochkritikvergiftung hilft:

Menschen, die euch guttun.

Menschen, die euch inspirieren und unterstützen.

Menschen, die euch fördern und fordern.

Menschen, die euch mögen und lieben.

Ein Haustier.

Ein Rudergerät.

 

Protipp: Je älter ihr werdet, desto schneller könnt ihr Arschlochkritik erkennen und enttarnen. Irgendwann genügt vielleicht ein lässiges Wedeln mit der Hand und der Bitte: „Geh mal ein bisschen aus dem Weg. Ich kann die Sonne nicht mehr sehen!“

 

 

 

 

 

 

 

Wie wollen wir sterben?

Es vergeht kaum ein Dienst, in dem nicht ein (seit langem) krachkranker, sterbender Mensch in die Notaufnahme gebracht wird. Hohes Fieber, schlechte Atmung, langjährige und gravierende Vorerkrankungen, Wundgeschwüre  – die Liste lässt sich nach Belieben fortsetzen.

Bei einem Patienten mit knapp 4o° Fieber, Parkinson und Demenz sowie einer fulminanten Lungenentzündung, war die Ehefrau mit dabei. Er hatte eine PEG und einen Blasendauerkatheter. Es roch von der Türe aus nach Harnwegsinfektion. Sie pflegte ihn zuhause. Bestimmt sehr liebevoll  – das merkte man daran, wie sie mit ihm sprach.

„Wie soll es weiter gehen?“, fragte der Arzt? „Haben sie das früher einmal darüber besprochen?“

„Nein. Darüber haben wir nie geredet!“

 

Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!

 

 

Freunde: Wir müssen reden. Über das Sterben und den Tod, der uns alle betreffen wird. Wie wollen wir sterben?

75 Prozent sterben im Krankenhaus oder Heim, nur etwa 20 Prozent tatsächlich zu Hause. Wenn man solche Statistiken liest, fragt man sich unweigerlich: Wo werde ich sein, wenn ich sterbe?  Werde ich es schaffen, zu diesen 20 % zu gehören? Ist mein soziales Netz dicht, sodass es hält und mich trägt? Werden meine Angehörigen und Freunde mir beistehen und wissen, wie ich es möchte? Was mir gut tut?

Ich habe viel Menschen sterben sehen. Sterben – das ist nichts für Weicheier. Soviel ist sicher.

Wir vom Pflegepersonal unken ja mal gerne, dass wir – sowie wir in Rente gehen – uns als erstes in der Tatowierstube wiedersehen. Auf dem Brustkorb wird dann stehen: Bitte nicht reanimieren.

Zu oft erleben wir es, dass todkranke Menschen „übertherapiert“ werden (…. und noch n Röntgenbild, und noch ne Magenspiegelung, und dann eine Magensonde und Blasenkatheter und „Huch – jetzt schnauft er nicht mehr“ Hat er ne Patientenverfügung? Gibt es Angehörige? Nein? Keiner da? Dann mal los. Reanimation- Team! …. und los gehts. Herzdruckmassage, Intubation. Intensivstation.)

Und man sieht den Menschen vorher und möchte am liebsten schreien:

Hört auf! Sofort!

Wir legen jetzt diesen offensichtlich sterbenden Menschen in ein weiches, warmes Bett. Lasst uns seine Hand halten und seine Schmerzen/ Luftnot/ Angst nehmen, wenn er welche hat. Es gibt so feine Medikamente. Lasst uns Gebete sprechen und leise Lieder singen. Lasst es uns so machen, wie wir es für unseren liebsten Angehörigen wollten. Aber hört auf mit der Supermedizin.

Die meisten wünschen sich ja ein schnelles Ende. Zack. Umfallen und aus die Maus. manchmal frage ich mich, ob sich das die Menschen gut überlegt haben. Denn damit ist schwer zurechtzukommen. Wie auch. Zeit zum Abschied bleibt nicht. Gespräche, die noch anstanden, erfolgen nicht mehr. Papierkram, Versicherungen, wichtige letzte Worte. Alles fehlt, weil einer aus der Mitte gerissen wurde. Es ist ein brutaler Abschied. Ob er dem Verstorbenen recht gewesen wäre?

