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notaufnahmeschwester

1. Advent 

Ein kleines Symbolbild  zum 1. Advent. 

Ich wünsche allen eine wunderbare,  stressfreie Adventszeit.

Der Mauerfall

Oder:…..wie ich eine bedeutende Nacht verschlief.
Vor viele Jahren war ich mit einer Freundin und Ausbildungskollegin in Berlin. An dem morgigen so bedeutenden Tag machten wir uns auf, ihren Onkel in Ost-Berlin zu besuchen. Es war genauso aufregende und bedrückend, die Grenze zu überwinden, wie als 7-jährige. Meinen Kinderkoffer mit Pixiebüchern hielt ich damals krampfhaft in meinen nervösen, verschwitzten Kinderhänden fest. Sie durchsuchten alles! Nichts war ihnen heilig. Selbst meine Kinderbücher und Kuscheltiere nicht. Mit strengem Blick wurde ich aufgefordert, das kleine Köfferchen zu öffnen. 

Jahre später war es immer noch aufregend, die Transitzone zu überqueren. Geld zu tauschen. Den Rauch der Kohleöfen, mit denen in Ost-Berlin geheizt wurde, in der Nase zu haben.

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Der Osten war grau. Viel grauer als der Westen. Abgeschranzt. „Was wa nich ham, brauchense nich!“ Oder vielleicht bildeten wir uns das auch ein. Keine Blinkende Reklame, keine bunt gestrichenen Häuserfassaden. Es hatten den Charme des Verfalls mit Außenklo. Wir mochten es. Bei Kaffee und Kuchen erzählte der Onkel Geschichten aus dem Osten. Wir hatten vorher ein bisschen gealbert, ob es wohl eine Schnitte trauriges Graubrot  und Muckefuck geben würde. Was wussten wir denn schon groß vom Osten? Wir wussten wenig. Mangel sollt herrschen – überall und allenthalben. Gefährlich wäre es. Ein Wort zu viel und du sitzt im Knast. Jeans waren angeblich nicht zu finden – wir sahen sie aber dennoch. Kaffee nur als Westpaket.

Es war eine fremde Welt, die wir betraten. Aber am Kaffeetisch war sie nicht fremd. Anders vielleicht. Wir hörten von Menschen, die andere ausspionierten. Das wussten wir –  ein Tatsachenbericht am  hübschgedeckten Tisch mit gutem Porzellan ist allerdings etwas anderes. Beklemmend. Aber machten wir uns darüber hinaus Gedanken über das Leben in der ehemaligen DDR?  Dass die Cousine ihr Kind eben schnell noch aus der Krippe nach der Arbeit abholen würden? Von Kinderbetreuung und gleichzeitiger Vollzeitstelle  waren wir emotional weit entfernt. Dieses ganze Erwachsene Leben und das Leben im Osten war meilenweit von uns entfernt. Interessant. Aber weit weg.

Der Onkel sprach auch von einer möglichen Grenzöffnung. Es wäre was „im Busch“. Er sprach davon, wie lange es dauern würde, bis Ost und West irgendwann einigermaßen und so „richtig“ vereint wären – wenn es denn überhaupt jemals passieren würde. Seiner Meinung nach würden mindestens 25 Jahre darüber vergehen.

Wir nickten.  Alles unvorstellbar. Grenzeröffnung. Pöh. Wir hatten die strengen Grenzer gesehen. Die kontrollierten Übergänge. Eröffnung. Na klar. Und dann 25 Jahre. Eine Ewigkeit. Wir dachten in Wochen, vielleicht noch in Monaten und sehr wenigen Jahren. Wann wir die Liebe des Lebens wieder sehen würden und wann der nächste Urlaub anstand. Wann wir die Ausbildung fertig hatten. Das Leben in der DDR ging uns wenig an. Ja. War bestimmt schlimm.Was genau? Jenseits der Vorstellungskraft.

Heute sehen wir Bildern aus anderen Ländern, empören uns kurz und  schalten zum nächsten Katzenvideo weiter.  Wir blättern die Zeitung weiter, um den neusten Klatsch aus aller Welt zu lesen. Das Leben von Angelina Jolie scheint uns näher als die Kinder als Aleppo. Ein überfahrenes Kätzchen löst in den sozialen Medien mehr  Mitleidsbekundungen aus, als ein ertrunkener Flüchtling im Mittelmeer, ein eingesperrter Journalist in der Türkei oder verschleppte Kinder in Afrika. Was kann man denn nur tun – fragen viele? Der Mauerfall hat uns gelehrt, dass niemals geglaubtes möglich ist. Entschuldigt die Abschweifung.

Zurück nach Ost-Berlin.

Nach Kaffee und Kuchen machten wir uns auf den Weg.
Abends hatten wir Opernkarten für die „Komische Oper“. Schließlich mussten das Transitgeld unter die Leute gebracht werden. Es wurde Orpheus und Eurydike von Christoph Willibald Gluck gespielt- mit dem unglaublichen Countertenor Jochen Kowalski.

Es war wundervoll. Die Oper war kein bisschen abgeschranzt. Die Sessel waren rot und plüschig. Die Musik wunderbar.

