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Verstaubt und leicht außer Form: Der Pschyrembel.

Unser/ mein Bücherregal platzt aus allen Nähten. Alle, alle meine Schätze finden Platz. Hintereinander, übereinander. Kraut und Rüben im Buchregal.

Gestern packte mich der Rappel.

Mit scharfen Auge lief ich die 15 Quadratmeter Bücherwand ab. Es braucht ein scharfes Auge und einen eiskalten Killerblick: Was lese ich überhaupt. Was sind die liebsten? Wofür schäme ich mich fast schon ein bisschen? (Jawoll – das gibts auch) Und dann die Frage aller Fragen: Wofür hebe ich eigentlich  Schrottbücher auf, von denen ich weiß: Nie mehr!

Ganz oben auf dem Regal: Meine Fachliteratur von anno knips. Vergessen auf dem Regal in luftiger Höhe von 3,10 Meter . Uhaaaaaaaaaa.

Naja – was heißt vergessen – ich will ehrlich sein. Ich kann mich schlecht trennen. Hoch oben steht mein komplettes Krankenschwesternfachwissen von vor 25 Jahren. Davon trennt man sich nicht so einfach. Das wuchs einst ans Herz. Das war teuer damals. Und überhaupt: Bücher schmeißt man nicht weg. Wer was anderes behauptet, war noch nicht in meinem Elternhaus.

Aber: Rappel! Killerblick!

„Meinst du nicht, das ist ein wenig verfrüht – deine Fachliteratur nach 25 Jahren wegzuschmeißen?“, fragte mich eine Freundin? (Ich glaube sie hat gelästert! Ich verzeihe ihr. Ich bin ein großherziger Mensch.)

Rappel, Killerblick und eine Leiter – Kiste am Boden, Staubsauger im Anschlag.

Zuerst kam der Pschyrembel dran. Ich hatte die 256. Auflage.  Um so erstaunlich war ich, als ich heute Bob Andrews (Recherche und Archiv) von den drei Fragezeichen ??? spielte und feststellte: Die aktuelle Auflage ist die 261. Erst? Ich dachte, das ging schneller.

Aber bitte: wann habe ich das letzte Mal einen Psychrembel in der Hand gehabt? Heute wird gegooglet. Aus die Maus.

Und so sieht ein Pschyrembel aus, wenn er lang, lange, lange Zeit die Welt aus 3,10 Meter Höhe betrachtet:

(Gibt es eigentlich ernsthaft Menschen, die in dieser Höhe Bücher abstauben?)

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Verstaubt und leicht außer Form: Der Pschyrembel.

 

Und weil ich so schön drin war – im Killerrappelaufräummodus: Raus mit den ganzen Altlasten.

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„Ist es nicht ein bisschen verfrüht, das alles wegzuschmeißen?“

Warum hängt man so an diesem ganzen Kram? Ich hab seit der Ausbildung nie wieder in diese Bücher geschaut. Es hat also noch nicht einmal einen wirklichen ideellen Wert. Außer, dass es eben Bücher sind.

Ausmistregeln

(Für den Fall, dass ihr auch noch so Altlasten haben)

Wann hab ich es zuletzt gebraucht/ gelesen? Ach – doch schon so lange her? Raus damit!

Könntest du es vielleicht noch mal brauchen? Auch nicht? Weg!

Hängt dein Herz dran? Och….. nö! Nicht wirklich. An den Geschichten, die ich mit diesen Büchern erlebt habe. Aber die sind im Herzen. ( Seht ihr das Buch der Arzeimittellehre? Unser Dozent, ein Apotheker, trug einmal einen wunderbaren Strickkpullover mit dem Motiv einer Hexe, die in einem riesigen Kessel rührt. Das erschien uns sehr passend!. Oder Gynäkologie: Ich fange heut noch zu lachen an, wenn einer einen Satz mit einem langgezogenen “ Soooooooo“ beginnt, wie der schmucke Gyndoktor damals.)

Wo ist dein Ausmistgut aufgehoben? In 3,10 Höhe? Immer schön leicht ranzukommen, nicht wahr? Merkste gleich, wie wichtig das ist.

Ist es aktuell?  Aktuell! Witzig! 25 Jahre alte Lehrbücher. *klopft sich vor Lachen auf die Schenkel*. Das kannst du noch nicht mal den Schülern von heute andrehen. Es hat sich ja durchaus das ein oder andere in dieser Zeit verändert. Fortschritt eben.

Soll ich euch was gestehen? Es fühlt sich gut an! Ich vermisse nichts. Ich hab Platz für wunderbare, neue Bücher.

Nur – was kommt jetzt in die luftige Höhe? Ein „Stehrummchen“? Ein „Hänghinchen“? (Staubfänger zum Hinstellen oder Aufhängen. Ich habs nicht sehr damit) Bücher, die ich in drei, zehn, 25 Jahren verschenke/ verkauft/ in die Tonne klopfe?

 

Wann ist die beste Zeit um in eine Notaufnahme zu gehen?

Das ist eine Frage, die immer wieder bei den Suchbegriffen auftaucht.

In eine Notaufnahme geht man, wenn man in „Not“ ist.

Nachdem Krankheiten oder Unfälle selten vorhersehbar ist, ist die Frage wiederum eigentlich überflüssig. Nicht wahr?

Damit wäre dieser Blogbeitrag auch geschrieben. Ende Gelände.

(Gut – man geht auch, wenn man einen Fetisch hat und gerne von dem netten, weiblichen Personal eine neue Windel haben möchte. Mit 49 Jahren. Weil man gerade in der Gegend war und es seit Wochen hier und da zwickt. Oder weil man noch Licht brennen sah.)

 

 BildquellePixabay

 

Ansonsten gibt es tatsächlich auch günstige Zeiten. Ich habe allerdings in fast 20 Jahren noch nicht rausbekommen, wann das ist. Aber es gibt sie – hin und wieder.

Dienstags um 17 Uhr? Oder Mittwoch morgens um 11 Uhr? Gar am Samstag um 20.15? Oder wenn Fußball kommt? Wenn Prinzen und Prinzessinnen heiraten?

Es ist unvorhersehbar. Manchmal hat man Glück. Da wird man direkt durchgewunken. Manchmal hat man Pech. Dann muss man lange sitzen. Alles ist möglich. Wie im wahren Leben.

Notfälle passieren. Der Herzinfarkt in der Küche. Der Sturz vom Pferd oder Fahrrad. Ein Schlaganfall beim Grillen. Das alles ist nicht zeitlich terminiert.

Wobei wir festgestellt haben: Eine Krankheit kommt selten alleine. Wo ein Herzinfarkt ist, kommt gerne noch ein zweiter, dritte oder mehr dazu. Manchmal ist „Knochenbruchwetter“. Jeder, der kommt, hat sich irgendeinen Knochen gebrochen. Nicht  bloß verstaucht. Kaputt. Und dann ist Kopfschmerz und Mirgänewetter. Aua. Oder Atemwegserkrankungstiefdruckgebiet.

