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notaufnahmeschwester

Die Woche der Wiederbelebung

Monja hat hier einen ganz wunderbaren Blogbeitrag geschrieben.

Eminem singt zwar “life is no nintendo game” aber ich möchte da ein Wörtchen mitsprechen. Zwar ist Dein Leben nicht resetbar aber es gibt zwei Enden: Du spielst einfach das letzte Level Du kriegst völlig unerwartet Besuch vom Endgegner – mit Aussicht auf Extralevel. Reanimationen sind Sex! Eine Rea ist die pure Gegenwehr des prallen Lebens […]

über Der Endgegner!! — monjaschuenemann

Nostalgie im Schuhregal

„Mimimimi“, maulte die Kollegin in der Umkleide. „Hier könnten mal wieder die Schuhe aufgeräumt werden. Kein Mensch kann so viel Schuhe auf einmal tragen, wie sie hier alle rumstehen!“

Sie hat da einen unnachahmlichen Tonfall, an dem ich schon lange übe: Leicht maulig, mit einem Hauch von Schärfe in der Stimme sowie leichte Resignation und einer Spur ,ich mach dir ein schlechtes Gewissen`! Dieser Tonfall verfehlt selten seine Wirkung. Es ist großartig. Wie gesagt: ich über noch – bin aber noch meilenweit entfernt davon. Ich könnte mir vorstellen, damit viel Freude im eigenen Leben zu haben.

Wir standen in der Umkleide und sahen nach unten. Zwei Bretter übereinander in ordentlicher Wischhöhe. (Hygiene!) Die Bretter voll.

 

„Kein Mensch!“, wiederholte sie streng. „Kein Mensch braucht so viele Schuhe, wenn man bedenkt, das in dieser Umkleide sich nur eine Handvoll Menschen umzieht!“

Ich räusperte mich. Denn tatsächlich ist es so, dass die meisten Schuhe mir gehören. Ich schaute unschuldig und unbeteiligt. Ich würde mich doch nicht outen! Nicht vor den gestrengen Augen meiner Kollegin. Und ich hoffe sehr, dass es keiner von meiner Leserschaft tut. Nicht auszudenken!

Denn: Kann eine Frau/ Krankenschwester jemals genug Schuhe haben? Aber nein! Man muss doch für alle Eventualitäten im Leben gerüstet sein. Sagen wir mal vorsichtig: das bin ich. Definitiv!

Ich habe ein Ersatzpaar, falls meine derzeitigen Lieblingsschuhe die Grätsche machen sollten. Je nach Laune gibt es sie gleich noch in verschiedenen anderen Farben: Frühlingslila für den sanften Start in den Tag.  Original aus Polen. Gut – es gibt kein einziges Luftloch in diesen Schuhen, so dass man leicht schmort und schwitzt. An unruhigen Tagen könnte ich zu den würstchenbraunen Schuhen zurückgreifen. Praktisch, wenn man schon vorher wüsste, was an diesem Tag passiert. „Malheure“ der unteren Körperhälfte würden unbemerkt am Schuh quasi vorbeigehen. Hellblau mit weißem Rand für die maritime Stimmung – sollte sie mich just überkommen. Und dann sind da noch meine absoluten Nostalgieschlappen: Ein Paar Nike, die ich mir in New York gekauft habe. Im letzten Jahrtausend. Als ich da mal für kurze Zeit wohnte. *seufzt* (Stimmt leise: Schön war die Zeit an….).

Und dann sind da noch die Schuhe, die ich an meiner Hochzeit trug. Als meine wunderschönen Brautschuhfüße nur noch schmerzten, schlüpfte ich in sie hinein. Welche Wohltat! Wer immer nur in flachen Puschen mit Fußbett herumläuft, braucht sich bei Großereignissen nicht zu wundern, wenn der Fuß „aua“ schreit.Gut, dass ich in weiser Voraussicht meine bequemen Treter an diesem denkwürdigen Tag dabei hatte.

An allen Schuhen hängt eine Erinnerung. Eine schöne Erinnerung. Jedes Paar wurde mit Liebe ausgesucht. Sie werden allerdings nicht alle gleich oft getragen – ich geb es zu.

