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notaufnahmeschwester

Wie wollen wir sterben?

Es vergeht kaum ein Dienst, in dem nicht ein (seit langem) krachkranker, sterbender Mensch in die Notaufnahme gebracht wird. Hohes Fieber, schlechte Atmung, langjährige und gravierende Vorerkrankungen, Wundgeschwüre  – die Liste lässt sich nach Belieben fortsetzen.

Bei einem Patienten mit knapp 4o° Fieber, Parkinson und Demenz sowie einer fulminanten Lungenentzündung, war die Ehefrau mit dabei. Er hatte eine PEG und einen Blasendauerkatheter. Es roch von der Türe aus nach Harnwegsinfektion. Sie pflegte ihn zuhause. Bestimmt sehr liebevoll  – das merkte man daran, wie sie mit ihm sprach.

„Wie soll es weiter gehen?“, fragte der Arzt? „Haben sie das früher einmal darüber besprochen?“

„Nein. Darüber haben wir nie geredet!“

 

Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!

 

 

Freunde: Wir müssen reden. Über das Sterben und den Tod, der uns alle betreffen wird. Wie wollen wir sterben?

75 Prozent sterben im Krankenhaus oder Heim, nur etwa 20 Prozent tatsächlich zu Hause. Wenn man solche Statistiken liest, fragt man sich unweigerlich: Wo werde ich sein, wenn ich sterbe?  Werde ich es schaffen, zu diesen 20 % zu gehören? Ist mein soziales Netz dicht, sodass es hält und mich trägt? Werden meine Angehörigen und Freunde mir beistehen und wissen, wie ich es möchte? Was mir gut tut?

Ich habe viel Menschen sterben sehen. Sterben – das ist nichts für Weicheier. Soviel ist sicher.

Wir vom Pflegepersonal unken ja mal gerne, dass wir – sowie wir in Rente gehen – uns als erstes in der Tatowierstube wiedersehen. Auf dem Brustkorb wird dann stehen: Bitte nicht reanimieren.

Zu oft erleben wir es, dass todkranke Menschen „übertherapiert“ werden (…. und noch n Röntgenbild, und noch ne Magenspiegelung, und dann eine Magensonde und Blasenkatheter und „Huch – jetzt schnauft er nicht mehr“ Hat er ne Patientenverfügung? Gibt es Angehörige? Nein? Keiner da? Dann mal los. Reha- Team! …. und los gehts. Herzdruckmassage, Intubation. Intensivstation.)

Und man sieht den Menschen vorher und möchte am liebsten schreien:

Hört auf! Sofort!

Wir legen jetzt diesen offensichtlich sterbenden Menschen in ein weiches, warmes Bett. Lasst uns seine Hand halten und seine Schmerzen/ Luftnot/ Angst nehmen, wenn er welche hat. Es gibt so feine Medikamente. Lasst uns Gebete sprechen und leise Lieder singen. Lasst es uns so machen, wie wir es für unseren liebsten Angehörigen wollten. Aber hört auf mit der Supermedizin.

Die meisten wünschen sich ja ein schnelles Ende. Zack. Umfallen und aus die Maus. manchmal frage ich mich, ob sich das die Menschen gut überlegt haben. Denn damit ist schwer zurechtzukommen. Wie auch. Zeit zum Abschied bleibt nicht. Gespräche, die noch anstanden, erfolgen nicht mehr. Papierkram, Versicherungen, wichtige letzte Worte. Alles fehlt, weil einer aus der Mitte gerissen wurde. Es ist ein brutaler Abschied. Ob er dem Verstorbenen recht gewesen wäre?

Dann doch langes Leiden?

Gibt es nicht möglicherweise auch etwas dazwischen? Und wenn ja – wie könnte das aussehen?

Das allerwichtigste ist, dass man darüber nachdenkt. Ja. Wir sind sterblich und wir werden alle sterben. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich kann natürlich auch so tun, als wäre ich unsterblich. Ja – das geht. Wird aber irgendwann auch schwierig. Dann sollte aus dem „Nachdenken“ ein „darüber sprechen“ werden. Mit meinen liebsten Menschen. Mit meinen Angehörigen und Freunden. Mit dem Arzt des Vertrauens.

Niemand will irgendwann in einer Klinik liegen und fremde Menschen über das eigene  Schicksal entscheiden lassen. Nicht immer in meinem Sinne. Auch, wenn sie es alle gut meinen.

 

Einer meiner Kolleginnen ist seit 12 Jahren in der Ethikkommission . Sie sagt:

„Ich habe relativ früh für mich Vorsorge getroffen. Mir wäre es arg, wenn meine Vorstellungen und Wünsche nicht umgesetzt werden würden.  Ich lebe seit vielen Jahren autonom. Und in dieser Phase sollte meine Autonomie mir genommen werden? Kann doch nicht wahr sein!“

Was es braucht sind Menschen, die einen gut beraten. Das Unaussprechliche aus- und ansprechen. Warum nur hat diese Frau – oder der Hausarzt – nie mit dem Mann gesprochen? Er war nicht von heute auf morgen so krank. Es wäre genug Zeit geblieben. Jetzt liegt er da.

Vielleicht war sie in ihrem Hamsterpflegekrussel und kam nicht mehr heraus. Es war einfach nur tragisch, wie sie an der Liege mit ihrem schwerstpflegebedürftigen- und kranken Mann stand und ihm mit einem Läppchen die Stirn abtupfte. Blanke Hilflosigkeit. Es bricht einem das Herz.

Und wir stehen daneben.

In einem Krankenhaus ist man es gewohnt, zu tun. Nicht zu lassen.

Die wenigsten sagen: Wir lassen jetzt der Natur ihren Lauf.

Wie auch. Am nächsten Tag stehen sie in ihren Besprechungen und müssen sich rechtfertigen. Nicht nur die Ethik geht da flöten, wenn man einmal vor aller Augen zusammengestaucht wie ein Schulkind wurde – auch der wirtschaftliche Aspekt ist nicht zu vernachlässigen.