Danach wanderten wir zum U- Bahn- Übergang Friedrichstraße.
Überall gab es Kamerateams. Und Menschenmassen. Vor uns wurde ein DDR-Bürger von einem Grenzer zusammengefaltet, der „rübber machen“ wollte.

„Nur unter Abgabe seiner Pässe!!!!“ Hui. Das wollte keiner.

Es war ein Gewusel, eine merkwürdige Stimmung. Eine nicht zu greifende Spannung auf etwas, von dem man nicht weiß, ob es jemals kommen wird. Wie eine Katze auf dem Absprung zur Maus.

Aber es kommt ja nie was.  Grenzeröffnung. Da konnten sie in Leipzig noch so laut: „Wir sind das Volk schreien“. Gegen Systeme kommste nicht an! Das wusste man doch!


Die Freundin und ich überprüften den Sitz unserer Frisuren – für den Fall, dass wir ins Fernsehen kommen sollten – warum auch immer. Man weiß ja nie.. Claudia Schiffer wurde schließlich auch auf der Straße entdeckt. Die Fahrt verlief ruhig.


In Spandau fielen wir in unsere Gastbetten.


Am nächsten Mittag wollten wir mit der Mitfahrerzentrale nach Hause fahren. Es dauert sehr lange, bis das Auto kam. Aus dem Auto stieg ein zerknautschter junger Mann, der sich artig entschuldigte, weil er so spät kam. „Aber- Hey. Das war ja auch ne Nacht vielleicht. Wart ihr auch auf der Party?“
„Öhm. Welche Party?“ ( Muhaaa. Die Berliner hatten vielleicht Humor! Das gefiel uns gut.)


„Na überall. Die Grenze ist auf!“
„Nein!“
„Doch!“
„Ohhhh!“


Wir brauchten 15 Stunden bis nach Hause. Wir hatten mächtig viel Spaß auf der Autobahn mit stinkenden Trabbis rechts und links von uns im überschwänglichen Glücksrausch. Ost und West vereint auf der Autobahn. Überschwenglichkeit und unfassbare Freude. Geteilte Kippen. (Alter! Was rauchen die da für ein Kraut! *röchel*)


Heute kann ich meinen Kindern ( und euch natürlich) davon erzählen: Ich war dabei. Also irgendwie. Ein bisschen.

PAM* oder Liebe?

Sieben Uhr am Morgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen – wohl aber die Tür der Notaufnahme. Der Rettungsdienst brachte ein bekanntes Gesicht. „Da isser mal wieder!“

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Ach du liebe Zeit!

Wir kennen uns gut über die Zeit. Manchmal kommt er dreimal die Woche. Manchmal einmal im Monat. Naja – was heißt hier „kommen“: Er wird selbstverständlich gebracht. Gerne mit dem vollen Ballett, bestehend aus Rettungsdienst, Notarzt, Praktikant und Kumpels.

Meistens bekommt er den ganzen Aufwand nicht mit, weil er bewusstlos ist . Sind es die Drogen? Der Unter- oder überzucker bei seinem Diabetes Typ 1? Gar die Drogen? Pöh. Das weiß erst einmal keiner.

Manchmal krampft er auch noch ein bisschen dazu. Oder hat fürchterliche Bauchschmerzen. Irgendwas ist immer.

Am Anfang kennt man sich noch nicht so gut. Aber dann mit der Zeit. Immer besser. Mehr als einem lieb wäre.

Aber der Reihe nach.

Das Bürschlein – er ist Anfang zwanzig – lag mit geschlossenen Augen auf der Liege- im tiefen Schlummer. Es roch ungut. Beim Umbetten auf die Krankenhausliege öffnete er wie Dornröschen nach einem langen Schlaf die Augen und fing zu zetern an. Sein blöder Bruder wäre schuld, weil er den Rettungsdienst geholt hätte. Nun wären sein Handy und alles und überhaupt noch in der brüderlichen Wohnung. Was für eine Scheiße!.

Wahrscheinlich hatte er Bruder Angst bekommen. Der Blutzuckerwert war über 500. Möglicherweise war er besorgt. Oder hatte Angst, dass das er Scherereien macht. Oder fühlte sich in seinem eigenen Drogen/Alkoholexzess gestört. Wer weiß das schon. Wie wunderbar, dass man hier problemlos in Not überall und allenthalben jemanden anrufen kann, der den Bruder abholen kommt und sich nicht selbst kümmern muss. Oder – Gott bewahre – vorher denken oder handeln  müsste: Bruder: Lass die Finger vom Alkohol/Drogen. Das haut deinen Zucker durcheinander. Und überhaupt.

Der Geruch kam übrigens von seiner vollen Buxe. Um es mal umgangssprachlich zu schreiben: voll reingeschissen.

Und überhaupt: Er bräuchte jetzt erst einmal eine Dusche! Was? Hier gibt es keine? Scheißescheißescheiße.

Und pinkeln müsste er.

Wir gingen zusammen aufs Klo. Ich reichte ihm Waschläppchen an. Eine Unterhose Modell: „Netzhose – wie bist du so sexy“. Und einen Einmalhose L, die an seiner mageren Gestalt herumbaumeln würde. Aber besser so, als vollgeschissene Buxe.