Dann doch langes Leiden?

Gibt es nicht möglicherweise auch etwas dazwischen? Und wenn ja – wie könnte das aussehen?

Das allerwichtigste ist, dass man darüber nachdenkt. Ja. Wir sind sterblich und wir werden alle sterben. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich kann natürlich auch so tun, als wäre ich unsterblich. Ja – das geht. Wird aber irgendwann auch schwierig. Dann sollte aus dem „Nachdenken“ ein „darüber sprechen“ werden. Mit meinen liebsten Menschen. Mit meinen Angehörigen und Freunden. Mit dem Arzt des Vertrauens.

Niemand will irgendwann in einer Klinik liegen und fremde Menschen über das eigene  Schicksal entscheiden lassen. Nicht immer in meinem Sinne. Auch, wenn sie es alle gut meinen.

 

Einer meiner Kolleginnen ist seit 12 Jahren in der Ethikkommission . Sie sagt:

„Ich habe relativ früh für mich Vorsorge getroffen. Mir wäre es arg, wenn meine Vorstellungen und Wünsche nicht umgesetzt werden würden.  Ich lebe seit vielen Jahren autonom. Und in dieser Phase sollte meine Autonomie mir genommen werden? Kann doch nicht wahr sein!“

Was es braucht sind Menschen, die einen gut beraten. Das Unaussprechliche aus- und ansprechen. Warum nur hat diese Frau – oder der Hausarzt – nie mit dem Mann gesprochen? Er war nicht von heute auf morgen so krank. Es wäre genug Zeit geblieben. Jetzt liegt er da.

Vielleicht war sie in ihrem Hamsterpflegekrussel und kam nicht mehr heraus. Es war einfach nur tragisch, wie sie an der Liege mit ihrem schwerstpflegebedürftigen- und kranken Mann stand und ihm mit einem Läppchen die Stirn abtupfte. Blanke Hilflosigkeit. Es bricht einem das Herz.

Und wir stehen daneben.

In einem Krankenhaus ist man es gewohnt, zu tun. Nicht zu lassen.

Die wenigsten sagen: Wir lassen jetzt der Natur ihren Lauf.

Wie auch. Am nächsten Tag stehen sie in ihren Besprechungen und müssen sich rechtfertigen. Nicht nur die Ethik geht da flöten, wenn man einmal vor aller Augen zusammengestaucht wie ein Schulkind wurde – auch der wirtschaftliche Aspekt ist nicht zu vernachlässigen.

„Nichts tun“ bringt kein Geld. Was Geld bringt, ist eine Maximaltherapie – so bitter es sich auch anhört. Und so unnütz sie hin und wieder ist.

(Und manchmal – auch das will ich nicht verschweigen – ist sie ein Wunder in Reinkultur – diese Maximaltherapie. Ein Verwandler von „Fast gestorben“ in „putzmunter“. Auch das gibt es. Aber davon schreibe ich nicht hier. Sondern von Menschen, die sich schon sichtbar im Sterbeprozess befinden).

„Schreib noch ein EKG mit Rhythmusstreifen!“

„Warum? Mit welcher Konsequenz?“

„Damit es gemacht ist.“

Ausziehen. Kälte zieht an den ausgemergelten Körper. Feucht, kalte Saugnäpfe, die sich in die Haut förmlich einsaugen. Das ist noch das harmloseste von all den diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen.

 

Es ist schwierig in einer Notaufnahme. An diesem Ort herrscht Zeitdruck. Hier muss man schnell eine Entscheidung treffen. Ob sie immer im Sinne den Patienten sind, weiß man manchmal erst hinterher. ( Und warum manche Patienten noch in ein Krankenhaus überwiesen werden, ist so hin und wieder auch ein Rästel. Ich hatte neulich jemanden, der nach „Betreten“ der Notaufnahme gestorben ist. „Oh!“, sagte der Notarzt. „Jetzt ist er verstorben!“ „Warum habt ihr ihn nicht Zuhause gelassen? Friedlich, bei seinen Angehörigen? Jetzt schippert ihr 20 km über Land. So will man doch sein Leben nicht beenden?“ Es macht einen so hilflos. So zornig. So _________ (ergänze sinnvoll).