„Nichts tun“ bringt kein Geld. Was Geld bringt, ist eine Maximaltherapie – so bitter es sich auch anhört. Und so unnütz sie hin und wieder ist.

(Und manchmal – auch das will ich nicht verschweigen – ist sie ein Wunder in Reinkultur – diese Maximaltherapie. Ein Verwandler von „Fast gestorben“ in „putzmunter“. Auch das gibt es. Aber davon schreibe ich nicht hier. Sondern von Menschen, die sich schon sichtbar im Sterbeprozess befinden).

„Schreib noch ein EKG mit Rhythmusstreifen!“

„Warum? Mit welcher Konsequenz?“

„Damit es gemacht ist.“

Ausziehen. Kälte zieht an den ausgemergelten Körper. Feucht, kalte Saugnäpfe, die sich in die Haut förmlich einsaugen. Das ist noch das harmloseste von all den diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen.

 

Es ist schwierig in einer Notaufnahme. An diesem Ort herrscht Zeitdruck. Hier muss man schnell eine Entscheidung treffen. Ob sie immer im Sinne den Patienten sind, weiß man manchmal erst hinterher. ( Und warum manche Patienten noch in ein Krankenhaus überwiesen werden, ist so hin und wieder auch ein Rästel. Ich hatte neulich jemanden, der nach „Betreten“ der Notaufnahme gestorben ist. „Oh!“, sagte der Notarzt. „Jetzt ist er verstorben!“ „Warum habt ihr ihn nicht Zuhause gelassen? Friedlich, bei seinen Angehörigen? Jetzt schippert ihr 20 km über Land. So will man doch sein Leben nicht beenden?“ Es macht einen so hilflos. So zornig. So _________ (ergänze sinnvoll).

Ein Notfall kündigt sich nicht immer an. Nicht jeder hat seine Krankengeschichte mit Patientenverfügung griffbereit. Und die Angehörgen, die den Menschen kenne, kommen erst später nach. Es ist ein Dilemma. Also wird – im Falle, dass man nichts an Unterlagen hat – alles unternommen, um das Leben retten.

Warum zögern Menschen, sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen – frage ich meine Ethikkollegin?

 „Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das Thema Sterben findet nicht statt. Egal in welchem Zusammenhang. Egal ob jung oder alt.  Oft erkennen die Menschen  auch nicht den Unterschied zwischen Sterben im Fernsehen und  dem realen Sterben. Viel glauben heute tatsächlich, dass Sterben wie im Fernsehen abläuft:  Jemand ist krank, sagt noch einen bedeutungsschweren Satz und dann fällt der Kopf zur Seite.

Und so ist es nicht. Fiktion und Realität können die wenigsten auseinanderhalten.

Sterben ist anders. Wer stirbt denn heute noch zuhause? Die Menschen sterben im Krankenhaus und nicht Zuhause und das bekommt keiner mit.

Ich bin immer bekümmert, wenn ich Todesanzeigen lesen „… nach einer langen und qualvollenZeit gestorben!“ Denn unsere Medizin kann viel. Vielleicht hätte man es ihm erleichtern können. Es muss heute keiner mehr qualvoll sterben. Auch das darf man nicht vergessen. Es gibt die Palliativmedizin mittlerweile fast flächendeckend. Hospitzvereine, die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung ( SAPV). Es gibt so viele Möglichkeiten der Hilfe.

Es muss wieder ein Thema werden – das  Nachdenken über den Tod. Den eigenen oder den von unseren Liebsten. Nicht erst kurz vor knapp. Und manchmal muss man sich ein Herz fassen und – am besten in guten Zeiten – darüber sprechen: wie habt ihr euch das vorgestellt?

Es gibt viele Vordrucke von verschiedensten Organisationen. Ich weiß dann, dass sie gut ist, wenn sie verständlich für mich als Patienten ist. Sie soll ein weites Feld abdecken, aber sich auch nicht verzetteln. Wenn man nicht vom Fach ist, ist es hilfreich, sich jemanden zu suchen, der einem behilflich ist beim Ausfüllen. Es heißt auch oft: …“keine lebensverlängernden Maßnahmen“. Aber: aus völliger Gesundheit stirbt man nicht. Es geht auch um die Zeit vor dem Sterbeprozess – das ist auch wichtig. Kann ich mir vorstellen, vorher 5 Jahre als Pflegefall im Bett zu liegen? Oder wäre das schon ein Ausschlußkriterium für mich? Viele wissen auch leider zu wenig über den Sterbeprozess. Das stelle ich immer wieder fest. Wenn das alles mehr bekannt werden würden, dann würde vieles mit  anderen Augen gesehen werden. Und manchmal schadet es auch nicht, den Arzt zu wechseln.“

Die „Textzicke“ hat ein wundervolles Gedicht über ihre Oma geschrieben, dass ich hier abdrucken darf.

Sie hat es geschafft,
sagt Papa am anderen Ende der Leitung,
endlich hat sie Ruhe,
endlich.

Ich komme sofort,
sage ich,
natürlich.

Als ich 60 Kilometer später
das Zimmer betrete,
liegt sie da in ihrem Bett
wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen,
so klein,
so durchsichtig irgendwie,
aber so friedlich:
Oma.

An jeder Bettseite
einer ihrer Söhne,
jeder hält eine Hand.
Winzig, viel zu dünn ihre Finger
in den großen Männerpranken,
aber wie immer knallrot lackierte Nägel,
das war ihr wichtig.

Vorsichtig legt Papa
ihre Hand
auf der Decke ab,
um mich fest in den Arm zu nehmen
und mit mir zu weinen.
Er ist kein Mann,
der sich seiner Tränen schämt.

Scheiße.
Es ist traurig, dass sie weg ist,
nie wieder Rommé
nie wieder schwäbische Küche
nie wieder ihr helles Lachen
über schlüpfrige Witze.
Aber es ist auch gut,
für sie selbst am besten,
irgendwann gab es gegen die Schmerzen
nur noch diesen Weg.

Wie war es?,
frage ich,
wie ist es gewesen?