Innerhalb von wenigen Minuten schaffte er es, ein Klo einzusauen, dass der Reinigungsperle der Angstschweiß ausbrach. Koordination war an diesem Morgen aus. Er erinnerte mich dabei ein bisschen an meine Katze, die auch immer genau auf den Teppich kotzt, anstatt auf den blanken, abwaschbaren Boden direkt daneben.

Er ging dabei nicht wirklich gründlich vor, denn als er die Netzhose anzog, war sie hinten schnell wieder – oder immer noch –  braun. Hilfe wollte er auf keinen Fall. Irgendwie war es ihm möglicherweise auch ein bisschen peinlich. Aber höchstens ein bisschen.

Und dann wollte er gehen. Sofort. Zucker hin – Alkohol und Drogen her. SOFORT. „Ich kenne meine Rechte!“

Eigentlich will er immer sofort gehen. Da kommt er mit dem Rettungsdienst angekutscht, um in der Notaufnahme wachzuwerden, festzustellen, dass  – meinetwegen – das Handy nicht da ist. Dann muss er weg und es holen. Laut weinend über den schrecklichen Verlust und die Unfähigkeit aller, weil keiner in der Notfallrettung daran  gedacht hat, ihm sein Zeugs einzupacken. Ach was sag ich: weinen ist nicht das richtige Wort. Es ist eher ein greinen. Da tropft das ganze Gesicht von Tränen, Rotz, Spucke. Herzzerbrechend – beim ersten Mal. Und obwohl er vorher ganz schrecklich krank war und ist – geht er. Heimlich. Oder auch mit Erlaubnis. Plötzlich genesen in heiliger Mission.

Ich holte Insulin. Die Ärztin war für zehn Einheiten. Er fand neun Einheiten besser. Spritzen wollte er selbst.“Das kann ich besser!“ Er hampelte mit der Spritze herum, dass ich schon fast dachte- gleich sticht er sich das Auge aus. Wie bei meinem Kindern stand  ich daneben- um notfalls eingreifen zu können. Falsch – meinen Kindern hätte ich so ein Verhalten nicht gestattet. Wer säuft, drogt oder sonst schlecht drauf ist, hat sein Mitspracherecht verwirkt. Hier bei: „Ich- kenne-meine- Rechte-Mister“  kannste nicht die Mutti spielen. Eher so die Krankenschwesternbitch.

„Wir“ haben es hingekriegt.

Dann wollte er einen Taxischein nach Hause. Zum Bruder. „Umme fahren“ auf Kosten der Krankenkasse.

Nun. Die Ärztin zog Luft durch die Zähne. Wer selber gehen möchte, kann das gerne machen. Aber nicht wieder auf Kosten anderer.

Heul, grein, zeter.

Scheißescheißescheiße.

Das Bürschlein beschäftigte drei Menschen gleichzeitig. Und später auch den ganzen Tag noch. Denn nach Hause schaffte er es nicht ganz. Dafür fiel er zu oft um und wurde mehrmals wieder vom Rettungsdienst gebracht. Holla! Drehtüreffekt.

Die Betreuerin versprach, jemanden vorauszuschicken, der ihn abholen würde. Mutti gibt es nicht. Scheinbar hat sie schon vor Jahren den Kontakt abgebrochen. Das ist sehr traurig. Einmal habe ich ihm zugehört, wie er mit ihr telefonierte. Er wollte ihr erzählen, dass er sich den Arm verknackst hatte. Er legte auf und die Augen waren tieftraurig. Wie gebrochen – dunkel vor Kummer. Er zählte, dass Mutti das Ganze abgetan hatte mit einem: „Stell dich nicht so an. Selber schuld!“

Wie heißt es bei Narziß und Goldmund von Hermann Hesse?

›Aber wie willst du denn einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.‹

Das ist das Dilemma im Leben vom Bürschlein. Keine Halt. Zuviel Drogen, Alkohol, dazu eine Krankheit, die das Ganze noch potenziert. Keiner hat ihn lieb-  den Spack.

Und genau das wäre es, was er am dringendsten bräuchte.

Das Dilemma aller, die ihn als Patient bekommen, ist: du weißt nicht, ob du ihm mal eine ordentliche  „Rennschelle“ verpassen solltest, damit er aus seinem Dasein aufwacht – oder ob du ihn dir mal vier Wochen vor den Bauch binden sollst, damit er Geborgenheit kennenlernt. Einen Halt – jenseits von betäubenden und berauschenden Substanzen, die sein Leben hin und wieder bunt machen sollen.

Du siehst den kleinen Schnulli und bis voll des Mitgefühl. Gleichzeitig geht er einem unfassbar  auf den Zeiger.

Dazu kostet er eine Gesellschaft viel, viel  Geld. Rettungsdienst, Notarzt, Krankenhaus, Intensivbett, wenn er mal nicht aufwachen will aus seinem Rausch. Therapie bei seinem Diabetes.