Weiß der Geier, wie die Kollegin darauf kam, dass die meisten Schuhe mir gehörten. Hatte ich etwa nicht unschuldig genug geschaut? Oder liegt es daran, dass wir uns seit fast 20 Jahren die Umkleide teilen?

Was hatte mich verraten?

„Du kannst die doch mit nach Hause nehmen und da deine Nostalgie im Schuhregal ausleben!“, schlug sie vor.

Das fehlte noch! Meine Arbeitsschuhe in fremder Umgebung! Da fühlen sie sich nicht wohl – das weiß ich doch. Einen alten Baum verpflanzt man doch auch nicht. Den lässt man stehen und baut eine Bank rum. So schaut es aus – meine Freunde.

Meine geliebten Arbeitsschuhe zwischen den Schuhen des Gatten und den unzähligen der Kinder. Keineswegs.

Schließlich sind schon soviel der früheren Schätze weg. Clogs, Birkenstöcker, Schuhe mit Plateausohle, Turnschuhe mit Mesh, Turnschuhe ohne Mesh, gute und teure Schuhe aus Leder. Alle haben sie mich durch mein Berufsleben getragen. Mal mehr mal weniger gut. (Manche konntest du wirklich gleich in die Tonne hauen. Aber dann waren sie teuer oder gerade in Mode. Irgendwas ist ja immer.)

Ich schmiß ein Paar abgenudelte Schuhe weg. Als Alibi. Die Sohle war fast durch. Da kann man ja mal… Das muss genügen.

Der Rest bleibt stehen!

Dankeschön-Kärtchen 

Meine Kollegin bastelt Dankeschön-Kärtchen für unsere Schüler.

Jeder oder jede bekommt eine selbstgebastelte Karte mit einem persönlichen Dank.

Ist das nicht reizend und wunderbar? 

Ich kann mich nicht dran erinnern,  so etwas jemals als Schülerin bekommen zu haben. 

Sie wiederum hat nette, kleine und sehr persönliche Geschenkchen  in ihrer Ausbildung bekommen.  

Das prägt. Und das gibt einem einem guten Input für solche Ideen. 

Großartig. Oder? 

Gezicke und Gezeter

Ein falscher Schritt, ein komisches Wort und RUMS! Gezicke. Gezeter. Handgemenge.

Manchmal fehlt nur noch, dass alle ihre Schippen raussuchen, sich im Sandkasten treffen und sich eins über die Rübe  hauen. Obwohl – vielleicht wäre das eine wunderbare Möglichkeit….. ?

 

Du würdest gerne dem Patienten den Arztbrief aushändigen. Nur leider ist der Arzt verschwunden. Der Griff zum Telefonhörer soll ihn ausfindig machen. Ringring. Keiner hebt ab. Na gut. Vielleicht ist er auf dem Klo. Zwei Minuten später probierst du es erneut. Ringring. Immer noch keiner. Nanu?

Repeat. Ringring. Und endlich wird abgehoben.

„MEINST DU NICHT, DASS WIR GERAFFT HABEN, DASS DU WAS VON UNS WILLST? HERRGOTTNOCHMAL, WIR HABEN DAS SCHON GECHECKT.WIR HABEN ZU TUN!“

Ach so! Hoppla.

 

„Was machst du denn da für einen Scheiß?“, fragt die Kollegin ganz ungeniert und sehr laut mitten im Patientenzimmer, weil sie es komisch findet, dass du den Gips von rechts nach links, anstatt von links nach rechts anwickelst.

 

„Ich schreib das IMMMER drauf! Mach halt deine Augen auf das nächste Mal und störe mich nicht mit deinen bescheuerten Fragen!“

 

„WER HAT DEN PATIENTEN AUF STATION GESCHICKT, OBWOHL ICH IHN NOCH NICHT FREI GEGEBEN HABEN? DAS IST SCHEIßE. SO LÄUFT DAS NICHT!“

„Der Oberarzt? Und ich habe ihn nicht geschickt – du musst mich nicht so anschreien, ich stehe direkt neben dir!“

„SCHREISCHREISCHREI!“

Der Heuler von Molly Weasly ist ein kleines Spätzchen dagegen.