Papa holt tief Luft,
schaut seinen Bruder an,
schaut mich an
und erzählt.

Schlimm war es,
sagt er,
zuerst sehr schlimm,
sie hat arg geklammert am Leben.
Immer wieder entsetzliche Atemnot,
das war krass,
jedes Mal überlegst du,
ob es noch sinnvoll ist,
und dann greifst du doch wieder
nach der Sauerstoffmaske.
Dieser Scheißkrebs.

Liebevoll streichelt er
die kleine, leblose Hand.

Dann kam der Punkt,
sagt er,
wo klar war,
jetzt passiert es.
Aber es war okay,
sogar höchste Zeit,
und der Zeitpunkt war gut,
denn wir waren beide da
und das hat sie sich doch gewünscht.
Vor ihrem letzten Atemzug
hat sie erst M.,
dann mich noch einmal so angeschaut,
wie nur eine Mama ihre Kinder anschauen kann,
und hat ihre letzte Kraft
in diese Hände hier gesteckt
und ganz fest gedrückt.
Pfiats eich, meine Buam,
hat sie gesagt,
und dann war es einfach vorbei
und es war gut.

Jetzt weinen wir wieder,
alle drei,
ich kniee mich neben das Bett
und streichle ihr kühles Gesicht,
das gleichzeitig so vertraut
und so fremd ist.
Servus, kleine Oma,
sage ich leise,
und danke für alles,
für stundenlange Spiele
und die allerschönsten Ferien
und diese kleinen Füße, die ich auch habe
und die besten Kässpatzen auf der Welt
und dass du mir beigebracht hast,
wie man unsichtbar Socken stopft.

.
.
.

Noch heute ist Omas hölzerner Stopfpilz
einer meiner größten Schätze.
Von allem, was ich erbte,
ist er mir am wertvollsten
und der Grund dafür,
dass ich über jeden Kinder-Socken-Kartoffelzeh
schmunzeln muss
und mich auf die Arbeit daran freue,
statt mich zu ärgern,
genau, wie ich das bei so vielen kleinen Dingen mache,
über die ich mich ebensogut
furchtbar aufregen könnte.
Danke, Oma.

 

(„Tausend Tode schreiben“ heißt das eBook, in dem dieser Text auch enthalten ist. Hier schreiben an die 1.000 Autoren in völlig freier Form irgendeinen Text zum Thema Tod und Sterben. Eine persönliche Erfahrung oder auch Hörensagen, als Fiction, Lyrik, Worthaufen, Kurzgeschichte … jeder so, wie es zu seiner Idee vom Tod am besten passt. Der Erlös dieser Bücher wird an das Kinderhospiz Sonnenhof gespendet).

 

Das ist es, was uns als Pflegepersonal umtreibt. Uns aufreibt. Unserer eigenen Geschichte und Sterblichkeit einen Spiegel vorhält. Was uns nicht loslässt. Und  viel zu selten bleibt Zeit, all diese sterbenden und uns unbekannten Menschen zu betrauern. Denn wir sind alle irgendwie und irgendwo miteinander verbunden.

 

Und wem der Text noch nicht lang genug war – gibt hier noch was dazu: „Sinnlos gelitten“

 

Worüber man nicht sprechen darf

Freunde – über alles darf man reden. Nur über eines nicht, denn das ist fatal:

„Och. Ist ja ganz schön geschmeidig heute. Richtig ruhig. Schööön!“

Sowie man dieses ausgesprochen hat, fühlt man sich meistens in die Harry Potter Romane versetzt. Man hat „Das, worüber man nicht sprechen darf“ ausgesprochen. Wie die „Greifer“ vom Lord Voldemort in den Romanen spüren sie dich ab diesem Moment auf.

„Oh. Ich spüre Ruhe. Fürchterliche Ruhe. Aber da: jemand hat die Worte gesprochen. Action Freunde. Aber jetzt. In 3-2-1-GO!“

Oder man fühlt sich in die Welt von Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, Vierter Streich, zurückversetzt:

Rums!! – Da geht die Pfeife los
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tobaksdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz
Alles fliegt im Pulverblitz. –

Als der Dampf sich nun erhob,
Sieht man Lämpel, der gottlob
Lebend auf dem Rücken liegt;
Doch er hat was abgekriegt.

 

Und alles nur, weil man es LAUT ausgesprochen hat.

Das Telefon steht nicht mehr still, ein Mensch nach dem anderen wird mit wahlweise Herzinfarkt, Schlaganfall, 75 Knochenbrüche und riesen Kopfplatzwunden mit Karacho eingeliefert. Die Liegen werden knapp, Besoffene kotzen dir vor die Füße, du verhedderst dich in der Blutdruckmanschette, dein Kopf schwirrt, und du wünscht dir zwei Arme mehr. Im Röntgen malen sie die Bilder aus und kommen nicht mehr nach und im Labor sind wichtige Geräte ausgerechnet jetzt in der Wartung.

Das ist das Murphys Gesetz.

Der Kaffee, den du dir eben frisch eingeschenkt hattest, verdampft.

Was lernen wir daraus?

Nie, nie, nie sagen, dass es gerade hübsch ruhig ist. Niemals davon reden, dass man Kuchen dabei hat, den man vielleicht einmal zusammen im Team essen könnte. Gemeinsam. Weil es doch gerade so entspannt ist.

Das Gesetzt von Murphy ist sehr ernst zu nehmen. Vor allem im Krankenhaus. Und erst recht als Personal. Genießt die Ruhe, wenn es sie gibt und sprecht niemals darüber. Sonst geht es euch wir mir des öfteren ( Als würde man es nicht besser wissen!), dass ich wie Meister Lämpel nach so einer Schicht  auf dem Rücken liege, weil alles schmerzt. Lebend zwar, aber eben ordentlich was „abgekriegt“.

Deeskalation

„Notaufnahmeschwester – kann ich Sie einen kurzen Augenblick sprechen?“

Oha! Sätze, die so beginnen versprechen spannend zu werden.