„Das müsste er alles selbst zahlen!“, sagt die Sanitäterin. Yo. Nur wovon? Einen Job hat er nicht. Gelernt auch nichts. Wie und wann auch. Wie also wollte er das zahlen. Die drei Kröten, die er hat, teil er sich gut für sein zweifelhaftes Vergnügen  ein.

„Arbeitslager!“, sagt der Nächste.  Puh. Das hatten wir schon mal. Die Idee war schon damals nicht wirklich brilliant.

„In anderen Ländern wäre er schon tot!“, sagt ein Anderer. Möglich. Aber da ist er nicht.

Er fällt aus allem heraus. Dabei ist er gesegnet mit einer unglaublich netten Betreuerin, die sich wirklich kümmert und müht. Aber es fruchtet nichts. Bisher.

Wir haben etliche solche Patienten. Immer wieder. Arme Schweine eigentlich, die nichts auf die Reihe kriegen.- außer saufen und Drogen nehmen. Manche schaffen es irgendwann tatsächlich. Andere siehst du irgendwann nie wieder. Jede Stadt hat sie. Durchs soziale Netz gefallen. Rums.

Und nun? Wie wollen wir damit umgehen – als Gesellschaft, als Personal? Wegsehen? Integrieren? Genervt die Augen rollen? Ihn doch vielleicht vor den Bauch binden und liebhaben?

Drei Tage später, nachdem ich mit einigen Menschen darüber geredet habe, weil es mich  so beschäftigt, denke ich: Das wichtigste ist das Bemühen, kein Arschloch zu werden. Ihn abzustempeln oder ankeifen. Solche Menschen mit ihren Problemen nicht ernstnehmen. Und Freunde –  ich sage euch: Das ist schwerer, als es sich liest. Aber wenn der Kleine nüchtern ist, ist er ein ganz netter Kerl. Da steckt viel Gutes in ihm drin. Liebenswertes. Hoffnungmachendes.

Da kennen wir auch ganz andere Gesellen, die agressiv und gewalttätig  sind oder einfach nur dämlich- man kann es nicht anders sagen. An deren Liege du stehst und den Telefonhörer am Anschlag hältst, um die Polizei zu holen- wenn es Not tut. Die gibt es auch in Hülle und Fülle.

Aber der Kleine gehört nicht dazu.

Bis er das nächste Mal kommt. Hackedicht mit irgendwas. Sabbernd und greinend.

Und du dir wieder denkst: Alta! Erbarmen. Mit mir/ uns und dem kleinen Spack!

 

 

*PAM ist übrigens das Kürzel für: Paar aufs Maul.

 

 

 

 

 

 

Entlüften

Manchmal packt einen ja der Rappel und dann muss man los. Immer gerade aus in bequemen Schuhen. Über Stock und Stein. Im Nieselregen, Nebel und wenn man Glück hat im Sonnenschein oder Mondlicht.

Das habe ich am Wochenende gemacht. Herzensfreundin ins Auto und los. Und weil Budapest oder das Meer, Amsterdam oder New York so weit ist, wurde es die Rhön. DIE RHÖN! Soweit ist es schon gekommen.

Und was soll ich sagen: Die Rhön ist super. Und sehr schweigsam. Scheinbar sind alle Vögel in der Röhn schon im Winterschlaf. Oder ins Sommercamp geflogen. Oder hatten einfach keine Lust. Denn was will man auch zwitschern, wenn es um einen herum wahnsinnig still ist. Man hört den Wind durch die Bäume pfeifen  ( Das ist fast so wie bei Indianer Jones und der letzte Kreuzzug)  quasi der „Hauch Gottes“ und die Bäume ächzen. Vielleicht sind sie aber auch verwunsche Prinzen die stöhnen, weil sie gerne erlöst werden möchten. Wer weiß das schon. Spooky. Knarzknarzkanrz. „Fällt er jetzt um?“

Die Hütten sind das, was man wahnsinnig „ursprünglich“ nennen kann. Stehrumchens und Hänghinchens in glänzendem Braunton, Gnome und herbstliche Dekoration – gerne auch mit den Eulen, die jetzt jeder so mag.  Rustikale Bestuhlung, das Besteck in Trögen auf dem Tisch, der Kaffee kommt gleich in Pötten. Die Wirtsleute sind unglaublich herzlich. Das Essen ist lecker, das Frühstück machte uns glücklich.  Zwischen den Mahlzeiten und der Wanderschaft liegt man in knarrenden Betten mit Ommadeckchen drauf. (In der Rhön ist es frisch.) Die Heizung ist in den Zimmern auf angenehme 18° gestellt. Das reicht dem Mensch in der Röhn. Wir mussten nachjustieren.Wir städtischen Weicheier.

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Man sitzt an Tischen mit Aussicht und kleinen Gnomen.

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Die kleinen Gnome sind sehr lustig. Die Hüttenbewohner auch. Sie trinken gerne und machen Witzchen, da würde sich Donald Trump vor Freude auf die Schenkel klopfen. Endlich auch jemand, der den anzüglichen „Klogesprächsdamenwitz“ liebt.

Diese Männer tragen gerne Fußbekleidung, da braucht man dann auch nicht mehr weiterschreiben. Traumschön. Quasi Verhütung am Fuß.