 

Ich hingegen frage mich ja, vom wem wohl solche Fragen kommen. Von besonders vorsichtigen Menschen – in der Art von: Hm. Sollte ich mal einen Herzinfarkt bekommen….. möchte ich ihn gerne um 14 Uhr am Freitag haben. Wenn ich mich heute Abend beim Gläserspülen in den Finger schneide – lohnt es sich noch, etwas zu warten bis ich meinen Finger versorgen lasse, weil es dann möglicherweise nicht so viele Patienten gibt? Bitte einen Schlaganfall nur, wenn Fußball kommt und nur, wenn ein Nichtfußballliebhaber Dienst hat. Die Gallenkolik bitte nach dem Festessen. Wenn ich stürze, dann bitte immer erst nach der Hochzeit. Nicht davor!

Merkt Ihr selber – Nicht wahr?

Nichts desto trotz: Wenn Ihr ein „Notfall“ seid, werdet ihr behandelt – je nach schwere des Notfalls sofort – oder mit Wartezeit. Mit all unserem Wissen und Können. Und das ist doch eigentlich das Wichtigste. Oder?

 

 

Die Glocke der Achtsamkeit

„Schwester! Ich muss auf die Schüssel!“ SCHWESTER! ICH MUSS SOFORT AUF DIE SCHÜSSEL!!!“

Ich stand im Nebenzimmer und machte einen Verband. (Leberschaden. Wasser im Bauch. Punktion. Auf einen Schlag 1000 ml leichter.) Nebenan lag eine kleine, zähe Dame und brauchte wahrscheinlich eher Unterhaltung und Ablenkung, denn die Schüssel. Da war sie nämlich schon fünfmal innerhalb der letzten halben Stunde – so ganz ohne wassertreibendes Medikament.

 

Ich ging zu ihr.

Die Schüssel war zu kalt. Ich war zu grob beim Unterschieben. „Ich hab da doch ein Muttermal! Herr Gott, wenn das hier so weiter geht, geh ich sofort nach Hause! Nun passen sie doch auf!“

„Nein – gehst du nicht! Da biste nämlich heute schon fünfmal umgefallen! Und überhaupt: Wie willst du gehen, wenn du noch nicht mal deinen Hintern um 5 cm nach oben heben kannst!“

(Es ist ja immer ein Rätsel, wie die älteren Herrschaften zuhause alleine so zurechtkommen, und dann im Krankenhaus keine kleinste Bewegung mehr schaffen….)

Pöng!

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Klangschale. Bildquelle: Pixabay

Mein neuster Schrei – die Glocke der Achtsamkeit.

Ein tiefer satter Ton, angeschlagen auf einer Art goldene Klangschale. Ihr könnt die App  hier kostenlos herunterladen.

„Mindbell erklingt regelmäßig als Achtsamkeitsglocke im Laufe des Tages. Dadurch können wir kurz innehalten und uns bewußt werden, was wir gerade tun, und in welchem Geisteszustand wir das angehen, was wir gerade tun. Gemäß dem buddhistischen Lehrer Thich Nhat Hanh ist dies ein wirksames Mittel, um Achtsamkeit zu entwickeln.“

Achtsamkeit. Ein Modewort. Wenn mir einer die Geschichte vom „Hier und Jetzt“ erzählt, bekomme ich leichtes Augenflackern. Zu abgenudelt. Aber so wahr. Mit den Gedanken beim nächsten Patienten, genervt von der alten Dame stand ich da.

Pöng!

Was mach ich hier? Ich weiß, was die Frau braucht (Liebe Aufmerksamkeit, Unterstützung und eine liebevolle Bettpfannenunterschiebung). Am liebsten hätte ich fluchtartig das Zimmer mit der unverschämten Schachtel verlassen. Sofort.

Pöng!

Durchatmen!

„Oh. Sie haben da eine Muttermal. Das wusste ich nicht. Das tut mir leid!“

„Knurr! Mein Mann wollte nie, dass ich das wegmachen lasse. Damals im Krieg war es ja schwierig. Da hat der Arzt gesagt: Das machen wir nächste Woche. Und dann war der OP ausgebombt. Da war ja nicht mehr dran zu denken! Und mein Mann später hat es nicht geniert!“

Ohne das Pöng der Achtsamkeit hätte ich diese Geschichte nicht erfahren. Ich hätte meine Klappe im besten Falle gehalten und hätte geschaut, dass ich schnell Land gewinne. Die Glocke hat mich erinnert, was ich hier gerade tue. Nicht nur den Topf bringen – nein: den Menschen wahrnehmen. Bei vielen Patienten am Tag kann das schwierig werden. Aber nicht unmöglich. (Und ja- ich will ehrlich sein: Es gelingt nicht immer.)

Denn es geht so oft unter, wenn der Tag hektisch ist. Wenn wir in unserer Gedankenflut weder im „Hier und Jetzt“ und auch nicht im „Da und Dort“ sind. Sondern überall. Beim nächsten Verband, Gips, Telefonanruf, Blutabnahme, Patientenaufnahme.

Wir fummeln den ganzen Tag vor uns hin und rasen durch den Tag und sinken abends ermattet auf die Couch und fragen uns: Was haben wir eigentlich den ganzen Tag gemacht?

Pöng!

Ich war da. Bei dieser Frau war ich da.

Und auch beim nächsten Patienten und beim übernächsten.

Es kann natürlich auch daran liegen, dass ich gleich mal den Pöngton auf 10 Minuten gestellt habe. Es schadet ja nicht, wenn man öfters mal den Geisteszustand per „Pöng“ angezeigt bekommt. Mehr so  „Echter Kerl – holla- ich kann nur eins nach dem anderen machen und nicht alles gleichzeitig“.

Diese schöne Beschreibung, was Achtsamkeit ist, habe ich  hier gefunden.

Was soll ich sagen: Mit hilft es im Alltag, ein Pöng zu hören. Einen Gongschlag, verbunden mit der Frage: Was tust du hier ? Machst du es mit Herz, Verstand und Können – so wie du es eigentlich immer tun wolltest?

Es ist gut, wenn man erinnert wird. Pöng!

 

 

 

 

 

 

 

Götzen im Ohr und Kasetten

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Emma – oder Elise verfügte über einen Kassettenrekorder. Astrein!

Es  war soweit: Kurstreffen nach 25 Jahren ( Wie mein Leben als Schülerin damals war, könnt ihr hier noch einmal nachlesen)

Oder wie meine Freundin sagte: „Sag mal – wann bist du eigentlich so alt geworden?“

Altersentsprechend war auch das Auto, mit dem mich meine ehemalige Zimmernachbarin von der anderen Seite des Schwesternwohnheimflures abholte. „Das ist Emma“, stellte sie ihr Auto vor. (Mist – vielleicht war es auch Elise. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Das muss das Alter sein, von dem alle sprechen).

Autos mit Namen? Ich war entzückt. So etwas hatte ich schon lange nicht mehr gehört! Voll retro. Falsch. Man sagt heute vintage. Passend dazu der Kassettenrekorder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt einen in einem Auto gesehen habe. Jetzt noch ein Zettelchen mit Kringeln statt Punkte über dem i – und ich wäre voll drinnen in der Zeit damals gewesen

„Lass uns lieber Landstraße als Autobahn fahren!, sagte sie. „Da ist immer Stau!“

„Quatsch!“, sagte ich. „Ich fahre das jede Woche. Ich stand noch nie im Stau!“

Ratet wer im Stau stand? Emma/Elise, meine Kurskollegin und ich.

Und ich erinnerte mich, dass ich schon damals immer die überzeugendsten Argumente hatte. (Unnette Menschen würden es weniger elegant und freundlich ausdrücken – aber solche Menschen kenne ich ja überhaupt nicht!)