Die 17-jährige Tochter huschte an mir vorbei, Mutti blieb an der Türe stehen: sehr gesprächsbereit.

„Notaufnahmeschwester – ich muss Ihnen sagen, dass es sehr unschön war!“

„Was genau?“

„Dass sie meine Tochter vor allen Menschen im Warteraum befragt haben, was sie in die Notaufnahme an einem Freitag nachmittag führt. Sehr unschön. Das ist ja ein junges Mädchen. Das spricht nicht so gern vor anderen von seinen Erkrankungen. Das müssen Sie doch wissen!“

Nun. Den Eindruck hatte ich vor einer halben Stunde nicht gehabt. Bereitwillig erzählte sie – wortreich unterstützt von der Mutti – von ihren wochenlang anhaltenden Schmerzen im Handgelenk. Jetzt wäre es total schlimm und der Termin bei Facharzt erst in drei Wochen. Drei Wochen! Kann man sich das vorstellen? Diese Schmerzen müssen doch unbedingt früher abgeklärt werden. Eine Schmerzmittel kann man ja den jungen Frauen auch nicht immerzu (einmal in dieser schweren Zeit hatte sie eine Tablette Ibuprofen genommen) zumuten. Und  Umschläge lehnt Mutti ab. Homöopatische Notfalltropfen hat sie hingegen schon gegeben.

Im Warteraum saßen nur zwei betagte Damen.

(Nun muss man wissen, dass  es sich mit der Triage hin und wieder ein bisschen schwierig gestaltet. Man muss aus der Notaufnahme heraus, um zwei Ecken in einen separaten Raum. Es ist nur dann ein Problem, wenn die Kollegen alle gerade beschäftigt sind, oder ebenfalls die Notaufnahme verlassen haben ( Röntgen/ Laborgänge/ Verlegungen). Dann wird es ein wenig knapp. Denn eine Notaufnahme ohne Pflegepersonal ist auch irgenwie doof. Deshalb die Abkürzung über den Warteraum.)

Ich atmete durch.

Jupp. Unschön. Vor allen fragen. Voll doof. Wegen Armschmerzen. (Das hatte die freundliche Sekretärin vorher notiert. Keine Unterleibsschmerzen oder ähnliche intime Details. Was aber die Mutti nicht wissen konnte.)

Es hätte so vieles gegeben, was wiederum ich ihr hätte zu Bedenken geben können. Ich entschied mich dagegen.

„Sie haben recht!“

„Wie jetzt?“

„Sie haben recht. Ich hätte sie nicht vor allen befragen sollen.“

„Äh. Okay!“

Damit hatte sie nun anscheinende nicht gerechnet. Offensichtlichwar sie innerlich bereit für ein klärendes Gespräch mit der Bitch der Notaufnahme. Kamptbereit, die Rechte des erkrankten Töchterleins zu wahren. Und nun das:

Luft raus. Kampf noch vor der ersten Runde abgeblasen. Hui.

„Ich wollte es nur einmal zu Bedenken geben. Ich wollte sie nicht angreifen. Ich habs nur gut gemeint!“

„Aber natürlich. Ich danke Ihnen für den Hinweis. Das vergisst man zwischendrin immer mal ein bisschen.“

„Ich wollte sie wirklich nicht angreifen!“

„Auf keinen Fall. Das haben Sie nicht.“

Mutti war irgendwie völlig überrumpelt. Wo sie doch scheinbar innerlich das Schwert, die Schreibmaschine für die Beschwerdebriefe und die Ausdauer eines Brauereigauls in ihrem Genpol abgespeichert hatte für den guten Kampf zum Wohle der Tochter. Und nun das.

Sie hatte ja auch recht. Ich hätte. Meine Gründe kann Mutti nicht verstehen und auch nicht, wie wir „Notfälle“ einschätzen.

Es ist manchmal der richtige Weg, einen Schritt zurückzugehen und zu sagen: Ja. War blöd. Danke für den Hinweis. Mal ein bisschen in den Schuhen des anderen herumschlurfen.Auch wenn es 100 gute Gründe dafür geben mag. Egal. Man muss nicht immer den Erklärbär geben.

Das nennt sich  Deeskalation. Es liest sich liest lustig. Ähnlich wie bei Altbaucharme braucht man einen kleinen Moment, bis man diese Worte bis ins Detail  geschnallt hat. Das aber nur nebenbei.

Gefühlt war ich an diesem Tag der Politiker Johannes Rau der Notaufnahme. Der hatte 1985 sein Motiv „Versöhnen statt spalten“  verkündet.

Eine Notaufnahme lebt mitunter von der Deeskalation. Überall und allenthalben kann/ muss/ sollte man eingreifen, damit es nicht zum Äußersten kommt. Manchmal reicht es einfach zu sagen: Okay. Ich habe deine Sicht und deine Sorge verstanden.

Wir schieden  – nach fünfmaligen Beteuern, dass es keinesfalls böse gemeint, sondern nur ein freundlicher Hinweis  – als bff (best friends forever). Die Tochter mit einem hübschen Verband um den Arm und dem Rat, einmal Schmerztabletten zu nehmen, nicht so viel zu schreiben und zu SMSen. Sehnenscheidenentzündung. Aua.

 

Gelaber

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„Wann kommst du? Hier sind mittlerweile sieben Patienten, die auf dich warten! Einer wartet schon seit 107 Minuten – laut Triageliste.“

„Meine liebe Notaufnahmeschwester – wie stellst du dir das vor? Ich bin gerade auf Station und muss noch drei Zugänge legen, die Pflegeschülerin angraben, die Betten abschütteln, Blut abnehmen, Kurvenvisite machen, eine Telefonat mit dem Oberarzt abwarten, Röntgenbilder kontrollieren, mir das Näschen putzen und meine Schnürsenkel binden. Es ist nicht so, dass ich hier Däumchen drehe! Dann müssen die Patienten eben warten. So ist das eben in einer Notaufnahme. Außerdem habe ich Bereitschaftsdienst. Gegessen habe ich auch noch nichts. Ich weiß gar nicht, wann ich das mal machen kann. Vielleicht rufst du mal meinen Kollegen an. Soviel ich weiß, ist der mit seiner Visite/Näschen putzen, Blutabnehmen/ Pflegepersonal erschrecken/ Pipi machen schon fertig. Ich kann mich schließlich nicht zerreißen. Ich habe auch nur einen Kopf und zwei Hände. Hätte ich mehr, würde ich beim Zirkus arbeiten. (Hemmungsloses Gelächter). Ich komm dann schon noch.