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Ein Traum. Oder?  Ich hätte den ganze Abend Fußbekleidung knipsen mögen. Sehr interessant, sage ich euch. Sehr interessant. Und unschön. Aber interessant.

Dafür ist es vor der Tür wirklich traumschön. Der Blick schweift weit. Berge und Täler, Wolken und Nebelfelder. ( Bei Nebel sagt die Mama einer Kollegin: „Da kochen die Hasen Kaffee!“ Also Kaffee schien an diesem Wochenende reichlich zu fließen im Hasenland. Familienfeier bei Familie Hase? Traumhochzeit der Karnickel?)

Der Blick schweift und fast hört man Bob Ross sagen: „And a little bit of happy yellow….“ und mit seinem Spachtel über die Landschaft kratzen und schwupp – haste einen schönen Baum am Bildrand. Oder einen drei Meter Pilz!

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Pilz an Landschaft.

Und dann muss ich meiner Herzensfreundin immer meinen Pilzwitz erzählen, worüber sie schon seit Jahren nicht lachen kann. Aber vielleicht ihr – ihr treuen Leser:

Steht ein Pils im Wald. Kommt ein Jäger und trinkt es aus!

Man geht durch Baumtore. Ach was: durch Baumportale. Zack – andere Welt. Man erwartet Frau Galadirel aus dem „Herrn der Ringe“. Zumindest aber einen Ent – einen Baumhirten –  der einen weiter trägt. Erstaunlicherweise kommt keiner.

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Aber dann ist man auch schon aus dem Wald herausgetreten. Irgendwo bimmelt eine Glocke den Abend ein. Ein Zeichen für die Kühe, loszumarschieren. Immer schön hintereinander. Und ich bin entzückt, denn ich mag Kühe. Und endlich gibt es Geräusche!

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Es ist wunderschön. Und man fragt sich in solchen Augenblicken immer: Warum geht man nicht öfters einfach los? Alltag Ade und ab ins hübsche Wochenende. Warum entlüftet man sich nicht öfters einmal? Herz und Hirn mal freipusten lassen. Den Füßen etwas anderes gönnen, als Klinikflure. Den Blick nicht ins Elend schweifen lassen, sondern in Landschaften, die die Seele streicheln. Die Phantasie spazieren führen.

Gekrönt wurde der Abend nach einem Anstieg über 30.0000 Höhenmeter (gefühlt)  mit einem Mond – den man nie so schön knipsen kann, wie er tatsächlich ist. (also ich nicht.)14697118_1188173017936959_270049650_oUnd ganz leise haben wir gesummt:

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Es fehlte nur noch die Mundharmonika, die einer hätte dazu spielen mögen.

Aber da kam der heitere Männerpulk mit dem fragwürdigen Schuhwerk auf ein Bier und Zigarette aus der Hütte  und machte dumme Späßchen. Aber: Schlagfertigkeit haben wir voll drauf. Und nein: Wenn uns kalt ist, lassen wir nicht die Zimmertüre auf – auf das wir Herrenbesuch bekämen.

Ach – es traf sie hart! Wir hingegen lachten wie Waldorf und Statler.

Wenn ihr auch dahin wollte, wo sich Fuchs und Hase, Wind und Kühe, knarrende Bäume und Frau Galadiel „Gute Nachts“ sagen: Bitte schön. Hier hin!

Die 10 Pflegepersonalgebote

Ich war schwer kreativ. Und weil es alle Welt offensichtlich so macht, kann ich jetzt auch ein © Zeichen. Ich lerne viel hier beim bloggen und auf meine alten Tage 😉

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Mutterns Hände

 

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Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Das sind die Hände meine Mutter. Ein Traum für jede Krankenschwester- alleine schon wegen der schöne Venen.

Feingliedrig  sind sie – das scheint vom vielen Orgelspielen zu kommen. (Ich habe die Hände leider nicht geerbt. Super. Nicht. ) Damit hat sie angefangen, als sie ein bisschen jünger war, als ich es jetzt bin. Der Organist fehlte. Was blieb ihr übrig?  Sie spielt immer noch Sonntags Orgel. Immer mit Lampenfieber.  Aber sie spielt. Sagenhaft. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Mutter.

Stullen hat se uns auch jeschnitten. Biostullen vom glücklichen Korn. Während alle anderen Zeugs aßen, dass im Supermarkt zu kaufen war, entdeckte Muttern einen der ersten Demeterhöfe im Nachbarort, das Reformhaus und Barbara Rütting.

Erzählt mir heute einer von der Unglaublichkeit der Frischkornbreis, kann ich nur müde lächeln. Kenn ich. Kenn ich alles. Auch die wunderbare Wirkung des Obstessig in und für alle Lebenslagen. Mückenstich? Müde Beine? Krampfadern am Ende? Mach Obstessig drauf. Hilft immer. Auch von innen verspricht es Schönheit und immerwährendes Wohlbefinden.