Sie – die etwas zaghaftere, ich die „vorpreschende“. Marke: Freunde, wo steht das Klavier? Nix geändert. Machte aber nichts – denn wie damals entstand hier auch Gutes daraus. Wir hatten Zeit zum plaudern. Wo wir gerade stehen im Leben, Kollegen, Situationen, Familienstand und die Tücken des Alltags und alles,  was man eben so durch spricht. Es war sehr reizend.

Pünktlich fast eine Stunde zu spät kamen wir an.

Und da saßen sie. Meine Kurskameraden von einst. Grauhaarig die einen, frisch gefärbt die anderen. Saftschorlen auf dem Tisch oder Mineralwasser. Madame „wo steht das Klavier“ holte sich ein Bier.

Kennt ihr das, wo einen Erinnerungen so „rubbel die Katz`“ einholen, dass man sich schnell ein verstohlenes Tränchen aus den Augen zwinkern muss? Oberrührung. Himmel hilf! Oder einen Witz? Schnell einen Witz. (Ich bin Profi darin!)

Achtung: Witz (auch voll retro)

Der Apotheker hat es satt, dass das Häschen ihn immer ärgert und sagt zum Häschen: „So, ich schenke dir meine Apotheke“
Am nächsten Tag kommt der alte Apotheker in die Apotheke und fragt: „Haddu Möhrchen?“
Da antwortet Häschen: „Ja, aber haddu auch  Rezept?“

Einem Kind würde man in die Backen kneifen wollen und sagen: Mei – du bist aber groß geworden.

Und wie bei der Besitzerin von Emma/Elise „erkannten“ wir uns wieder. Manche Charaktereigenschaften lassen sich nicht verleugnen.

So saßen wir um den immer voller werdenden Tisch. Torte. Belegte Brote. Sonnenschein über uns. Unser Quotenpfleger kam nicht. Es kann ja auch keiner ahnen, das der lang angekündigte Tag so plötzlich kommt. Sorry. Dienst halt. Eine schrieb an der Sonntagspredigt  – sie ist die einzige, die nicht mehr in diesem Beruf arbeitet. Einer war die Anreise zu lang – zumal sie eine Woche vorher in der Gegend zum Familienbesuch war. Dafür kam eine von noch weiter her: Afrika ist nicht zu toppen in der Anreise. BÄM!

25 Jahre später sind fast alle noch Krankenschwestern- und Pfleger. Angesichts der  vielen Frustrationen/ Burn out/ ich mach sofort was anderes!!!!/ Arbeitsbelastungen  in diesem Beruf ist das schon fast ein Wunder.

„Gut“ – sagte eine. „In Wahrheit sind wir ja nur Hobbyschwestern.“

Die allerwenigsten arbeiten Vollzeit. 50 % ist die Regel. Vielleicht ist das das Geheimnis, warum sie noch dabei  geblieben sind. Aber die Mädels von früher haben alle ,nebenbei‘ Familie mit durchschnittlichen drei Kindern. Oder wie eine sagte: „Wenn mir das damals jemand gesagt hätte, dass ich mal drei Kinder haben würde – ich hätte ihn ausgelacht! Schallend!“

Dazu kommt die „Care Falle„. Fast alle haben sie Kinder mittlerweile  großgezogen, nebenbei gearbeitet und jetzt kommt im Drehtüreffekt die Omma, die Schwiegermutter, der Oppa  herein – wo die Kinder gerade den Auszug vorbereiten. „Reden wir nicht drüber!“, sagte eine und senkt die Augen. Es scheint nicht die Idylle der Großfamilie zu sein. Es scheint mühsam, frustrierend und nervenaufreibend zu sein. „Da ist arbeiten gehen richtig entspannend! Manchmal wünschte ich, ich würde mehr arbeiten können – aber versorgt dann die Leute daheim?“ „Dein Mann?“ *schnaubendes Geräusch*. Das scheint keine Option zu sein.

Einigen scheint der Job immer noch Spaß zu machen. Andere sagen: „Wenn ich wüsste, was ich sonst noch machen kann – ich würde es machen. Aber mir fällt nichts ein.“

Und zwischen auch diesen bedrückenden Themen blitzt das Hanni und Nanni-Leben von früher auf. Als unter Gekicher Anekdoten erzählt werden:

„Weißt du noch, wie dich die Oberschwester gerügt hat, weil du Ohrringe hattest? ,Nehmen sie SOFORT die Götzen aus den Ohren!`“

„Leise, Schwestern. Das schallt weit ins Krankenhausgelände!“

„Wisst ihr noch, wie wir uns beim gemeinsamen Mittagessen immer benehmen mussten und mir einmal der Schacklikspieß über den ganzen Tisch flog?“

Dieser Nachmittag fühlte sich ein bisschen an, als würde man nach Hause kommen. So viel Wohlwollen – Neugierde und Interesse für den anderen konnte man spüren. Letztlich war es das ja auch. Ein nach Hause kommen zu den  – zumindest – beruflichen Wurzeln.

Die Schulschwester ließ sich übrigens enschuldigen. Examensvorbereitung. Ach Gott – dieser Streß!

Diese Mädels damals und die gestandene Frauen von heute haben mich geprägt. Durch unser Zusammenleben ist ein Band entstanden, dass es heute so nicht mehr gibt. In heutigen Krankenpflegeschulen sowieso nicht. Und so sehr wir es vielleicht damals auch gehasst hatten, zusammenzuwohnen und nicht die Wahl zu haben, so sehr sind wir auch nach all dieser Zeit noch verbunden.

Ich hätte so gerne noch mehr erfahren: Woher nehmt ihre eure Kraft? Was macht euch glücklich? Was ist euer Lieblingsschimpfwort? Was esst ihr zum Frühstück? Welches Arbeitsgeräusch bringt euch zum Lachen?

Aber ich musste gehen. Ich hatte noch so viel zu tun.

Sollte es eine von euch lesen: Ihr seid großartig!  Und jetzt schnell ein Witzchen!

 

 

 

 

 

 

 

Was ist ein Notfall und wie lange dauert das?

„Wie wollen sie (…“sie dumme, kleine Krankenschwester“ schwang deutlich in der Stimme mit!) eigentlich unterscheiden, ob ich ein Notfall bin  oder nicht? Was gibt ihnen das Recht, mir meine Notfallsituation abzusprechen? “

Nun.

Nenn´es Erfahrung und Wissen, du Honk.

(Okay. Das war nicht nett.)

Also von vorne.

Was ist ein Notfall? Und wieso erdreisten sich manche Menschen (Krankenschwestern) zu unterscheiden: Och nö! Ist nicht so schlimm. Oh ja! Das ist schlimm!

In ,meiner` Notaufnahme wird seit Jahren mit dem Manchester Triage Sytem  – kurz MTS –  gearbeitet. Seitdem kann man noch nicht mal mehr sagen: Weil ich (jahrelange) Erfahrung habe, kann ich eine Krankheit einschätzen. Nein – ich habe jetzt einen „Fragenkatalog“ zur Hand, mit dessen Hilfe ich die Menschen  und ihre Erkrankungen oder Beschwerden  einschätzen kann. Es ist quasi ein Rahmenwerkzeug. Ich mag es sehr.