 

„Hier ist die Notaufnahmeschwester. Euer Patient möchte gerne auf Station und in sein Bett. Wann kommt ihr ihn abholen?“

 

„Meine liebe Notaufnahmeschwester – wie stellst du dir das vor? Wir haben noch Übergabe. Und dann müssen wir waschen, pflegen, hegen und rennen, Essen austeilen, Thrombosestrümpfe an-und ausziehen, Blutdruck messen und Kurven ausarbeiten. Wir können nicht kommen. Das geht jetzt gar nicht. Wir sind total überlastet. Wir schaffen das jetzt unmöglich. Und ob der Rettungsdienst bei euch in Schlange steht, interessiert mich jetzt auch nicht, weil ich nicht kommen kann wegen Übergabe. Und dann müssen wir waschen, pflegen, hegen und rennen, Essen austeilen, Thrombosestrümpfe an-und ausziehen, Blutdruck messen und Kurven ausarbeiten. Ich weiß überhaupt nicht, wo mir der Kopf steht und jetzt rufst du noch an und willst auch noch was von mir. Ich habe auch nur einen Kopf und zwei Hände sowie zwei Beine. Hätte ich mehr, würde ich beim Zirkus arbeiten.

 

Sagen wir mal so: Ein einfaches: „Ich komme“ – hätte genügt.

Aber nein: Es wird gesprochen und gelabert, geredet und gestöhnt, vertröstet und beschimpft.

In der Zeit, die sich manche für diese ausführliche Darstellung/Erklärung/Notbeschreibung  nehmen, hätte sie fünfmal Übergabe machen können, Blut abnehmen, Thrombosestrümpfe an – und wieder ausziehen, den Flut streichen und Blutdruck messen, Kurvenvisite ausarbeiten und den Oberarzt nach Hause begleiten können und noch die Pflegekraft flachlegen.

Oder den Patienten behandeln und/oder die betagte Dame abholen können.

 

Mimimimi Anmerkung: Hier geht es nicht darum, dass ich nicht wüsste, dass es jenseits der Notaufnahme auch Arbeit gibt. Das weiß ich sehr wohl. Jeder hat was zu tun – und das nicht zu knapp. Aber das endlose Gelaber  „warum jetzt nicht und wieso und weshalb“ nervt ist so unnötig  wie ein Kropf.  

Manchmal komme ich mir vor wie totgequatsch von Hessi James. Niedergelabert wie Cowboy John G.G. Tucker, der gefürchtete Revolverheld.

Bildquelle: Pixabay

 

 

 

 

 

Die Chirurgin erzählt

Eine Frau.  ’74 geboren. Verheiratet. Ein Sohn.

Die Schilddrüse muss raus. 

Nach zahlreichen Besuch bei verschiedenen Ärzten und vielen Aufklärungsgesprächen  – was – wieso- weshalb und warum – kommt die postoperative Visite nach der OP.

Es folgen die Fragen der Patientin. 

Was ist die Schilddrüse? 

Wenn die Schilddrüse weg ist  – was ist mit den Knochen in Hals?  Sind die dann noch da?

Kann ich meinen Sohn jetzt noch anschreien?

Kann ich noch atmen, wenn jetzt die Schilddrüse weg ist? 

Der Vater der Patientin berichtet, dass auch er ohne Schilddrüse lebt. Statt dessen hätte er jetzt einen Stent.

Sagen wir mal so: Aufklärungsgesprächen werden hin und wieder auch überbewertet. Da nützen die ganze Gespräch nichts. Es überfordert die Menschen.

Mittlerweile geht es der Patientin wieder sehr gut und sie ist Zuhause. 
Die Chirurgin ist immer noch  leicht ratlos.

Zuflucht

Vor einigen Jahren gelang einer Kollegin dieser wunderbare Schnappschuss vom Weihnachtsbaum vor der Notaufnahme.

 

15725393_1262151010539159_1584518050_oEin Siebenschläfer hatte Zuflucht gesucht. Vielleicht war es ihm draußen zu kalt. Oder die bucklige Verwandtschaft nervte. Möglicherweise suchte es Nüsse im Baum.

Baum ist schließlich Baum. Und auch unter Siebenschläfer gibt es ja vielleicht welche, die nicht die hellste Kerze auf der Torte sind und keine Ahnung von Baumkunde und Nüssen haben.  Wer weiß das schon. Irgendwas ist ja immer. Und so saß der kleine Kerl also im Baum.

„Zuflucht“ sucht nicht nur der Siebenschläfer bei uns. Das suchen viele Menschen.

Hier erhoffen sie , „Erlösung“ zu finden. Von Schmerzen, von Herzeleid, von unglücklichen Zufälle, die es im Leben gibt. Von langem Leiden überhaupt. Von Besorgnissen aller Art.

Sie erhoffen sich Hilfe und Schutz, Pflaster oder ein Röntgenbild. Eine Infusion. Einen Gips oder einen Herzkatheter. Manche wollen auch nur mal „nachschauen“ lassen, ob nicht vielleicht doch eine Nuss im Baum ist, oder der Zeh wirklich nicht gebrochen ist. Manche möchten wissen, ob ein Antibiotikum wirklich wirkt. Und manche sagen gar nichts mehr, weil ein Schlaganfall ihnen die Sprache genommen hat.

Sie alle kommen. Sie setzten sich und warten. Dr. Google hat sie aufgeschreckt oder die Mutti hat gesagt, dass sie unbedingt kommen sollen.