 

„DAS IST HIER EIN VÖLLIG UNPROFFESIONELLER LADEN! ES KANN DOCH NICHT SEIN, DASS ICH MIT MEINEN SCHMERZEN NE HALBE STUNDE WARTEN MUSS!“

 

„Jo!“, sagt der tiefenentspannte Kollege. „Der Ton ist rau, aber herzlich. Und vieles verpufft wieder schnell!“

Möglich, dass er Recht hat. Aber wieviel schöner wäre es, wenn man nett miteinander umginge? Zumal die meisten von uns jahrelang noch miteinander arbeiten werden – quasi bis die Rente uns scheidet.

Überall da, wo viele Menschen zusammenkommen, kann das sehr nett sein und sehr bescheuert. Jeder hat seine persönlichen Animositäten. Einen Gleichklang der Gefühle und Stimmungen und Höflichkeiten wird es möglicherweise nie geben. Umso mehr könnte man selbst daran arbeiten.

Ich hab kürzlich einen Sani vergrätzt. Wenn mich eines echt auf die Palme bringt, dann das: Der Patient wird angeliefert: Egal ob Herzinfarkt oder abgebrochener Fingernagel: Alle haben ein EKG Monitoring dran. Gut – die alten Hasen machen es nicht mehr bei jedem Patienten dran. …

Nun ist es laut in so einem Krankenwagen. Da musste schon mal die Lautstärke auf volle Otze drehen, damit du weißt, dass dein Patient noch lebt. Versteh ich. Und so laut kommen sie dann an. Es macht mich wahnsinnig.

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In der Notaufnahme ist es ebenfalls meistens sehr laut. Drei Schwestern und Pfleger, Schüler,  Praktikanten, fünf Ärzte und 8 Monitore, Telefone, die schellen und Glocken die bimmeln. Manchmal kann man sich vor lauter Geräuschkulisse nicht mehr selber denken hören. Und der Rettungsdienst, der sich die Klinke in die Hand gibt.

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„MACH AUS!“

„Okay“

Seitdem ist er – glaube ich – ein bisschen verschüchtert und spricht eher weniger mit mir, wenn er mich sieht. Ups. Sorry. So war es gar nicht gemeint.

Rau, aber herzlich und vieles verpufft schnell. 

 

Und dann kommt dieses noch hinzu:

Zwischen dem, was ich denke,

dem, was ich sagen will,

dem, was ich zu sagen glaube,

dem, was ich sage,

dem, was du hören willst,

dem, was du hörst,

dem, was du zu verstehen glaubst,

dem, was du verstehen willst und dem, was du verstehst,

gibt es mindestens neun Möglichkeiten,

sich nicht zu verstehen

 

Es ist kompliziert. Das menschliche Miteinander.

Wenn es allerdings funktioniert, ist es wunderbar! Und weil wir das alles wissen, sollten wir uns zwischendurch mal am Riemen reißen. Alle.

Es wird großartig!

Humor übrigens hilft. Immer.

 

Herr – es ist Zeit!

Heute habe ich habe sie springen und liegen sehen.

Ist der Sommer etwa schon rum? Ja – ist es schon wieder so weit? Aus die Maus mit dem Schwimmbad? Dem langen Sitzen auf dem Balkon? Dem Zuhören, wie mir der Schweiß von der Stirn tropft? Sollte ich endlich meine kurze, geliebte Hose wieder in den Schrank legen und zu einem längeren Beinkleid zurückgreifen?

Herrje. Ich hatte mich gerade so schön daran gewöhnt.

Vor allem an das Frühschwimmen. Bevor die Welt erwacht, kann man im heimischen Freibad seine Runden drehen. Aber mitten in der Woche war der Monatswechsel. Und da stellt das Schwimmbad normalerweise dieses Angebot von 7 Uhr bis halb 9 Uhr ein. Haben sie aber netterweise nicht. Und das war ein großes Glück, denn nun habe ich – wie Frederick die Maus –  eine neue, wunderbare Erinnerung mit meiner Kollegin. Für kalte Herbst- und Wintertage. Und überhaupt. Es braucht gemeinsame Erlebnisse. Sie schmieden zusammen.

 

Die Kollegin und ich beschlossen, nach der Nachtschicht schwimmen zu gehen. Voll sportlich und so. Und sehr, sehr tapfer. Denn die Nächte sind mittlerweile tatsächlich  eher so…. kühl.