Bei uns wurden die Stulle mit gesunder Margarine aus dem Reformhaus bestrichen, dazu ein bisschen Vitam R ( ein Hefeaufstrich. Damals dachte man noch, Hefe sei mords gesund. Quasi Maggi aufs Brot) ) –  und glücklich war das Kind.

Zu trinken gab es Apfelsaft aus den gesammelten Äpfeln der riesen Gärten. Sonntags auch mal ne Sinalco, die wir aus der Gastwirtschaft nebenan holen durften. Nie hat Limo besser geschmeckt als damals.

Wenn ich sie heute leicht verspotte (in Wahrheit bin ich auch darüber wahnsinnig stolz und beglückt), fragt sie mich mit einem Hauch von Zickigkeit und Besorgnis: „Ja – aber hat euch was gefehlt?“

Nein Muttern – uns hat es an nichts gefehlt!

Kürzlich  ist sie ist 79 Jahre alt geworden. Oder wie sie immer grinsend sagt: „So alt wird kein Schwein!“ (Stimmt – noch nicht mal auf dem Biobauernhof).

Ob sie immer glücklich oder zufrieden war? Wahrscheinlich nicht. Aber vieles ist gelungen. Es ist meiner Mutter geglück, mit Wohlwollen zurück und auch vorzublicken. Trotz allem was da gab und gibt an Bekümmernissen.

Die Zeit fliegt dahin. Vor meiner Mutter scheint sie Halt zu machen. Gott-sei-Dank! Die wenigsten fühlen sich doch so alt, wie sie laut Kalender sind. (Obwohl – nach manchen Schichten fühle ich mich wie ein sehr altes Wiesel. Plattgefahren am Wegesrand. Vor drei Tagen.)

Ähnlich überrascht ist meine Mutter über ihr Alter. Die Zahl passt nicht zu ihr.Sie hat ja noch soviel zu tun. Meine Kinder hüten und bekochen und lieben und mit feinsten Betten zudecken (-meinen Vater natürlich auch). Den Garten bestellen, die Musik beleben mit ihren Händen und ihrer Stimme. Hörspiele hören und Musik überhaupt hören und lesen und wissen und neugierig sein auf das Leben. Und ans Meer fahren und dort stundenlang laufen bis die Füße schmerzen. ( Obstessig! Ach ne – der neuste Renner ist derzeit „Pferdesalbe!“)

Meine Mutter hat keine Zeit, alt zu werden.Wann auch? Und die Vorstellung, dass ihre Hände eines Tages „kalt“ sein sollten macht mir gehörige Klumpen im Magen.

Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Bis dahin streichele ich ihre Hände bei seltenen gewordenen gemeinsamen Mittagsschläfchen. Da liegen wir dann unter feinsten Laken (meine Mutter steht auf vernünftige Qualität!) und kichern und plaudern – bis eine von uns sagt: „Aber jetzt wird geschlafen! Ab jetzt!“

Denn das sagen wir schon seit immer. So muss es sein. Am liebsten bis in alle Ewigkeit.

Gaga

In manchen Nächten glaubst du, gaga zu werden.

Wer denkt, dass eine Notaufnahme ausschließlich Notfällen vorbehalten ist, irrt. Denn dann wären wir ja wieder bei der berühmten Frage: Wer ist ein Notfall?

Alle die kommen, sind ja schließlich mühselig und beladen und krank – also gefühlt. Seit Wochen. Und man weiß ja nie, ob nicht doch was ernsthaftes dahintersteckt. Mimimimi.

Das gilt es dringend abzuklären.

Gerne nach Mitternacht.

Eine kleine Auswahl:

 

„Ich hab seit einer halben Stunde einen steifen Hals. Tabletten? Ach nein. Ich nehme nicht so gerne Schmerzmittel. Haben sie nicht eine Spritze, die hilft?“

„Ich habe seit vier Tagen keinen Stuhlgang. Wenn ich in die Apotheke gehe und mir ein Klistier kaufe – kann ich dann wieder kommen und sie geben es mir?“

„Ich fühle mich seit drei Wochen nicht so gut. Jetzt hat mein Verlobter beschlossen – so geht es nicht weiter! Das Antibiotikum, dass ich eine Woche genommen habe, hat auch nichts geholfen.“

„Ich hab seit drei Monaten ein unangenehmes Ziehen im Leib. Das möchte ich jetzt abklären lassen.“

„Meinem Sohn geht es seit 2 Stunden so schlecht. Er hat eine fürchterliche Erkältung ( Der Sohn, 23 Jahre, steht daneben und schnieft in sein Taschentuch.) Was sollen wir nur tun?“

 

Nun – es ist bei vielen Menschen so, wie mal ein Mechaniker sagte, der sich den Finger prellte: „Ich kenne mich halt nur mit Autos aus. Und nicht mit meinem Körper. Ich weiß nicht, was ich da machen soll!“

Das hörst du dir alles an und denkst nur noch: ALTA!

Weil wir aber Profis sind, verfallen wir nicht in Schreikrämpfe und Rangeleien, sondern machen. Und tun. Und helfen. Und messen Fieber. Und nehmen Blut ab. Und machen ein Röntgenbild. Und kleben Pflaster. Und geben meinetwegen auch Klistiere.