Manche kommen mit dem „HuiHui“ des Rettungsdienstes. Derzeit immer haarscharf am Weihnachtsbaum vorbei (-geschrammt, dass die Christbaumkugeln leise klirren) , bevor sie in die ´,heiligen Hallen` betreten.

 

So kann man eine Notaufnahme auch sehen. Wie für den kleinen Siebenschläfer ist es tatsächlich auch ein Ort der Zuflucht.  Hier gibt es Hilfe. Hier gibt es Rettung. Alles. Nur keine Nüsse.

Es ist ein besonderer Ort, an dem ich arbeite. Ein sehr schneller Ort.

Manchmal läuft alles perfekt.Alles!

Manchmal muss man sich mit allen zehn Fingern an den Kopf greifen, weil ein Finger alleine nicht reichen würde. Quasi eine ganze Einhornwiese.

Manchmal rührt einen das Schicksal anderer ganz heimlich zu Tränen.

Manchmal lachst du dir nen Ast, weil du denkst. Das gibt es doch gar nicht. Das kannst du wieder keinem erzählen – das glaubt dir kein Mensch.

Manchmal hast du einen Klos im Hals und musst schnell schlucken – oder besser noch einen Flachwitz hinterher schieben. Wir sind groß in schlechte Witze reißen. Das kompensiert all das Leid und die Ungerechtigkeit und den Kummer. Und es lässt den Ärger schneller verpuffen.

Manchmal möchtest du sofort wieder nach Hause gehen.

Manchmal kommst du an deine eigene Grenze und muss weit darüber hinaus gehen.

 

Aber wir gehen nicht. Wir geben Zuflucht. Den Kranken und den Besorgten. Den Armen, den Alten und Jungen. Den Vollspacken und diejenigen, die du am liebsten sofort adoptieren und mit nach Hause nehmen möchtest. Auch Siebenschläfer.

Die Zeiten sind rauh geworden. In vielen Artikeln kann man von Übergriffen, verbalen und körperlichen Attacken gegen das Personal lesen.

Und dennoch machen wir weiter. ( Jaja. Die Welt ist voller Rätsel und Wunder) Weil wir wissen:Wir können den Unterschied machen.

Wir wissen, wie man rettet und heilt und Pflaster klebt und Hand hält- auch unter Zeitdruck.

Wir wissen, wie man an einem Ort der maximal Versorgung ein Stück Geborgenheit schaffen und Angst nehmen kann.

Wir wissen, wie man mit Humor den Tag übersteht und wie man mit den unterschiedlichsten Charakteren irgendwie klar kommt. ( Na gut- manchmal auch nicht!)

Wir wissen auch, welche Schmerztabletten gegen unsere Fuß- und Rückenschmerzen am schnellsten hilft. (Damit wir dann Patienten mit Rückenschmerzen gelassen entgegen blicken können, die uns erzählen, wie schlimm alles ist, aber sie nicht so gerne Tabletten nehmen, Ah ja!)

Wir können mit Menschen kommunizieren, selbst wenn der Google-Übersetzter versagt.

Wir können Arztsprache in „Normalbürgerdeutsch“ übersetzten.

 

Wir geben Zuflucht. (Auch wenn wir oft selbst flüchten möchten.)

Selbst trotteligen Siebenschläfern.

Frohe Weihnachten!

 

 

Verdacht auf Anschlag

„Der Patient hat wohl….“

„Er war der mutmaßliche Fahrer…“

„Er soll….“

„Möglicherweise….“

Rettungsdienstspreche bei der Übergabe. Es macht mich stellenweise wahnsinnig.

500 Eventualitäten, die alle so – oder anders – passiert sein können. Was genaues weiß man oft nicht. Aber dafür sind ja dann die kranken/ verunfallten/ besoffenen Menschen im Krankenhaus, um festzustellen, ob da was war und wenn ja was und dann: gib ihm eine 1A Behandlung.

Bevor die Diagnose „Herzinfarkt“ lautet, gibt es zahlreiche Untersuchungen. Aus gutem Grund.

Bevor eine ,gebärfreudige´ Frau zum Röntgen geschickt wird, erfolgt ein Schwangerschaftstest. Und wie oft hatten wir es schon, dass neun Monate später eine Jungfrauengeburt hätte stattfinden können, weil Stein und Bein geschworen wurde: „Nein. Ich bin auf keinen Fall schwanger!“

Bevor man sagt: „Hui – das schaut aber gar nicht gut aus!“, gibt es ein Röntgenbild.

Das alles dauert. Das geht nicht husch-husch. Man muss sorgfältig vorgehen. Mitunter dauert es deutlich länger als einem lieb ist, aber dafür ist irgendwann alles geröntgt, untersucht, vermessen und „laboriert“ und man weiß : TA-TA! Dies und das ist die Diagnose. Jenes und welches werden wir nun unternehmen, damit es dem Patienten besser geht.

Ihr Sohn hat einen „Kater“. 6 Weizenhefe auf Ex am Abend zuvor können das machen. Echt.

Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall. Wir leiten jetzt eine Auflösung des Blutgerinnsel ein.

Sie haben sich ihr Handgelenk gebrochen.

Die haben einen Herzinfarkt.

Krankenhausalltag.

Wenn ich etwas gelernt habe in all den Jahren Notaufnahme dann das, dass oftmals nichts scheint, wie es ist. Keine Diagnose durch die Hose.

Und dann kommt der „Verdacht auf Anschlag“ in Berlin. Dieser möglicherweise-  wohl- soll- mutmaßliche – eventuelle „Unfall“ am Breitscheidplatz . Was genaues weiß man immer noch nicht. Wie auch. Aber sofort springen alle auf und schreien und schreiben: ich weiß was!!!! Und vor allem: ich weiß, wer es war – zumindest aber wer schuld ist!

Alta! – So würde ich wie meine Kinder am liebsten gequält aufstöhnen. Mit ganz viel Betonung auf dem A. Also mehr so AAAALTA!

Das ist: die Diagnose schon von der Türe aus stellen- noch bevor ich überhaupt die Hose gesehen haben.