12 ° zeigte das Thermometer, als wir nach der Übergabe noch ein Käffchen tranken und uns auf den Weg machten.

Vor dem Schwimmbad standen schon all die anderen Angeber und Hartgesottenen  – wie wir – und warteten auf Einlass. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen. Die Luft roch leicht nach Herbst.

Der Bademeister schloß auf, die Sportler liefen los, die Kollegin und ich gemächlich hinterher. Freunde – wir durften das. Wir hatten Nachtschicht. Da darf man fast alles. Schleichen. Trödeln. Langsam schauen.

Ich bin – durch jahrelange Übung – umziehtechnisch die schnellste Maus von Mexiko. (oder wie manche Kollegen sagen: Ab durch  die Umkleide/Zaubertür wie seinerzeit bei Marijke Amado in der Miniplaybackshow und schon umgezogen fix und fertig!)

Meine Kollegin brauchte etwas länger. Als sie aus der Umkleide trat, nickte ich anerkennend. Badeschlappen („Original aus meiner Kindheit!“) und Bademäntelchen. Mein lieber Scholli. Ich war beeindruckt. Ich habe weder das eine, noch das andere.

Darf ich noch mal an die 12 ° erinnern? Unsere Gänsehaut erinnerte uns auch daran. Wir überlegten, wer von uns beiden diese bescheuerte Idee nun eigentlich hatte. Wir hätten schon längst im warmen Bett liegen können. Sie mit Wärmflasche, ich mit Wärmflasche 2.0. – eine Stufen -und zeitregulierende Heizdecke.

Aber nix da. Erinnerungen müssen erarbeitet werden. Haare hoch, Schwimmbrille auf. Das Wasser war …. frisch. Aber wärmer als die Luft. Immerhin.

Ich liebe diese Frühschwimmen. Das Wasser liegt wie ein glatter, blauer Spiegel vor einem. In der Ferne hört man vielleicht einen Rasenmäher und es duftet leicht nach gemähtem Gras. Die Vögel quatschen miteinander und begrüßen möglicherweise den neuen Tag und die Schwimmer pritscheln leise vor sich hin.

Wir pritschelten mit.

Hinter dem Heckenrosengebüsch stieg stetig die Sonne auf. Wölkchen trieben am Himmel. Eigentlich war es perfekt. Eigentlich war es sehr perfekt.

10° mehr wären nicht auszuhalten gewesen.

Wir schwommen und schimmten und schwummten bis meiner Kollegin die Lippen blau anliefen und sie unter der heiße Dusche verschwand.

Jetzt ist er wohl rum – der Sommer.

Adieu, sagte die Nachtnotaufnahmeschwester leise, als sie in den kühlen Morgen trat. Adieu Frühschwimmen.

Bis nächstes Jahr. Wenn Gott will und wir leben.

 

Das Laberglas

Manche werden ja überhaupt nicht mehr fertig mit reden. 

Patienten. Kollegen. Ärzte. Freunde. Eltern. Geschwister. Liebhaber/innen und Partner. Kinder. Wer auch immer. Es plaudert munter vor sich hin. Ohne Punkt und Komma. Ohne Gnade. 

Manchmal allerdings möchte man nur seine Ruhe, aber gleichzeitig nicht die Form der Höflichkeit missachten. (Oder doch?)

Dafür gibt es nun Abhilfe. Das Laberglas. 

Im besten Falle lachen alle. 

Im schlimmsten spricht keiner erst einmal nicht mehr mit dir. 

(Womit der Zweck erfüllt wäre).

Und es herrscht himmlische Ruhe.

Anfänge in der Notaufnahme mit Prinzessin

Es gibt Tage im Leben, die man nie wieder vergessen wird. Ich meine dabei nicht  die Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen (selten erreicht), Hochzeit, Geburt von Kindern, Anschaffung eines Haustieres oder wasserfesten MP3 Players. Nein – mehr so Weltgeschehnisse, die einem im Gedächtnis bleiben.

Gestern war so einer. Ich entspreche natürlich voll dem Klischee der kaffeeesaufenden, Klatschblätterlesenden Krankenschwester. Manche Rollen muss man einfach erfüllen – nicht wahr?