Es kommen täglich viele Menschen in die Notaufnahme. Und anders als beim Hausarzt ist es eben nicht so, dass die Verletzen/ Kranken/ Mühselig und Belandenen nach der Reihe ihres Eintreffens behandelt werden, sondern nach der Schwere ihrer Erkrankungen. Überraschung! Nicht wahr? Herzinfark vor Zeckenbiss.

Ich rede mit den Patienten, fasse ihre Beschwerden zusammen und das MTS  errechnet die maximale Wartezeit,  nachdem ein Patient spätestens Arztkontakt haben soll. Das wiederum ist farblich hübsch sortiert.

 

Was ist dringend? Was muss sofort behandelt werden? Was ist ein Notfall?

 

Eine kleine Reihenfolge  – Ersteinschätzung in der Notaufnahme nach dem Manchester Triage System ( Vereinfacht  – und hoffentlich leicht verständlich dargestellt).

Rot

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Wer nicht mehr atmet oder nur unzureichend, keinen Puls hat oder sonstige Zeichen eines Schocks zeigt ( Blässe, Schwitzen, sehr schneller Puls und sehr niedriger Blutdruck) ist in Lebensgefahr. Er wird „Rot“ triagiert und sofort behandelt.

Orange

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„Orange“ werden die Patienten triagiert,  die eine große Blutung haben ( Wir reden hierbei nicht unbedingt von: Ich habe mir volles Rohr in den Finger geschnitten und es blutet wie Sau). Wir reden von viiiiiiel Blut! Von Blutungen, die sich auch unter Druck nicht stoppen lassen, sondern munter weiter bluten und dicke Verbände durchdringen.

Jemand, der einen veränderten Bewusstseinszustand hat – sei es durch Alkohol oder Drogen bis hin zum Schlaganfall.

Hohes Fieber  über 41 ° zählt dazu oder Schmerzen, die als „stärkster Schmerz ever“ empfunden werden.  (Wer relativ locker vor einem steht und seine Schmerzen auf einer Skala von  – 0 = es ist alles in bester Ordnung bis 10 = ich sterbe gleich –  mit 13 angibt bekommt ein wohlwollendes Lächeln. Aha. Es tut also sehr weh. Verstehe.

Patienten, die diesen Kriterien entsprechen, werden sehr dringend eingestuft und sind innerhalb von 10 Minuten vom Arzt anzusehen.

Gelb

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Dazu zählen unstillbare, kleine Blutungen.

Berichte über Bewusstlosigkeit.

Fieber über 38,5°

Ein mäßiger Schmerz, der sich auf einer Skala von 0 bis 10 zwischen 5 und 8 befindet.

Dieser Patient sollte innerhalb einer halben Stunde vom Arzt gesehen werden.

 

Grün

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„Grün“ ist alles, was ein „jüngeres Problem“ ist.  (Jüngeres Problem ist nach der Definition vom MTS ein „innerhalb der letzten Wochen aufgetretenes Problem“.)

Leichtere Schmerzen (Auszuhalten – ohne das ich schreiend im Kreis laufen muss) Überwärmung. (Haut, die sich überwärmt anfühlt.)

Eine Körpertemperatur ab 37,5 °.

Ein gefühlter „Hausarztbetrieb“ in der Notaufnahme sieht überwiegend grün und blau  aus. Die Menschen sind verletzt, aber wiederum nicht so schlimm, als dass sie sofort vom Arzt gesehen werden müssten. Hier können tatsächlich 90 Minuten vergehen, bis der Arztkontakt erfolgen sollte.

 

Blau

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Es ist nicht dringend.

Blau ist: Ich habe schon seit Wochen hier und da ein bisschen Schmerzen. Ich wollte mal nachschauen lassen. Ach – irgendwie fühle ich mich nicht so wohl seit einiger Zeit und wollte es mal abklären lassen. Ich hab noch Licht gesehen. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als mir einfiel…. Ich hab da so ein unangenehmes Ziehen, wenn ich so mache.

 

 

Das alles sind ,generelle Indikatoren` für die Ersteinschätzung. Darüber hinaus gibt es für alle Arten von Krankheiten ,Präsentationsdiagramme`…

…von A wie abdominelle Schmerzen (Bauchweh), über Allergien und Atemnot bis hin zu Z wie Zahnschmerzen.

Von Hodenschmerzen bis Stürze.

Von Rückenschmerzen bis Krampfanfälle.

Von Kopfschmerzen bis „Betrunkener Eindruck“.

Von Selbstverletzungen bis Kardialer Schmerzen.

Von hinkenden Kindern bis sexuell  erworbene Krankheiten.

Von „Unwohlsein“  bis Überdosierungen und Vergiftungen.

Und so weiter und so fort. Es ist alles dabei- quasi von der Zangengeburt bis zur Feuerbestattung.

 

Es ist also keine Willkürlich, nach der wir einschätzen. sondern ein Standart  der über Jahre hinweg erarbeitet wurde und regelmäßig geschult wird, um Patienten gut zu versorgen. Auch, um sie einzusortieren – je nach der Schwere der Erkrankung.

Sollte sich ein Zustand in der Wartezeit verändern, kann ich das aufnehmen und die Einschätzung korrigieren. Nach unten oder nach oben.

 

Ein kleines Beispiel:

Jemand ist umgeknickt. Aua. Das tut weh. Der Knöchel ist geschwollen.

„Guten Tag! Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin gestern umgeknickt. Es tut höllisch weh.“ (Der Patient hinkt in das Triagekämmerlein. Er kann laufen – unter Schmerzen, aber es geht)

„Zeigen sie mal. Wie ist es denn passiert?“

(Man sieht eine deutliche Schwellung)

Rot: Der Patient kann reden, laufen, atmen. Also nix mit rot.

Er hat keine Blutung, kein neurologisches Defizit( Keine Taubheit, kein Kribbeln, keine Lähmung), keinen veränderten Bewusstseinszustand , weil er tatsächlich (unter Schmerzen zwar, aber immerhin) noch laufen kann –  auch offensichtlich keinen todbringenden Schmerz.

Würde er jetzt allerdings erzählen, dass er gestern unter die Räder eines Lasters  geraten ist ….. ( Naja. Ist Quatsch. Dann wäre er sofort gekommen. Also nix ist mit der Geschichte vom auffälligen Verletzungsmuster.)

Somit ist er auch nicht orange.

Er hat keine grobe Fehlstellung und es schaut kein Knochen aus dem Knöchel heraus. Bewusstlosigkeit wird auch verneint. Betrunken war er auch nicht. Der Patient ist über seinen  Hund gestolpert und dabei umgeknickt.  (Was durchaus schmerzhaft sein kann. Ich weiß, wovon ich rede.)

Der Patient wird auch nicht „gelb“ triagiert, weil nichts davon  zutrifft.

Also bleiben die Schwellung, ein jüngeres Problem und ein Schmerz um die 4 auf der Skala von 0= ich hab nix bis 10= ich sterbe. Und somit wir der Patient „grün“ eingeschätzt und bekommt einen Eisbeutel – wenn er möchte  – und die vorherigen Patienten den Eisbeutel wieder abgegeben haben. („Das kann man aber auch so gut gebrauchen! Ich hab ja sowas nicht daheim. Jetzt schon. Hurra!“)

 

Die beliebte Frage: Wie lange muss ich warten, bis ich dran komme?