Ein Notfall kündigt sich nicht immer an. Nicht jeder hat seine Krankengeschichte mit Patientenverfügung griffbereit. Und die Angehörgen, die den Menschen kenne, kommen erst später nach. Es ist ein Dilemma. Also wird – im Falle, dass man nichts an Unterlagen hat – alles unternommen, um das Leben retten.

Warum zögern Menschen, sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen – frage ich meine Ethikkollegin?

 „Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das Thema Sterben findet nicht statt. Egal in welchem Zusammenhang. Egal ob jung oder alt.  Oft erkennen die Menschen  auch nicht den Unterschied zwischen Sterben im Fernsehen und  dem realen Sterben. Viel glauben heute tatsächlich, dass Sterben wie im Fernsehen abläuft:  Jemand ist krank, sagt noch einen bedeutungsschweren Satz und dann fällt der Kopf zur Seite.

Und so ist es nicht. Fiktion und Realität können die wenigsten auseinanderhalten.

Sterben ist anders. Wer stirbt denn heute noch zuhause? Die Menschen sterben im Krankenhaus und nicht Zuhause und das bekommt keiner mit.

Ich bin immer bekümmert, wenn ich Todesanzeigen lesen „… nach einer langen und qualvollenZeit gestorben!“ Denn unsere Medizin kann viel. Vielleicht hätte man es ihm erleichtern können. Es muss heute keiner mehr qualvoll sterben. Auch das darf man nicht vergessen. Es gibt die Palliativmedizin mittlerweile fast flächendeckend. Hospitzvereine, die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung ( SAPV). Es gibt so viele Möglichkeiten der Hilfe.

Es muss wieder ein Thema werden – das  Nachdenken über den Tod. Den eigenen oder den von unseren Liebsten. Nicht erst kurz vor knapp. Und manchmal muss man sich ein Herz fassen und – am besten in guten Zeiten – darüber sprechen: wie habt ihr euch das vorgestellt?

Es gibt viele Vordrucke von verschiedensten Organisationen. Ich weiß dann, dass sie gut ist, wenn sie verständlich für mich als Patienten ist. Sie soll ein weites Feld abdecken, aber sich auch nicht verzetteln. Wenn man nicht vom Fach ist, ist es hilfreich, sich jemanden zu suchen, der einem behilflich ist beim Ausfüllen. Es heißt auch oft: …“keine lebensverlängernden Maßnahmen“. Aber: aus völliger Gesundheit stirbt man nicht. Es geht auch um die Zeit vor dem Sterbeprozess – das ist auch wichtig. Kann ich mir vorstellen, vorher 5 Jahre als Pflegefall im Bett zu liegen? Oder wäre das schon ein Ausschlußkriterium für mich? Viele wissen auch leider zu wenig über den Sterbeprozess. Das stelle ich immer wieder fest. Wenn das alles mehr bekannt werden würden, dann würde vieles mit  anderen Augen gesehen werden. Und manchmal schadet es auch nicht, den Arzt zu wechseln.“

Die „Textzicke“ hat ein wundervolles Gedicht über ihre Oma geschrieben, dass ich hier abdrucken darf.

Sie hat es geschafft,
sagt Papa am anderen Ende der Leitung,
endlich hat sie Ruhe,
endlich.

Ich komme sofort,
sage ich,
natürlich.

Als ich 60 Kilometer später
das Zimmer betrete,
liegt sie da in ihrem Bett
wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen,
so klein,
so durchsichtig irgendwie,
aber so friedlich:
Oma.