Gestern starb Prinzessin Diana. Und ihr Lover Dodi al Fayed gleich mit. Mittlerweile ist es das 19 Jahre her.

Aber in epischer Breite:

Ich war damals zwei Monate in der Notaufnahme. Monate voller Herzklopfen, massiver Spannung und Freude, in einer Notaufnahme zu arbeiten. Gott – was war das alles aufregend!

Krankheiten, Unfälle, abgeschnittene Finger. Kollegen, die alle mehr als cool waren und die nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Hammer! Das wollte ich auch.

Ein Notfall – immer her damit. Ich bin bereit. Zumindest emotional.

 

An meinem ersten Tag schob man mich in den kleinen Noteingriffsraum für kleinere Operationen. Da war ich weg vom Fenster, störte keinen und schaute voller Ehrfurcht einem Arzt zu, der einen zerbröselten Finger wieder mit Bedacht, Anmut und Können schiente, verdrahtete und verarztete.

„Gib mir mal die Knochenraspel!“

„Knochenraspel?“

„Jupp. Schrank auf. Da liegt sie. Bauchhöhe.“

Schrank auf, Bauchhöhe. Ein Dutzend Geräte, die ich bis dato noch nicht kannte. Woher auch. Ich hatte die letzte Jahre in der Dialyse verbracht. Ich war die Heldin der Venenpunktion und Bedienung von vielerlei Geräten. Aber eine Knochenraspel? Ich kann mich noch an den Schauer bei diesem Wort erinnern. Knochenrasel! Knochenraspel ist gefühlt Mittelalter.

Das hier? Oder das hier?

Ich hob alle nacheinander aus dem Schrank. Der Arzt seufzte leise. Aber weil er ein feiner Mann war, nur sehr leise.*seufz*

Der nächste Patient, den man mir zuwies, war jemand mit Verdacht auf Blinddarmentzündung. „Miss mal Fieber!“

Irgendwo im Hinterstübchen erinnerte sich etwas, dass man „oben und unten“ messen muss. Im Mund und im Hintern quasi. Yeah – Challenge geschafft. Aber: Nur wer schreibt, bleibt. Also dokumentieren. Aber wie hieß jetzt noch mal „unten“ auf „richtig“?

Ich zerbrach mir das Hirn. Anus. Anal. Unten. Hinten.

Hilfe!

Ich bin examinierte  Krankenschwester – da kannst nicht an deinem ersten Tag zum Kollegen gehen und fragen, wie „unten“ noch mal richtig heißt. NeNe! Die Blöße kann sich keiner geben.

Aber es fiel mir ums Verrecken nicht ein! Zappenduster im Oberstübchen.

Ich schrieb also oral….. hin.  Und  ganz schnell……anal……

Da kam der Arzt herein. Netterweise war der Patient auf dem Klo, sonst hätte er erlebt, wie ich gedanklich zur Schaufel griff, um mir ein tiefes Loch zu graben. Mitten in der Notaufnahme.

Der Arzt war nicht der feine Unfallchirurg, sondern ein derber Allgemeinchirurg. Ein richtiger Arsch! (Entschuldigt die Worte – aber wie sagte neulich eine Patientin: „Was wahr ist, kann man ruhig sagen!“)

Kollegen brachte er mit seiner süffisanten Art regelmäßig zum Weinen. Er hatte mehr so der Humor jenseits der Schmerzgrenze. Mich erinnerte er an einen lieben Freund, deshalb mochte ich ihn irgendwie. Jaja – das Herz ist eine merkwürdige Gegend. Und überhaupt: später amüsierte mich  bisweilen dieses  Verhalten. Denn der alte Satz heißt: „Was und wie die Leute etwas sagen – und über wen – sagt mehr über sie aus, als über denjenigen, über den sie sprechen.“ Manchmal bin ich da sehr großzügig. Und konnte ihn in seiner grantelnden Art nicht wirklich Ernst nehmen.

Ich kam also gut mit ihm klar – Arsch hin- Arsch her. Und er war großartig, wenn Patienten äußerst unhöflich waren. Eiskalte  Hundeschnauze. Ein Satz und Ruhe war im Schiff. Wohl dem, der nicht in seiner Schusslinie stand. Und manchmal auch die schützen,  die es traf und sich nicht gegen seine Unflätigkeiten aller Art wehren konnten. Fachlich allerdings war er 1A. Wie so oft im Leben: Manche können nicht alles haben und sein. Nett UND kompetent sein.