Aber innerlich brodelt es. Wie in der neuen Kenzo Werbung. Und dann läufst du los, wie die Frau in Grün: Schwestern am Rande des Wahnsinns.

 

Das sind die Menschen, die Notaufnahmen verstopfen. Sie verursachen Kosten in Millionenhöhe (im Krankenhaus gibt s die Maximalversorgung. Oh ja. Wir sichern uns ab. Aus Gründen. Da kommt es dann auch schon mal zu solchen Äußerungen: „Aha. Der Patient hat keine  Entzündungszeichen – sicherheitshalber geben wir ihm ein Antibiotikum mit!“)

Das sind die Menschen, die scheinbar das Denken ausgeschaltet haben. Man kann ja nicht krank sein und gleichzeitig denken.

Es sind vor allem Menschen, die scheinbar keine Mutti hatten, die noch weiß: Grippe dauert. Schnupfen geht vorbei. Bei Muskelkrämpfen hilft Magnesium. Kommt ja schließlich oft genug in der Werbung. Selbst auf RTL. Verstopfung ist übel. In der Apotheken Umschau gab s neulich Tipps und Tricks. Gut – die Rentnerbravo lesen nicht alle.

Die einen gogglen zu wenig bis gar nicht. Die anderen zu viel: „…nicht, dass ich einen Darmverschluss habe. Oder Krebs.“

Was treibt Menschen gerne nachts aus ihren Betten, weil sie sich seit Wochen unwohl fühlen? Bequemlichkeit? Faulheit? Dummheit? Ahnungslosigkeit? Keinen Bock auf lange Wartezeiten jenseits der zwei Stunden? (Und ja. Ich weiß: einen Termin beim Facharzt zu bekommen ist mehr als schwierig. Bei akuten Beschwerden ist es da auch kein Problem, in eine Notaufnahme zu kommen.)

„Ach – der Hausarzt war nicht so dolle.“

„Ich habe keinen Hausarzt.“ „Aber sie fühlen sich seit Wochen nicht gut. Wäre das nicht einmal ein guter Grund gewesen, sich einen zu suchen?“ „Ich komm lieber hierher!“

„Der Hausarzt hat Urlaub und die Vertretung kenn ich nicht!“

Jetzt. Nach Mitternacht. Zur Abklärung in 3 -2-1! Go!“

Notaufnahme. Menschen in Not. Notfälle. Akut. Hm. Ich fühle mich nicht. Ich glaub, ich bin ein ganz schlimmer Notfall.

Nein. Seid ihr nicht. Euch geht es nicht gut – aber ihr seid keine Notfälle.

Als medizinische Notfälle gelten im Rettungswesen insbesondere solche Fälle, bei denen es zu einer bedrohlichen Störung der Vitalparameter Bewusstsein, Atmung und Kreislauf oder der Funktionskreisläufe Wasser-Elektrolyt-Haushalt, Säure-Basen-Haushalt, Temperaturhaushalt und Stoffwechsel kommt. Ohne sofortige Hilfeleistung sind erhebliche gesundheitliche Schäden oder der Tod des Patienten zu befürchten. Im Mittelpunkt der Ersten Hilfe steht die Sicherstellung der Vitalfunktionen (Bewusstsein, Atmung und Kreislauf). Quelle: Wikipedia

Wenn man mit diesen Menschen redet, sind sie ratlos. Vollkommen überfordert mit  Schnupfen, Verstopfung, Rückenweh, Zerrungen, Pillepalle. Hilf- und ahnungslos.“Ich hab Angst, dass ich eine Blutvergiftung bekomme.“ „Aber der Hausarzt hat ihnen doch ein Antibiotikum verschrieben, dass sie seit drei Tagen nehmen.“ „Ach  – das hilft wohl dagegen?“)

Woher kommt das?

Ich hab keine Ahnung.

Wir sind die am besten informierteste Generation, die es gibt. Die grundlegenden Dinge stehen aber offensichtlich nicht im Internet- wie z.B auf den Köper hören. ( „Ich hab seit zwei Wochen Fieber, wollte aber unbedingt noch den Halbmarathon mitlaufen. Aber das Fieber ist immer noch da!“ –  3.20 Uhr)

Freunde – wir helfen gerne. Aber manchmal möchtest du in die Seife beißen – angesichts all dieser Menschen. Da glaubst du wirklich, du wirst gaga.

Damit vertreibe ich meine Zeit in Nachtschichten. Ich spiele die Mutti, die die Menschen offensichtlich nicht hatten. Neben all denen, die wirllich Hilfe benötigen und „richtig“ krank sind.

 

 

 

 

Die Woche der Wiederbelebung

Monja hat hier einen ganz wunderbaren Blogbeitrag geschrieben.