Man weiß es manchmal wirklich nicht. Wir arbeiten nicht beim Amt, wo ich sagen kann: Dieses Formular auszufüllen dauert 20 Minuten. Wir arbeiten mit Menschen. Manche Versorgung braucht länger, als gedacht. Oft kommt was dazwischen.

Manchmal gibt es kaum eine Wartezeit im Warteraum – aber dann…

..muss der Arzt zu einem Notfall auf Station, staut es sich vor dem Röntgen, sind noch fünf andere Patienten, die eher vom Röntgen zurück sind, kommt der Rettungsdienst mit einem Schwerverletzten und unzählige Gründe mehr, die man im Warteraum nicht mitbekommt. Aus die Maus mit dem schnellen Arztbesuch.

Es gibt keine Husch-Husch Behandlung im Krankenhaus. Hier wird maximal versorgt, bis alles abgeklärt ist.

Es gibt nicht nur einen Patienten in der Notaufnahme. Es gibt immer mehrere bis viele, um die sich gekümmert wird. All diese Menschen bekommen – wenn es nötig ist – eine komplette Krankenerhebung, Vitalparameter, Blutabnahme, Röntgenbilder oder CT -Untersuchungen, Ultraschall, Gips oder Verbände, einen Befund, einen Artztbrief. Das schüttelt man sich nicht mal eben locker  aus dem Handgelenk.

„Das ist doch Scheiße hier – wie lange das dauert!“, schrie mich neulich ein Angehöriger an. Er kam mit seiner Frau, die seit Wochen Rückenschmerzen hatte.

Seine Frau wurde Blut abgenommen, sie bekam eine Schmerzinfusion, mehrere Röntgenbilder sowie ein CT der Lendenwirbel. Von der körperlichen Untersuchung will ich gar nicht erst reden. Und vom Schreibkram und Arztbrief.

Das dauert natürlich.

So sprach ich in Engelszungen (Deeskalation – leicht gemacht für jedermann): „Wissen sie: Überlegen sie mal, was wir bisher alles bei ihrer Frau gemacht haben. Und dann rechnen sie mal nach, wie lange das bei einem  Haus- und Facharzt dauert. Da sitzen sie nicht Stunden – das sitzen sie Wochen!“

„Knurr. Stimmt!“

Und jetzt wissen wir auch alle, warum soviele Menschen so gerne in die Notufnahme gehen. Nicht wahr? Aller Wartezeit und allem Gejammer zum Trotz.

 

Sollte ich etwas vergessen haben, könnt ihr es gerne in den Kommentaren erwähnen.

 

 Bildquelle: Pixabay 

Mittagsschläfchen

Oh heilige Zeit.

Ein Tag ohne Mittagsschläfchen ist ein verlorener Tag.

Ich komme aus einer Familie von Mittagsschläfern. Was hätte also aus mir anderes werden sollen – als ebenfalls eine große Freundin dieses Tagabschnittes.

Ganze Gernationen haben die Mittagspausw waagerecht verbracht. Die Omma lag auf dem Sofa, der Oppa ebenfalls. Vater auf dem Kanapee, Mutter im Bett. Augen zu. Beschauen von innen. Rolladen runter.

„Kinder! Seid leise!“. Welcher **** ruft denn da jetzt schon wieder an? Um die Uhrzeit???“

Als Kind war diese Zeit sterbenslangweilig. Denn ich musste auch. Liegen. Nix los. Keine Action. Stille. Vielleicht noch das Summen einer nervigen Fliege, die gegen das Fenster fliegt in der Hoffnung auf und davon zu kommen.

Heute den ich mir: Yippie. Endlich Pause. Welt – leck mich am Allerwertesten.

Geistig und schlafmützig um die Mittagszeit bin ich also eher so die Italienerin, aber stramm mit ostpreussischen Wurzeln. Denn danach wird frohgemut und mit neuer Kraft das Tagwerk erneut aufgenommen.

Nun wissen wir ja alle, das es völlig normal ist, mittags ein Tief zu haben. Ich will die immense Gefahr des „nicht schlafens“ nicht  verschweigen. Es bedeutet ungeheuren Streß für den Körper, dem Suppenkoma Aktivität ohne Ende entgegen zu setzen.

Manch einer macht es sich im Schwesternsozialaufenthaltsraum gerne mal gemütlich. Das kann schwierig werden. Für alle Beteiligten. Also lieber doch zuhause.

Nach dem Frühdienst also: Schuhe aus. Buxe runter. Ab ins Bett ( in meinem Fall) oder auf das Soffa. (Soffa ist ungleich gemütlicher als Sofa. Hört man schon am Klang, gell?)

Gerne auch noch mal vom Spätdienst. Und dem Nachtdienst.

Die Rollade kann oben bleiben. Da bin ich nicht so. Wichtig ist ausschließlich das Bett.

Und wer immer gesagt hat: Das Bett muss hart sein für den gesunden Rücken, gehört an die Wand genagelt. Das Bett muss gemütlich sein! So schaut  es aus, Freunde.

Schlafposition einnehmen. Wichtig ist hierfür eine andere einzunehmen, als nachts. Nicht, dass der Körper innerlich verwirrt ist. Soweit wollen wir ja dann doch nicht gehen.

Und dann:

 

Ich rede gerne und viel. Ich lerne täglich unzählige Menschen kennen und muss und will mich auf sie einstellen. Ich denke und renne durch die Gegend. Oft unter Strom. Input überall und allenthalben.

Aber einmal am Tag brauche ich eine Zeit der Stille. Meditation mit geschlossenen Augen sozusagen. Willkommen Traumland.
Den Körper übernehmen lassen. Nicht denken. Nicht steuern. Nicht handeln. Atmen.

Wer einatmet muss auch ausatmen. Wer einschläft muss ausschlafen.

Powernap heißt mittlerweile das Zauberwort und soll besten eine halbe Stunde nicht überschreiten. Pfffff. Da kann ich nur müde kichern. 30 Minuten! Eine halbe Stunde geht schon auch, aber bis man erst mal vom geschäftigen, plaudernden Modus in die Stille findet, vergehen ja schon mal diese 30 Minuten.

Es heißt ja immer, dass in dieser Zeit der Körper beschädigte Zellen repariert. Das Immunsystem regeneriert sich  und das Gehirn speichert Erlerntes ab. Wer länger schläft, fällt in den Tiefschlaf und ist hinterher schlaftrunken. Dann wieder leistungsfähig zu werden, dauert lange. Buhu. Da hab ich aber jetzt Angst. NICHT! Bei mir nicht. Wahrscheinlich wirken da die Ahnengene mit. Seit Generationen erprobt ist furchtlos eine Stunde oder auch länger genau richtig und wunderbar. Und manchmal braucht man halt auch länger, um das Erlernte abzuspeichern. Zu vergessen, dass „bis jetzt“ irgendwie komisch war oder traurig.

30 Minuten. Ich lache immer noch.

In dieser Zeit werde ich wie meine Altvorderen:

„Kinder! Seid leise!“. Welcher **** ruft denn da jetzt schon wieder an? Um die Uhrzeit???“

(Von wegen: wollten wir nie so werden wie unsere Eltern? Ich lache laut und grimmig. Ich bin meine Eltern! Aber gut – im Falle des Mittagsschläfchen mag das kein Fehler sein. Mama – Papa: ihr seid prima!)