Aber das alles wusste ich an diesem Tag noch nicht.

„Notaufnahmeschwester!, so sprach er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus triefte. Dabei schaltete er durch die Nase wie Graf Mauersäge aus der Kinderbuchreihe „Burg Schreckenstein“.

„Notaufnahmeschwester – wir wollen uns  doch an den richtigen Fachbegriff gewöhnen – nicht wahr?“

„Sehr gerne!“

„Es heißt rektal. Und nicht anal!“

„Ach ja! Natürlich!“

(Her mit der Schaufel! )

So schnell fiel mir noch nicht mal ein dummer Witz ein. Gott – hab ich mich geschämt!

So fing ich da an. Es war hart – wie für allen neuen, die kommen und anfangen. Spannung und Vorfreude was kommen mag, wechselt sich mit Angstschiss in Buxe  und Pulsbeschleunigung ab.

„Ein Jahr hab ich gebraucht, bis ich keine Panik mehr hatte, wenn wieder was „Großes“ angemeldet wurde“, sagte die Kollegin. Ein Jahr! Guter Gott!

Ich war also zwei Monate in der Notaufnahme, als Prinzessin Diana starb.

Ich wusste mittlerweile, wen ich wann und warum anrufen konnte, ich kannte größtenteils den Inhalt der unzähligen Schränke. Ich hatte mit schweißnasser Stirn meine ersten Gipse alleine gegipst. Ich war auf einem guten, langsamen und steinigen Weg.

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                                           Bildquelle: Pixabay

Und nun kommt die Prinzessin der Herzen und von Wales ins Spiel.

Es war ein strahlend schöner Sonntagmorgen. Ich hatte mit dem Chef Frühdienst. Morgens um sieben war nichts los. Man hörte die Glocken der umliegenden Kirchen und wildes Vogelgezwitscher. Ein Assistenzarzt, ein hübscher, braungebrannter Kerl, saß mit uns im Sonnenschein vor der Notaufnahme. Es gab ein schlichtes Frühstück: Kaffee und Zigarette.

Der Chef holte Nachschub und kam mit Kaffeetassen und Neuigkeiten wieder. Mehr verblüfft, als ergriffen:

„Eyyy – die Diana ist dod! Und der Dodo ist auch dod.“

(Mein Chef gehörte zu der Spezies der Konsonatenschänder an. T und D ist kein Unterschied. B und P auch nicht. Kein Wunder, das ich die Panthenolsalbe nicht unter P fand. Sie lag im Fach mit B. Aber ich will nicht ungerecht sein – vielleicht wurde auch das Produkt wieder umgestellt von Panthenol auf Bepanthen.)

Diana und Dodi waren also dod und ich lache noch heute über diesen Satz, diese Aussprache, die Verblüffung, diese besondere Stimmung. Später machte der Kabarettist Erwin Pelzig die „Diana Dodi Dunnel Dour“ aus diesem tragischen Ereignis.

Das ist also der Grund, warum sich der 31. August für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Meine Anfänge in der Notaufnahme zusammen mit der „doden Diana“ an einem zauberhaften Sonntagmorgen.

 

Ich habe viel über Menschen gelernt in dieser Zeit: Alle, die an diesem Tag und auch noch lange danach kamen waren ergriffen, sehr betroffen und traurig. Dieser sinnlose, schlimme Tod. Diese wunderbare Frau.

Erst über die  Jahre habe ich diese Trauer verstanden, die diese Menschen fühlen.

Es scheint eine Art „Stellvertretertrauer“ zu sein. Schließlich kannte keiner von den Patienten die Prinzessin persönlich. Aber manches an nicht geleisteter Trauerarbeit, was man tief im eigenen Herzenkämmerlein versteckt hält und nie raus darf, ploppt bei solchen Ereignissen hoch: Endlich kann es bedenkenlos  und ohne dabei schief angeschaut zu werden, betrauert werden. Es scheint Trauerarbeit für viel eigenes im Verborgen zu sein.