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Bildquelle: Pixabay

Kann man nicht erst einmal sichten und retten und trösten und beobachten und Fakten zusammentragen? Muss man sofort wie in der 1. Klasse aufspringen? Heftig mit dem Finger schnipsend? Wer nicht aufspringt hat schon verschissen? Hauptsache irgendwas erzählen – mit viel möglicherweise und eventuell und wohl und soll und blah und blubs?

Wieso ereifern sich die Medien und Menschen  gegenseitig, wer zuerst berichtet hat – auch wenn es der völlige Schwachsinn ist? Warum darf jeder seinen Senf dazu geben, der 500 Meter davon entfernt gestanden hat und seine Freundin geknutscht hat, als es einen „Bums“ gegeben hat?

Gibt es eigentlich noch so etwas wie Besonnenheit?

Ich möchte diesen Unfall/ Anschlag keinesfalls schön reden. Das ist schlimm.  So was braucht kein Mensch. Oder wie Oliver Kalkofe auf seiner Facebookseite schrieb:

„Doch egal, ob es ein Terrorist, Asylant, politischer Aktivist, Glaubens-Täter welcher Religion auch immer oder einfach frustrierter Einzeltäter war – oder weder noch –
falls es kein Unfall war, war es auf jeden Fall ein Idiot. Ein widerwärtig fehl geleiteter Geist, der glaubte, er könne auf irgendeine Leid oder eine Ungerechtigkeit hinweisen,
indem er anderen Menschen neues unverdientes Leid zufügt.
Das habe ich noch nie – und das werde ich niemals verstehen.
Weder bei religiös motivierten Vollidioten in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit, und auch nicht bei Einzeltätern, die aus persönlicher Frustration über das eigene vergeigte Leben andere dafür bestrafen, ob nun in einem Waffen-Amoklauf oder mit einem als Waffe benutzten Wagen oder was auch immer.“

https://www.facebook.com/kalkofe/posts/1411935605513371

Was aber auch kein Mensch braucht, sind die vielen Aufregungen und Mutmaßungen und Hasspost und Anklageschriften – noch bevor alle nötigen Untersuchungen abgeschlossen wurden.

Die Frage: Was ist das passiert und warum – also alles mit „W“ interessiert kaum einen. Aus diesen Fragen ist ein „wer ist schneller, näher, geiler“ geworden.

Um es gelinde auszudrücken: Das kotzt mich an. Spekulationen machen dabei die Menschen offensichtlich noch wuschiger als Fakten. Sich eine/ irgendeine? Wahrheit zusammenzustricken ist besser, als erst einmal abzuwarten. Facebook kann man getrost an einem solchen Tag zu klappen, denn sonst müsste man sich ein Antibrechmittel nach dem anderen in den Hintern schieben – damit man überhaupt klar denken kann.

Mimimi. ARD und ZDF berichten „erst“ eineinhalb Stunden nach dem Anschlag. JA GOTT SEI DANK. Wenigstens ein bisschen  Zeit, um mal durchzublicken, was bei so einem Chaoskatastrohpenunfallanschlag überhaupt passiert ist.

Es ist unerträglich.

So sollten „wir“ mal in einer Klinik arbeiten. Da wäre was los. Bevor wir irgendeine Diagnose hätte, wären die Menschen schon halbtot vor Angst. Nur aufgrund von Spekulationen oder den Nocebo-Effekt.

Wollen wir das? Ein Leben in Angst? Im wahren Leben oder wenn es uns schlecht geht? Die schnelle Nummer, statt erst einmal abzuwarten, um die Lage zu sichten und zu prüfen?

Hermione vom Rescue Blog schrieb:

„Populisten, Nationalisten, „besorgte Bürger“, und alle anderen, die dieser Gesinnung zuzuordnen sind, hatten gestern Abend schon Weihnachten.Das, was gestern los war, hatte nichts mit Betroffenheit oder Empathie zu tun. Das wurde höchstens geheuchelt, und oft nichtmal das. Diesen Menschen sind die Toten und Verletzten egal. Für diese Menschen war das eine vorgezogene Bescherung.“

Eine Berliner Freundin schrieb: „Zwee Weltkrieje, Hungerblockade, Pest und Cholera. Und Ihr gloobt, wir machen uns jetze int Hemde, ja? Nee, da müssta früha uffstehen.“

Freunde: lasst uns da nicht mitmachen. Lasst uns so besonnen sein, wie wir alle behandelt werden wollen in Krisenzeiten. Mit dem nötigen Ernst, Wachsamkeit und Aufmerksamkeit. Mit Empathie und ohne Handykamera und vor allem: ohne vorschnelle Meinungen und Diagnosen durch die Hose.

1. Advent 

Ein kleines Symbolbild  zum 1. Advent. 

Ich wünsche allen eine wunderbare,  stressfreie Adventszeit.

Der Mauerfall

Oder:…..wie ich eine bedeutende Nacht verschlief.
Vor viele Jahren war ich mit einer Freundin und Ausbildungskollegin in Berlin. An dem morgigen so bedeutenden Tag machten wir uns auf, ihren Onkel in Ost-Berlin zu besuchen. Es war genauso aufregende und bedrückend, die Grenze zu überwinden, wie als 7-jährige. Meinen Kinderkoffer mit Pixiebüchern hielt ich damals krampfhaft in meinen nervösen, verschwitzten Kinderhänden fest. Sie durchsuchten alles! Nichts war ihnen heilig. Selbst meine Kinderbücher und Kuscheltiere nicht. Mit strengem Blick wurde ich aufgefordert, das kleine Köfferchen zu öffnen. 

Jahre später war es immer noch aufregend, die Transitzone zu überqueren. Geld zu tauschen. Den Rauch der Kohleöfen, mit denen in Ost-Berlin geheizt wurde, in der Nase zu haben.