An jeder Bettseite
einer ihrer Söhne,
jeder hält eine Hand.
Winzig, viel zu dünn ihre Finger
in den großen Männerpranken,
aber wie immer knallrot lackierte Nägel,
das war ihr wichtig.

Vorsichtig legt Papa
ihre Hand
auf der Decke ab,
um mich fest in den Arm zu nehmen
und mit mir zu weinen.
Er ist kein Mann,
der sich seiner Tränen schämt.

Scheiße.
Es ist traurig, dass sie weg ist,
nie wieder Rommé
nie wieder schwäbische Küche
nie wieder ihr helles Lachen
über schlüpfrige Witze.
Aber es ist auch gut,
für sie selbst am besten,
irgendwann gab es gegen die Schmerzen
nur noch diesen Weg.

Wie war es?,
frage ich,
wie ist es gewesen?

Papa holt tief Luft,
schaut seinen Bruder an,
schaut mich an
und erzählt.

Schlimm war es,
sagt er,
zuerst sehr schlimm,
sie hat arg geklammert am Leben.
Immer wieder entsetzliche Atemnot,
das war krass,
jedes Mal überlegst du,
ob es noch sinnvoll ist,
und dann greifst du doch wieder
nach der Sauerstoffmaske.
Dieser Scheißkrebs.

Liebevoll streichelt er
die kleine, leblose Hand.

Dann kam der Punkt,
sagt er,
wo klar war,
jetzt passiert es.
Aber es war okay,
sogar höchste Zeit,
und der Zeitpunkt war gut,
denn wir waren beide da
und das hat sie sich doch gewünscht.
Vor ihrem letzten Atemzug
hat sie erst M.,
dann mich noch einmal so angeschaut,
wie nur eine Mama ihre Kinder anschauen kann,
und hat ihre letzte Kraft
in diese Hände hier gesteckt
und ganz fest gedrückt.
Pfiats eich, meine Buam,
hat sie gesagt,
und dann war es einfach vorbei
und es war gut.

Jetzt weinen wir wieder,
alle drei,
ich kniee mich neben das Bett
und streichle ihr kühles Gesicht,
das gleichzeitig so vertraut
und so fremd ist.
Servus, kleine Oma,
sage ich leise,
und danke für alles,
für stundenlange Spiele
und die allerschönsten Ferien
und diese kleinen Füße, die ich auch habe
und die besten Kässpatzen auf der Welt
und dass du mir beigebracht hast,
wie man unsichtbar Socken stopft.

.
.
.

Noch heute ist Omas hölzerner Stopfpilz
einer meiner größten Schätze.
Von allem, was ich erbte,
ist er mir am wertvollsten
und der Grund dafür,
dass ich über jeden Kinder-Socken-Kartoffelzeh
schmunzeln muss
und mich auf die Arbeit daran freue,
statt mich zu ärgern,
genau, wie ich das bei so vielen kleinen Dingen mache,
über die ich mich ebensogut
furchtbar aufregen könnte.
Danke, Oma.

 

(„Tausend Tode schreiben“ heißt das eBook, in dem dieser Text auch enthalten ist. Hier schreiben an die 1.000 Autoren in völlig freier Form irgendeinen Text zum Thema Tod und Sterben. Eine persönliche Erfahrung oder auch Hörensagen, als Fiction, Lyrik, Worthaufen, Kurzgeschichte … jeder so, wie es zu seiner Idee vom Tod am besten passt. Der Erlös dieser Bücher wird an das Kinderhospiz Sonnenhof gespendet).

 

Das ist es, was uns als Pflegepersonal umtreibt. Uns aufreibt. Unserer eigenen Geschichte und Sterblichkeit einen Spiegel vorhält. Was uns nicht loslässt. Und  viel zu selten bleibt Zeit, all diese sterbenden und uns unbekannten Menschen zu betrauern. Denn wir sind alle irgendwie und irgendwo miteinander verbunden.

 

Und wem der Text noch nicht lang genug war – gibt hier noch was dazu: „Sinnlos gelitten“

 

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