Es nimmt einem keiner krumm, wenn man um eine Prinzessin weint, die man nur als der Klatschpresse kannte. Das machen ja „alle“ – nicht wahr? Das Blumenmeer vor dem Buckingham Palace zeigte es.

Und es fällt somit schier überhaupt nicht auf, wenn man eigentlich um sich selbst weint.

 

 

 

Ausmisten

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Verstaubt und leicht außer Form: Der Pschyrembel.

Unser/ mein Bücherregal platzt aus allen Nähten. Alle, alle meine Schätze finden Platz. Hintereinander, übereinander. Kraut und Rüben im Buchregal.

Gestern packte mich der Rappel.

Mit scharfen Auge lief ich die 15 Quadratmeter Bücherwand ab. Es braucht ein scharfes Auge und einen eiskalten Killerblick: Was lese ich überhaupt. Was sind die liebsten? Wofür schäme ich mich fast schon ein bisschen? (Jawoll – das gibts auch) Und dann die Frage aller Fragen: Wofür hebe ich eigentlich  Schrottbücher auf, von denen ich weiß: Nie mehr!

Ganz oben auf dem Regal: Meine Fachliteratur von anno knips. Vergessen auf dem Regal in luftiger Höhe von 3,10 Meter . Uhaaaaaaaaaa.

Naja – was heißt vergessen – ich will ehrlich sein. Ich kann mich schlecht trennen. Hoch oben steht mein komplettes Krankenschwesternfachwissen von vor 25 Jahren. Davon trennt man sich nicht so einfach. Das wuchs einst ans Herz. Das war teuer damals. Und überhaupt: Bücher schmeißt man nicht weg. Wer was anderes behauptet, war noch nicht in meinem Elternhaus.

Aber: Rappel! Killerblick!

„Meinst du nicht, das ist ein wenig verfrüht – deine Fachliteratur nach 25 Jahren wegzuschmeißen?“, fragte mich eine Freundin? (Ich glaube sie hat gelästert! Ich verzeihe ihr. Ich bin ein großherziger Mensch.)

Rappel, Killerblick und eine Leiter – Kiste am Boden, Staubsauger im Anschlag.

Zuerst kam der Pschyrembel dran. Ich hatte die 256. Auflage.  Um so erstaunlich war ich, als ich heute Bob Andrews (Recherche und Archiv) von den drei Fragezeichen ??? spielte und feststellte: Die aktuelle Auflage ist die 261. Erst? Ich dachte, das ging schneller.

Aber bitte: wann habe ich das letzte Mal einen Psychrembel in der Hand gehabt? Heute wird gegooglet. Aus die Maus.

Und so sieht ein Pschyrembel aus, wenn er lang, lange, lange Zeit die Welt aus 3,10 Meter Höhe betrachtet:

(Gibt es eigentlich ernsthaft Menschen, die in dieser Höhe Bücher abstauben?)

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Verstaubt und leicht außer Form: Der Pschyrembel.

 

Und weil ich so schön drin war – im Killerrappelaufräummodus: Raus mit den ganzen Altlasten.

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„Ist es nicht ein bisschen verfrüht, das alles wegzuschmeißen?“

Warum hängt man so an diesem ganzen Kram? Ich hab seit der Ausbildung nie wieder in diese Bücher geschaut. Es hat also noch nicht einmal einen wirklichen ideellen Wert. Außer, dass es eben Bücher sind.

Ausmistregeln

(Für den Fall, dass ihr auch noch so Altlasten haben)

Wann hab ich es zuletzt gebraucht/ gelesen? Ach – doch schon so lange her? Raus damit!

Könntest du es vielleicht noch mal brauchen? Auch nicht? Weg!

Hängt dein Herz dran? Och….. nö! Nicht wirklich. An den Geschichten, die ich mit diesen Büchern erlebt habe. Aber die sind im Herzen. ( Seht ihr das Buch der Arzeimittellehre? Unser Dozent, ein Apotheker, trug einmal einen wunderbaren Strickkpullover mit dem Motiv einer Hexe, die in einem riesigen Kessel rührt. Das erschien uns sehr passend!. Oder Gynäkologie: Ich fange heut noch zu lachen an, wenn einer einen Satz mit einem langgezogenen “ Soooooooo“ beginnt, wie der schmucke Gyndoktor damals.)