Eminem singt zwar “life is no nintendo game” aber ich möchte da ein Wörtchen mitsprechen. Zwar ist Dein Leben nicht resetbar aber es gibt zwei Enden: Du spielst einfach das letzte Level Du kriegst völlig unerwartet Besuch vom Endgegner – mit Aussicht auf Extralevel. Reanimationen sind Sex! Eine Rea ist die pure Gegenwehr des prallen Lebens […]

über Der Endgegner!! — monjaschuenemann

Nostalgie im Schuhregal

„Mimimimi“, maulte die Kollegin in der Umkleide. „Hier könnten mal wieder die Schuhe aufgeräumt werden. Kein Mensch kann so viel Schuhe auf einmal tragen, wie sie hier alle rumstehen!“

Sie hat da einen unnachahmlichen Tonfall, an dem ich schon lange übe: Leicht maulig, mit einem Hauch von Schärfe in der Stimme sowie leichte Resignation und einer Spur ,ich mach dir ein schlechtes Gewissen`! Dieser Tonfall verfehlt selten seine Wirkung. Es ist großartig. Wie gesagt: ich über noch – bin aber noch meilenweit entfernt davon. Ich könnte mir vorstellen, damit viel Freude im eigenen Leben zu haben.

Wir standen in der Umkleide und sahen nach unten. Zwei Bretter übereinander in ordentlicher Wischhöhe. (Hygiene!) Die Bretter voll.

 

„Kein Mensch!“, wiederholte sie streng. „Kein Mensch braucht so viele Schuhe, wenn man bedenkt, das in dieser Umkleide sich nur eine Handvoll Menschen umzieht!“

Ich räusperte mich. Denn tatsächlich ist es so, dass die meisten Schuhe mir gehören. Ich schaute unschuldig und unbeteiligt. Ich würde mich doch nicht outen! Nicht vor den gestrengen Augen meiner Kollegin. Und ich hoffe sehr, dass es keiner von meiner Leserschaft tut. Nicht auszudenken!

Denn: Kann eine Frau/ Krankenschwester jemals genug Schuhe haben? Aber nein! Man muss doch für alle Eventualitäten im Leben gerüstet sein. Sagen wir mal vorsichtig: das bin ich. Definitiv!

Ich habe ein Ersatzpaar, falls meine derzeitigen Lieblingsschuhe die Grätsche machen sollten. Je nach Laune gibt es sie gleich noch in verschiedenen anderen Farben: Frühlingslila für den sanften Start in den Tag.  Original aus Polen. Gut – es gibt kein einziges Luftloch in diesen Schuhen, so dass man leicht schmort und schwitzt. An unruhigen Tagen könnte ich zu den würstchenbraunen Schuhen zurückgreifen. Praktisch, wenn man schon vorher wüsste, was an diesem Tag passiert. „Malheure“ der unteren Körperhälfte würden unbemerkt am Schuh quasi vorbeigehen. Hellblau mit weißem Rand für die maritime Stimmung – sollte sie mich just überkommen. Und dann sind da noch meine absoluten Nostalgieschlappen: Ein Paar Nike, die ich mir in New York gekauft habe. Im letzten Jahrtausend. Als ich da mal für kurze Zeit wohnte. *seufzt* (Stimmt leise: Schön war die Zeit an….).

Und dann sind da noch die Schuhe, die ich an meiner Hochzeit trug. Als meine wunderschönen Brautschuhfüße nur noch schmerzten, schlüpfte ich in sie hinein. Welche Wohltat! Wer immer nur in flachen Puschen mit Fußbett herumläuft, braucht sich bei Großereignissen nicht zu wundern, wenn der Fuß „aua“ schreit.Gut, dass ich in weiser Voraussicht meine bequemen Treter an diesem denkwürdigen Tag dabei hatte.

An allen Schuhen hängt eine Erinnerung. Eine schöne Erinnerung. Jedes Paar wurde mit Liebe ausgesucht. Sie werden allerdings nicht alle gleich oft getragen – ich geb es zu.

Weiß der Geier, wie die Kollegin darauf kam, dass die meisten Schuhe mir gehörten. Hatte ich etwa nicht unschuldig genug geschaut? Oder liegt es daran, dass wir uns seit fast 20 Jahren die Umkleide teilen?

Was hatte mich verraten?

„Du kannst die doch mit nach Hause nehmen und da deine Nostalgie im Schuhregal ausleben!“, schlug sie vor.

Das fehlte noch! Meine Arbeitsschuhe in fremder Umgebung! Da fühlen sie sich nicht wohl – das weiß ich doch. Einen alten Baum verpflanzt man doch auch nicht. Den lässt man stehen und baut eine Bank rum. So schaut es aus – meine Freunde.

Meine geliebten Arbeitsschuhe zwischen den Schuhen des Gatten und den unzähligen der Kinder. Keineswegs.

Schließlich sind schon soviel der früheren Schätze weg. Clogs, Birkenstöcker, Schuhe mit Plateausohle, Turnschuhe mit Mesh, Turnschuhe ohne Mesh, gute und teure Schuhe aus Leder. Alle haben sie mich durch mein Berufsleben getragen. Mal mehr mal weniger gut. (Manche konntest du wirklich gleich in die Tonne hauen. Aber dann waren sie teuer oder gerade in Mode. Irgendwas ist ja immer.)

Ich schmiß ein Paar abgenudelte Schuhe weg. Als Alibi. Die Sohle war fast durch. Da kann man ja mal… Das muss genügen.

Der Rest bleibt stehen!

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