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Der Osten war grau. Viel grauer als der Westen. Abgeschranzt. „Was wa nich ham, brauchense nich!“ Oder vielleicht bildeten wir uns das auch ein. Keine Blinkende Reklame, keine bunt gestrichenen Häuserfassaden. Es hatten den Charme des Verfalls mit Außenklo. Wir mochten es. Bei Kaffee und Kuchen erzählte der Onkel Geschichten aus dem Osten. Wir hatten vorher ein bisschen gealbert, ob es wohl eine Schnitte trauriges Graubrot  und Muckefuck geben würde. Was wussten wir denn schon groß vom Osten? Wir wussten wenig. Mangel sollt herrschen – überall und allenthalben. Gefährlich wäre es. Ein Wort zu viel und du sitzt im Knast. Jeans waren angeblich nicht zu finden – wir sahen sie aber dennoch. Kaffee nur als Westpaket.

Es war eine fremde Welt, die wir betraten. Aber am Kaffeetisch war sie nicht fremd. Anders vielleicht. Wir hörten von Menschen, die andere ausspionierten. Das wussten wir –  ein Tatsachenbericht am  hübschgedeckten Tisch mit gutem Porzellan ist allerdings etwas anderes. Beklemmend. Aber machten wir uns darüber hinaus Gedanken über das Leben in der ehemaligen DDR?  Dass die Cousine ihr Kind eben schnell noch aus der Krippe nach der Arbeit abholen würden? Von Kinderbetreuung und gleichzeitiger Vollzeitstelle  waren wir emotional weit entfernt. Dieses ganze Erwachsene Leben und das Leben im Osten war meilenweit von uns entfernt. Interessant. Aber weit weg.

Der Onkel sprach auch von einer möglichen Grenzöffnung. Es wäre was „im Busch“. Er sprach davon, wie lange es dauern würde, bis Ost und West irgendwann einigermaßen und so „richtig“ vereint wären – wenn es denn überhaupt jemals passieren würde. Seiner Meinung nach würden mindestens 25 Jahre darüber vergehen.

Wir nickten.  Alles unvorstellbar. Grenzeröffnung. Pöh. Wir hatten die strengen Grenzer gesehen. Die kontrollierten Übergänge. Eröffnung. Na klar. Und dann 25 Jahre. Eine Ewigkeit. Wir dachten in Wochen, vielleicht noch in Monaten und sehr wenigen Jahren. Wann wir die Liebe des Lebens wieder sehen würden und wann der nächste Urlaub anstand. Wann wir die Ausbildung fertig hatten. Das Leben in der DDR ging uns wenig an. Ja. War bestimmt schlimm.Was genau? Jenseits der Vorstellungskraft.

Heute sehen wir Bildern aus anderen Ländern, empören uns kurz und  schalten zum nächsten Katzenvideo weiter.  Wir blättern die Zeitung weiter, um den neusten Klatsch aus aller Welt zu lesen. Das Leben von Angelina Jolie scheint uns näher als die Kinder als Aleppo. Ein überfahrenes Kätzchen löst in den sozialen Medien mehr  Mitleidsbekundungen aus, als ein ertrunkener Flüchtling im Mittelmeer, ein eingesperrter Journalist in der Türkei oder verschleppte Kinder in Afrika. Was kann man denn nur tun – fragen viele? Der Mauerfall hat uns gelehrt, dass niemals geglaubtes möglich ist. Entschuldigt die Abschweifung.

Zurück nach Ost-Berlin.

Nach Kaffee und Kuchen machten wir uns auf den Weg.
Abends hatten wir Opernkarten für die „Komische Oper“. Schließlich mussten das Transitgeld unter die Leute gebracht werden. Es wurde Orpheus und Eurydike von Christoph Willibald Gluck gespielt- mit dem unglaublichen Countertenor Jochen Kowalski.

Es war wundervoll. Die Oper war kein bisschen abgeschranzt. Die Sessel waren rot und plüschig. Die Musik wunderbar.

Danach wanderten wir zum U- Bahn- Übergang Friedrichstraße.
Überall gab es Kamerateams. Und Menschenmassen. Vor uns wurde ein DDR-Bürger von einem Grenzer zusammengefaltet, der „rübber machen“ wollte.

„Nur unter Abgabe seiner Pässe!!!!“ Hui. Das wollte keiner.

Es war ein Gewusel, eine merkwürdige Stimmung. Eine nicht zu greifende Spannung auf etwas, von dem man nicht weiß, ob es jemals kommen wird. Wie eine Katze auf dem Absprung zur Maus.

Aber es kommt ja nie was.  Grenzeröffnung. Da konnten sie in Leipzig noch so laut: „Wir sind das Volk schreien“. Gegen Systeme kommste nicht an! Das wusste man doch!


Die Freundin und ich überprüften den Sitz unserer Frisuren – für den Fall, dass wir ins Fernsehen kommen sollten – warum auch immer. Man weiß ja nie.. Claudia Schiffer wurde schließlich auch auf der Straße entdeckt. Die Fahrt verlief ruhig.


In Spandau fielen wir in unsere Gastbetten.


Am nächsten Mittag wollten wir mit der Mitfahrerzentrale nach Hause fahren. Es dauert sehr lange, bis das Auto kam. Aus dem Auto stieg ein zerknautschter junger Mann, der sich artig entschuldigte, weil er so spät kam. „Aber- Hey. Das war ja auch ne Nacht vielleicht. Wart ihr auch auf der Party?“
„Öhm. Welche Party?“ ( Muhaaa. Die Berliner hatten vielleicht Humor! Das gefiel uns gut.)


„Na überall. Die Grenze ist auf!“
„Nein!“
„Doch!“
„Ohhhh!“


Wir brauchten 15 Stunden bis nach Hause. Wir hatten mächtig viel Spaß auf der Autobahn mit stinkenden Trabbis rechts und links von uns im überschwänglichen Glücksrausch. Ost und West vereint auf der Autobahn. Überschwenglichkeit und unfassbare Freude. Geteilte Kippen. (Alter! Was rauchen die da für ein Kraut! *röchel*)


Heute kann ich meinen Kindern ( und euch natürlich) davon erzählen: Ich war dabei. Also irgendwie. Ein bisschen.

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