Wo ist dein Ausmistgut aufgehoben? In 3,10 Höhe? Immer schön leicht ranzukommen, nicht wahr? Merkste gleich, wie wichtig das ist.

Ist es aktuell?  Aktuell! Witzig! 25 Jahre alte Lehrbücher. *klopft sich vor Lachen auf die Schenkel*. Das kannst du noch nicht mal den Schülern von heute andrehen. Es hat sich ja durchaus das ein oder andere in dieser Zeit verändert. Fortschritt eben.

Soll ich euch was gestehen? Es fühlt sich gut an! Ich vermisse nichts. Ich hab Platz für wunderbare, neue Bücher.

Nur – was kommt jetzt in die luftige Höhe? Ein „Stehrummchen“? Ein „Hänghinchen“? (Staubfänger zum Hinstellen oder Aufhängen. Ich habs nicht sehr damit) Bücher, die ich in drei, zehn, 25 Jahren verschenke/ verkauft/ in die Tonne klopfe?

 

Wann ist die beste Zeit um in eine Notaufnahme zu gehen?

Das ist eine Frage, die immer wieder bei den Suchbegriffen auftaucht.

In eine Notaufnahme geht man, wenn man in „Not“ ist.

Nachdem Krankheiten oder Unfälle selten vorhersehbar ist, ist die Frage wiederum eigentlich überflüssig. Nicht wahr?

Damit wäre dieser Blogbeitrag auch geschrieben. Ende Gelände.

(Gut – man geht auch, wenn man einen Fetisch hat und gerne von dem netten, weiblichen Personal eine neue Windel haben möchte. Mit 49 Jahren. Weil man gerade in der Gegend war und es seit Wochen hier und da zwickt. Oder weil man noch Licht brennen sah.)

 

 BildquellePixabay

 

Ansonsten gibt es tatsächlich auch günstige Zeiten. Ich habe allerdings in fast 20 Jahren noch nicht rausbekommen, wann das ist. Aber es gibt sie – hin und wieder.

Dienstags um 17 Uhr? Oder Mittwoch morgens um 11 Uhr? Gar am Samstag um 20.15? Oder wenn Fußball kommt? Wenn Prinzen und Prinzessinnen heiraten?

Es ist unvorhersehbar. Manchmal hat man Glück. Da wird man direkt durchgewunken. Manchmal hat man Pech. Dann muss man lange sitzen. Alles ist möglich. Wie im wahren Leben.

Notfälle passieren. Der Herzinfarkt in der Küche. Der Sturz vom Pferd oder Fahrrad. Ein Schlaganfall beim Grillen. Das alles ist nicht zeitlich terminiert.

Wobei wir festgestellt haben: Eine Krankheit kommt selten alleine. Wo ein Herzinfarkt ist, kommt gerne noch ein zweiter, dritte oder mehr dazu. Manchmal ist „Knochenbruchwetter“. Jeder, der kommt, hat sich irgendeinen Knochen gebrochen. Nicht  bloß verstaucht. Kaputt. Und dann ist Kopfschmerz und Mirgänewetter. Aua. Oder Atemwegserkrankungstiefdruckgebiet.

 

Ich hingegen frage mich ja, vom wem wohl solche Fragen kommen. Von besonders vorsichtigen Menschen – in der Art von: Hm. Sollte ich mal einen Herzinfarkt bekommen….. möchte ich ihn gerne um 14 Uhr am Freitag haben. Wenn ich mich heute Abend beim Gläserspülen in den Finger schneide – lohnt es sich noch, etwas zu warten bis ich meinen Finger versorgen lasse, weil es dann möglicherweise nicht so viele Patienten gibt? Bitte einen Schlaganfall nur, wenn Fußball kommt und nur, wenn ein Nichtfußballliebhaber Dienst hat. Die Gallenkolik bitte nach dem Festessen. Wenn ich stürze, dann bitte immer erst nach der Hochzeit. Nicht davor!

Merkt Ihr selber – Nicht wahr?

Nichts desto trotz: Wenn Ihr ein „Notfall“ seid, werdet ihr behandelt – je nach schwere des Notfalls sofort – oder mit Wartezeit. Mit all unserem Wissen und Können. Und das ist doch eigentlich das Wichtigste. Oder?

 

 

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