 

Irgendwann ist dann „Mittag“ rum. Und es kann weiter gehen. Mit allem. Mit Alltag und Freunde treffen. Mit Abendessen kochen und Kindern Vokabeln abfragen. Beim schrägen Klavierspielen zuhören. Mit Sport (ich kichere schon wieder) und Einkaufen. Hausputz und Katze streicheln. Blume gießen und Klo schrubben. Mit Blog schreiben und kuscheln in der Familie.

Ich bin wieder da.

 

 

Widersprüche

Das Haar ist rötlich gefärbt, die Lippen prall und mit Lipgloss aufgehübscht. Das geblümte Nachthemd steckt in der „Ausgehhose“. Das Herz klopft schnell. Zu schnell. Der Rettungsdienst bringt nachts um halb drei eine 74- jährige. Sie kichert ein bisschen auf der Liege wie ein junges Mädchen.

Das Herzklopfen kennt sie schon. Das hat sie schon länger. Also schon ein paar Wochen. Aber jetzt dachte sie sich: So kann es ja nicht weiter gehen.

Stimmt. Ein Puls von 170 Schlägen in der Minute ist blöd.

Eigentlich hätte sie auch nichts dagegen gehabt, zu sterben – erzählt sie launig.

Ganz so ernst kann der Plan nicht sein, sonst hätte sie ja den Rettungsdienst nicht gerufen. Aber sterben – so sagt sie – wäre nicht schlecht.

Warum dann also heute mit dem Rettungsdienst in die Klinik?

Der Lebensgefährte ist im Urlaub. Und sie ist die einzige, die den Schlüssel hat. Wie soll er denn sonst in die Wohnung? Wie soll einer in ihre Wohnung, wenn sie tot im Bett liegt und zu riechen anfängt, wenn doch keiner den Schlüssel hat.

Aha. Klingt logisch.

Und überhaupt. Das Gedächtnis wäre so schlecht. Manchmal geht sie zum Hausarzt. (Sie hat es nicht so mit Ärzten *kicherkicher*) Der hat ihr Ginseng verschrieben. Das nimmt die manchmal. „Kann ja nicht gut sein, wenn man immer Tabletten frisst.“

Hat sie sich nicht Ginseng extra verschreiben lassen, damit alles frisch im Oberstübchen bleibt?

Ja schon. Aber ab und zu gönnt sie sich dann doch eine Pause. Wie auch beim Blutdrucksenker. Manchmal nimmt sie dafür halt mehr. Das gleicht sich dann bestimmt aus.

Bestimmt.

Sie kennt sich aus. Sie war früher mal Altenpflegerin. Da hat sie das „im Gefühl“.

Na dann.

Aber eigentlich möchte sie auch sterben, sagt sie mit kokettem Augenaufschlag.

Ja.

Schwester – ich weiß ja, dass es total blöd ist. Man soll ja nicht so viel Geld mit ins Krankenhaus bringen. Da wird ja immer so viel geklaut, wie ich gehört habe. Aber tatsächlich habe ich ganz viel Geld dabei. *kicherkicher* Was mach ich denn nun?

Ich will dann wieder nach Hause! Ach? Heute nicht mehr? Ich dachte, ich kann wieder gehen. Ich wollte ja nur mal nachschauen lassen.

Sie ist ein sehr kommunikativer Mensch. Anders ausgedrückt: sie redete und plaudert und quasselt die ganze Zeit. Morgens um halb drei ist es gut, dass man sich selber wiederum  ausgeplaudert hat. Empathisches Zuhören. Es plätschert am Ohr vorbei und zwischendurch denke ich mir: ALTA! Erbarmen.

Diese ganzen widersprüchlichen Aussagen.

„Sie sind eine Frau voller Widersprüche“, sage ich zu ihr. Sie lächelt geschmeichelt. *kicherkicher*

Eineinhalb Stunden später war der Puls tiptop, der Blutdruck ebenso. Zeit ins Bett zu gehen.

Jäckchen um. „Ich bin so verfrohren *kicherkicher*. Das ist bestimmt schon die Grabeskälte!“,  und ab auf Station.

Auf dem Rückweg überlegte ich mir, ob die Gute noch alle Latten am Zaun hatte, oder einfach nur ein Original ist. Ich war mit nicht ganz sicher und ging eine rauchen.

Als es mir plötzlich die Erkenntnis wie Tabakkrümel aus der Kippe fieL

Die Kicherqueen hatte definitiv alle Latten am Zaun. Es ist einfach unser Leben, das oft so widersprüchlich ist.

Wir rauchen, obwohl wir wissen, dass es wenig gesundheitsfördernd ist. Wir grillen die Sau lecker knusprig, obwohl wir kleine Tierschweinfilmchen so zuckersüßniedlich finden und keines Ferkels Tod verantworten wollten. Wir wissen, das unsere Zeit begrenzt ist und verbringen soviel davon mit unnützem Bullshit und Ärger, Kummer und Sorgen. Wir lieben Menschen, die uns nicht gut tun und wollen von allem zuviel. Und wenn wir endlich „alles“ haben, ist es auch nicht in Ordnung. Wir lieben in einem Augenblick unseren Beruf über alles und können gleichzeitig die Augen verdrehen. Wir jammern über unser Hüftgold, während wir genüsslich die Gabel in die Sahnetorte stechen.

Wir/ ich sind/bin genauso widersprüchlich. Tag für Tag. Und dennoch haben wir irgendwie doch alle Latten/ Widersprüche am Zaun. Das hat mir die in die Jahre gekommende Kichermaus wunderbar vor Augen geführt.

Wir sind alle Könige und Königinnen der Widersprüche.

 

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Meistens haben wir doch alle Latten am Zaun.🙂 Bildquelle: Pixabay

 

 

 

 

 

 

 

Die gestaltete Mitte

Es trug sich aber zu, dass wir mal eben kurz in einer meiner zurückliegenden Nächte dachten: Hurra! Alles aufgeräumt. Der – erstaunlicherweise –  vorerst letzte Patient ins Bett gepackt. Da könnte man doch…… also so ganz schnell mal eben….. nur mal kurz…. alle zusammen eine schöne Tasse heißen Kaffees trinken. Bis der nächste Patient wieder anrückt. Es bleibt ja nicht aus, nicht wahr? Kranke Leut`gibts ja zu allen Zeiten.

Also – günstige Zeit – nur mal eben und wo wir alle so schön zusammen waren.

Die Kollegin, die beiden internistischen Ärzte, die Neurologin und auch noch die Chirurgin. (Daran erkennt das geschulte Auge: Wir hatten ganz ordentlich zu tun vorher)

Schrill!!!!!!!!!!!!- schellte es der an der Türe und rums stand der Rettungsdienst mit Notarzt schon im Schockraum.

18 Jahre, betrunken oder vielleicht auch mehr. Man weiß es nicht. Da bitte.

Das zarte Bürschlein schnarchte aus der Liege, auf die er abgeladen wurde. Ungefähr so:

Ansonsten zuckte und rührte er sich nicht.

Schon zum zweiten Mal war er wegen übermäßigem alkoholischen Genuß bis zur Schnarchgrenze und darüber hinaus innerhalb eines Monats in der Notaufnahme abgeliefert worden.

(Das sollte mein Sohn sein! Da wäre es aber mit einem Heuler von Molly Weasley nicht getan. https://www.youtube.com/watch?v=GNmO1VS6xTI )

Zurück zum Bürschlein auf der Liege.

EKG, Blutabnahme, Überprüfung der Vitalparameter, stabile Seitenlage, Decke.

„Wollen wir einen Katheter legen?“, fragte die Kollegin. Es waren ihre ersten Nächte in der Notaufnahme.

„Nö!“ Die Erfahrung hatte gezeigt: Weckste die, die selig und süß schlummern, werden oft aus zarten Gestalten Hulks von der übelsten Sorte. Ohne Anhalt, dass Drogen im Spiel sind,  leg ich keinen Katheter. Ich hab schon Hulks das geblockte Ding samt venösen Zugang lauf fluchend sich selbst ziehen sehen. Es ist  unschön. Das Mobiliar sah danach auch mächtig verbeult aus. Ach ne. Lieber nicht.

Die Nacht jedenfalls hatte er sicher ein Bett auf der Intensivstation zur Überwachung. Wer nicht aufwacht, obwohl man ihm ins Öhrchen plärrt wie Molly Weasley, Schmerzreize nicht wahrgenommen werden, der ist so hackedicht, dass er überwacht werden muss.

Die Intensivstation ließ ausrichten, es würde noch ein bisschen dauern. Sie müssten erst jemanden verlegen, damit ein Bett frei ist.

Da standen wir also mitten in der Nacht um den Knaben. Zwei Schwestern – und weil wir vorher alle so nett zusammen waren, die Ärztinnen auch.

Die Kollegin holte noch einen Stuhl. Man wird ja nicht jünger vom Stehen.

„Was fehlt, ist jetzt noch eine gestalte Mitte!“, so sprach ich.

Ich war  in soviel Gruppen/ Seminaren/  religiös geprägten Veranstaltungen in meinem Leben, dass bei einem Zusammentreffen von mehreren Menschen mit einem gemeinsamen Beweggrund immer vor meinem geistigen Auge eine gestaltete Mitte auftaucht. Undenkbar, dass ein Treffen ohne diese Mitte abläuft. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

„Was ist das denn?“

Die gestalte Mitte, die: Eine ansprechend gestaltete Mitte kann vermitteln, das man willkommen ist, soll ansprechend , beruhigend, anregend sein. Häufig nutzt man verschiedene Tücher, Blumen oder Zweige, Steine.  Im Grunde kann man alles verwenden, je nachdem welchen Sinn diese Mitte hat/haben soll.  Sie lenkt den Blick auf ein Zentrum. Und gerne mit Kerze! In die kann man schauen, bis die Augen ebenso flackern wie das Licht, welches einem leuchten soll. Ebenso kann man sie im Geiste umdekorieren, wenn einem langweilig ist. Eine liebevoll gestaltete Mitte schaut sich jeder Teilnehmer gern an und fühlt sich damit in der Runde willkommen. Quelle: das liebe Internet. Ich hätte es nicht schöner ausdrücken können. (Außer im kursiv geschriebenen)

Überhaupt: Eine gestaltete Mitte ist sehr, sehr großartig.

In dieser Nacht konnte ich auftrumpfen. Ihr merkt es schon.

Ich bastelte flugs eine.

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Die gestaltet Mitte in einer Notaufnahme

Der Patient schnarchte, wir bewunderten die Mitte, die Intensivstation ließ auf sich warten. Der Sekundenzeiger tickte dem späteren Feierabend entgegen. (Man glaubt gar nicht, wie laut Uhren nachts sein können).

Wir saßen um den Patient und die gestaltete Mitte, plauderten leise ( müde) und hatten es dennoch fein.

Da schrillte es wieder an der Tür und wir wurden aus unserer Patientenmeditation gerissen. Wir räumten die Mitte weg und kümmerten uns um unseren Nächsten.

 

 

Beulen, blaue Flecken und Blessuren

Manche Nachtdienste werden einem ewig in Erinnerung bleiben. Weil es besonderes lustig war – so insgesamt. Gutes Team wohin das Auge blickt. An manche Nächte erinnert man sich, weil man den Hintern kaum hochbekommen hat und jeder Handgriff vor Müdigkeit fast weh tat. So in der Richtung. Oder weil es der letzte Dienst mit der lieb gewonnenen Kollegin war. Du erinnerst dich an Menschen, die ihren Liebsten verloren haben und du den Klinikseelsorger angerufen hast. All das bleib irgendwo im Hinterstübchen haften. Und sucht sich so hin und wieder seinen Weg ins hier und heute.

Die letzten Nächte waren so, dass ich sie irgendwo in mein Herzenskämmerlein packen werde. Also demnächst. Denn aktuell ist es noch zu frisch.

Es ist ja so, dass ich Menschen sehe, die schwer verletzt sind, die sich Körperteile gebrochen haben, die insgesamt von ihrer ursprünglichen Schönheit deutliche Einbußen hinnehmen mussten. Viele Sachen gruseln einen – immer noch nach all den Jahren.  Aber das ist Alltag.

Wenn einen also nach all dieser Zeit noch etwas beeindrucken will, dann muss es schon etwas „mehr“ sein.

Gleich in der ersten Nacht kam einer unser „Stammkundin“. Ich erkenne sie mittlerweile durch die Sprechanlage. Selbstverletzung – ich hör dir klingeln – von wegen Nachtigall. Zwei Tage zuvor war sie schon dagewesen. Da liegen sie mit meist  hilflosem, dünnen Lächeln und lassen sich ihr Herzeleid wieder zusammen tackern oder nähen. Es tut mir in der Seele weh. All diese kleinen, hübschen Mädchen ritzen sich, was das Zeugs hält. Mal tiefer, mal schwächer. Manchmal so, dass sie Tür zugeht und erst nach einer Stunde wieder geöffnet wird. Je nach Intensität des Schmerzes muss geflickt werden. Leider nicht die Seelchen. Nur die Haut.

„Läuft gerade nicht so bei mir“. Allein diese kleine Stimme rührt mein Herz. „Ja. Morgen hab ich einen Termin bei meiner Betreuerin/ Psychologin/ Psychiaterin“. Und übermorgen siehst du sie wieder. Und kannst schon fast die Fäden vom letzten Mal ziehen. Ich wünschte ich hätte ein Rezept, einen Satz, ein Wort, ein Lied um das Leid zu mildern. Um wirklich helfen zu können. Nicht nur einen weitern popeligen Verband um Arme oder Beine zu wickeln. Ach.

In der nächsten Nacht kam eine Frau, die aus Erwin Strittmatter Buch „Der Laden“ entsprungen sein muss. Dort nannte Strittmatter seine Oma die „anderthalb Meter Großmutter“. Winzig klein mit schlohweißem Haar war sie auf der Liege der Sanis kaum zu sehen. Ein weißer Verband zierte ihren Kopf. Es hätte noch eine Feder gefehlt. Die anderthalb Meter Großmutter versus Pocahontas in uralt.

Ihr Backe war gigantisch angeschwollen. Sowas sieht man auch nicht alle Tage. Blutverdünnungsmedikamente machen es möglich.  Sie knallet drei Stunden zuvor auf die Küchenfliesen. Bis sie sich entschied, drei Stunden später doch den Hausnotrufknopf zu drücken. Solche Dinge wollen gut überlegt sein. Man möchte ja niemanden stören und zur Last fallen. Ja – liebe Freunde. Auch solche gibt es. Man möchte ihnen huldigen. Vor allem, wenn im Nebenzimmer eine junge Frau liegt, die ein bisschen Bauchweh hatte und sich vorsichtshalber mit dem Rettungsdienst in die Klinik fahren ließ. Schließlich weiß man nie! Der Freund fuhr hinterher. Sein Auto parkte er neben dem Rettungsdienst.

Aber zurück zur anderthalb Meter Großmutter von 89 Jahren. Angetrocknetes Blut lässt sich nur schwer abwaschen. Sie ertrug es mit Gelassenheit und ohne mit ihren spärlichen Wimpern zu zucken. „Ach – es geht schon. Machen sie nur. Das muss ja sein!“

Sie zuckte auch nicht bei der Beträubungsspritze um die Wunde nähen zu können.

Ich war voll stiller Bewunderung. Der Sohn kam nach. Er musste mitten in der Nacht mal eben kurzfristig seine Urlaubspläne regeln. Eigentlich wollte er ein paar Stunden später gepflegt nach Ägypten in den Urlaub fliegen.

Und dabei kein Ton des Verdruß. Zusammen mit der riesigen Backe war es sehr beeindruckend. Familienhalt. Umgang mit Krankheit und Schmerz.

Eine Nacht später war ich zufällig auf der Station, wo die anderthalb Meter Großmutter untergebracht war. Die immernoch mächtig gechwollene Backe sah aus  wie ein sorgfälfig kolorierte Landkarte. Sie saß all die Nächte im Bett und betete, sang Kirchenlieder  und erzählte Geschichten von Bethlehem. So ein Rums in dem Alter kann einen aber auch mächtig durcheinander bringen.

Es folgte die Nacht des kühnen, aber betrunkenen Recken. Er war bis zum Hals tätowiert. Und wo die anderthalb Meter Großmutter eine mächte Beule hatte, verunstalteten ihn unzählige. Sowas hatte ich auch noch nie gesehen. Ich wünschte, ich könnte zeichnen.

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Ich versuche Beulen zu malen. Das sind keine Locken. Das sind Beulen. Sieht man – nä?

In echt war es sehr gruselig. Frankenstein  probiert sich aus. Dabei wollte er nur einem Paar helfen, ihren Streit zu schlichten. Zur Strafe bekam er eins auf die Rübe. Und zwar nicht zu knapp. Mein lieber Scholli.

„Ich muss unbedingt an meiner Deckung arbeiten!“, nuschelte er durch all seine Beulen und Blessuren. „Unbedingt an der Deckung!“

Zehn Meter weiter hatten sie ihn geschubst und getreten. Und so wie er aussah, glaubte ich ihm. Immer rauf auf die zwölf. Alles tat unwahrscheinlich weh. Da hilft auch keine Deckung. Das Blut musste ab, damit man sehen kann, wo unter all den Beulen sich noch möglicherweise eine Platzwunde versteckt. „Aua, aua, aua!“, jammerte er. (Bekommen Tätowierwillige eigentlich eine Kurznarkose, wenn sie sich tätowieren lassen?)

„Unbedingt an der Deckung arbeiten!“ Einer der Schläge hatte offensichtlich sein Wiederholungszentrum getroffen. „So gehts ja auch nicht -so  ohne Deckung. Nur fürs Protokoll! AUA!“, nuschelnuschelnuschel.

Und obwohl er aussah wie ein Eimer von innen bei Hagelschauer hatte  er –  nichts!

Gott ist mit den Alten und den Kindern und Betrunkenen – heißt es immer.

Nichts. Außer Kopfweh und „Deckungsnot“. Nichts! Der Körper ist ein erstaunlich Ding`!

Und gemäß dem Gesetz der Steigerung kam es noch schlimmer in der folgenden Nacht.

Häusliche Gewalt. Das ein Meldebild, was bei mir -auch nach all den Jahren  – immer noch Beklemmungen auslöst.

Die Sanis kamen. Eine Junge Frau, die laut Geburtsdatum 30 Jahre alt war. Optisch hätte sie auch für 50 durchgehen können. Das Haar schütter, die Haut – so man die denn im Gesicht sehen konnte –  aufgedunsen.

Man sah es nicht so richtig, denn auch sie zierten mächtige Beulen und Hämatome (blaue Flecken) unterschiedlichsten Alters das Gesicht. Alte Platzwunden, die nicht versorgt waren. Die Augen blutunterlaufen. Auf den Armen alte Wunden, die aussahen, als hätte jemand seine Kippen dort ausgedrückt.

„Ich möchte unbedingt wieder nach Hause!“, wisperte sie durch ihre trockenen und aufgesprungenèn Lippen.

„Welches Zuhause?“

„Da wo ich herkomme. Mein Freund hat mit 50 Euro extra fürs Taxi mitgegeben.“

Da fällt dir nix mehr ein. Da biste sprachlos wie fünf Meter Feldweg. Da schürt dir der Kummer der Welt stellvertretend die Kehle zu.

Die Sanis erzählten später, wie sie die Wohnung vorgefunden hatten: Chaos hoch zehn. Es sah aus, wie nach einer Schlacht. Blutspritzer wechselten sich mit umgefallene Rollatoren und Wäscheständer, Staubsauger und Eimern und Kochtöpfen ab. Wie im Krimi – nur in echt. Nachbarn hatten Schreie gehört. Sie aber wisperte der Polizei was vor von wegen „aus dem Bett gefallen“.

Ich saß neben ihr und nahm Blut ab. Sie sah mich an. Selten habe ich so rote und auch tote Augen gesehen. Kein Leben. Keine Hoffnung.

Wie kann man so leben? In welcher Abhängigkeit muss man sich befinden, dass ein Ort, an dem man mißhandelt wird, dennoch  „Zuhause“ genannt wird.  Wie kann ein Mensch einem anderen derart Gewalt antun und ihm hinterher noch50 Euro fürs Taxi zustecken.

Mit Nachdenken kommt man da nicht weiter.

Die fuhr tatächlich mit dem Taxi nach „Hause“. Erstaunlicherweise hatte auch sie keine gravierenden Verletzungen davongetragen. Ihren Partner hatte die Polizei unterdessen abgeführt.

Später kamen sie Sanis nochmal vorbei um das verlängerte Protokoll abzugeben. Und zur Fallbespechung. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Sie waren erschüttert. Gestandene Männer, de fassungslos waren. Die Umstände. Die Wohnung, das Leid. Das kann man nicht einfach abschütteln. Das bleibt.

 

Manchmal mach ich mir in den Nächten Musik an. In diesen Nachtschichten hörte ich Alt-J. Ich kannte das Video nicht. Für den Text hatte ich auch kein Ohr. Wer sitzt denn auch da und hört auf Anhieb, was getextet wurde.  Um so überraschter war ich, als ich beides sah und hörte:

(Ich mag das Lied immer noch. Aber es wird nun mit Bildern im Kopf verknüpft sein.)

 

Zum Ausgleich und zum Ende der Nächte wünschte sich meine Kollegin ein anderes Lied. Wir beide schmetterten laut mit,  als wir aufräumten.

 

 

Wir werden in Frieden/ ohne Angst/ Hand in Hand/ frei leben,

Oh, tief in meinem Herzen,
glaube ich, werde wir es bewältigen.

 

 

 

 

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